Eine Tochter und fünf Väter

  • Kapitel 1: Ein ungewöhnlicher Neuzugang


    Es war eigentlich ein Tag wie immer...
    Newkirk zockte Carter beim Kartenspielen ab, während er bei dessen Talent für Poker noch nicht mal schummeln musste, LeBeau werkelte an irgendwelchen Töpfen und Pfannen rum und Kinch war unten im Tunnel an seinem Funkgerät. Colonel Hogan schaute sich zufrieden um. Erst gestern hatte sie eine komplizierte Mission erfolgreich beenden können und London hatte ihnen versichert, dass in der nächsten Woche keine neuen Aufträge anstehen würden. Endlich mal Zeit um ein wenig auszuschlafen und sich zu entspannen. Vielleicht könnte er Klink ja auch dazu überreden wieder mal eine Party für irgendwelche wichtigen Leute zu geben, bei der er sich selbst mit einladen würde.


    „Scheiße, verdammte!“, fluchte Carter und klatschte seine Karten auf den Tisch, während Newkirk mit einem selbstzufriedenen Grinsen in seinem Stuhl vor und zurück schaukelte. „C- Carter, wenn du hier r- r- raus kommst, k- kannst du die nächsten Jahre damit v- v- verbringen deine Schulden b- b- bei mir ab z- z- zu arbeiten.“
    Hogan grinste ebenfalls und dachte daran, dass auch seine Schulden bei Newkirk ganz schön hoch sein mussten, wenn man all die Jahre zusammenzählte, die sie hier schon beieinander hockten und spielten.
    Ein wütendes Gemurmel und Gebrummel unterbrach die Stille und kurz darauf kam Schultz in die Baracke gestürmt.
    „Wo brennst denn Schultzi?“, fragte LeBeau und schaute von einer Pfanne auf, aus der mittlerweile ein köstlicher Duft emporstieg.
    „Och der Alde macht mi mal wieder ganz närrisch! Plärrt die gonze Zeit was von dos die das doch net machen könnten und so weider...“ Schultz brach ab und näherte sich dem Ofen. In Anbetracht ein paar Informationen mehr zu bekommen, bedeutete Hogan LeBeau, er solle Schultz ruhig schön Appetit machen.
    „Na, riescht das nischt gut Schultzi? Das ist ein Geheimrezept von meiner alten Oma und isch kann dir sagen, gegen die bin ich der reinste Mensakoch!“ Das zeigte Wirkung! Man konnte förmlich sehen wie dem Feldwebel das Wasser im Munde zusammenlief.
    Ganz beiläufig schlich Hogan näher, nicht ohne auch gewaltigen Appetit zu bekommen, doch wie hieß es so schön: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen…
    „Schultzi, du weißt nicht zufällig mehr darüber, was dem Oberst solche Kopfschmerzen bereitet?“
    „I net, der Aldo sacht mir doch nix, gell. Aber is scheint, als ob mor ne neue kriegen. Aus Irland, wenn i des richtig verstandn hab. Aber… Na Colonel Hogan, sie sin doch scho wieder dabei mi auszufragn!“ Schultzis Stimme hatte einen leicht anklagenden Unterton, aber Hogan bekam kein schlechtes Gewissen deswegen. Schultzi würde ja mit einem köstlichen Steak belohnt werden, das in LeBeaus Pfanne brutzelte.
    „Na dann Schorchi, setz dich und lass dir `s schmecken!“, sagte LeBeau und lud dem Feldwebel den Teller voll. Schultz ließ sich das nicht zweimal sagen und LeBeau verzog ein wenig das Gesicht, als er sah, wie sein aufwendiges Essen so einfach und fast ohne zu kauen, herunter geschlungen wurde.
    „Und ich werd dem alten Klink mal wieder einen Besuch abstatten.“, sagte Hogan, zog die Mütze tiefer ins Gesicht und öffnet die Barackentür. Sofort wehte ihm ein eisiger Wind ins Gesicht und er stellte schützend seinen Kragen auf.
    „Brrrr“
    Er legte den Weg zu Klinks Büro im Laufschritt zurück, um nicht zu lange der Kälte ausgesetzt zu sein.


    „Colonel Hogan, sie och mal wider da?“, begrüßte Klink ihn gut gelaunt.
    Nanu, dachte sich Hogan, hatte Schultz nicht irgendwas von absolut mieser Laune gesagt?
    „Na, was schaunse denn, als wer isch e Gespenst?“ fragte Klink und rieb sich die Hände.
    „Ach nichts! Ich wollte mich bloß mal erkundigen, ob wir mal wieder irgendwann einen Neuzugang bekommen. Ist ja schon ewig lange her, seit wir neue Gesichter zu sehen bekommen haben." Hogan versuchte beiläufig zu klingen, doch Klinks Miene wurde trotzdem schlagartig misstrauisch.
    "Wieso würdn sie sich denn drüber freun, wenn wir nen neuen Gefangnen hätten? Und wieso kommse denn da jetzt damit an? Hat Schultz wieder geplappert?“
    Hogan zuckte mit den Achseln. Jetzt, da er sich wieder gefasst hatte, versuchte erst mal die Unaufmerksamkeit von Klink dazu zu nutzen ein paar Zigarren zu klauen. Doch daraus wurde nichts! Mit einem lauten Knall schlug Klink die Zigarrenkiste zu und hätte dabei beinahe noch Hogans Finger eingeklemmt.
    „Ach, sie wissen doch, wie das hier so ist, so was spricht sich schnell rum! Also, ist jetzt was dran an dem Gerücht oder nicht?“, fragte Hogan und ließ seine Finger erneut in Richtung Kiste krabbeln.
    „Nu, wenn’s eh schon is halbe Lacher weß! Ne Irin kommt ins Lacher und zwar a weibliches Exemplar.“ Hogan zog beide Augenbrauen hoch. Das Lager bestand eigentlich nur aus Männern, wenn man mal von Kalinke und Schnulle absah und da wollten die Deutschen einfach so eine Frau hineinschicken, nachdem die Männer schon ziemlich lange nicht…
    Klink schien Hogans Gedanken gelesen zu haben, denn er nickte.
    „Ja hab isch mir och gedacht! Deshalb werd ich die Dame in ihre Obhut geben und das mir ja kene Klachen kommen, verstanden? Sie sorgn dafür, das die Männer ihre Griffel bei sich behalten, sonst gibt `s lebenslang Arrest und nu… weggetreten!“
    Hogan verließ das Büro mit gemischten Gefühlen und ohne eine Zigarre erbeutet zu haben. Selbst Schnulle, die ihm vieldeutig zublinzelte, bemerkte er nicht, sondern lief schnurstracks in die Baracke Nummer zwei zurück. Vielleicht würde ja Kinch etwas von London über diese neue Gefangene herausbekommen…


    Der neue Tag brach an, ohne dass sie Informationen hatten. London wusste nichts über die Frau, also mussten sie sich wohl über übel überraschen lassen.
    Der Morgenappell verging ohne nennenswerte Neuigkeiten und der Vormittag verstrich derart langweilig, dass sich Hogan schon fast wünschte, London würde neue Aufträge übermitteln.
    „Mon Colonel, da rollt was an!“, unterbrach LeBeau ihn in seiner Langeweile. Der Franzose starrte mit zunehmend größer werdenden Augen aus dem Fenster.
    Neugierig kamen auch die anderen hinzu und was sie sahen, raubte ihnen für einen Moment denn Atem.
    Ein schwarzer Wagen, eindeutig von der Gestapo, rollte an, aber viel interessanter war das Anhängsel, das er hinter sich herzog.
    Aus einem der hinteren Fenster reichte ein Seil, das ein paar Meter lang war. Das andere Ende fesselte die Hände eines…


    „…Kleinen Mädchens?“
    Hogan blieb die Spucke weg und er starrte erst ein zwei Sekunden völlig verblüfft weiter hinaus, bevor er es den anderen nachtat und nach draußen rannte.
    Sie postierten sich vor ihrer Baracke und sahen dem Schauspiel weiter zu.
    Der Wagen fuhr bis an die Kommandantur, aus der jetzt Klink gestürmt kam, und zerrte das Mädchen weiter hinter sich her. Das Seil war fest um ihre Handgelenke geschlungen und nach ihrem Stolpern und Keuchen zu urteilen musste sie schon ziemlich lange hinter dem Wagen hertraben.
    Nun stieg der Fahrer aus, rannte um den Wagen herum und öffnete die hinteren Türen. Zwei sehr wichtig aussehende Männer in schwarz stiegen aus, blickten sich kurz um und wechselten ein paar Worte miteinander. Der eine ging anschließend zu dem Mädchen, der andere unterhielt sich mit Klink.
    Hogan beobachtete gespannt, was nun passieren würde, denn Klink schien über dieses „Anhängsel“ genauso überrascht wie er. Da der Oberst in seiner Wut immer lauter redete, konnte Hogan sogar verstehen, was sie sagten.
    „Aber ich bin doch ke Kindergarten! Das Mädel kann doch net hier bleim.“
    Der Offizier ging einen weiteren bedrohlichen Schritt auf den Oberst zu.
    „Sie kann und sie wird, haben ich mich deutlich genug ausgedrückt oder verspüren sie Sehnsucht zur russischen Front?“
    Klink hielt inne und schluckte schwer. Da er nun gehorsam salutierte und keine Widerworte mehr gab, vermutete Hogan, dass die Ostfront weiterhin ein wirkungsvolles Druckmittel war und es damit nicht sonderlich gut für die Deutschen stehen musste.
    „C- Colonel Hogan!“
    Newkirk lenkte seine Aufmerksamkeit auf den zweiten Offizier, der zu dem Mädchen gegangen war.
    Er machte sie anscheinend von dem Seil los und sagte dann irgendwas.
    Hogan konnte selbst aus dieser Entfernung sehen, dass sich die Kleine nur noch schwer auf den Beinen halten konnte, und in ihm stieg unbändige Wut auf die Gestapo hoch.
    Anscheinend hatte das Mädchen die falsche Antwort gewählt (oder dem Offizier war einfach danach, das konnte man bei diesem Pack ja nie wissen), denn er verpasste ihr eine Ohrfeige, das diese gegen den Wagen flog und sich nur mühsam wieder aufrappeln konnte.
    Alle waren unmerklich zusammengezuckt und verzogen das Gesicht.
    „V-Verdammte S- s- Schweinehunde!“, sagte Newkirk und spuckte aus.
    „Wie alt ist die Kleine denn schon? Vielleicht vierzehn Jahre? Wie ist die denn `ier`er gekommen?“, fragte LeBeau nachdenklich und runzelte die Stirn.
    "Das versuch ich jetzt raus zu finden.“, antwortete Hogan und ging langsam hinüber in Richtung Kommandantur.
    Inzwischen hatte der zweite Offizier das Mädchen wieder hochgerissen und zerrte sie jetzt ebenfalls in Richtung Klinks Büro.
    Hogan ließ sich soviel Zeit, dass die vier verschwinden konnten, bevor er auch nachkam.
    Schnulle war weiß wie Kalk im Gesicht als Hogan verunsichert die Bürotür anstarrte.
    „Wenn ich sssie wäre, würde ich da jetzt nicht reinplatzen! Diessse Kerle sssind mehr alssss grob.“ Und mit einem mitleidigen Blick fügte sie hinzu: „Die arme Kleine! Ssssah wirklich nicht gut aussss, dassss Mädchen.“
    Hogan atmete noch einmal tief durch, bevor der die Tür aufmachte und eintrat.


    Klink hockte hinter seinem Schreibtisch, offenbar eingeschüchtert und noch immer hochrot im Gesicht.
    Der erste Offizier stand am Fenster und verzog selbstzufrieden das Gesicht, als schiene ihn das alles köstlich zu amüsieren.
    Das Mädchen und der zweite Offizier standen direkt neben der Tür und wirkten alles andere als belustigt.
    Die Kleine war schweißgetränkt und zitterte, so dass Hogan befürchtete, sie könnte jeden Moment zusammenklappen, was sie allerdings nicht daran hinderte immer wieder zu versuchen sich aus dem Schraubstockgriff zu befreien, mit dem der Mistkerl sie festhielt. Was jedoch ohne Erfolg blieb.
    Alle starrten jetzt Hogan an, der sich sofort reichlich unwohl in seiner Haut fühlte.
    Schließlich fand Klink zur Sprache zurück.
    „Wenn isch vorstelln darf, des is Colonel Hogan, der ranghöchste Gefangenenoffizier, nichar. Hogan, der Kerl am Fenster ist General Renkner und der andere is General Sauer“
    Hogan spürte sich von den beiden unterschiedlichen Augenpaaren regelrecht durchbohrt, die ihn jetzt musterten und musste unmerklich schlucken.
    Renkner hatte graue Augen, die genauso amüsiert wie zuvor dreinblickten.
    Der andere hatte dunkelblaue Augen, die keinerlei Gefühle ausstrahlten und genauso gut zu einem Toten gehören könnten.
    Das Mädchen zeigte wohl die deutlichste Reaktion von allen. Ihr Gesicht wurde aschfahl und ihr klappte die Kinnlade nach unten. Doch Hogan hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn Renkner fuhr weiter damit fort, seine Anweisungen zu geben.
    „So Klink, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, sie werden das Mädchen bei sich behalten und wie eine ganz gewöhnliche Kriegsgefangenen behandeln, ist das klar?!“, sagte er und grinste noch breiter. Seine Stimme klang immer noch belustigt, doch jetzt trug sie einen unüberhörbar warnenden Ton in sich.
    „Na wie se menen. Bei mir is ja noch kener nich geflitzt, nichar! Da wird das so ner Göre gleisch recht net gelingen!“ Klinks Stimme klang ungewöhnlich brüchig und zittrig, während er seinen üblichen Vortrag abließ.
    Sauer sagte gar nichts und schraubte den Griff um den Oberarm der Kleinen höchsten noch fester. Hogan tat es schon vom bloßen hinsehen weh, aber das Mädchen zerrte weiter.
    „Seien sie gewarnt, Klink, die Kleine ist eine listige Schlange und man sollte sie nicht unterschätzen.“
    „Kene Bange, das werd isch schon net. Ich werd die Kleene in Colonel Hogans Obhut geben und der wird sich schon umse kümmern, nichar.“
    Die beiden Augenpaare wandten sich wieder Hogan zu.
    „Ach, wird er das?“, fragte der zweite Offizier gefährlich ruhig. Die Stimme war eisig und passte perfekt zu den ausdruckslosen Augen.
    Das Mädchen nutzte die kurze Abgelenktheit und nahm all ihre Kraft zusammen. Mit einem Ruck riss sie sich los und stolperte durch den Schwung ein paar Schritte rückwärts.
    Doch es bestand keine Möglichkeit zur Flucht.
    Sofort wirbelte der Offizier wieder herum, packte sie erneut an der Schulter und noch bevor Hogan eingreifen konnte, verpasste er der Kleinen einen Faustschlag in den Magen.
    Das Mädchen schnappte nach Luft und wollte schon zusammenklappen, doch der unbarmherzige Griff hielt sie weiterhin aufrecht.
    „He, das ist doch noch ein Kind!“, entfuhr es Colonel Hogan entrüstet.
    „Halten sie ihr Maul!“
    Hogan konnte sich gerade noch rechtzeitig wegdrehen, sonst hätte auch er eine gescheuert bekommen.
    Klink, der sich bei solchen Gewalttaten nie sonderlich wohl fühlte, zuckte zusammen und unternahm ein paar stotternde Versuche die Situation zu entspannen – ohne Erfolg.
    "Und sie halten ebenfalls das Maul, verstanden?", bellte Sauer schließlich.
    Der Offizier am Fenster lächelte immer noch und allmählich ging Hogan dieses Lächeln tierischst auf den Keks. Am liebsten hätte er dem Mann das Grinsen aus dem Gesicht geprügelt, aber er zweifelte nicht daran, dass dieser Renkner noch schlimmer war als sein Kollege und deshalb hielt er sich lieber zurück.
    "Hogan, sie können jetzt gehen und wir werden das Mädchen nachschicken!" Die süßliche Stimme klang freundlich und trotzdem stellten sich die Nackenhaare des Colonels auf und er tat lieber wie befohlen. Ungern nur ließ er das Mädchen in der Obhut dieser Kerle zurück, aber im Moment konnte er eh nichts weiter tun, als die Sache nicht noch zu verschlimmern.
    Nachdem Hogan die Tür zugemacht hatte, wandte sich Renkner wieder an Klink.
    "Ich glaube, wir haben jetzt alles geklärt! Die Akten und Anweisungen haben sie, und ich würde ihnen raten, machen sie ihrem Ruf alle Ehre und lassen sie die Kleine nicht fliehen, denn das würde mehr als nur die russische Front nach sich ziehen!"
    Klink, der sich ein Gewehr, das auf seinen Kopf gerichtet war, vorstellte, schluckte hart und nickte, während ihm die Schweißperlen auf die Stirn traten.
    "Major Sauer, haben sie noch etwas hinzuzufügen?" Die süßliche Stimme veränderte er noch nicht mal bei seinem Kollegen.
    "Nur noch eins, aber das werde ich nachher erst erledigen."
    Die Stimme trotzte nur so vor Vorfreude und über das erst steinerne Gesicht legte sich ein hämisches Lächeln.
    Das Mädchen erstarrte und sah mit einem Ausdruck purer Angst in das Gesicht des grinsenden Offiziers. Offensichtlich kannte sie Sauer gut genug, um zu wissen, dass dieser Ausdruck wahrlich nichts Gutes nach sich ziehen konnte.
    "Na gut! Klink, wenn sie uns nach draußen begleiten würden...?"
    Klink sprang wie von der Tarantel gestochen auf und hielt den beiden SS-Leuten die Tür auf.
    "Nun, darf isch bitten?... Ja, ja, beehrn se uns bald wieder, nichar." Und als er sicher war, das die Leute ihn nicht mehr hören konnten: "... oder och eher nich, das wär mir sogar noch lieber"
    Trotzdem folgte er Renkner und Sauer bis nach draußen und hielt ihnen sogar noch die Wagentüren auf, was einen ungewöhnlichen Sprint erforderte.
    Sauer war jedoch auf der niedrigen Terrasse vor der Kommandantur stehen geblieben, grinste kurz auf das noch immer im Schraubstockgriff gefangene Mädchen hinab, zwinkerte Renkner zu und dann...


