Der Lagerkommandant

  • Der Lagerkommandant


    Es war ein verschneiter Wintertag im Stalag 13. Eigentlich war es ein besonderer Tag. Es war der 24.12.1944. Draußen war es eisig. Die Gefangenen blieben freiwillig in ihren Baracken und Schultzi war mal wieder in Baracke 2.


    Der Lagerkommandant saß an seinem Schreibtisch über den Abrechnungen für das Lager. Aber heute konnte er sich nicht darauf konzentrieren. Er zog seinen Mantel an und spazierte durch sein Lager. Das war das sicherste Lager in ganz Deutschland. Hier hatte es noch nie einen erfolgreichen Ausbruch gegeben. Zu gerne gab er mit diesen Erfolg an, auch wenn er wusste, dass es nicht sein Verdienst sondern der Hogans war.


    Der amerikanische Colonel war ihm wie ein Freund. Zu gerne würde er sich jetzt mit einem Schnäpschen in Baracke 2 setzten und mit seinen Freund plaudern. Aber waren sie wirklich Freunde? Er wusste, dass der Krieg so gut wie verloren war.
    Was würde passieren, wenn die Alliierten in sein Lager kamen? Wäre Hogan dann noch sein Freund? Würde er sich schützend vor den Deutschen stellen? Kaum merklich schüttelte Oberst Klink den Kopf. Natürlich würde er es nicht tun. Man würde den Oberst festnehmen und hinrichten lassen. Sicherlich würde man alle seine Leute festnehmen. Naja, den dicken Schultz würde man verschonen. Er hat schon vor einiger Zeit mitbekommen, dass sein Feldwebel ein besonders gutes Verhältnis zu den Gefangenen hat. Diese Freundschaften würden Schultz nach dem Krieg helfen.


    Der Oberst hatte immer versucht, seinen Gefangenen alles recht zumachen. Er gestand ihnen mehr zu, als es in anderen Lagern üblich war. Sie waren ja zum Teil auch wie seine Kinder. Hogan hatte es so oft gesagt, dass seine Männer in Klink einen Vater sahen. Leise schmunzelte der Deutsche bei dem Gedanken. Bei dem einen oder anderen konnte er es sich zu gut vorstellen. Wieder musste er schmunzeln, als er daran dachte , wie er einen jungen Amerikaner aus den Brunnen fischen musste.


    Flashback


    Klink machte einen kleinen Spaziergang durch sein Lager. Da hörte er ein lautes Platschgeräusch und ein qualvolles Stöhnen. Er eilte zu dem nahen Brunnen und sah hinein. Einer seiner Gefangenen befand sich im Brunnen. Klink zog den jungen Mann aus dem Brunnen. Dieser stand zittern vor ihm.
    „H-h-hallo O-o-o-oberst K-k-klink!“
    „Kommen Se mal mit. Hier hol'nse sich den Tod!“ Der junge Amerikaner folgte ihm in seine privaten Räumlichkeiten.
    „Se warn doch der Carter, nicha?“ Stumm nickte der Angesprochene.
    „Na kommse schon. Machen se sich nagisch. Isch hol ma een Handtuch und was zum Anziehen. Danach bekomm se ouch nen feinen Schnaps zum oufwärmen.“ Bei diesen Worten lief der Amerikaner rot an, gehorchte aber. Kopfschüttelnd holte Klink ein Handtuch und ein paar Sachen von seinem Sohn Heinrich. Die müssten passen. Wieder bei Carter, gab er beides hin und machte den jungen Mann einen warmen Tee. Gerade als Carter seine Hose hochziehen wollte, stürmte Colonel Hogan in das Zimmer.
    „Hogan, jetzt jagen se mir doch nich so'n Schrecken ein. Se'nse ma was ich aus'n Brunnen geangelt hab,“ mit einer Handbewegung deutete der Oberst auf den jungen Amerikaner. Der sah mit hochroten Kopf zu Boden.
    „Carter, jetz zieh'se sich endlich an. Se werden noch krank. Hogan woll'nse ouch nen Schnaps?“ Völlig perplex sah Hogan von Klink zu Carter und wieder zurück. „Sicher Oberst! Ich glaube den brauche ich jetzt wirklich,“ und bedachte Carter mit einen bösen Blick, „ Sagen Sie Herr Kommandant, wie werden Sie Carter für seinen Fluchtversuch bestrafen?“
    Carter fiel vor Schreck das Hemd aus der Hand und er sah ängstlich zu Klink.
    „Gar nischt!“, bei diesen Worten Verschluckte sich Hogan und musste Husten, „ Jetzt bleibse ma ganz ruhisch. Der Kleene is doch schon genug gestraft, nicha. Und heute is Weihnachten, da will ich mal nich so sein!“ Bei diesen Worten drückte er dem Amerikaner einen heißen Tee in die Hand.
    Als die beiden Gefangenen ihre Sprache wieder gefunden hatten, haben Sie sich mehrmals beim Oberst bedankt. Als sie zurück in ihre Baracke gingen, sah der Lagerkommandant ihnen nach.
    Ja, der Carter erinnert ihn an seinen Heinrich. Beide sind sie so jung und viel zu jung für diesen Krieg. An diesen Abend hoffte er, dass sein Heinrich einen ebenso nachsichtigen Lagerkommandant hat. Sein einziges Kind muss sein Weihnachtsfest in einem Gefangenenlager fernab der Heimat verbringen.


    Der Kommandant blieb kurz auf dem Appelplatz stehen. Da öffnete sich die Tür von Baracke 2.


