[Ohne Titel]

  • Ich weiß, das kommt jetzt erst einmal richtig blöd. Ich werde den Titel eintragen, sobald ich einen gefunden habe.


    Grobes Thema ist Western Ranch, d.h. wen das kalt lässt wird unter Umständen auch alles andere kalt lassen... ;) Dennoch hoffe ich, dass irgendwer Interesse hat, denn es soll ja um mehr gehen. Zwischenmenschliche Kontakte und Konflikte, wie immer... :)) Lehnt euch zurück, packt was zu knabbern aus und viel Spaß mit meiner Rohfassung.


    Original von heute abend - dem 1. 9. 2005 8o ;) :))


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    Die beiden, sie und er, hatten sich ungefähr zum selben Zeitpunkt erblickt.
    Sie, die Jeans bis über die Knie unordentlich hochgekrempelt, ein ausgeleiertes rotes Top mit Spaghettiträgern. Ihre Turnschuhe waren mal weiß gewesen, doch jetzt vom Sand und Straßendreck rötlich braun verfärbt und zudem ziemlich ausgetreten. Sie hatte aschblondes Haar, das sich im Winter stets zu einem Hellbraun dunkelte, die langen Strähnen hingen über ihre nackten und, ebenso wie ihr Gesicht, ihre Arme und Beine, von der Sonne dunkelrot verbrannten Schultern. Sie war aufgestanden von ihrem Schattenplatz unter dem halbverdorrten Baum am Straßenrand. Der alte Rucksack lehnte noch hinter ihr am Stamm.
    Er, auf seiner braunen Quarter Horse Stute. Er ritt ohne Sattel, die abgetragenen und vom Waschen ausgebleichten Jeans wurden von cremefarbenen Lederüberzügen verdeckt, solchen mit den Lederfransen an der Seite. Das dunkelblaue Arbeitshemd darüber trug er erst ab dem dritten Knopf zu, die Ärmel über die Ellbogen hochgeschoben, man sah die kräftigen Unterarme. Das braune Haar wurde von seinem weißgrauen Cowboyhut verdeckt, die breite Krempe warf einen schwarzen Schatten über seine Augen.
    Sie sahen sich an. Einen Augenblick lang. Dann schien er sich abzuwenden und sie senkte den Blick, wandte sich um. Die Hufe klangen dumpf auf dem sandigen Boden.
    Wieder sahen sie sich an.
    Sie war jung, von zarter Statur. Ihr Körper war die grelle, starke Sonne nicht gewöhnt. Das Gesicht war nicht hässlich geschnitten und doch nicht das einer Schönen. Sie war jemand, der sein Leben lang in der Stadt gewohnt hatte. Oder einem typisch städtischem Vorort mit kleinen Häusern und noch kleineren Gartenstreifen.
    Er war geprägt von der Arbeit draußen. Er war attraktiv, obwohl sein Oberkörper zu kurz für seine langen Beine schien und sein Gesicht kantig und deswegen mit der kleinen, spitzen Nase auf den ersten Blick wie das eines spitzbübischen Junges aussah. Er kniff, trotz seines Sonnenschutzes und obwohl nur noch die letzten Sonnenstrahlen rotgoldenes Licht auf das Land legten, die Augen eng zusammen.
    »Was machst du hier draußen«, fragte er, als sie selbst nichts sprach. Seine Stimme war rau und trug einen misstrauischen Ton.
    »Ich habe den Bus verpasst«, sagte sie, wobei sie auf ihrer Lippe zu kauen begann. »Ich habe ihn verschlafen, hier unter dem Baum.« Sie hatte ihn an sich vorbeifahren lassen, ohne sich nur zu rühren. Unter den Augenlidern hervor hatte sie ihm nachgesehen, wie seine Reifen den Staub der Straße aufwirbelten bis er über die Hügelkuppe und außer Sicht gewesen war.
    Er sah sie skeptisch an. Er kannte den Bus. Sein asthmatisches Motorröhren hörte man Meilen bevor er überhaupt in Sicht kam, und sein Gestank war nicht minder zurückhaltend. Es brannte so stark, dass man husten musste, atmete man das Zeug zu tief ein. Man konnte den Bus nicht verschlafen.
    Sie war abgehauen.
    »Steig auf«, sagte er. Draußen konnte sie die Nacht nicht verbringen. Es war kalt und finster; man hätte die Schlange vom Coyoten erst dann unterschieden, wenn es längst zu spät und die Erkenntnis bereits nutzlos war.
    »Ich kann nicht reiten«, sagte sie. In ihrem Blick stand die Unsicherheit, die auch in ihrer Stimme sprach.
    »Du wirst nicht fallen«, erwiderte er gleichgültig und hielt er seine Rechte hin, denn in der linken hielt er die Zügel seiner Stute. »Ich ziehe dich mit hoch, während du dich hochstemmst.«
    Er packte sie fest, obwohl sie bei der Berührung seiner rauen Haut etwas erschrak. Die Hand war rissig, so anders als ihre weiche Mädchenhaut.
    Er zog sie sicher hoch, bei ihrem leichten Gewicht machte es keinen Kraftaufstand.
    Sie schwang das Bein über die Kruppe und klammerte sich fest.
    Er schnalzte kurz mit der Zunge und das Pferd setzte sich folgsam noch im selben Moment in Bewegung.