    Hogan und seine Truppe, die noch immer vor der Baracke stand, hielt den Atem an und war geschockt.
    Sauer hatte die Kleine am Kragen gepackt, ein paar Zentimeter hochgehoben, sodass ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren und mit einem kräftigen Stoß die Stufen runtergeschleudert.
    Das Mädchen landete, wie von Sauer beabsichtigt, auf einem Haufen alten Metallschrotts, der sich vor der Kommandantur auftürmte.
    Durch die Stille, die kurzzeitig aufgekommen war, konnte man ein trockenes Knacken und einen unterdrückten Schrei hören, als ihr Bein gebrochen wurde.
    Sämtlichen Umstehenden, außer den SS-Leuten natürlich, drehte sich der Magen um.
    "Ein kleiner Unfall. Ups!"
    Sauer grinste immer noch bis über beide Ohren. Dann ging er, als wäre nichts geschehen, zu seinem Kollegen, nickte Klink noch mal kurz zu und stieg in den Wagen.
    Renkner stieg ebenfalls ein und mit einer Staubfonthaine fuhr der Wagen davon.
    "Des war jetzt aber eindeutisch geschen de Genfer Konversion.", flüsterte Klink und stand wie gelähmt da.
    Da war Hogans Truppe schneller. Sobald der Wagen außer Sicht war, stürzten sie zur "Unfallstelle".
    Bis der Wagen weggefahren war, hatte sich das Mädchen nicht gerührt und kein Laut war über ihre Lippen gekommen, doch nun konnte die Helden erst einen leisen Schrei hören und danach ein Gewimmer, das herzzerreißend klang.
    Schultz stand genauso geschockt da wie Klink und rührte sich nicht. Beiläufig schüttelte Hogan denn Kopf über die Beiden. Wir hatten sie es bloß geschafft den Krieg bis jetzt zu überstehen?
    Newkirk und Carter hatten schon damit begonnen, den im Weg liegenden Schrott zu beseitigen, um an das Mädchen ranzukommen, als sie sich endlich regten.
    "Schultz, stehn se net rum wien Ölgötzen! Rufen se nen Sanitäter!"
    So schnell es seine Weißwurstwanne zuließ, rannte Schultz los.
    Klink kam derweil näher und konnte bloß immer wieder den Kopf schütteln.
    "Und meinen sie immer noch, dass sie auf der richtigen Seite stehen, Oberst?", fragte Hogan mit zusammengebissenen Zähnen.
    Klink war gleich ein wenig eingeschüchtert, bevor er sich erinnerte, dass ja nicht mehr Renkner oder Sauer, sondern nur ein Kriegsgefangener vor ihm stand.
    "Also in jeder Herde gibt’s ja e paar schwarze Schafe, nichar! Des is bein Amis och nich aners.!"
    "Dann scheint ihre Herde nur aus schwarzen zu bestehen, Oberst Klink!", blaffte Hogan zurück.
    "Also mei lieber Hogan, noch so ne Bemerkung un isch muss sie unter Arrest stellen!"
    Doch dazu kam es nicht. Noch bevor Klink ausgeredet hatte, war Hogan weggegangen, und half seinen Leuten das Mädchen irgendwie aus dem Wirrwarr von Stangen und Rädern zu holen, ohne das diese dabei noch mehr leiden musste.
    Die Kleine war ziemlich zäh, das musste Hogan ihr lassen. Trotz der starken Schmerzen, die sie leiden musste, schrie und zappelte sie nicht herum, sondern versuchte es den Helden so leicht wie möglich zu machen sie daraus zu holen, auch wenn es zusätzliche Schmerzen bedeutete.
    "So, und jetzt ganz vorsichtig! Gebt sie mir!", wies Hogan an und nahm die Kleine Kinch ab, der sie gerade aus dem Schrott hob.
    Inzwischen kam Schultz mit dem Arzt zurück, der, wie Hogan feststellte, niemand anderes war als ein weiterer Kriegsgefangener.
    "Schultz, sie Depp, was solln das?", schrie Klink.
    "Is is doch niemand aners mehr da, gell. Die Einsparungen sie wissen doch. Des gesamte Lazarett is doch entlassen!"
    Hogan nahm sich vor, sich später darüber aufzuregen und mit Klink darüber zu debattieren, die Kleine hatte jetzt erst mal Vorrang.
    Rickman, der Sanitäter bei der Air Force gewesen war, bevor sie sein Flugzeug abgeknallt hatten und er im Stalag 13 gelandet war, sagte, sie sollten die Kleine erst mal ins Lazarett schaffen und auf ein Bett legen.
    Das Mädchen hatte die Augen zugekniffen, genauso wie den Mund und kämpfte sichtlich mit den Tränen. Ihr Gesicht war kreidebleich und Hogan konnte spüren, wie der kalte Schweiß langsam ihre Kleidung durchdrang.
    Kein Wunder, dachte Hogan. Es war eindeutig ein offener Bruch, denn die Spitze eines weißen Knochens hatte ihr rechtes Hosenbein aufgerissen und ragte nun wie ein Stachel heraus. Hogan vermied es, dorthin zu sehen, weil er sonst garantiert in Ohnmacht gefallen wäre, oder er hätte sich zumindest übergeben.
    So vorsichtig wie irgend möglich legte Hogan das Mädchen auf die sauberste Liege, die er finden konnte und musste sich trotz seines Mitleids leicht abwenden, weil ihm sonst wirklich noch schlecht geworden wäre.
    `Robert, alter Junge, reiß dich gefälligst zusammen!`, ermahnte er sich selbst, doch ein flaues Gefühl im Magen beteuerte ihm, das es nutzlos war.
    Kinch und LeBeau standen neben ihm und kämpften anscheinend mit dem gleichen Problem. Rickman musterte sie kurz und grinste dann.
    "Vielleicht wäre es besser, wenn sie jetzt nach draußen gehen. Es wird hier gleich noch viel mehr Blut und andere unappetitliche Sachen zu sehen geben und wenn ich operiere, kann ich nicht auch noch einen ohnmächtigen Colonel gebrauchen, wenn sie die Ausdrucksweise entschuldigen, Sir. Newkirk bleibt hier und wird mir assistieren, das reicht aus.“
    Hogan war das zwar ein bisschen peinlich, aber er war auch erleichtert und sagte sich, das Rickman schon wisse, was er zutun hatte.
    Draußen stand schon Carter vorübergebeugt und kaute sein Frühstück nochmals durch, allerdings in umgekehrter Richtung.
    "Oh Carter, mon Ami, hör bloß damit auf sonst mach isch gleich mit!", stöhnte LeBeau und hielt sich den Magen.
    Klink und Schultz hatten nichts von dem gebrochenen Knochen gesehen und sahen die Helden fragend an.
    "Und, wie geht’s der Kleenen jetz?", fragte Klink schließlich schüchtern.
    "Na wie wird’s ihr schon gehen?", gab Hogan grob zurück und musste sich danach ins Gedächtnis rufen, das Klink ja auch nichts dafür konnte. Er hatte genauso wie er selbst vor den SS-Leuten kuschen müssen.
    "Wie heißt die Kleine überhaupt?", fragte Hogan schließlich einem versöhnlichen Tonfall.
    "Samantha Gray, wenn mich nich alles täuscht. Sie kommt aus Irland und is grad mal sechzehn Jahre alt. Mehr weß isch och nisch. Die Unterlachen muss isch mir erst genauer vornehmen."
    "Sechzehn Jahre alt? Und was macht sie dann hier?", fragte Kinch ein wenig schockiert. Er hätte die Kleine vielleicht auf vierzehn geschätzt, aber sechzehn war trotzdem immer noch kein Alter, bei dem man in solch eine Lage geraten konnte.
    "Keene Ahnung, da müssense de Klene schon selbst fragn."

    Kapitel 2: Die waschechte Irin


    Es dauerte stundenlang, bis Rickman zufrieden lächelnd, aber von oben bis unten mit Blut bespritzt, aus der Baracke kam.
    "Keine Sorge, ich hab das Bein geschient und ihr geht’s soweit ganz gut. Was sie jetzt braucht sind viel Ruhe und gut Pflege, denn das Bein war nicht das Einzige. Sie hat überall Prellungen und ich würde wetten, dass die Kleine spätestens in drei Tagen eine dicke Erkältung kriegt. Vielleicht können wir eine Lungenentzündung verhindern, wenn sie's immer schön warm hat, aber das wird schwierig."
    "Nu gut, Hogan isch übergeb die Klene in ihre Obhut. Und nu, weggetreten und ab in de Baracken! Schultz, sorgense dafür das die och tun, was isch sache!"
    "Nu denn gemma, gemma!", scheuchte Schultz Rickman zurück. Hogan, Carter, Kinch und LeBeau konnten dank einiger Schokoriegel noch ins Lazarett, um nach Samantha zu sehen.
    Newkirk saß an ihrem Bett und betupfte ihre Stirn mit einem nassen Lappen. Samantha war kalkweiß im Gesicht und schien tief zu schlafen.
    "Ah, C- Colonel, na geht 's w-w- wieder?" Das Grinsen auf Newkirks Gesicht war zwar unverschämt einem ranghöheren Offizier gegenüber, aber in Hogan erweckte es mehr Scham statt Wut.
    "Ja, ich weiß! Können wir `s dabei belassen? ... Gut! Wie geht `s ihr jetzt?"
    "B-besser. Rickman hat gute Arbeit geleis- s- stet und ihr vorläufig ein Beruhigungsmittel geben. D-d-da wird s- sie erst mal ne Weile schlafen."


    Tatsächlich schlief die Kleine bis spät abends durch und Hogan hatte ausreichend Zeit ihre anderen Wunden zu inspizieren.
    "Himmel Heergott noch mal, was haben die bloß mit ihr angestellt?", fragte Carter fassungslos und dachte dabei an das große Veilchen, das sich langsam unter Samanthas linkem Auge bildete und die lädierte Rippenpartie.
    "Und wie ist sie da rein gekommen? Klink sagte, er weiß es nicht und das glaube ich ihm sogar! Aber aus Irland und dann noch so jung?!"
    Hogan fing an nachdenklich seine Runden zu laufen und seine Mütze zu kneten, wie er es immer tat, wenn ihn etwas sehr beschäftigte.
    "C- c- Colonel, die K-k- Kleine ist a-a- aufgewacht!", kam Newkirk aus seinem Büro. Sie hatten Samantha dorthin gebracht, weil es da am ruhigsten und wärmsten war.
    Hogan ging in sein Büro und auch die anderen folgten neugierig.


    Die Kleine hatte die Augen nur auf halbmast, blinzelte noch ziemlich verwirrt und stöhnte leise.
    "Oh mein Kopf!"
    "G g-g- glaub i-i- ich dir g- g- gern, R-r- Rickman hat z-z- zwar ges-s- sagt, d-d- das Mittel w- w- würde d-d-d- dich Ruhigstellen, a-a- aber es geht auch z-z-z- ziemlich auf die N-n-n- Nerven.", sagte Newkirk und grinste ein wenig.
    Das Mädchen öffnete die Augen etwas weiter und sah sich verwirrt um. Ihr fragenden Ausdruck ließ erkennen, das sie nicht genau wusste, wo sie war, aber als sie fragen wollte, kam bloß ein heiseres Krächzen raus.
    "Gib ihr was zutrinken LeBeau.", wies Colonel Hogan an.
    Der kleine Franzose wirbelte los und kam bald darauf mit einem Glas Wasser zurück.
    Samantha trank gierig. Zu gierig, denn sie verschluckte sich und brach in einen Hustenanfall aus.
    "Langsam, langsam!", sagte Colonel Hogan und nahm das Glas von ihrem Mund.
    "Na besser?"
    "Ja, dankesschön! Wo- wo bin ich eigentlich?" Jetzt klang ihre Stimme schon klarer und die Helden hörten deutlich den ängstlichen Unterton heraus.
    `Kein Wunder!`, dachte Newkirk. `Sie ist grad brutal zusammengeschlagen worden und nun liegt sie hier hilflos, umringt von einer Bande Männer, die sie anstarrt, als wäre ihr ein zweites Paar Augen gewachsen.`
    "Im Stalag 13, Baracke 2. Ich bin Colonel Hogan, der ranghöchste Kriegsgefangenen Offizier im Lager."
    Samantha brauchte erst mal eine Weile, um das zu verarbeiten.
    "Ist der saure Ausgerenkte noch irgendwo?", fragte sie dann und in ihrer Stimme steigerte sich die Angst.
    Der Colonel schaute sie verdutzt an.
    "Wer?"
    "Na die zwei Papenhaimehr, die mich hergebracht haben. Der eine heißt Renkner und der andere, dem ich das hier zu verdanken habe..." Sie deutete auf ihr Veilchen und das eingegipste Bein.
    "... heißt Sauer. Da die Zwei anscheinend immer nur im Doppelpack auftreten, hab ich angefangen, sie so zu nennen."
    Als Hogan den Kopf schüttelte, entspannte sich Samantha zusehends und trotz der Blähsuren konnte sie schon wieder etwas grinsen.
    "Warum, wie lang hattest du die zwei denn schon als Gesellschaft? Ich könnte mir ja eine angenehmere vorstellen, aber über Geschmack lässt ich ja bekanntlich nicht streiten.", bemerkte Carter und erntete damit eine Kopfnuss von Newkirk.
    Jetzt lachte Samantha richtig, was allen Helden ebenfalls ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
    "Es ist ja nicht so, dass ich eine Wahl gehabt hätte! Ich muss die zwei schon drei Monate aushalten, aber so genau kann ich’s nicht sagen. Wenn man ständig in irgendwelchen fensterlosen Kellerlöchern rumhängen muss, verliert man ein wenig das Zeitgefühl."
    Obwohl Samantha das Grinsen nicht vergangen war, versetzte ihre Bemerkung die Helden doch in eine nachdenkliche Stimmung.
    Allmählich fragte sich jeder von ihnen, wie viel die Kleine schon auszustehen gehabt hatte und wie sie es trotz ihres jungen Alters schaffte, das alles so leicht wegzustecken – auch wenn es nur an der Oberfläche so sein mochte.
    "Nun macht mal keine langen Gesichter hier, ich hab's doch überlebt und hab auch noch alle Knochen mehr oder weniger beisammen.", riss Samantha die Männer schließlich aus ihren Grübeleien.
    Hogan nahm an, ihre Stimme sollte aufmunternd und locker klingen, aber das gelang Samantha nicht ganz. Ihre Hände zitterten und sie klang eher so, als säße ihr ein dicker Kloß im Hals, der nicht so einfach runter zu schlucken war.
    "Also äh... Colonel Hogan, richtig? … Ich bin Samantha Gray. Und.." Mit einem entschuldigenden Blick schweifte ihr Blick über Newkirk, Carter, Kinch und LeBeau.
    Hogan stellte seine Truppe nacheinander vor und jeder, dessen Name genannt wurde, machte eine kleine linkische Verbeugung.
    "He, bin ich hier in einem Nest von Gentleman gefallen? Wäre ja zur Abwechslung mal was neues.", griente Samantha und war ganz offensichtlich froh darüber, dass Colonel Hogan sie nicht mehr so mitleidig ansah. Seine Blicke hatten ihr verraten, dass er ganz genau wusste, was für eine oscareife Schau sie mit ihrer guten Laune abzog.
    "Glaub mir, die tun nur so! Wenn du sie erst mal näher kennen gelernt hast, wirst du schnell merken, das sie alles andere als Gentlemen sind!", sagte Hogan schmunzelnd und sofort brach ein gespielt empörtes Gemurmel los.
    "Aber das sie einer sind, kann ich auch nicht so recht glauben, Colonel!", schlug Samantha zurück und in ihrem Auge (das eine, das nicht völlig zu geschwollen war) blitzte der Schalk. Dann verschwand das Grinsen urplötzlich und mit einem ängstlichen Blick, zuckte sie zusammen, als erwarte sie sogleich eine Bestrafung für ihren frechen Kommentar.
    "Tut mir leid, aber mein Mund ist oft schneller als mein Kopf."
    Nun war es nicht mehr nur Hogan, der sah, dass es Samantha alles andere als leicht fiel, die Dinge zu verarbeiten, die sie erlebt hatte. Ihre wahren Gefühle kamen schnell zum Vorschein, wenn man nur ein wenig an der dünnen Fassade kratzte, die sie sich selbst aufgebaut hatte.
    "Sch- sch- schon gut, d-d- damit p-p-p- passt du perfekt z-z- zu uns, k-k- kann i-i- ich dir v-v- versichern.", sagte Newkirk schnell und legte beruhigend eine Hand auf ihre Schulter.
    "He, die Entschuldigung galt eigentlich mir, wenn’s genehm ist! Aber damit siehst du nur Newkirks Worte bestätigt."
    Newkirk fühlte, wie sich Samantha unter seiner Hand wieder entspannte, aber er war sicher, dass es noch ziemlich lange dauern würde, bis sie ihr Misstrauen abgelegte und den Helden völlig vertraute.
    Doch da täuschte er sich! Samantha saß der Schock von der Gestapo noch in den Knochen, doch das Vertrauen zu den fünf Männern aus Baracke 2 war vom ersten Augenblick an hergestellt.
    Es gab einen guten Grund, warum sie nicht so misstrauisch war, wie bei anderen Kriegsgefangenen, denen sie bis jetzt begegnet war, aber auch ohne diese spezielle Sache, waren ihr Hogans Jungs einfach sofort sympathisch.
    Dann bemerkte Samantha, das sie sich noch gar nicht für ihre Rettung bedankt hatte und wollte es nachholen, aber das ging in einem lauten Gähnen unter und auch ihre Stimme klang inzwischen schon wieder mehr noch einem heißeren Flüstern.
    "Tschuldigung.", murmelte sie schläfrig und man konnte deutlich sehen, dass sie ihre Augen nur noch mit Mühe offen hielt.
    "Hätte nie gedacht, das Reden so müde machen kann, außerdem..." Samantha griff sich an das mittlerweile schön blau-violette Auge und stieß zischend die Luft aus, als die kleine Berührung alleine schon pochende Schmerzen auslöste.
    "N-n- natürlich! I-i- ich wäre auch m-m-m- müde nach s-s- so einem Tag und sch- sch- schon m-m- meine Oma hat i-i- immer ge- ge- gesagt, Sch- Sch- Schlaf ist d-d- die beste M-M- Medizin gegen a-a-a- alles! Schlaf ruhig w-w- wieder ein, w-w- wir passen schon a-a- auf dich –a-a- auf!", sagte Newkirk fürsorglich.
    Mit einem Grinsen auf den Lippen und einem gemurmelten: "Ja Mama!", schloss Samantha die Augen und schlief auf der Stelle ein.