    „Hey Klink, können Sie mal bitte kurz kommen?“, schrie Hogan zu ihm rüber. Klink ging zu Baracke 2. Wie zu erwarten war, saß Schultzi bei den Gefangenen und trank Kaffee.
    „Hogan, was woll'nse den schon wieda?“
    „Eigentlich wollte ich etwas von Ihnen. Hier sind die Sachen, die Sie mir geliehen haben, als ich in den Brunnen gefallen bin. Ich hab sie auch gewaschen und gebügelt,“ sagte Carter und hielt dem Kommandanten die Sachen hin. Dieser fragte sich gerade aber, warum die anderen Gefangenen sich ein lachen verkneifen mussten, als Carter sagte, er wäre in den Brunnen gefallen. Dann sah er aber zu den jungen Mann auf, der ihn erwartungsvoll ansah.
    „Wissen' se Carter, behalten' se de Klamotten. Da ham'se gleich welche, wenn se wieda in den Brunnen fallen.“
    „Danke Sir!“, der junge Sergant konnte sein Glück kaum fassen. Wieder einmal mehr musste der deutsche Offizier an seinen Sohn denken. Colonel Hogan war die
    traurige Stimmung von Klink schon vor Tagen aufgefallen uns fragte: „ Sagen Sie mal Oberst Klink, ist alles in Ordnung?“
    „Aber sicha. Ich bin doch de Ticha, nicha!“ antwortete Klink einen Tick zu schnell.
    „Sagen Sie Oberst, was machen Sie, wenn der Krieg vorbei ist?“, fragte nun Carter neugierig.
    „ Isch werde warten. Jeden Tach werd isch warten!“, erwiderte der Deutsche gedankenverloren.
    „Auf was werden Sie warten?“, wollte nun Kinch wissen.
    „Auf meen kleenen Heinrich. Heute wird er 24 Jahre alt. Er is in einen britischen Gefangenenlacher,“ Klink bereute sofort seine Antwort. Wusste doch bis dahin keiner, dass er überhaupt einen Sohn hat.
    „D-d-dann machen S-s-sie sich m-m-mal keine S-sorgen. Die b-b-britischen Lager ha-haben hohe St-standarts,“ meldete sich nun Newkirk zu Wort. Er spürte die Anteilnahme aller Gefangener im Raum. War es möglich, dass die Gefangenen wirklich so sehr hinter ihn standen.
    „Oberst, ich werde nachher auf einen Cognac zu Ihnen kommen und dann können wir reden!“ schlug Hogan vor. Dankbar nahm der Deutsche das Angebot an und verließ die Baracke.


    Seine Gedanken schweiften wieder zu seinen vermissten Sohn. Hoffentlich Heinrich hat du einen eben so guten Vorgesetzten bei dir im Lager, wie es Hogan für seine Männer ist. Wenn der Krieg vorbei ist, dann sehen wir uns wieder. Und plötzlich verspürte Klink keine Angst mehr vor einem möglichen Einmarsch der Alliierten, den nun wusste er, er hat einen Freund unter den Gefangenen.


    ENDE


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    Wie immer, Rechtschreibfehler dürfen eingesammelt und behalten werden. Die sind wieder mal gratis.
    Viel Spaß beim lesen. Über Kritik( positiv wie negativ) freue ich mich immer, nur so kann ich mich verbessern :O)

    "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. " Jean-Paul Sartre


    "Papa! Lene behaupet sie hätte angefangen [mit ärgern], dabei habe ich doch angefangen!" Junior beim petzen.

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  • Heinrich spielt jetzt auch mit :)


    Ich finde deine Ideen echt gut. Sie gehen halt mal von den Folgen weg.

    Das Gewissen ist fähig, Unrecht für Recht zu halten. Inquisition für Gott wohlgefällig und Mord für politisch wertvoll. Das Gewissen ist um 180° drehbar." (Erich Kästner)


    "Eine Rose gebrochen, bevor der Sturm sie entblättert." (Lessing)


    "Demokratie ist nicht die Herrschaft der Vernunft. Auch falsche Entscheidungen können demokratisch sein. Das ist zu akzeptieren" (Mein Chef, zumindest so in etwa)

  • Danke schön.
    Das Leben in einem Gefangenenlager und im Krieg wird alles andere als Friede Freude Eierkuchen gewesen sein. Und ich denke, die ernste Seite sollte auch mal deutlich werden. Und auch ein Klink kann nicht immer nur gut drauf sein.

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  • Wobei "gut drauf" bei Klink ja immer so ne Sache ist. :rolleyes:

    Das Gewissen ist fähig, Unrecht für Recht zu halten. Inquisition für Gott wohlgefällig und Mord für politisch wertvoll. Das Gewissen ist um 180° drehbar." (Erich Kästner)


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  • Bei Klink glaube ich ja, dass es so ist, dass er nur so aufgekratzt ist, damit er nicht zum grübeln kommt und dass, so wie hier, wenn er alleine ist, er schon zum nachdenken kommt, über Dinge, über die er aber meistens versucht nicht nachzudenken.


    Zur Story:
    Abgesehen davon, dass du hin und wieder in der Zeit springst (d.h. vom sprachlichen Punkt aus gesehen, nicht vom erzählerischen Punkt aus) gefällt mir die Geschichte gut. Mehr über Klinks Innenleben zu sehen ist immer schön und einen Sohn zu haben macht ihn natürlich verwundbarer und menschlicher, wenn man das so sagen kann. Schließlich gilt normalerweise seine Liebe zuallererst mal ihm selbst ;) Und wenn er dann auch noch einen Sohn hat, um den er sich sorgt, dann finde ich das eine gute Ergänzung.

    Orange ist ein Zustand

    ♕ Mitglied des Gertrude Linkmeyer Defense Squad
    8) stolzes Smileymonster :D

  • Danke für deine Rückmeldung. Ohja, die liebe Zeitform. Ich werde dran denken und es bei den nächsten Geschichten (hoffentlich) besser machen ;o)

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