    Im Dunkel tauchten die Umrisse der Ranch auf. Einfache Holzbauten, nur das Wohnhaus hob sich mit einem ausgebauten Dachgeschoss höher als die anderen in den anthrazitblauen Abendhimmel. Das Dach zog sich über die Veranda herab; drei Pfeiler an jeder Seite. In der Mitte führten zwei Stufen hinauf, dahinter lag der Hauseingang. Das spärliche Licht einer flackernden Kerze drang durch zwei der Verandafenster.
    Die Holzdielen knarrten unter den Schritten, verdeckt von geknüpften Teppichen, mit Mustern wie man sie von Indianern kennt. Die Garderobe war überfüllt, darunter lagen diverse Stiefel von verschiedensten Machart und Größen, das braune Leder abgenutzt und stellenweise verfärbt. Durch die Küchentür fiel Licht in den sonst finsteren Flur.
    Eine Frau stand am Herd. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. Ihr Blick musterte sie kritisch.
    »Helen«, begrüßte er die Frau. Er setzte sich auf einen Stuhl am Esstisch, der in der Ecke stand. An zwei Seiten bot eine gepolsterte Sitzbank Platz. Die Frau bedeutete ihr mit einem unwirschen Nicken ihres Kopfes, sich dort hinzusetzen. Der Bezug war an manchen Stellen beinahe ganz durchgewetzt, das Innenmaterial schaute hindurch.
    Die Frau schöpfte zwei Teller Eintopf und schnitt Brot. Er begann zu essen, zögerlich folgte sie seinem Beispiel, auch froh über die warme Mahlzeit trotz des späten Abends. Sie hatte nichts mehr außer ihrem vertrocknetem Apfel gehabt.
    Die Frau band sich die Schürze ab und setzte sich zu ihnen. Forschend lag ihr Blick auf ihm.
    »Hast du das Kalb wiedergefunden?«
    Er verneinte. Die Frau stöhnte leise.
    »Bin an allen entlang geritten. Keiner durchgebrochen, und die Gatter waren alle geschlossen.«
    »Wie sie sein sollen.«
    »Ja. Keine Auffälligkeiten.«
    Schweigen.
    Er löffelte hastig sein Essen, stand auf und nahm seine zwei Brotscheiben mit. »Proudly Rose«, sagte er und ging. Holzknarren. Seine murmelnde Stimme, das Schnauben eines Pferdes und der stets dumpfe Hufschlag, der mit seinen knirschendem Schritt verhallte. Die Stute.
    »Und du«, richtete sich die Frau nun das erste Mal mit Worten an sie. »Dein Name?«
    »Mary«, antwortete sie. Sie zögerte, ihren Familiennamen zu nennen, doch die Frau hakte ihrerseits nicht nach.
    »Du bist nicht älter als achtzehn«, sagte die Frau.
    »Im Oktober.«
    Die Frau nickte. Schweigen. Bemüht leise kratzte Mary den Rest ihres Essens mit dem Löffel vom Teller.
    »Möchtest du noch? Ich habe noch genug da.«
    Obwohl es ihr unhöflich vorkam ließ sie sich nachgeben. Die Frau stellte den Teller vor sie auf den Tisch. Auf ihm lag keine Tischdecke, das Holz war mit Wasserrändern und Verbrauchspuren übersäht. Die Kerze war der einzigste Gegenstand, der vielleicht als Verzierung hätte zählen können. Nichts in dieser Küche war ohne Zweck; auf den Schränken stand kein Schnickschnack, hinter den Glastüren der Vitrine stand Alltagsgeschirr. Ineinandergeflochtene Zwiebelzöpfe hingen an den Wänden neben Bündeln getrockneter Kräuter.
    Der Blick der Frau ruhte auf ihr. »Ich nehme an, du hast bisher noch nicht auf einer Ranch gearbeitet«, sagte sie. »Und wohl auch noch nie mit Herdenvieh zu tun gehabt.«
    Mary sah sie an, ohne zu widersprechen oder sich zu empören, denn ihre Feststellung war richtig. Ihre Blicke trafen sich. Zum ersten Mal erkannte sie den Anflug eines Lächelns auf dem Gesicht der Frau.
    »Man sieht es dir an, dass du aus der Stadt kommst. Ich bin Helen.« Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Nimm es nicht krumm. Uns sieht man unsere Herkunft auch an. So ist das eben.«

  • Also, das nenn ich einen vielversprechenden Anfang!
    Bin schon gespannt, wie sich das noch so entwickeln wird. Und vor allem, was die beiden machen.. allein... in der Wüste... ;) *hrr*

    The apparition of these faces in the crowd;
    Petals on a wet, black bough.


    Ezra Pound