    Kapitel 3: Aktion Regenrinne


    Hogan scheuchte schnell alle hinaus und sie setzten sich mit zusammengesteckten Köpfen an den Tisch.
    "Also, was haltet ihr von der Kleinen", fragte Hogan in die Runde.
    "Wenn sie richtig gesund ist, schätze ich mal, wird sie rotzfrech sein", sagte LeBeau mit einem Schmunzeln und erntete zustimmendes Gemurmel.
    "Ja, aber das meinte ich jetzt nicht. Ich meine... könnte sie auch... haltet mich jetzt bitte nicht für kaltschnäuzig oder so, aber..." Das Gestotter war reichlich untypisch für Hogan und seine Männer merkten, das ihm diese Sache wirklich zusetzte.
    "Sie meinen, könnte sie eine Spionin sein?", half LeBeau schließlich nach.
    Der Colonel seufzte schwer.
    "D-d- das soll w-w- wohl ein Witz s-s-s- sein, Colonel?", sagte Newkirk entrüstet und sprang vom Stuhl auf.
    "Ich mein ja auch nur, die Gestapo hat uns schon viele Fallen gestellt und... ach ich weiß ja auch nicht! Vielleicht will ich ja einfach nur nicht wahrhaben, dass wir in dieser Welt schon so weit gesunken sind, dass ein kleines Mädchen so behandelt wird. Nazis und Krieg hin oder her, so was dürfte es nicht geben!", sagte Hogan nachdenklich und begrub das Gesicht in den Händen.
    Alle am Tisch schauten betreten zu Boden und jeder stimmte dem Colonel zu.
    "Eigentlich d-d- dürfte es a-a- auch keinen K-k- Krieg g-g- geben, a-a- aber wir h-h- haben ihn nun m-m- mal und diese g-g- ganze Diskutiererei b-b- bringt uns a-a- auch n-n- nicht w-w- weiter! L-l- lasst uns l-l- lieber zusehen, w-w- wie wir e-e- es der K-k- kleinen so a-a- angenehm wie m-m- möglich machen k-k- können und wie wir s-s- sie so sch- sch- schnell wie m-m- möglich nach H-h- hause schaffen k-k- können.", riss sie schließlich Newkirk wieder aus der Versenkung.
    Anscheinend hatte Samantha echte Vatergefühle in dem Engländer geweckt und wäre die Angelegenheit nicht so beschissen gewesen, hätten die anderen schon längst ihre Bemerkungen zu Newkirks plötzlicher "Vaterschaft" gemacht.
    "Recht hast du! Und am besten beginnen wir damit, herauszufinden, wie sie hergekommen ist und warum!", stimmte Hogan zu und seine Leute bemerkten mit Erleichterung, das sein alter Kämpfergeist wieder erwacht war und das leicht verrückte Blitzen in seinen Augen verriet, das sich in seinem Kopf schon wieder die nächste waghalsige Mission zusammenreimte, wie sie Samantha von hier wegbringen könnten.
    "LeBeau, versuch mal aus Schultz noch was rauszubekommen. Ich habe zwar nicht viel Hoffnung dabei, aber einen Versuch ist es trotzdem wert."
    Der Franzose nickte, schnappte sich ein paar Tafeln Schokolade und verschwand zur Tür hinaus.
    "Newkirk, ich stempel’ dich erst mal wieder als Krankenschwester ab. Wenn sie aufwacht, versuch vorsichtig mal was rauszukriegen, aber fall nicht gleich mit der Tür ins Haus."
    Newkirk nickte und ging in das Büro des Colonels.
    "Carter, du musst mir helfen! Während ich den Oberst ablenke, musst du versuchen dir die Akten über die Kleine unter den Nagel zu reißen."
    Carter schluckte. "Wäre Newkirk da nicht besser geeignet?"
    "Eigentlich schon, aber ich glaube, die Kleine vertraut ihm jetzt erst mal am meisten und darum ist er anderweitig beschäftigt. Aber solltest du dir das gar nicht zutrauen, dann...", sagte Hogan mit Nachdruck und sah den jungen Amerikaner prüfend an.
    "Nein, schon gut Colonel, ich mach's!"
    "Sehr gut! Kinch, du setzt dich noch mal mit London in Verbindung. Jetzt kennen wir ja ihren Namen und da dürften die vielleicht eher was wissen."
    "Wird gemacht, Sir."
    Kinch verschwand im Tunnel und bald konnte man ein leises "Papa Bär ruft Goldlöckchen, Papa Bär ruft Goldlöckchen" hören.
    "Na dann Carter, auffie! Am besten du versuchst es durchs Fenster."
    Carter schluckte zwar nochmals schwer, aber er nickte.
    "Na ja, vielleicht könnt ich mir ja auch ne Leiter besorgen und mich als Dachrinnensäuberer tarnen."
    Hogan stutzte einen Moment, doch dann fand er die Idee gar nicht so schlecht.
    "Gute Idee Carter! Dann hätte ich auch gleich einen Grund um zu Klink zu gehen."
    Der junge Amerikaner wurde blass. Eigentlich hatte er die Sache mit der Regenrinne als Witz gedacht…


    Kurze Zeit später stand Colonel Hogan in Klinks Büro.
    "Also, Hogan, was wollnse denn nu scho wider? Is was mit dar Klenen?"
    "Nein, Herr Oberst, uns ist bloß aufgefallen, dass ihre Regenrinnen ziemlich verstopft sind und da dachten wir, wir machen ihnen eine Freude und reinigen sie gleich mal."
    Klink war so überrascht, das er nicht mitbekam, wie Hogans Finger in die Zigarrenkiste griffen und gleich drei Glimmstängel rausholten.
    "Meine Regenrinnen? Aber wie kommse denn da droff? Se machen das doch bestimmt nich umsonst, oder?" Klink kniff die Augen misstrauisch zusammen und kam ihm so nahe, das Hogans schon dachte, Klink wolle ihn mit seiner Reitgerte aufspießen.
    "Aber keineswegs, wirklich alles kostenlos. Carter ist schon dabei sich eine Leiter zu holen und die Arbeit zu erledigen."
    Klink blieb misstrauisch, allerdings reizte ihn alles, was kostenlos war.
    "Na gut, aber wenn das ne Falle sein soll, dann rappelts im Karton." Zur Unterlegung drohte er mit seinem Zeigefinger und Hogan kam sich vor wie ein kleines Kind.
    "Keine Sorge, sehen sie, da ist Carter schon."
    Carter hatte die Leiter genau übers Fenster angelegt, spähte kurz hinein und winkte dann fröhlich.
    Klink winkte etwas gequält zurück.


    "Ach, bevor ich’s vergesse. Ich hätte da mal ein paar Fragen zu dieser Karte da. Ich meine, mein Orientierungssinn ist nicht der beste und wenn ich mir sie da anschaue..."
    Eigentlich müsste ich ne glatte Schleimspur hinterlassen, dachte Hogan süffisant, aber zumindest fiel Klink drauf rein.
    "Ach Hogan, mein Lieber. Dann kommense mal mit und isch erklär ihnen das Teil."
    Genau wie beabsichtigt stellte sich Klink mit dem Rücken zum Fenster auf und begann mit den Erklärungen, die, wie Hogan vermutete, entweder sinnloses Zeug oder sowieso gänzlich falsch waren.
    Carter war wieder ein Stück hinuntergeklettert und öffnet nun ganz vorsichtig das Fenster.
    In einem Zirkusreifen Balanceakt streckte er sich soweit vor, das er die dicke Mappe, die mit der Überschrift "Samantha Gray" auf Klink Schreibtisch lag, erreichen konnte.
    Hogan traten die Schweißperlen auf das Gesicht, als er sah, wie die Leiter gefährlich zu wackeln anfing und schon fast drohte umzukippen.
    Klink nahm es gar nicht wahr. Begeistert, einem Ami auch mal was voraus zu haben, besonders wenn es sich um Hogan handelte, zeigte er auf diverse Symbole und baute gleich ein paar Anekdoten ein, die Hogan mindestens schon hundert mal gehört hatte und auswendig konnte.
    Carter hatte sich gerade die Mappe gekrallt, als Klink fertig wurde und sich umdrehte.
    "Colonel Hogan, haben sie überhaupt zugehört?", fragte er gereizt und starrte auf den Colonel, der um einige Nuancen blasser geworden zu sein schien.
    Doch Carter es gerade noch rechtzeitig geschafft wieder hinaufzuklettern und außer Sichtweite zu verschwinden.
    "Aber natürlich Oberst Klink! Ich muss jetzt auch wieder los. Vielen Dank für die Erläuterungen."
    Hogan wollte sich gerade abwenden, als sie ein lautes Krachen von oben hörten.
    Dann kam, mit einem weiteren ohrenbetäubenden Krachen, einer Menge Staub, Schutt und ein paar Dachschindeln, Carter auf Klinks Schreibtisch gestürzt.
    Hogan und Klink hatten sich zu Boden geworfen, aber während Klink noch immer in Annahme eines Bombenangriffs versuchte unten seinen Schrank zu kriechen, war Hogan aufgesprungen und rannte zu Carter hinüber.
    "Keine Sorge Colonel, alles in Ordnung mit mir! Die vielen Pornohefte und Rechnungen von Klink haben meinen Sturz abgefangen."
    Hogan atmete erleichtert die angehaltene Luft aus.
    "Oberst Klink, sie haben nicht nur verstopfte Regenrinnen, sondern auch ein morsches Dach! Sie glauben gar nicht, was für ein großes Loch ich dort oben entdeckt habe!"
    "Sie meinen wohl das Loch, das sie da gerade fabriziert haben?"
    Klink hatte offenbar seinen Schock überwunden und sich aufgerappelt. Das Monokel hing ihm zwar immer noch schief von der Nase und seine Reitgerte hatte einen Knacks abbekommen, aber seine Stimmbänder schienen sich wieder erholt zu haben.
    "Sehense sich doch mal die Sauerei hier an! Aber das sie `s wissen, dafür kommense of!", brüllte er herum und setzte sein Monokel wieder richtig.
    "He, nun werden sie mal nicht unfair, ja! Carter kann ja nun wirklich nichts dafür, wenn sie ihr Dach nicht in Schuss halten. Er wollte ihnen einen Gefallen tun und wär beinahe noch draufgegangen dafür, also wirklich, und da wollen sie ihn auch noch bestrafen.", sagte Hogan kopfschüttelnd und half Carter sich aus dem Schutt zu befreien.
    Inzwischen war Schnulle durch den Krach angelockt ins Büro gekommen und blickte sich erschrocken um.
    "Na wasss issst denn hier passsiert?"
    "Dieser Tölpel da hat mein Dach ruiniert!", platzte Klink los und stürzte auf Carter zu.
    Der brachte sich blitzschnell hinter Hogan in Sicherheit und der kam sich langsam vor wie eine Kindergartentante, die bei ihren Schützlingen für Ruhe sorgen musste.
    "Nun bleiben sie mal schön bei der Wahrheit, Oberst! Carter hat mit der Sache nichts zutun, außer das er ihnen vielleicht sogar noch einen Gefallen getan hat!"
    "Der un mir einen Gefallen tun? Da lach isch doch!"
    "Na, dann stellen sie sich mal vor, was im nächsten Winter passiert wäre! Dann wäre statt Carter eine Lawine Schnee hineingekommen und hätte sie unter sich begraben."
    Eigentlich gar keine so schlechte Idee, dachte sich Hogan und unterdrückte ein Grinsen.
    "Na da könnten se recht haben und trotzdem... für sie und ihre Leute sind die Extrarationen Essen erst mal gestrichen und Carter hat eine Woche lang Latrinendienst!"
    Carter fuhr entrüstet auf, doch Hogan brachte ihn zum Schweigen.
    Er wusste aus Erfahrung, es hatte keinen Sinn mehr sich jetzt mit Klink herumzustreiten, das würde die Sache nur noch schlimmer machen.
    Er bugsierte Carter aus dem Büro und ließ Klink in dem Chaos alleine.
    "Aber Colonel, das ist doch unfair!", protestierte Carter draußen.
    "Ich werde nachher sehen, was ich da tun kann, aber im Moment geht da nichts. Hast du die Akte?"
    Triumphierend zog Carter die Mappe aus seiner Jacke.
    "Gut gemacht, Carter!"
    Wie immer, wenn Colonel Hogan ihn lobte, schien Carter die Brust anzuschwellen und er war ungeheuer stolz auf sich.


    Kapitel 4: Irische Musik


    Alle, außer Newkirk, der noch immer an Samanthas Bett Wache hielt, saßen wieder versammelt am Tisch.
    "Also, was habt ihr raus gefunden?", fragte Hogan.
    "Rein gar nischts! Schorchi `at die Schokolade verspult und konnte mir auch nur sagen, was wir schon wussten.", antwortete LeBeau niedergeschlagen.
    "London hat auch nicht viel Neues. Die Kleine gehört keiner militärischen Organisation an und ist Zivilistin. Sie stammt direkt aus Irland. Von ihren Eltern ist nichts bekannt, genauso wenig wie von ihr selbst. Es hat vor kurzem einige Anschläge der Deutschen gegeben und dabei sind auch Gefangene gemacht worden. Anscheinend war sie eine davon.", sagte Kinch.
    "Na gut, wenigstens etwas. Wissen die aus London das sicher oder ist es nur eine Vermutung?"
    Kinch zuckte bedauernd mit den Achseln. "Nur eine Vermutung, aber sie müsste zu achtzig Prozent hinhauen, jedenfalls seh ich keine andere Möglichkeit."
    "Na gut! Dann nehmen wir uns doch mal die Akte vor."
    Hogan schlug die Mappe auf und begann die Blätter langsam zu lesen. Außer einem gelegentlich gemurmelten Fluch oder einer hochgezogenen Augenbraue bekam die anderen nichts weiter mit.
    "Also, Colonel, was steht denn nun da drin?", fragte LeBeau schließlich ungeduldig.
    "Sie haben sie tatsächlich in Irland aufgegriffen, und zwar in Galway. Ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben und der Vater unbekannt.
    Anscheinend war sie erst in einem Heim und dann auf sich allein gestellt."
    "Aber sie ist doch erst sechzehn Jahre alt!", sagte Carter und ihm klappte die Kinnlade hinunter. Er war schon weitaus älter und hatte trotzdem noch bei seiner Mutter gewohnt, als sie ihn eingezogen hatten.
    "Ja, aber passt auf, es kommt noch dicker. Die haben das ganze SS-Verhör mit ihr durchgezogen; Schläge, ausgedehnte Einzelhaft ohne Licht und Freigang, und so weiter..." Hogan stockte kurz. Er und seine Männer mussten das erst mal verdauen. Als alle wieder ihre normale Gesichtsfarbe angenommen hatten und nicht mehr leichenblass waren, sprach der Colonel weiter.
    "Erst dann haben die mitgekriegt, dass sie ja Zivilistin ist und nichts weiß oder sie wollten es nicht eher wissen und noch ein wenig Spaß mit ihr haben, das trifft bei diesen Typen wohl eher zu. Danach haben sie den Befehl gegeben, sie hierher zu schaffen und denn Rest kennen wir ja."
    Hogan starrte noch eine Weile auf die dicke Mappe, bevor er sie in einem Wutausbruch gegen die Wand schleuderte. Seine Jungs waren zusammengezuckt und wagten nicht, sich zu rühren.
    "Tschuldigung, aber...", murmelte Hogan leise und vergrub das Gesicht wieder in den Händen.
    "Schon gut Colonel, uns geht’s ähnlich.", meinte Kinch und sah den Colonel mitfühlend an.
    Doch noch bevor Hogan ihnen die Einzelheiten erzählen konnte, streckte Newkirk den Kopf zur Tür herein. "Colonel, Samantha ist wieder wach und sie sagt, sie fühlt sich fit genug um ein wenig mit uns zu plaudern.“
    Alle gingen diesmal viel langsamer in Hogans Büro und keiner wollte dem Mädchen, dass diesmal schon aufrecht im Bett saß und sie gutgelaunt anschaute, in die Augen sehen.
    "Was ist denn mit euch los? Hat sich die Lage an der Ostfront umgekehrt oder..." Die Kleine stoppte für einen Moment
    "...oder sind Renkner und Sauer zurück?", fügte sie schließlich hinzu, ihre Stimme war dabei zu einem heißeren Flüstern geworden.
    "Nein, nein, es ist nur so, wir haben gerade eine Einsicht in deine Akten bekommen und..." Hogan zögerte, weil er nicht so recht wusste, was er sagen sollte.
    "Sie sind doch schon ziemlich lange hier oder nicht? Sie haben vieles gesehen und da wundern sie sich noch darüber, wozu diese Schweinhunde von Hitler fähig sind? Glauben sie mir, schauen sie sich mal in einigen KZs um! Die Leute sind weitaus ärmer dran, kann ich ihnen flüstern, dagegen war mein Aufenthalt bei der Gestapo der reinste Erholungsurlaub!"
    Daraufhin kehrte Schweigen ein und keiner der Helden wusste so recht, was er sagen sollte.
    "Wenn ich mal so frei sein darf, wieso steht ihr so rum wie zu Stein erstarrt? Ihr habt doch sicher ne Menge Fragen an mich, stimmt ´s oder hab ich recht?", platzte Samantha schließlich heraus, weil sie dieses Schweigen und die mitleidigen Blicke nicht länger ertragen konnte.
    Die dringendste Frage jedoch, die Hogan auf der Zunge brannte, konnte und wollte er jetzt noch nicht stellen. In den Akten war haarklein niedergeschrieben worden, was die Kleine während der Verhöre gesagt hatte und eine Aussage des Mädchens hatte ihn stutzig gemacht, mehr als das, sie hatte ihn zutiefst verwirrt, aber es war weder der richtige Ort noch die richtige Zeit damit herauszuplatzen.
    "Wie bist hierher gekommen?", fragte er schließlich. Sie hatten zwar schon einiges erfahren, aber Hogan wollte gerne die Sicht des Mädchens hören.
    "Na ja, ich habe in Galway gewohnt, wenn man es so nennen kann, das liegt an der Ostküste Irlands. Es muss vielleicht schon ein halbes Jahr her sein, als plötzlich Bomben auf mein Dorf nieder regneten. Das nächste, an was ich mich erinnern kann, war, das ich in einem deutschen Flugzeug wieder aufgewacht bin und mir jemand ein Maschinengewehr vor die Nase gehalten hat. Danach kamen etliche Verhöre in unterschiedlichen Quartieren, keine Ahnung wie die alle hießen und wo die waren. Später ist mir der saure Ausgerenkte begegnet und sie haben mich ihrerseits auch noch mal in die Mangel genommen. Da sie allmählich mitbekamen, dass ich bloß eine ganz normale Zivilistin bin, haben sie mich in dieses Lager verfrachtet und hier bin ich." Samantha hielt sich auffallend kurz und Hogan konnte das gut verstehen. Wahrscheinlich wollte sie nichts weiter als vergessen und die Geschichte weit hinter sich lassen.
    Er nickte nachdenklich und nahm sich vor, nur das Nötigste zu fragen, doch bevor er seine nächste Frage stellen konnte, schüttelte die Kleine schon bedauernd den Kopf.
    "Tut mir leid, aber geheime Informationen habe ich auch nicht aufschnappen können. Die meiste Zeit haben sie mir auf den Fahrten eine Kapuze übergestülpt und ich habe nichts gesehen und aus den Verhörzellen habe ich auch nichts mitbekommen."
    "Na ja, ist auch nicht schlimm, Hauptsache dir geht’s jetzt besser.", antwortete Hogan und versuchte seine Stimme fröhlich klingen zu lassen, obwohl sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen.
    "Na klar, dank der Pflege diesen netten Engländers hier schon! Ich dachte eigentlich immer, für euch sind wir nur ein grüner, verrückter Haufen, die den ganzen Tag saufen oder nach Kobolden Ausschau halten und mit denen ihr nichts zutun haben wollt.", fügte Samantha an Newkirk gewandt zu und grinste ihn an.
    „A- a- aber nicht d- d- doch! I- i- ich habe nie s-s- so was erzählt oder g- geglaubt."
    "Warum denn nicht? Es stimmt doch hundertprozentig!"
    Alle im Zimmer lachten los und die Situation entspannte sich wie nach einem reinigenden Gewitter.
    "So, keine Fragen mehr an mich? Okay, wie wäre es, wenn ihr jetzt mal was über das Lager erzählt und vor allem über Klink! Ich glaub, der Kerl passt nicht recht zu den ganzen anderen Bonzen."
    Hogan fing an, sich über Klinks Dämlichkeit auszulassen und die anderen setzten noch einige Anekdoten drauf, über sie, Klink und natürlich "Schultzi". Sie erzählten ihr auch von dem Tunnelsystem und ihrer Organisation, wobei Samanthas Augen immer größer wurden und ihr die Kinnlade hinunterklappte.
    "Echt? Ich meine, ihr verschaukelt mich jetzt nicht, oder?"
    "J- j- jedes Wort ist w-w-wahr, ehrlich!", beteuerte Newkirk.
    "Das müsst ihr mir unbedingt mal zeigen Jungs, aber ich glaube im Moment wäre das keine so gute Idee."
    Mit dem letzten Satz wurde ihre Stimme immer leiser und am Ende war ihr Hals so trocken, das sie kein Wort mehr heraus bekam.
    "`ier trink erst mal was. Rickman `at schon gesagt, das sich bei dir eine Erkältung anbannt. Ist ja auch kein Wunder, wenn man bei dem Wetter zu so einem Dauerlauf gezwungen wird.", bemerkte LeBeau und reichte ihr ein Glas Wasser.
    "So, und ich glaube, das wir uns jetzt besser wieder verdrücken sollten. Du brauchst noch viel Schlaf und vor allem deine Ruhe." Colonel Hogan hörte sich richtig väterlich an bei diesen Worten und seine Truppe grinste ihn an.
    "Was denn, stimmt doch oder etwa nicht? Also, raus hier! Newkirk, vielleicht willst du als Krankenschwester mal abgelöst werden?", verteidigte sich Hogan, aber das Grinsen auf den Gesichtern seiner Truppe verschwand nicht.
    Newkirk schüttelte den Kopf und blieb.
    Nachdem alle gegangen waren, beugte sich Samantha leicht vor.
    "Newkirk, kannst du mir mal kurz dein Ohr leihen?", fragte sie flüsternd.
    "Hä?"
    "Ob ich dich mal was fragen kann, was du nicht unbedingt weitertatschen sollst, auch nicht an Colonel Hogan." Samanthas Stimme hatte jetzt etwas Gereiztes und Ernstes an sich, das dem Engländer ganz und gar nicht gefiel.
    "Na k-k- klar, schieß l-l- los!", sagte Newkirk trotzdem und war neugierig, was da kommen sollte. Vielleicht, aber nur vielleicht, hatte Colonel Hogan ja trotzdem irgendwie recht mit seinem Misstrauen, auch wenn es in eine ganz andere Richtung hinauslief.
    "Na ja, kurz bevor mich der Colonel gefragt hat, wie ich hierher gekommen bin, hast du da nicht auch diesen merkwürdigen Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen? Ich meine, er sah irgendwie aus, als wüsste er etwas, was ihm Unbehagen bereitet, aber er uns nicht sagen kann - oder will." Samantha hatte den Kopf leicht gesenkt, weil es ihr undankbar und unverschämt vorkam, Newkirk so etwas über Colonel Hogan zu fragen.
    Doch Newkirk, der nur erleichtert darüber war, das Samantha ihm nichts anvertraut hatte, was ihn in eine sehr brikäre Lage hätte bringen können, verzog bloß nachdenklich den Mund und schien keineswegs darüber angestoßen zu sein, dass Samantha so eine Vermutung anstellte. "N-n- na, wenn du d-d- das jetzt sagst, e-e- er sah wirklich kurz e-e- etwas m-m-m- merkwürdig aus, a-a- aber ich w-w- würde mir da k-k- keine Sorgen machen. I-i- ist wahrscheinlich n-n- nur ne ganz n-n- normale Offiziersmacke, w-w- weiter nichts!"
    Samantha grinste. "Na zum Glück hat er das jetzt nicht gehört!"
    Dann kehrte wieder Stille ein, aber diesmal war es kein unangenehmes Schweigen. Während Newkirk Samantha aus den Augenwinkeln betrachtete und sich ein warmes Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete, starrte diese ins Leere und schien weit weg mit ihren Gedanken.
    "Newkirk?", fragte sie schließlich, ohne die Augen zu öffnen.
    "J-j- ja?"
    "Könntest du mir einen Gefallen tun?" Samantha hatte die Augen nun geöffnet und richtete sich im Bett auf (nicht ohne leicht zu stöhnen).
    "Na sicher doch! Schieß los." Newkirk sah den träumerischen Ausdruck auf ihrem Gesicht und schmunzelte leicht, als er feststellte, das Samantha damit richtig unschuldig wirkte.
    "Könntest du nach meiner Mundharmonika suchen? Ich habe sie wahrscheinlich in dem Schrotthaufen verloren, aber ich hänge sehr an dem Stück."
    "Du spielst Mundharmonika?", fragte Newkirk verblüfft.
    "Jap, ich habe es mir selbst beigebracht und die Gestapo hat mir das Instrument zum Glück nicht weggenommen.“
    Samanthas Augen leuchteten richtiggehend und die Erscheinung eines kleinen Schulmädchens verstärkte sich.
    "Ich werd mal sehen, was ich tun kann!"
    Newkirk verließ das Büro, das zur Krankenstation umgemodelt worden war, und ging mit einer Taschenlampe nach draußen, da es inzwischen dunkel geworden war. Er dachte daran, das Samantha das erste Mal ihres Alters entsprechend ausgesehen hatte. Nicht mehr wie ein Kind, das mehr durch gestanden hatte, als es selbst für einen ausgewachsenen Mann zuviel gewesen wäre, sondern wie ein Mädchen, das von Jungs und wilden Pferden träumte, wie man so schön sagte.
    Draußen musste er vorsichtig sein und sich von keiner Wache erwischen lassen. Es herrschte bereits Ausgangssperre und wenn jemand sah, wie er sich um diese Uhrzeit mit einer Taschenlampe herumtrieb und keinen vernünftigen Grund dafür angeben konnte, würde jeder sofort an einen Fluchtversuch denken und da kannte selbst Schultzi kein Erbarmen und würde es Klink melden. Doch zu seinem Glück schlief der dicke Feldwebel auf sein Gewehr gelehnt neben der Baracke und bekam nicht mit, wie Newkirk sich an dem Schrotthaufen zu schaffen machte.


    Nach gut einer halben Stunde hatte es Newkirk geschafft.
    Er hatte einige Kratzer und ein ölverschmiertes Gesicht, aber in seiner Hand schwenkte er eine silberne Mundharmonika, die im Licht matt glänzte.
    Nachdem Samantha das Musikinstrument erspäht hatte, sprang sie auf und...
    Krachte mit ihrem Gipsbein gegen den Bettpfosten. Ihr Gesicht wurde schlagartig kalkweiß und sie stieß zischend die Luft aus.
    "He, i- i- immer langsam mit d- d- den jungen Pf -Pf – Pferden! G-g- gesund bist n-n- noch lange nicht und ei- ei- eigentlich s-s- solltest du jetzt ruhig liegen b-b- bleiben und ein Nickerchen h-h- halten.", sagte Newkirk und half ihr, sich wieder hinzulegen.
    Doch nachdem Samantha die Mundharmonika erstmal gesehen hatte, ließ sie sich nicht mehr beruhigen und Newkirk ließ sich schließlich breitschlagen und gab ihr das gute Stück.
    "Glaubst du w-w-wirklich das du j- j- jetzt spielen k- k- kannst? Ich m- m- meine ja bloß, du bist j- ja immer noch ein wenig k-k-k-kurzatmig."
    "Wird schon gehen.", sagte Sam schnell und strich liebevoll mit den Fingern über das silberne Metall. Dann schloss sie die Augen und setzte das Instrument an die Lippen.
    Nur eine Minute später musste sich Newkirk auf einen Stuhl setzen, weil seine Knie weich wurden. Er hatte Samantha nicht danach gefragt, ob sie ihrer Meinung nach gut spielte, aber diese Frage löste sich sowieso schnell in Luft auf. Samantha spielte, als ob sie schon mit dem Instrument zur Welt gekommen wäre.
    Die Melodie war wunderbar traurig und spiegelte die Seele Irlands wieder. Die Töne erzählten von dem weiten Land mit seinen grünen Wiesen und spitzen Felsklüften; von dem rauen Wind, der ständig wehte und dem kaltem Regen, der alles Schlechte wegwusch… Newkirk schloss ebenfalls die Augen und sah das Land förmlich vor sich und nicht nur das… Samantha stand an einer Klippe, die grauen Augen auf das weite Meer hinaus gerichtet und den Kopf stolz erhoben. Der Wind spielte mit ihren Haaren und wehte ihr lange, rote Strähnen ins Gesicht. Newkirk brauchte sich nicht sonderlich anstrengen, um dieses Bild zu sehen. Er lauschte auf die Musik und ließ sich von ihr tragen, das reichte völlig aus.


    Samantha wusste nicht mehr, wie lange sie gespielt hatte, aber als sie schließlich spürte, wie ihr wirklich die Luft auszugehen schien, öffnete sie die Augen wieder und sah, das nicht mehr nur Newkirk da war, sondern das die gesamte Truppe aus Baracke zwei dastand.
    Fast alle hatten die Augen geschlossen oder blickten ins Leere, als ob sie etwas sehen würden, was all ihre Sinne in Anspruch nahm. Newkirk lief eine einzelne Träne übers Gesicht, die er beim Anblick seiner Kameraden schnell wegwischte, doch auch LeBeau hatte sichtlich mit sich zu kämpfen.
    "Wow“, entfuhr es schließlich Carter und damit hatte er alle Gedanken der Anwesenden zusammengefasst.
    "Kein Wunder, das die dich so lange festgehalten `aben, mon Ami! Du bist die ultimative Ge`eimwaffe der Alliierten, denn das `ätte selbst den größten Nazi in ein weinerliches Bündel verwandelt.", bemerkte LeBeau und Samantha lief paprikatomatenkirschblutrot an.
    "Könnt ihr bitte aufhören mich so anzusehen? Ich bin schon rot wie eine Tomate und wenn ihr weiter so guckt, dann verschwinde ich ins nächste Mauseloch.", sagte Samantha kleinlaut und hätte sich am liebsten die Decke über den Kopf gezogen.
    Sie kamen ihrer Bitte nach und verschwanden wieder in ihren Betten, bevor Schultz durch das Getümmel auftauchte und das Instrument womöglich noch beschlagnahmte. Alle wirkten noch immer ein wenig verträumt und selbst Carter, der sonst in jeder Lage dazu fähig gewesen wäre, einen dummen Kommentar abzugeben, hielt die Klappe.
    Nur Newkirk saß noch da und übernahm abermals die Rolle der Krankenschwester bei Samantha, obwohl ihm Hogan angeboten hatte, er würde ihn ablösen.
    "M-M- Mann, also w-w- wirklich! Ich w-w- wusste gar nicht, d-d- dass Musik s-s- so sch- schön sein k-k- kann..." und mit einem Grinsen fügte Newkirk hinzu. "... z-z- zumindest nicht d-d- die von e-e- einem Iren!"
    Doch der Protest blieb aus. Samantha hatte die Augen geschlossen und ihr Kopf war aufs Kissen zurückgesunken, die Mundharmonika hielt sie immer noch in der Hand. Das tiefe und gleichmäßige Atmen verriet Newkirk, das sie sich bereits im Land der Träume befand.
    "Na z-z- zum Glück h-h- hast du d-d- das nicht g-g- gehört!"



    Kapitel 5: Sparmaßnahmen


    Hogan schlich in sein Bett zurück und hatte noch immer die Musik in den Ohren.
    Er schmiß sich auf die Matratze und starrte die Decke an. Samantha konnte wirklich gut spielen, das mußte man ihr lassen, aber schloß das auch aus, das sie eine Spionin war?
    "Wahrscheinlich bin ich einfach schon zu lange im Spionagegeschäft, aber trotzdem..."
    Hogan mochte die Kleine, wie alle in der Baracke, doch wie oft hatten die Deutschen ihm schon eine wunderschöne Blondine vorgesetzt, die sich am Ende als faules Ei herausgestellt hatte? Vielleicht hatten sie ja jetzt ihre Taktik geändert und versuchten nun die Herzen der Helden zu erweichen und ein wenig auf die Tränendrüse zu drücken?
    Anderseits... Samantha hatte nicht gerade danach ausgesehen, als ob ihre Angst gespielt war! Und die Verletzungen waren auch nicht von schlechten Eltern. Setzten sie sie vielleicht mit Drohungen unter Druck und zwangen sie zur Spionage und Verrat? Die Papiere und Berichte über sie konnten ja auch genausogut gefälscht sein.
    Hogan seufzte. Alle seine Überlegungen führten nur zu einem: Er machte sich wahnsinnig! Ohnehin war der Colonel viel zu müde, um überhaupt noch klare Gedanken fassen zu können, die sich nicht nur im Kreis drehten. Die Zeit würde die Antworten schon mit sich bringen...
    Hogan schloß die Augen, doch der Schlaf wollte trotzdem nicht über ihn kommen. Die Kleine ließ bei ihm sämtliche Sirenen schrillen, aber er wußte nicht genau, ob es Alarmglocken waren oder etwas anderes. Er hatte die Wirkung der Kleinen auf Newkirk gesehen, der sichtlich Vatergefühle entwickelte, vielleicht war das auch bei ihm der Fall?
    Mit einem Schmunzeln auf den Lippen, wenn er daran dachte, denn Papi zu spielen, schlief er schließlich doch ein und träumte davon, wieder zu Hause zu sein und ein ganz normales Leben inmitten seiner Familie zu führen.
    Ein lautes Türeknallen riß ihn aus dem Schlaf.
    Blitzartig setzte sich Hogan aufrecht ins Bett und knallte dabei mit dem Kopf gegen die Decke. In seinem Büro schlief er normalerweise im untersten Bett, doch hier hatte er das obere nehmen müssen und vergessen, dass die Decke relativ niedrig war.
    "C-c- Colonel Hogan?"
    Das war Newkirks Stimme.
    "Was ist denn los Newkirk? Konntest du mich nicht etwas weniger lautstark wecken? Das ist ja..." Der Rest ging zum Glück für Newkirk in einem lauten Gähnen unter.
    "Entschuldigen sie Sir, aber es ist ein Notfall."
    Sofort war Hogan hellwach und sprang aus dem Bett.
    "Um was geht’s?" Eigentlich brauchte Hogan keine Antwort abzuwarten, denn im Moment fiel ihm nur ein was (oder jemand) ein, was Newkirk so aus der Ruhe bringen könnte.
    Und seine Vermutung wurde bestätigt, als dieser ihn ins Büro führte und das Licht anknipste.
    Samantha lag schweißgebadet unter der Decke und glühte vor Fieber. Gleichzeitig jagte sie ein Schüttelfrost nach dem anderen und sie stöhnte leicht.
    "Ach du Scheiße! Newkirk, weck die anderen und sag ihnen, sie sollen auf die Kleine aufpassen. Danach gehst du Rickman holen!"
    Hogan brauchte nicht extra zu sagen, er solle sich beeilen, denn Newkirk war schon zur Tür raus, als Hogan noch nicht mal ganz ausgeredet hatte.
    Er selbst wartete, bis LeBeau und Carter auf waren, bevor er sich für die schwierige Aufgabe wappnete, Klink aus dem Schlaf zu reißen.


    „Na, sie können da jetz net rein, gell! Colonel Hogan, sie wissen doch das der Olde seinen Schönheitsschlaf braucht!“ Schultz versperrte mit seiner beachtlichen Leibesfülle die Tür zu Klinks Wohnung und Hogan sah kein Vorbeikommen.
    „Da müsste er schon sein ganzes Leben durchschnarchen und es würde trotzdem nichts helfen, Schultzi. Jetzt lassen sie mich doch durch, es ist wirklich ein Notfall!“
    Schultz, der Hogan selten so aufgeregt und ängstlich zugleich gesehen hatte, machte jetzt doch lieber schnell Platz und weckte den Oberst persönlich.
    „Herr Kommandant, der Hogan will sie sprechen, gell. Er sagt, es sei ein Notfall.“
    Klink gähnte laut, sah sich blinzend um, erspähte Schultz und Hogan und … war schlagartig auf Hundertachtzig.
    „Was solln das? Schultz, werfense denn Hogan raus und sich selbst glei mit!“
    Schultz, der nicht so recht wusste, wer von den beiden Offizieren ihm mehr Angst machte, trat unentschlossen von einem Bein aufs andere und tat gar nichts.
    „Herr Oberst, es ist wirklich ein Notfall."
    Auch Klink bemerkte, wie aufgelöst Hogan war und schwang sich mit einem Stöhnen aus dem Bett.
    "Se können eenen aber och keene Minute Ruhe gönnen! Das ich so e vielgefragter Mann bin hat eben och seine Schattenseiten."
    Hogan war viel zu sehr in Sorge, um sich über Klink aufzuregen oder ein paar Sprüche abzulassen. Der Anblick von Samantha, die leichenblaß und zitternd im Bett lag, trieb ihn zur Eile.
    "Also, wo brennt `s denn Hogan?"
    In aller Kürze und im rasenden Tempo erzählte Hogan Klink alles, doch dieser reagierte alles andere als normal.
    "Oh scheiße! Des müssen die doch geahnt haben!", seufzte Klink.
    Hogan wurde aus den Worten des Oberst nicht schlau.
    "Herr Kommandant! Wir brauchen dringend Medikamente! Rickman hatte die letzten bei der Operation verbraucht."
    Doch Klink schien ihn zu ignorieren und Hogan war nahe dran, die Geduld zu verlieren. "Oberst, es eilt!", schrie er beinahe, doch Klink wickelte sich wie Trance den Morgenmantel um denn Leib und lief in die Kommandantur.
    Schultz war dieses Verhalten auch fremd und er konnte auf Hogans fragenden Blick nur mit den Schultern zucken.
    In der Kommandantur überreichte Klink Hogan eine paar amtliche aussehende Mitteilungen, ließ sich in seinen Sessel fallen und wartete darauf, dass der Colonel anfing zu lesen.
    Hogan überlegte erst kurz, ob er denn Wich nicht zerreißen und Klink erstmal kräftig durchschütteln sollte. Kapierte dieser denn nicht, das die Sache ernst war?
    Gegen seines besseren Wissens las er die Mitteilung trotzdem und musste seine Meinung über Klink schlagartig revidieren.
    Der Brief war direkt aus Berlin und gab neue Sparmaßnahmen bekannt. Hogan blieb die Spucke weg als er las, dass ab sofort jegliche Medizin, sowie ärztliche Behandlungen, für die Kriegsgefangenen gestrichen worden waren.
    "Aber das können sie doch nicht machen! Das ist gegen die Genfer Konvention!", sagte Hogan und schnappte nach Luft.
    "Bitte, gehnse nach Berlin und sagense das dem Oberboß persönlich! Ich kann da nichts machen!", erwiderte Klink frustriert und schenkte sich einen doppelten Cognac ein. Hogan konnte nicht verstehen, warum der Oberst da so ruhig bleiben konnte. Er wäre jetzt am liebsten wirklich nach Berlin gestürmt und hätte dem Schnurrbart solange geprügelt, bis dieser selbst dringend Medizin brauchte, aber diese wegen "Sparmaßnahmen" nicht bekam.
    "Dann nehmen wir einfach was aus ihrem Vorrat!", brüllte Hogan, doch Klink, der unteren anderen Umständen bei diesem Ton Hogans sofort an die Decke gegangen wäre, blieb außerordentlich ruhig.
    "Geht och nich! Alles was mer hatten, wurde eingesammelt und wird jetzt von so nen Gestapoarsch bewacht. Da kommense noch nich mal mit ner ganzen Panzerdivision ran."
    Langsam konnte Hogan Klinks Resignation verstehen!
    Doch sie hatten ja noch andere Wege an Medizin zu kommen. Von diesen erzählte er Klink aber besser nichts und so stürmte Hogan aus dem Büro und lief schnurstracks in Richtung Baracke zurück
    "Schultz, dar Krieg is beschissen!" Klinks Stimme klang etwas verschwommen, was wohl auf die Tatsache zurückzuführen war, das er um diese Uhrzeit normalerweise noch keine drei Cognac gekippt hatte.
    Schultz rührte sich immer noch nicht. Er überlegte noch, ob er lieber Hogan folgen und ihm seine Hilfe anbieten sollte, doch da war die Wahrscheinlichkeit groß, das er wieder bei irgendwas hineingeplatzt kam, was er lieber nicht hören, sehen und wissen sollte oder ob er bei dem Oberst bleiben sollte. Klink war aber auch keine angenehmere Wahl. Wenn der Oberst so früh schon trank, war das mehr als beunruhigend und wenn er nicht aufpaßte, zog Klink ihn garantiert mit runter oder er mußte sich stundenlanges Gebrabbel von irgendwelchen früheren Heldentaten Klinks erzählen lassen, die sowieso alle erstunken und erlogen waren.
    "Schöne Scheiße is dos!", murmelte Schultz und Klink schaute mit trüben Augen auf. "Das könnse laut sagen. Aber was soll mer machen, Schultz? Trinken doch ausnahmsweise mal e Gläsel mit."
    Schultz zuckte dem den Schultern. Wenn er sich schon Klinks Geschichten anhören mußte, würde ihm das ein Cognac bestimmt erleichtern.


    In der Baracke.
    Rickman untersuchte Samantha besorgt und sein Gesicht verwandelte sich nicht grad zur Beruhigung der anderen von verschlafen in extrem besorgt.
    "W-w- wo bleibt d-d- denn der C-c- Colonel?", Newkirk tigerte im Zimmer auf und ab, denn nicht mal Karten mischen hatte ihn beruhigen können, obwohl das sonst immer funktionierte.
    "Newkirk, setz dich `in Mon Ami, du machst mich ganz dusselig im Kopf.", bemerkte LeBeau nicht ganz ernst gemeint und der Engländer reagierte auch gar nicht drauf. Carter schwieg ganz gegen seiner Gewohnheit und saß ruhig in der Ecke.


    Hogan kam zur Türe rein und bemerkte sofort, das sich Samanthas Zustand nicht gebessert hatte. Dann blickte er in das Gesicht von Newkirk, das sich ihm hoffnungssuchend zuwandte und er mußte schwer schlucken.
    „Wir haben ein großes Problem, Leute!“, flüsterte er schließlich fast unhörbar.
    „Was?“ Newkirks Stimme klang gefährlich ruhig und gespannt.
    Der Colonel erklärte seinen Leuten die Situation und sofort brachen diese in aufgeregte Proteste aus.
    „Aber das können die doch nicht machen! Colonel Hogan, so was ist doch verboten, oder nicht? Können sie da nicht irgendwas drehen?“, fragte Carter und blickte mit großen Augen zu Hogan auf.
    „Was denn bitteschön? Willst du mit fünf Mann nach Berlin gehen und dort eine Demonstration hinlegen?“, fuhr Hogan Carter gereizt an. Carter zuckte zusammen und machte sich so klein wie möglich. Hogan fühlte sich mies deswegen. Carter blickte nun mal zu ihm auf, wie zu einem großen Bruder und sonst hatte er ja auch immer einen passenden Plan parat gehabt, der zwar meist etwas verrückt war, aber in der Regel funktionierte.
    „Tut mir leid, Andrew. Ich bin nur so ziemlich mit den Nerven runter.“
    „Colonel Hogan, wir brauchen aber dringend Medizin. Die Kleine stirbt mir sonst unter den Fingern weg.“, sagte Rickman.
    Newkirk wurde durch die Offenheit von Rickman noch blasser im Gesicht.
    „Wie lange hält sie noch durch?“, fragte Hogan und sah Samantha abschätzend an.
    „Vielleicht zwei Tage, aber das ist das höchste!“
    Newkirk war jetzt am umkippen. Kannten die zwei denn gar kein Feingefühl bei solchen Dingen?
    „Ok, Rickman erstellen sie eine Liste von Medikamenten, die wir unbedingt brauchen und zwar nicht nur für die Kleine, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. Kinch, gib die Liste nach London durch und sag ihnen, wenn sie nicht bis spätestens morgen abend liefern, desertiere ich.“
    Kinch verließ eiligst mit Rickman das Büro.


    Ein paar Stunden später schneite Schultz in die Baracke. „Apel is, alles raus hier. Gemma, gemma, beeilts euch e bissl, es is nämlich sauich kalt draußen, gell.“
    Aber es kamen nicht wie sonst die üblichen Proteste. Schultz trat in die Baracke und bemerkte, das diese leer war.
    Nur die leisen Unterhaltungen aus dem Büro des Colonels bewarten ihn in diesem Moment vor einem Herzinfarkt.
    „Ja mei, ihr könnts einen aber auch erschrecken. Was machts ihr denn alle hier?“
    Hogan und seine Truppe stand versammelt um Samanthas Bett und versuchte das schwere Atmen und Husten des Mädchens zu ignorieren, das bei ihnen einen dicken Kloß im Hals auslöste.
    „Sch- Sch- Schultzi, nicht s-s- so laut!“, zischte Newkirk.
    „Warum?“
    Newkirk stöhnte und gab den Blick auf Samantha frei. Schultz schluckte.
    „Na, schön und gut, aber ihr müssts trotzdem raus, gell. Is doch nur für einen Moment. Ich bitt euch, macht doch net so einen Zirkus.“
    Nur Kinchs und Carters schnelle Reaktion war es zu verdanken, das Schultz sich kein blaues Auge holte. Newkirk war aufgesprungen und kämpfte wild gegen die beiden, die ihn an den Armen gepackt hatten und versuchten, den Engländer zurückzuhalten. "M-m- macht doch nicht s- solchen Zirkus? D- die Kleine st- st- stirbt vielleicht, w- wenn sie nicht d-d- die Medikamente bekommt, d-d- die ihr völlig u-u- ungenutzt bunkert und w- wir s-s- sollen keinen Zirkus ma- ma- machen?!"
    „Newkirk, beruhig dich! Schultz kann da auch nichts dafür. Du kannst hierbleiben und wir sind auch bald wieder da. Es ist zu schlechtes Wetter als das Klink sich lange mit irgendwelchen Gewäsch aufhalten wird.“, sagte Hogan ruhig.
    Schultz wollte eigentlich protestieren und sagen, das alle zum Apel erscheinen mußten, doch dann sah er Newkirks wütendes Gesicht und trat lieber ein paar Schritte zurück.


    Schultz hatte nicht übertrieben. Es herrschte ein eisiger Wind, der ihnen allen den Regen ins Gesicht peitschte und jeden Riß und jede Lücke in der Kleidung zu finden schien, um dem Träger eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen.
    Auch Hogan hatte mit seiner Vorhersage recht, Klink faßte sich sehr kurz. Ja, er kam noch nicht mal aus seinem Büro raus, sondern brüllte bloß quer über den Platz „Meldung, Schultz!“. Seine Stimme klang noch ziemlich belegt von dem Cognac, aber offensichtlich war er nüchtern.
    „Es sin alle da, Herr Oberst und sogar die gleichen wie letztes mal, gell!“
    Krach!, Klink schlug sein Fenster wieder zu und die Gefangenen konnten mit neidischen Gesichtern sehen, wie er sich mit mindestens drei Mäntel vors Feuer räkelte und eine heiße Schokolade trank.
    Noch bevor Schultz überhaupt den Mund aufmachte, um sie in ihre Baracken zurückzuscheuchen, waren alle verschwunden und ließen den Feldwebel bedröppelt alleine auf dem Apelplatz zurück.
    In der Hoffnung, von LeBeau etwas Leckeres abfassen zu können, kam Schultz schließlich Hogan und einer Truppe nach. Doch sein "Strudelkönig", war ganz und gar nicht in Kochlaune!
    "Schultz, solange sie solche lebensgefährlichen Gemeinheiten gegen uns und sogar gegen kleine Mädchen zulassen, kriegen sie noch nicht mal einen Krümel von mir!" LeBeau verschränkte die Arme vor der Brust und Schultzi konnte noch so sehr betteln und flehen, der kleine Franzose schaltete auf stur.
    "LeBeau, hör zu, es wäre ja auch zuviel von unserem Feldwebel verlangt, wenn er sich nur ein wenig Krankstellen würde, um so etwas Penicillin zu bekommen und es dann uns zuzuschieben!", bemerkte Hogan wie beiläufig und sah dem Feldwebel dabei fest in die Augen.
    "Ja, soviel Mumm hat der nicht in den Knochen! Da läßt er lieber ein armes, hilfloses kleines Mädchen, das schon so genug zu leiden gehabt hatte, sterben, als das er uns diesen winzigen und völlig ungefährlichen Gefallen tut!", stimmte LeBeau mit ein.
    "Eigentlich schade für Schultz! Ich meine, für so eine große Heldentat, die ohnehin Dutzende Orden und eine Beförderung wert wäre, hätte ich ihm auch sicher einige Tafeln Schokolade überlassen.", bemerkte Carter, wickelte einen Riegel in Zeitlupentempo aus und biß mit einem theatralischen Seufzen und geschlossen Augen davon ab.
    Das war zuviel für den Feldwebel!
    "Ja, meints ihr das ernst? I mein, liegt die Kleine wirklich im Sterben?" Nicht nur die Schokolade hatte den Feldwebel nachdenklich gestimmt. Er hatte ja selbst Kinder und im Grunde genommen ein Herz aus Gold.
    Newkirks bitteres und immer noch aschfahles Gesicht war Antwort genug.
    Mit betretener Miene ging Schultz aus der Baracke und sagte, er werde zusehen, was er tun kann.


    Alle schraken auf, als Kinch endlich wieder auftauchte und anscheinend Nachricht von London erhalten hatte.
    „Puh, hatt ja lange genug gedauert! Die Post war auch schon mal pünktlicher!“ Carters Aufmunterungsversuch für Newkirk blieb erfolglos, denn dieser machte noch nicht mal ansatzweise einen Versuch, Carter eine Kopfnuß zu geben oder ihm die Mütze ins Gesicht zu ziehen.
    „Stimmt, die hatten einen ziemlichen Sturm drüben und deswegen war die Verbindung eine weile unterbrochen! Na ja, aber wenigstens sind es gute Neuigkeiten! Sie werfen noch heute abend eine Ladung ab und zwar gleich im Wald neben uns. Ich glaube, das lag zum größten Teil an ihrer Drohung, Colonel!“
    Newkirk seufzte erleichtert und strich mit einer Hand immer noch geistesabwesend über Samanthas Haar.
    Alle sahen gleich viel freundlicher drein, bloß Colonel Hogan nicht…
    „Was ist denn, Sir? Gibt’s da irgendwelche Probleme?“, hakte Kinch nach.
    „Deswegen nicht! Die Ladung abzufangen dürfte kein Problem sein, aber etwas anderes macht mir Sorgen. Habt ihr bemerkt, das sie das Lazarett ausgeräumt haben? Oder das diese SS- Leute sich bei uns breit gemacht haben?“
    Newkirk blickte das erste mal an diesem Tag auf und fragte sich, worauf der Colonel hinauswollte.
    „N-n- nein, erst als Samantha h-h- hier angekommen ist und v-v- von den SS- Leuten h-h- hab ich gar nichts m-m- mitbekommen.“, antwortete er wahrheitsgetreu.
    „Und was ist mit euch?“ Hogans schaute jeden an und sie schüttelten nacheinander die Köpfe.
    „Stimmt, keiner von uns hat auch nur im Ansatz etwas mitbekommen! Sonst wissen wir immer noch vor Klink bescheid, was abgehen soll, doch dieses Mal… Entweder wir waren einfach zu Abgelenktheit von den Aufträgen oder die Kacke ist gewaltig am dampfen und es steht was großes an.“
    Hogans Vermutung machte alle noch unruhiger, als sie ohnehin schon waren.
    "Wo sind die SS –Leute überhaupt? Hat Klink gesagt, das sie das Zeug im Lager bunkern und bewachen?", fragte Carter und spähte aus dem Fenster.
    "Das nicht, aber ich hab sie auf dem Rückweg von seinem Büro gesehen. Mindestens sechs Mann, die Baracke 4 bewachen und alle in schwarz und nicht sehr gemütlich aussehend. An denen ist kein Vorbeikommen möglich"


    Hogan tigerte im Büro auf und ab, doch bald reichte ihm das nicht mehr. Die Ladung würde erst heute abend ankommen und wenn sie sich bis dahin nicht mit was sinnvollen beschäftigten, würden sie noch verrückt werden oder irgendwas dummes tun, das alles gefährdete.
    Darum verteilte er Aufgaben, die größtenteils dazu dienten, mehr über diese "Sparmaßnahmen" herauszufinden. Erleichtert nicht mehr nur rumsitzen zu müssen und vor allem von der keuchenden Samantha wegzukommen, machten sie sich an die Arbeit, nur Newkirk nicht.
    "Newkirk, du kannst meinetwegen hier sitzen bleiben und auf Samantha aufpassen, obwohl ich eher finde, das du etwas Schlaf gebrauchen könntest!"
    Das erhoffte Gähnen von Newkirk blieb aus und so mußte der Colonel wohl oder übel nachgeben. Newkirk sah zwar bald noch blasser als Samantha aus, doch der Engländer würde noch nicht mal auf Androhung von Kriegsgericht einen Befehl, das Mädchen aus den Augen zu lassen, befolgen.


    Kapitel 6: Äste und ihre Angewohnheit, im entscheidenden Moment zu brechen!


    Es war Abend geworden und weder Schultzis recht komischer Versuch sich krank zu stellen, noch die Klauversuche der Helden waren von Erfolg gekrönt worden. Alle hofften jetzt darauf, das die Lieferung pünktlich ankommen würde und das sie nicht durch irgendwelche unvorhergesehen Patrouille gestört wurden.
    Hogan ging nur mit LeBeau raus, damit sie nicht so schnell entdeckt werden konnten. Doch es sollte sich als Fehler herausstellen, das er ausgerechnet den Kleinsten der Truppe mitgenommen hatte!
    Sie waren wie gewohnt ganz ins schwarz und mir Schmiere im Gesicht unterwegs und suchten den Himmel ab. Es wurde inzwischen recht spät und die beiden bekamen allmählich Bedenken, ob die Sache vielleicht doch schief gelaufen war. Gerade als Hogan schon resigniert aufgeben wollte, hörten sie Flugzeugmotoren und blickten nach oben.
    Hogan erspähte schließlich eine amerikanische Maschine und...
    "Scheiße! Der wird verfolgt!"
    Tatsächlich kamen hinter der Maschine drei weitere Flugzeuge der Deutschen hintergejagt. Gespannt beobachtete Hogan und LeBeau, was passieren würde, wobei sie noch nicht mal ein Fernglas brauchten, da die Maschinen ziemlich niedrig flogen.
    "Mon Colonel, glauben sie, er wird die Ware trotzdem abwerfen?" LeBeaus Frage wurde beantwortet, als ein kleines Päckchen an einem Fallschirm aus dem Flugzeug geschmissen wurde und sanft gen Erde schwebte, ohne das es von den Deutschen beachtet wurde.
    Doch die zwei Gefangenen hatten sich zu früh gefreut! Durch den starken Wind, der immer noch wehte, wurde das Päckchen von ihnen weggeweht. Hogan und LeBeau stürzten hinterher, quer durchs Gebüsch und konnten darum gerade noch voll Entsetzen sehen, wie das Bündel genau auf dem Dach eines Wachhauses landete.
    "Muß denn aber auch alles schiefgehen? Das ist ja die reinste Verschwörung gegen uns!", seufzte Hogan.
    "Nicht ganz, mon Colonel! Der Posten ist leer und es sind keine Patrouille in Sicht.", sagte LeBeau aufmunternd und grinste. Es würde sicher kein Problem sein, das Päckchen da runter zu bekommen, wenn sie es doch sonst sogar schafften ins Gestapohauptquartier einzubrechen.
    Hogan und der Franzose schlichen geduckt näher und wirklich, es war niemand zu sehen – doch leider auch keine Leiter!
    "LeBeau, klettre auf meine Schultern und sieh zu, das du ans Dach rankommst."
    Es war schon die reinste Zirkusnummer, daß LeBeau sich überhaupt auf Hogans Schultern halten konnte, doch leider hatte er nicht soviel Glück mit seiner Größe. Gut ein halber Meter trennte LeBeaus Fingerspitzen von der Regenrinne und Hogan konnte sich noch so sehr auf die Zehenspitzen stellen, der Franzose war einfach zu kurz.
    "Schöne Scheiße! Und was nun?", fragte Hogan und sah sich hilfesuchend um. Es war absolut nichts in Sicht, was sich als Trittleiter eignen würde.
    "Colonel, und wenn wir nun auf den Baum da klettern und von dort aus versuchen aufs Dach zu kommen?", fragte LeBeau und zeigte auf ein zwar hohes, aber auch knorriges und ganz offensichtlich morsches Gewächs, das die Bezeichnung "Baum" kaum verdiente.
    "Sollen wir uns das Genick brechen?", erwiderte Hogan, doch er war schon dabei den dicksten Ast zu suchen, der ihn hoffentlich tragen würde.
    "Vielleicht sollte ich lieber hoch gehen? Ich bin leichter als sie.", meinte LeBeau und musterte mit einem mulmigen Gefühl im Magen die dürren Äste.
    "Wir werden wohl oder übel beide da rauf müssen. Wenn du nämlich über den Ast da aufs Dach klettern willst, brauchst du jemanden, der dich hält und ein wenig abstützt, sonst wirst du es nicht schaffen."
    Der Colonel hatte Recht und LeBeau ging mit tiefen Atemholen an den Baum heran. Schon als kleiner Junge hatte er nie den Wunsch verspürt wie seine Altersgenossen jeden Baum hochzuklettern, der ihnen in die Quere kam. Und wenn er es durch die Hänseleien doch einmal gewagt hatte, war er immer mit einem Plumpsen und auf dem Expressweg wieder herunter gekommen.
    Wieder stieg er auf Hogans Schulter um an den niedrigsten Ast zu kommen. Seine Finger füllten sich schwitzig an und nur mit Mühe gelang es ihm sich hochzuziehen.
    "LeBeau, wie hast du eigentlich die Grundausbildung geschafft?", stöhnte Hogan ächzend, als er dem Franzosen einen kleinen Schubs geben mußte, damit dieser sich hochschwingen konnte.
    "Vorm Klettern habe ich mich bis jetzt immer drücken können, Sir. Und wenn ich mir meine Lage so anschaue, glaube ich, das ich allen Grund dazu `atte!", antwortete LeBeau mit zittriger Stimme.
    "Du hast doch nicht etwa Höheangst, oder?", fragte Hogan skeptisch und zog sich nach einem hohen Sprung ebenfalls am Ast hoch.
    "Nein, das wäre ja auch noch! Aber ich mag das Knirschende Geräusch nischt, das ein Seil oder Ast macht, wenn er nachgibt."
    Da konnte Hogan ihm allerdings zustimmen. Der Ast, auf dem sie standen, gab ähnliche Geräusche von sich und Hogan wurde reichlich unwohl in seiner Haut. "LeBeau, wir müssen uns beeilen, also klettre schnell weiter! Aber mach um Gotteswillen auch keinen Schritt auf den falschen Ast."
    LeBeau stöhnte. "Schnell machen und vorsichtig sein war noch nie eine gute Kombination, mon Colonel!" Doch ergeben kletterte er weiter und irgendwie schafften sie es sogar an den gewünschten Ast heranzukommen, ohne sich die Knochen zu brechen.
    "Ok, sehr gut! Kriech jetzt auf dem Bauch weiter und versuch dich so leicht wie möglich zu machen! Ich halt dein Bein fest und zieh dich zurück, sobald der Ast nachgibt."
    Allein die Tatsache das der Colonel keine Zweifel daran hatte, das der Ast überhaupt nachgeben würde, machte LeBeau angst, aber auch die Aussicht nach unten auf den Boden, der sehr weit entfernt zu sein schien, trug ihren Teil dazu bei.
    Unter vielem Stöhnen, schwitzen und fluchen schaffte er es trotzdem bis ans Dach zu kommen und sich das Päckchen zu krallen.
    "Geschafft, das grenzt ja schon fast an ein Wunder!", jubelte LeBeau und hielt triumphierend das Paket hoch.
    "Noch ist nicht aller Tage Aaaaaaa..."
    Das Wort endete in einem Überraschungsschrei, als der Ast brach und LeBeau hinabstürzte.
    Der Franzose sah sich schon mit gebrochenen Knochen am Boden liegen, doch Hogan lag noch immer bäuchlings auf dem festen Teil des Astes und hielt den Franzosen mit aller Kraft am Bein fest. Der baumelte jetzt kopfüber gut vier Meter über dem Erdboden und brachte vor Schreck keinen Ton heraus.
    "He, alles in Ordnung mit dir? Keine Sorge, ich halt dich fest.", sagte Hogan, doch seine Stimme klang gepreßt. Die Wahrheit war, das er nicht wußte, wie lange er den Franzosen noch so halten konnte, denn seine Finger rutschten ganz allmählich ab und auch der Teil des Astes, auf dem er lag, gab jetzt leise knirschende Geräusche von sich.
    Doch damit hörte ihr Pech noch nicht auf!
    Durch das Krachen und dem Aufschrei von Hogan waren Wachen in der Nähe alarmiert worden, die jetzt auf sie zugerannt kamen.
    "Colonel, ziehen sie mich hoch! Ziehen sie mich hoch!", zischte LeBeau hektisch.
    Hogan, der nur eine Möglichkeit sah, den Franzosen schnell genug hoch zu bekommen, verkniff den Mund und bereute schon jetzt, was er gleich tun sollte.
    Mit soviel Schwung wie nur möglich richtete sich der Colonel in eine sitzende Position auf und riß damit LeBeau mit hoch. Dann lehnte er sich weit nach hinten um den Franzosen entgültig hoch zu bekommen.
    Das Problem war nicht LeBeau, der es gerade noch schaffte einen Ast höher zu kommen, um von den Wachen nicht gesehen zu werden, sondern viel mehr seine Mitte. Jeder Mann, der schon einmal vom Fahrradsattel abgerutscht und auf die Stange geknallt war, konnte in etwa nachvollziehen, wie sich der Colonel fühlte.
    Die Wachen waren jetzt angekommen und suchten die Umgebung ab. Mit Taschenlampen leuchteten sie in die Fenster des Hauses, aufs Dach und in den Wald... - aber zum Glück nicht auf den Baum!
    Das war aber auch gar nicht nötig!
    Die Wachen gingen gerade wieder davon, da atmete Hogan etwas zu tief aus und auch der kleine Teil Ast, auf dem er saß, brach ab. Mit einem Aufschrei landete er genau auf den zwei Wachen.
    LeBeau saß erst noch einen Moment völlig geschockt da, bevor er so schnell wie möglich hinabkletterte, um den Colonel zu helfen.
    "Mon, Colonel, leben sie noch?“, fragte LeBeau vorsichtig und trat näher. Der unglückliche Absturz von Hogan hatte bloß ein Gutes an sich gehabt. Dadurch, dass er auf die Wachen geplumpst war, hatte er diese ausgeknockt und damit mußten sie sich zumindest nicht auch noch damit rumärgern.
    "He, Colonel `ogan?", fragte er Franzose noch einmal.
    Endlich regte sich Hogan. Mit einem Stöhnen wälzte er sich von seinen Sturzdämpfern herunter und lag nun alle viere von sich gestreckt vor LeBeau.
    "Oh, wieso bin ich heut morgen überhaupt aufgestanden?", seufzte er und befühlte seine aufgeplatzte Augenbraue, aus der Blut quoll.
    "Mon Colonel, ich will ja nicht un`öflich sein, aber es wäre besser, wenn wir uns schnell aus dem Staub machen, bevor diese zwei Typen wieder aufwachen." Er stieß einen Soldaten mit der Schuhspitze an, doch der reagierte nicht darauf.
    "Schnell ist gut! Ich bin froh, wenn ich es überhaupt schaffe auf die Füße zu kommen!", ächzte Hogan und setzte sich auf.
    "Ist wenigstens mit dem Penicillin alles in Ordnung?"
    "Ich glaube schon."
    LeBeau half Hogan auf und dieser konnte sich nach einem kurzen Schwindelanfall auch alleine auf den Beinen halten.
    "LeBeau, nehmen wir doch einen Ast mit! Es wäre mir eine Freude dieses Scheißding in den Ofen zu schmeißen und zuzusehen, wie es verbrennt.", murrte Hogan.
    Doch dafür war leider keine Zeit!
    Etwas breitbeinig humpelte Hogan hinter LeBeau her und bald taten ihm Stellen weh, von denen er bis jetzt noch nicht mal gewußt hatte, dass sie existierten, ganz zu schweigen von seinem Schritt und seinem Kopf, der pausenlos dröhnte.


    In Baracke zwei wurden sie schon sehnsüchtig erwartet.
    "Colonel Hogan, was ist denn mit ihnen passiert?", fragte Carter neugierig und musterte den ziemlich zerschunden und zerkratzt aussehenden Colonel.
    "Lange Geschichte! Das wichtigste ist, wie haben das Penicillin und die anderen Sachen."
    Sofort nahm Newkirk LeBeau das Päckchen ab und reichte es an Carter weiter, der es hochbringen sollte, ohne die zwei auch nur groß anzusehnen. Doch Hogan regte sich nicht weiter darüber auf. Er war einfach nur froh, dass sie es geschafft hatten und dass er sich jetzt erst mal eine wohlverdiente Pause gönnen würde.
    "Carter, ist das Penicillin noch `eil?", fragte LeBeau und befreite sich von der Schmiere im Gesicht.
    Carter machte ein etwas bedröppeltes Gesicht und schaute dabei in die Kiste.
    "Tut mir leid! Aber da drin ist nichts mehr heil!"
    LeBeau und Hogan waren nicht die einzigen, die nach Luft schnappten.
    "Oh nein, jetzt war alles umsonst!", stöhnte Hogan und ließ sich frustriert auf den Boden sinken. Newkirk sah aus, als würde er jeden Moment aus den Latschen kippen und Kinch ließ vor Schreck fast das Funkgerät fallen.
    Doch plötzlich grinste Carter wieder.
    "He Leute, war doch bloß ein Scherz! Alles ist noch ganz!"
    Nur dem Umstand, dass Hogan nicht mehr dazu fähig war, allzu schnell aufzustehen, rettete Carter das Leben.
    Nachdem er sah, dass die anderen ihm wirklich an die Gurgel gehen wollten, stürzte er die Leiter hoch und rannte wie von der Tarantel gestochen aus der Baracke.
    Kinch, LeBeau, Newkirk und ein etwas langsamerer Hogan hetzten hinterdrein.
    Es war für die Wachen ein amüsanter Anblick, wie Carter leichenblass im Gesicht um die Baracken rannte und wie die anderen laut fluchend und Todesdrohungen aussprechend hinterherkamen.
    "Ja mein, wos is denn hier los?", fragte Schultz und rieb sich die Augen. Er war wieder mal bei der Wache eingeschlafen und beinahe von Carter umgerannt worden.
    "Es is doch Ausgangsperre! Jesus, Maria und Joseph, wollts wohl sofort wieder in eure Baracken gehen, bevor der Olde noch wos mitkriegt, gell!", rief Schultz den Gefangenen hinterher, die der Reihe nach an ihm vorbeistürmten.
    Auch andere Wachen kamen jetzt herbei und in Klinks Privatgemächern ging Licht an.
    "Schuuuultz! Die wolln doch nich etwa fliehen, oder? Fangt die wieder ein!", kam Klink aus seiner Wohnung, wobei er sich noch nicht mal die Zeit genommen hatte, einen Morgenmantel überzustülpen, sondern nur in Nachthemd und Zipfelmütze herumschrie.
    Jetzt war die Prozession noch länger geworden.
    Carter stürmte vornweg, Hogan und die andern hinterher und mit noch ein bißchen Abstand folgten drei Wachen, dann Klink in Pantoffeln und Nachthemd und ganz zum Schluss kam Schultz mit seiner Weißwurstwanne hinterher gedackelt und konnte nicht so richtig mit den anderen mithalten.
    "Stop! Halt! Stehen bleiben!", schrie Klink wie am Spieß, doch die Helden reagierten gar nicht drauf
    Carter hatte einmal zu viel einen dummen Scherz gemacht und nach den Strapazen der letzten Tage, war den anderen eine Sicherung durchgebrannt.
    Die Wut verlieh ihnen fast Flügel und so gewannen sie schnell einen beachtlichen Vorsprung vor Klink und seinen Männern und holten Carter bald ein.
    "He, Jungs, es war doch nicht so gemeint! Colonel Hogan, Sir, das können sie doch nicht zulassen!" Carter wehrte sich nach Leibeskräften, doch bei vier gegen einen hatte er keine Chance.
    "Doch Carter, ich kann und ich werde!"
    Doch statt Carter nur zu knebeln und zu fesseln und dann in die Latrine zu schmeißen, wie sie es eigentlich vorgehabt hatten, banden sie seine Füße mit einem Seil zusammen und zogen ihn den Fahnenmast hoch.
    „Nein, nein, lasst mich runter! Bitte, ich entschuldige mich auch tausendmal, aber laßt mich runter!!!" Noch nicht mal kopfüber war Carter mundtot zu machen.
    "Colonel Hogan, was solln der Scheiß?"
    Endlich hatte Klink sie eingeholt und kam schnaufend und prustend vor Hogan zum stehen.
    "Tut mir leid Herr Oberst, aber wir mußten Carter außer Reichweite bringen, sonst hätten wir ihn umgebracht!" Hogan grinste trotz der Schmerzen, die er langsam wieder spürte nachdem der Adrenalinschub langsam abklang.
    "Hä? Was solln das heeßen, bitteschön?" Klink kniff die Augen zusammen.
    "Ach nichts weiter! Wir gehen auch sofort wieder in unsere Baracke, bloß Carter muß noch mindestens zehn Minuten dort oben hängen – zu seiner eigenen Sicherheit!"
    Klink war so verdattert, das er kein Wort mehr rausbrachte, während Hogan, Kinch, LeBeau und Newkirk mit aller Gemütsruhe zurück in Baracke zwei marschierten.


    Rickman spritzte derweil Samantha das Penicillin.
    "So, jetzt können wir nur noch abwarten und hoffen. Was habt ihr eigentlich mit Carter angestellt?", fragte er und packte seine Sachen wieder zusammen.
    Newkirk, der seinen Posten an Samanthas Bettkante wieder bezogen hatte, griente von einem Ohr zum anderen und war das erste mal an diesem Tag richtig gut gelaunt.
    "Na ja, sagen wird mal so: Die Deutschen haben eine neue, wirklich nicht zu verachtende Flagge bekommen.", bemerkte Hogan und griente ebenfalls.


    Nach wirklich zehn Minuten kam Schultz mit Carter im Schlepptau zur Baracke rein. Der junge Sergeant war hochrot im Gesicht und verkrümelte sich gleich unter seine Bettdecke, ohne auch nur ein Wort zu sagen.
    "Colonel Hogan, was sollte das nun eigentlich bezwecken?"
    "Ach Schultzi, nicht so wichtig!"
    "Na ja, ich wills ja im Grunde genommen auch gar nicht wissen, gell! Aber jetz müssts ihr schon das Licht ausmachen und der Rickman muss zurück in seine eigene Baracke, hat der Olde gesagt! Und..."
    Hogan winkte ab und schickte Rickman mit Schultz mit. Der Feldwebel war ein wenig verwundert, erstens über die "Flagge" und zweitens, dass die Helden plötzlich wieder gutgelaunt schienen, nachdem sie doch den ganzen Tag nur lange Gesichter gemacht hatten.
    "Sie wissen auch nicht zufällig, wos plötzlich in die gefahrn is, oder?", fragte er Rickman, der genauso schmunzelte wie Hogan und neben Schulz herging ohne Schwierigkeiten zu machen.
    "Schultz, das wollen sie nicht wissen, glauben sie mir!"

  • Ich hab die Story auch schon im alten Forum gelesen und finde sie echt super!!! Aber war das nicht etwas mehr,oder irre ich mich da? ?(
    Bitte schreib so schnell wie möglich weiter! *kann es auch schon nicht mehr erwarten*

    Orange ist ein Zustand

    ♕ Mitglied des Gertrude Linkmeyer Defense Squad
    8) stolzes Smileymonster :D

  • Ja, es war mehr, aber ich hab fürs erste nicht mehr in ein Kommentar packen können!
    Diese ganze neuregistriererei macht mich ganz wuschig und das hochladen auch, weil ich mit solchen dingen auf kriegsfuss steh und mir mein Computer da immer ganz besonders ezigt, das er mich hasst!!!!
    Jetzt viel spaß bei der Fortsetzung!


    Kapitel 7: Fragen, Fragen, nichts als Fragen...


    Anmerkung des Autors:
    Leute, ich glaube, nach den nächsten ca. vier Kapiteln werdet ihr mich erschlagen. Ein paar Fragen werden zwar beantwortet, aber es entstehen auch viel, viel mehr neue! Ich führe noch eine Person ein und die Sache wird komplizierter und komplizierter... Ich habe versucht, es einfacher zu machen, aber ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das Geschriebene einen Sinn ergibt. Bitte schreibt mir eure Meinung dazu!
    Jetzt labere ich schon wieder zu viel *grins*...
    Also, viel Spaß beim Lesen!



    Newkirk zog die Spritze auf, wie es Rickman ihm gezeigt hatte und verzog ein wenig das Gesicht, als er die Nadel in Samanthas Arm stach. Er konnte Blut sehen, ohne das ihm schlecht wurde und selbst der herausragende Knochen hatte ihm nichts ausgemacht, aber wenn er selbst Hand anlegen musste, war das was ganz anderes, besonders wenn Newkirk daran dachte, wie er selbst solche Spritzen hasste.
    Der Morgen dämmerte allmählich und mit ihm der Morgenappell. Samanthas Fieber war schon nach der ersten Spritze gesunken und so würde er sich jetzt nicht mehr vorm Antreten drücken können. Obwohl, im Moment war er sich gar nicht mal so sicher, ob er überhaupt aufstehen konnte. Es war jetzt schon die zweite Nacht gewesen, die er durchgewacht hatte und Colonel Hogan hatte durchaus recht, wenn er sagte, Newkirk sehe aus wie ein Nachtgespenst und bräuchte dringend eine Mütze Schlaf.
    „A- aber w-w- was tut m- man nicht alles f-f- für d- dich!“, seufzte er und strich Samantha übers Haar, das im schwachen Sonnenlicht rotgolden glänzte.
    Samantha schlug langsam die Augen auf und Newkirk nahm seine Hand ruckartig wieder zurück.
    Die Kleine hatte das offensichtlich nicht mitbekommen, denn sie lächelte nur etwas verschwommen und sah sich blinzelnd um.
    „G- guten M- Morgen, S- Sonnenschein und w-w- willkommen im L- Leben!“, begrüßte Newkirk sie.
    Samanthas Lippen formten mit den Lippen das Wort „Warum?“.
    Anscheinend kann sie sich an nichts Wesentliches erinnern, dachte Newkirk und war froh darüber.
    „N- Nicht so w-w- wichtig. H- hast du D- Durst?“
    Samantha nickte.
    Newkirk schob ihr einen Arm unter den Rücken und setzte sie ein wenig auf, dann hielt er ihr ein Glas Wasser an die Lippen. Die Kleine trank nur zögerlich und in kleinen Schlucken. Anscheinend hatte sie endlich gelernt, das alles andere nur zu Husten führen würde.
    „Danke!“
    Es kam zwar noch etwas undeutlich heraus, aber wenigstens konnte sie schon wieder sprechen.
    „D- du solltest n-n- noch ein w- wenig sch- schlafen.“
    Newkirks Worte waren überflüssig, denn sobald Samanthas Kopf wieder das Kissen berührte, hatte sie die Augen geschlossen und schlief tief und fest.
    „Du m-m- machst v- vielleicht S- Sachen, M- Mädchen!“, flüsterte Newkirk, und konnte dem Drang nicht mehr widerstehen, sie sachte auf die Stirn zu küssen.
    „He, keine Intimitäten hier drin! Das ist immer noch mein Büro!“
    Hogan war unbemerkt ins Zimmer gekommen und grinste.
    „Wie geht’s ihr?“
    „Sch- schon besser, s- sie war kurz w-w- wach u- und h- hat was ge- getrunken. I- Ist aber s-s- sofort wieder ei- eingeschlafen.“, antwortete Newkirk und wusste dabei nicht so recht, warum es ihm peinlich war, das er Samantha kurz auf die Stirn geküsst und der Colonel das mitbekommen hatte. Es war ja ein freundschaftlicher Kuss gewesen und keineswegs mehr…
    „Dann ist ja gut! Ich wollte bloß bescheid sagen das gleich Apel ist und diesmal musst du mitkommen, sonst kriegt Klink einen Ausraster.“ sagte Hogan und betrachtete Samantha mit einem Blick, der Newkirk genauso komisch vorkam, wie sein Schamgefühl wegen eigentlich gar nichts.
    „W- wie geht’s C- Carter h-h- heut ei- eigentlich?“, fragte Newkirk schließlich, um sich von diesem merkwürdigen Gefühl loszueisen.
    „Wie eh und je! Es ist so, als wäre das gestern gar nicht passiert. Vielleicht auch besser, denn ich glaube, wir haben ein klein wenig überreagiert.“
    Hogan und Newkirk lachten wie auf ein unsichtbares Zeichen hin beide los und hielten sich schnell die Münder zu, um Samantha nicht zu wecken.


    „So Leute, ich will jetzt unbedingt wissen, was es mit diesen „Sparmaßnahmen“ auf sich hat und ihr sicher auch!“, sagte Colonel Hogan, nachdem er seine Männer nach dem Morgenappell am Tisch zusammengerufen hatte.
    „Und wie wollen wir das anstellen?“, fragte Kinch. Sie hatten ja schon versucht, etwas über London raus zu finden, doch die wussten mal wieder von nichts. Man könnte glatt meinen, sie hätten die Politik von Schultzi übernommen.
    „Klink! Ich weiß zwar nicht wieviel er weiß, doch als ich ihn vorletzte Nacht aus den Federn geschmissen hab, war er keineswegs sonderlich überrascht und ich glaube auch nicht, das diese kurze Mitteilung von Berlin schon alles gewesen war, was man ihm erzählt hat.“
    „S - Sir, was m-m- mich auch interessieren w-w- würde, ist, w-w- warum Hochstetter h-h- hier nicht rum -s-s- streunert. Ich m-m- meine, w-w- wenn die Ges-s- stapo hier w-w- war, dann müsste d-d- doch auch d-d- der kleine G-G- Giftzwerg nicht w-w- weit sein und w-w- wenn die das L-L- Lazarett ausgeräumt h-h- haben, hat d-d- der dicke B-B- Burkhalter s-s- sicher auch w-w- was zu s-s- sagen.“, bemerkte Newkirk.
    „Das du so eine Sehnsucht nach diesen zwei Schießbudenfiguren `ast, Newkirk!“, erwiderte LeBeau und grinste.
    „Aber er hat gar nicht so unrecht! Einer von beiden müsste mindestens hier sein. Noch ein Geheimnis, das es zu lüften gilt. Was uns im Übrigen nicht weiterhilft! Wir brauchen endlich mal Antworten, die was taugen. Also, ich red mit Schnulle und versuch Einsicht ins Klinks Post zu bekommen und ihr haltet eure Lauscher bei den Wachen auf und versucht irgendwas aufzuschnappen.“
    LeBeau verschränkte die Arme vor der Brust. „Typisch, der Vorgesetzte kriegt die `übsche Blondine, während unsereins sich mit den dreckigen Wachen herumschlagen muss!“
    Hogan grinste breit. „Tja, das ist nun mal das Gesetz der Natur.“


    „Hallo Robbie!“, flötete Schnulle, als Hogan in den Vorraum von Oberst Klinks Büro kam und diesmal sichtlich mehr Zeit als die anderen Male zu haben schien.
    „Du hasssst mich in letzzzter Zsseit ganzzz schön vernachlässsssigt, weissst du dassss?“, fügte Schnulle mit Schmolllippen hinzu, doch ein Kuss von Hogan reichte aus, um sie wieder zu besänftigen.
    Zärtlich knabberte er an ihrem Ohr und Klinks Sekretärin fing an mädchenhaft zu kichern.
    Während sie somit abgelenkt war, hatte er genug Zeit um mit einer freien Hand nach ein paar Briefen zu tasten und sie unauffällig in seiner Jacke zu verstauen.
    Natürlich war Schnulle auf ihrer Seite, aber Hogan zog es vor, sie so wenig wie möglich mit in die Geschichte hineinzuziehen. Obwohl es manchmal ganz praktisch war und sie sich oft besser anstellten als ihre männlichen Kollegen war es dem Colonel lieber, Frauen keiner großen Gefahr auszusetzen.
    Nachdem er alle Briefe eingesackt hatte, hatte Hogan eigentlich noch nicht vorgehabt so schnell Schluss zu machen, doch Klink zog ihm einen Strich durch die Rechnung.
    „Hogan, kommse von dar Schnulle weg un ze mir hin!“
    „Aber Herr Oberst, ich dachte Schwule wären bei den Deutschen tabu?“, bemerkte Hogan flapsig.
    Klink verzog zur Antwort die Mundwinkel und stieß zischend die Luft aus.
    Nachdem die beiden im Büro saßen, schien er sich jedoch wieder beruhigt zu haben.
    „Wie gehtsen dar Kleenen?“, fragte er vorsichtig.
    „Besser, aber das ist nicht grad ihr Verdienst!“ Hogan hatte seine gute Laune, die er bei Schnulle bekommen hatte, schlagartig vergessen und erneut flammte Wut in ihm hoch.
    Klink spürte das und sank sichtlich in sich zusammen.
    „Mensch Hogan, isch kann doch da och nischt machen, nichar! De Befehle sin eindeutsch.“
    Hogan brummelte nur etwas Unverständliches und beschloss, es darauf beruhen zu lassen. Klink würde er in Zukunft noch oft ein schlechtes Gewissen deswegen machen, aber in kleinen Portionen war es schlimmer für den Oberst.
    „Wieso wollten sie mich jetzt sprechen?“
    Klink war sichtlich dankbar für den Themawechsel und straffte sich wieder ein wenig.
    „Mir fehln e paar Unterlachen! Ich hab se überall gesucht, aber ich kannse nich finden, nichar.“
    Hogan wusste nicht sofort, was er meinte, aber dann dämmerte es ihm.
    Samanthas Akten lagen noch auf seinem Schreibtisch. Die hatte er ja total vergessen!
    „Ja, und was hat das mit mir zutun?“, fragte Hogan schließlich und versuchte unschuldig auszusehen.
    Klink musterte ihn scharf. „Was das mit ihnen zutun hat? Nun, das müßtense doch selbst wissen, oder? Sie und dieser Carter waren de letzten in dem Büro und isch werdse mir ja nich selbst geklaut ham, nichar?“ Klink beugte sich vor und stützte sich auf dem Schreibtisch ab.
    Hogan bewahrte seine Unschuldsmiene. „Vielleicht haben sie sie verlegt?“
    Nun platzte Klink der Kragen. „Ich verlier keenen Gefangnen und meine Unterlachen gleisch recht nich! Also, was wissense drüber? War vielleicht Newkirk, der elende Kleptomane, hier?“
    „Nein, war er nicht! Und wenn sie mich jetzt entschuldigen würden, Herr Oberst, ich habe noch viel zu tun! Viel Spaß beim Suchen noch.“
    Noch ehe Klink ihn zurückpfeifen konnte, war Hogan aus dem Büro verschwunden. Klinks „Verhör“ hatte ihm gereicht. Warum machte der Oberst denn plötzlich so einen Zirkus um eine Akte? Das war doch sonst nicht seine Art und außerdem hatte er schon mehr als einmal seine Sachen ganz von alleine dermaßen verkramt, das sie bis heute noch nicht wieder aufgetaucht waren und nie hatte ihn das sonderlich gestört.
    „Es sei denn…“ Hogan schnippte mit dem Finger. Es sei denn die Akte war so wichtig, das selbst Klink es nicht wagte sie zu verlieren und außerdem musste er sie für kriegswichtig halten, denn sonst würde er ja nicht vermuten, das Hogan und seine Truppe versucht haben könnten, sie zu klauen.
    Bloß was war denn so wichtig daran? Die Gestapo hatte tausend Verhöre in Protokollen zusammengefasst und bis auf das diese zu einem sechszehnjährigen Mädchen gehörte, hatte er eigentlich nichts Ungewöhnliches daran feststellen können, außer…
    Eilig ging Hogan zurück in die Baracke.
    „Colonel Hogan, haben sie…“ Carter kam mit seiner Frage nicht zu Ende, da der Colonel in den Tunnel stürzte und sich dort über einem Haufen Papierkram hermachte, den sie von seinem Büro umgelagert hatten.
    „Oh Mann, ich brauch mich über Klink wirklich nicht lustig zu machen!“, seufzte Hogan, als er das Chaos auf dem Tisch durchwühlte und einige Zeit brauchte, ehe er die Akten von Samantha gefunden hatte.
    Inzwischen war Carter mit heruntergekommen, um zu sehen, was den Colonel so aufgeregt hatte. Langsam schlich er näher und schaute dem Colonel über die Schulter, der inzwischen hastig die Blätter durchsuchte.
    „Ah, hier!“, schrie Hogan triumphierend auf und Carter stolperte vor Schreck ein paar Schritte rückwärts.
    „Was denn, Sir? Haben sie die Kapitulierung von Deutschland gefunden, oder was?“
    Sofort hielt sich Carter den Mund zu und ging in Deckung. Der letzte Abend war doch nicht so spurlos an ihm vorübergegangen, wie seine Kumpels es glaubten.
    „Tschuldigung, Colonel. Aber was war denn los?“
    „Schon gut, Carter. Aber du könntest dich mal nützlich machen und Newkirk runterholen.“
    Carter war so erleichtert, das er die Leiter förmlich raufflog und schon von unten nach Newkirk brüllte.
    „H- hehe, Mann, s-s- soll mir vielleicht d-d- das Trommelf-f- fell platzen.“, schnauzte Newkirk ihn an und schaute von dem Kartenspiel auf, das er gerade mit Kinch spielte.
    „Du sollst zu Colonel Hogan runter kommen.“
    Immer noch maulend kletterte Newkirk hinunter. Der Schlafentzug machte sich mit einer sehr miesen Laune bemerkbar, die sich über alle entlud, die das Pech hatten, ihm in die Quere zu kommen – bis auf Samantha natürlich.
    „J- ja Sir, s- sie wollten m- mich sp- sprechen?“, fragte Newkirk, nachdem der Colonel, immer noch vor sich hinmurmelnd über Akten gebeugt dastand, ihn offensichtlich nicht mitbekam.
    „Newkirk, wie geht’s Samantha?“, fragte Hogan, ohne von dem Blatt aufzuschauen.
    „D- den Umständen ent- entsprechend, a-a- aber viel b- besser als b- bei ihrer A-A- Ankunft.“ Newkirk Stimme klang fragend, denn er wusste nicht so recht, worauf der Colonel hinauswollte. Endlich schaute dieser auf und was Newkirk in seinen Augen sah, gefiel ihm nicht sonderlich. Es war eine beängstigende Mischung aus Verwirrung und böser Vorahnung.
    „Lies das hier.“, wies Hogan an und gab Newkirk die Akten.
    Newkirk überflog hastig die Zeilen, auf die der Colonel gedeutet hatte und sofort sprangen seine Augenbrauen in die Höhe. Jetzt konnte er durchaus verstehen, warum sein vorgesetzter Offizier so aus der Wäsche schaute!
    „W- was s-s- soll denn das h- heißen?“
    Hogan wußte, was Newkirk meinte. Als er die Zeilen zum ersten mal überflogen hatte, waren sie ihm auch ziemlich verworren vorgekommen und wenn er ehrlich zu sich selbst war, waren sie das immer noch.
    Samantha hatte nach einigen Tagen mit Renkner und Sauer angefangen Sachen zu fasseln, die selbst die Deutschen stutzig gemacht hatten.
    „Nein… nein… nicht! Nicht ins Stalag 13! ... Nein, nicht zu Colonel Hogan!“
    „A-a- aber warum s-s- sollte sie so w-w- was s-s- sagen?“, fragte Newkirk und runzelte die Stirn.
    „Die Frage ist erst mal, woher wusste sie von mir und das ich im Stalag 13 bin!“, entgegente Hogan. Er hatte schon lange hin und her überlegt deswegen. Es konnte ja sein, das ihr sein Name nicht gefiel oder das sie ihn wegen sonst was nicht leiden konnte, das war nicht das Problem und tat nichts zur Sache! Aber woher wusste sie, das er überhaupt existierte und noch etwas…
    „Wieso vertraut sie uns? Ich meine, hast du das denn nicht bemerkt? Nachdem ich ihr meinen Namen genannt habe, war sie sofort nicht mehr so verängstigt und schon in Klinks Büro war ihr Verhalten auf mich eigenartig gewesen. Und bei den Verhören sagt sie dann sowas?“, sprach Hogan seine Gedanken laut aus und in Newkirks Gedächtnis begann es zu arbeiten.
    „C- Colonel, sie w-w- wollten sie nicht z- zufällig d- danach fragen?“
    Nun stutzte Hogan. „Ich habe zuerst mit dem Gedanken gespielt, doch dann hielt ich es für keine gute Idee. Warum, hast du was bemerkt?“
    „Ich n- nicht, a-a- aber S- Samantha. Nachd-d- dem sie d-d- draußen waren h- hat die K- Kleine m- mich danach ge- ge- gefragt u- und gesagt, sie h- hätten ausgesehen, a-a- als ob s-s- sie etwas w- wüßten, w- was sie uns n- n- nicht sagen w-w- wollten oder k-k- konnten. Ich habe e-e- es als, e-e- entschuldigen s-s- sie bitte denn A-a- Ausdruck, als normale O- Offiziermacke a-a- abgetan.“
    „Danke auch! Aber könnte das nicht darauf hindeuten, das die Kleine schon von alleine auf so was gewartet hatte? Das sie wusste, das ich mich über irgendwas wundern mußte, wenn ich ihre Akte gelesen hatte.“ Hogan fing wiedermal an im Tunnel auf und ab zu gehen und seine Mütze durchzukneten.
    „M-m- meinen sie w- wirklich, S- Sir?“, fragte Newkirk skeptisch. Ihm ging es quer gegen den Verstand, wenn er daran dachte, die Kleine könnte jemand anderer sein, als sie vorgab.
    Colonel Hogan erzählte ihm von Klinks verschwundener Akte, aber statt das es wie bei Hogan einige Lichter aufgingen ließ, verwirrte es Newkirk nur noch mehr.
    „Na ja, alles erklärt das natürlich nicht, aber vielleicht denken die Deutschen durch diese Aussagen, das sie mehr über mich weiß. Deshalb sind die Akten so ungeheuer wichtig, das Klink sie auf keinen Fall verlieren will. Oder ich habe irgendwas übersehen, daß..."
    „C- C - Colonel, wenn i-i-i- ich so f-f- frei sein d-d- darf…“, unterbrach Newkirk ihn.
    „Nur zu.“
    „D-d- das ist aus- g-g- gemachter B-B- Blödsinn, Sir!“
    „Noch fehlen zuviel Puzzelteile, ich weis! Deshalb brauch ich dich ja!“
    Newkirk setzte in Erwartung von etwas Unangenehmen eine äußerst skeptische Miene auf. Immer, wenn Colonel Hogan jemanden so die Hand auf die Schulter legte und dabei die Stimme senkte, bedeutete das meistens nichts Gutes für denjenigen.
    Und Newkirk täuschte sich nicht…
    „Dir vertraut die Kleine doch am ehesten, oder?“
    Unsicher nickte Newkirk und ahnte dabei schlimmes.
    „I-i- ich soll s-s- sie aushorchen, o-o- oder?“, fragte er zögerlich und hoffte dabei, die Anzeichen falsch gedeutet zu haben.
    Hogan nickte und fühlte sich schlecht dabei, das er Newkirk so eine Aufgabe aufs Auge drücken mußte, aber es ging nicht anders.
    "Entweder sie weis mehr über uns, als sie zugibt und steht auf unserer Seite und ist deshalb so vertrauensselig oder sie arbeitet - mit Absicht oder nicht - für die andere Seite oder es ist wiederum ganz anders... Aber egal was am Ende dabei rauskommt, wichtig dürfte die Information allemal für uns sein."
    Newkirk war alles andere als wohl dabei. Samantha vertraute ihm anscheinend und wenn er sie jetzt aushorchen mußte, kam ihm das wie Verrat vor, doch er nahm den Auftrag an.
    „C-c- Colonel, was i-i- ist eigentlich bei K-K- Klinks Post rausg -g- gekommen?“
    „Danach muss ich jetzt erst mal schauen und du gehst am besten ins Bett, sonst kippst du mir noch um, so wie du aussiehst!“
    Hogan grinste Newkirk aufmunternd zu, aber diese lächelte nur gequält zurück.
    Er würde jetzt sowieso nicht schlafen, sondern nur an Samantha denken können. Trotzdem ging er nach oben und legte sich auf seine Pritsche.


    „So, dann wollen wir doch mal sehen…“, murmelte Hogan und öffnete Klinks Post.
    „Rechnung… Rechnung… Pornoheft… Rechnung… ah!“
    Da hatte er es ja! Eine wichtig aussehende Mitteilung von einem gewissen General Bauer.
    Hogan las die Mitteilung ein paar mal durch und wurde nicht so recht schlau aus ihr. Anscheinend mußte es schon vorher solche Briefe gegeben haben, denn der Kerl bezog sich immer wieder auf „Sie wissen schon was…“ und „In meinem letzten Brief habe ich ihnen ja schon…“
    Verdammte Scheiße! Schon wieder Fragen und keine Antworten und allmählich wurde sein gesamter Verstand zu einem einzigen Fragezeichen. Wenn er weiter solches verrücktes Zeug irgendwie zusammenpuzzeln mußte, würde er noch verrückt werden.
    „Kinch… Kinch, komm mal runter!“, rief Hogan hoch und bald darauf kam der schwarze Sergant die Leiter runter.
    "Frag London mal über einen gewissen General Bauer aus und ob die was über Projekt „Nervenriß“ wissen.“
    „Äh… Nervenriß?“ Kinch machte ein dummes Gesicht.
    „Keine Ahnung was das heißen soll, aber es steht hier. Habt ihr irgendwas bei den Wachen erfahren?“
    „Leider nichts! Bloß das übliche Blabla, aber nichts über Sparmaßnahmen oder über die Kleine.“
    „Da kann man nichts machen. Sag mir bitte sofort bescheid, wenn du was neues von London hast, das uns weiterhelfen könnte, sonst platzt mir noch der Schädel.“
    Hogan rieb sich die Schläfen und ging nach oben.
    Erst setzte er sich an den Tisch im Hauptraum, doch Newkirk, der endlich doch noch Schlaf gefunden hatte, schnarchte so laut, daß er sich nicht konzentrieren konnte.
    Draußen spielten die Gefangenen Volleyball, darum würde er auch da keine Ruhe finden, blieb bloß noch sein Büro…
    Ganz vorsichtig klopfte er an und als keine Antwort kam, schlich er hinein.
    Samantha schlief fest und so konnte er es riskieren, sich eine Weile hier niederzulassen.
    Hogan schnappte sich Bleistift und Papier und kritzelte alles auf, was die bisher wußten. Kreiste besonders wichtige Fragen ein und erstellte sich einen Plan über die weitere Vorgehensweise.
    Diesen Trick hatte ihm mal ein ehemaliger Lehrer in der Highschool gezeigt, nachdem er bemerkt hatte, das Hogan fiel besser sein könnte, wenn er sich nur mal etwas weniger chaotisch verhalten und Ordnung in seine Gedanken bringen würde.
    Es funktionierte tatsächlich!
    Hogan gewann seine alte Zuversicht zurück und neue Pläne setzten sich in seinem Kopf zusammen. Informationen, das war das Schlüsselwort! Sie brauchten einfach noch mehr Informationen um an des Rätsels Lösung zu kommen.
    Anscheinend war die Schlüsselfigur Bauer und dank Kinch war dieses Problem schon in Arbeit, also gab es im Moment nichts, was er noch tun konnte.
    Mit einem Lächeln schaute er zu Samantha hinüber. Die Kleine schlief immer noch fest und sah im Schlaf wie ein unschuldiger Engel aus, obwohl Hogan stark bezweifelte, das sie das im wachen Zustand auch war.
    Die Kleine hatte manchmal ein Glitzern in den Augen, das dem Colonel gefiel, das er aber nicht so richtig einordnen konnte. Seine Männer hätten ihm da weiterhelfen können. Es war das gleiche Leuchten in den Augen, das Hogan selbst immer bekam, wenn er eine verrückte Idee ausbrütete, oder mal wieder dabei war irgendwelche Deutschen nach Strich und Faden zu verarschen.
    Er seufzte laut und kam sich schon im nächsten Moment reichlich bescheuert dabei vor. Hier saß er nun, blickte auf ein kleines Mädchen hinab und begann zu seufzen…
    Er grinste und machte sich daran, zu überlegen, wie er Klink die gestohlene Post und die Akten wieder unterjubeln konnte, ohne das dieser merkte, das er sie überhaupt gehabt hatte.


    Klink hatte derweil ganz schön Bammel wegen der Akten.
    General Bauer hatte sich für die Nacht angemeldet und wollte die Akten wieder abholen, weil von ihnen keine Kopien existierten und er sie dringend brauchte – und nun waren die Scheißdinger irgendwie weggekommen!
    „Was mach isch denn nu?" Klink schenkte sich vor Schreck gleich noch einen Cognac ein und trank ihn in einem Zug aus.
    Nur zu gut erinnerte sich noch an den ersten Besuch dieses Generals!


    Kapitel 8: Mit Zuckerbrot und Peitsche


    Vor drei Wochen…
    Ein Gestapowagen fuhr mitten in der Nacht durch das Tor von Stalag 13.
    Völlig unbemerkt von allen Gefangenen stieg ein einzelner Mann aus und näherte sich den wachhabenden Spieß.
    Es war wahrscheinlich übermenschlichen Glück gewesen, das Schultz gerade durch ein wenig Bauchschmerzen wegen zu vieler Schokoladenriegel aufgewacht war, sonst hätte er den Weg nach Stalingrad zu Fuß zurücklegen müssen, nur um dort sofort erschossen zu werden.
    „Feldwebel, ich möchte sofort den Kommandanten sprechen!“
    Schultz, der nicht gleich erkannte, wenn er da vor sich hatte, grinste.
    „Ja, mei, wenn sie das wollen, müssens scho ein wichtiger General sein, sonst reißt ihnen der Olde denn Kopf ab.“ Schultz lachte auf, doch bald blieb ihm die Luft weg.
    Der Mann war in den Lichtkegel einer Lampe getreten und nun erkannte Schultz, das es tatsächlich ein General war, der da vor ihm stand.
    „Oh Gott, verzeihnse mein Herr, aber sie wissen doch, das ich um diese Zeit fragen stelln muss un i hab sie och net glei erkannt, gell… „
    Schultz hätte wohl vor Schreck noch eine Stunde weiter so rumstottern können, hätte der General ihn nicht unterbrochen.
    „Sie können ihre absolute Dämlichkeit wieder wettmachen, wenn sie mich sofort zu Klink führen. Also Bewegung, Feldwebel!“
    Schutz zuckte zusammen und machte, das er zu Klink kam.
    Der war nicht sonderlich begeistert von der nächtlichen Störung und ging maulend und murrend in sein Büro, wo der General schon auf ihn wartete.
    „Was wollnse?“, fragte Klink kurz angebunden und gähnte laut.
    Der General sah ihn an, als hätte Klink ihm gerade verkündet, das die Erde eine Scheibe ist.
    „Oberst, sind sie blind oder geistig unterentwickelt?“, fragte er gefährlich ruhig.
    „Nö, bin isch beedes nich, wieso?“
    Schon im nächsten Augenblick wünschte Klink sich, er wäre im Bett geblieben.
    Der General explodierte förmlich und der Oberst hätte schwören können, das Gebrülle von ihm könnte man noch in Berlin hören und der Schnurrbart würde davon aufwachen.
    "Wenn sie nicht blind sind, müßten sie einen General eigentlich ordnungsgemäß begrüßen können, oder nicht? Erst dieser fette Feldwebel und dann sie! Was ist das hier? Ein Zirkuszelt mit lauter Verrückten drin?"
    Klink wurde immer kleiner, während der General eine Reihe übelster Verwünschungen auf ihn und Schultz niederprasseln ließ.
    Eigentlich hätte der Oberst diesen ja für relativ sympathisch eingeschätzt.
    Er war älter als Klink, vielleicht Ende fünfzig, und er sah von der Statur so aus, als wäre er immer noch an der Front, mit breiten Schultern und einer muskulöser Statur. Seine Augenfarbe war wie die seiner Haare Hasselnußbraun, obwohl das Haar schon von vielen grauen Strähnen durchzogen war, die ihm Autorität verliehen. Seine Stimme war nicht kalt und auch nicht übertrieben schleimerhaft, sondern ein wenig rauh und dunkel.
    Ja, eigentlich ein ganz netter Kerl, aber hätte man Klink im Moment nach ihm gefragt, dann hätte er wahrscheinlich geantwortet, das dieser Kerl der Hölle entsprungen sein mußte.
    Es dauerte eine ganze Weile, bis der General sich wieder beruhigt hatte. Er schaute Klink auffordernd an und dieser verstand zum Glück, was er von ihm wollte. Klink knallte die Hacken zusammen und salutierte in so strammer Haltung, das man fast hätte meinen können, er müßte platzen.
    "Schon besser. Mein Name ist General Bauer und ich muß mit ihnen in einer äußerst geheimen Angelegenheit sprechen." Er blickte vieldeutig zu Schultz und dieser verstand. Er tat sogar nichts lieber, als sich mit einem Salut zu verabschieden, um sich von seinem halben Herzinfarkt zu erholen.
    Klink, der gewartet hatte, bis Schultz nach draußen verschwunden war, hatte aus seinem ersten Fehler gelernt. Er ließ seine Vorträge über das "sichrste Gefangnenlacher Deutschlands" entfallen und bot dem General artig einen Stuhl an und setzte sich erst, als dieser schon Platz genommen hatte.
    Bauer quittierte es mit einer schon viel freundlicheren Miene.
    "Klink, können sie mir garantieren, das dieses Büro abhörsicher ist?", fragte er mit leiser Stimme und schaute sich mißtrauisch in dem Büro um.
    "Aber sicher doch! Hier kommt ke Wort raus, was drinne bleim soll und aus meener Gusche och nich, nichar!"
    Bauer sah alles andere als überzeugt aus, und im Normalfall wäre das auch durchaus berechtigt gewesen, doch in dieser Nacht schliefen die Helden und bekamen noch nicht einmal mit, das überhaupt jemand dagewesen war.
    "Nun ja, ich vertraue ihnen da mal. Aber meine Sache ist wirklich von äußerster Wichtigkeit und wenn sie mißlingt, könnte es mich das Leben kosten- und ihres damit auch.", fügte er noch hinzu.
    Klink schluckte und fragte sich gleichzeitig, warum Bauer jemanden erst so anschnauzte, um sich somit unbeliebt zu machen, nur um dann zu erzählen, das er dessen Hilfe bei einer lebenswichtigen Angelegenheit brauchte.
    "Um was gehtsen?" Klink hätte diese Frage am liebsten nicht gestellt, denn eigentlich wollte er lieber einen auf Schultz machen und nichts sehen und hören. Bauer machte ihn mißtrauisch. Der Kerl schien so viele Gesichter zu haben wie der Teufel persönlich. Ein falscher Schritt und man war Kanonenfutter!
    "Ich bin einer Untergrundorganisation auf der Spur, die so groß und vielschichtig ist, das sie das Ende des Krieges deutlich beeinflussen könnte.", sagte Bauer immer noch flüsternd. Sein Blick wanderte gehetzt durch das Zimmer und schien in jede noch so kleine Lücke vordringen zu wollen. Es lag nicht unbedingt ein Ausdruck von Angst in seinem Gesicht, aber er fühlte sich sichtlich nicht ganz wohl in seiner Haut.
    "Intressant, aber was hatten das mit mir und meinem Lacher zutun?", fragte Klink mißtrauisch.
    Er hatte schon alleine mit Hochstetter und seinen dauernden Anschuldigungen zu kämpfen, doch wenn der jetzt auch noch damit ankam, würde er ganz allmählich die Geduld verlieren. Kriegten diese Oberbonzen in Berlin denn nicht mit, das dies das sicherste Lager Deutschlands ist und es nur einem dummen Zufall zu verdanken war, das in dieser Gegend ungewöhnlich viele Sabotageakte stattfanden?
    "Ich habe jemanden festgenommen und der soll in ihr Lager kommen. Sagen wir mal, es ist eine Art Lockvogel und zusammen mit gewissen anderen Dingen machen wir die Bande hoffentlich bald dingfest." Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht, das Klink eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
    "En Lockvogel? Wer solln das sein?", fragte Klink weiter. Es gefiel ihm nicht, das sein Lager für irgendwelche Kinderreihen mißbraucht werden sollte. Wie oft waren schon Offiziere und Generäle hier gewesen und hatten von Spionage und sonst was für Tunnel gelabert und am Ende war's bloß kalter Kaffee gewesen? Sehr oft, wenn er genau nachdachte und entweder hatten sich die Pappenheimer dann selbst als Spion herausgestellt oder sie waren geflüchtet oder umgekommen, doch nie hatte man ihm und seinen Gefangenen irgendwas nachweisen können.
    "Das werden sie schon noch früh genug erfahren. Ich werde hier in nächster Zeit öfters auftauchen, aber das soll nicht unbedingt jeder mitbekommen, haben wir uns verstanden? Entweder ich schreibe ihnen einen Brief oder ich komme in der Nacht. Sie sorgen dafür, das die Gefangenen in der Nacht auf keinen Fall ihre Baracken verlassen und auch die Briefe dürfen sie nie in die Hände bekommen. Die Sache muss geheim bleiben."
    Klink hörte gespannt zu und bekam langsam mit, das hier was großes im Gange war. Es war nicht einfach nur eine Überraschungsinspektion oder mehr Wachen an den Zäunen, dieser General wollte scheinbar über einen längeren Zeitraum agieren und der Oberst hatte da so ein Gefühl, als ob dieser hier nicht so bescheuert wie seine Vorgänger sein würde.
    "Keene Sorche! Da paß ich off wie e Schießhund, das mir nichts durch de Lappen geht. Und von was für weiteren Aktionen reden se da eischentlich?", fragte Klink neugierig, doch der General winkte ab.
    "Sie werden das alles noch zu gegebener Zeit erfahren, nämlich dann, wenn ich es für richtig und sicher halte. Im Moment müssen sie bloß eins wissen: Wenn ich ihnen etwas befehle oder etwas anordne, dann will ich, das mein Befehl ohne zu Fragen oder zu Murren ausgeführt wird!" Seine Ton klang warnend und Klink nickte so heftig mit dem Kopf, das Bauer schon befürchtete, der Kerl würde sich das Genick brechen.
    Nachdem Klink scheinbar bis ins Unendliche eingeschüchtert war, entspannte sich Bauer etwas. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und machte ganz den Eindruck, als ob er gerade eine große Hürde genommen hätte.
    "Klink, sie sind kein schlechter Kerl und ich finde, wir sollten unseren mißglückten Start miteinander vergessen. Was meinen sie dazu?"
    Klink nickte nochmals heftig. Er war so verwirrt von den plötzlichen Stimmungswechseln des Generals, das er sogar genickt hätte, wenn Bauer vorgeschlagen hätte, freiwillig an die Ostfront zu gehen und sich als Zielscheibe anzubieten.
    "Ich sage nichts gegen sie und ihr Lager. Jeder hat sein Kreuz zu tragen und sie müssen ihre Sache gut machen, sonst würden sie ja nicht so einen fabelhaften Rekord halten, oder? Wie dem auch sei, wollen wir nicht einen kleinen Cognac trinken und auf eine gute Zusammenarbeit anstoßen?"
    Langsam erwachte Klink aus seiner Starre.
    "Na gut, meinetwechen, ich trink um diese Uhrzeit gewöhnlisch nischt, aber mar kann ja mal ne Ausnahme machen, nichar!"
    Klink machte die Gläser voll, wobei er die Hälfte verschüttete, weil seine Finger noch so zitterten.
    Der General verschwand nach einer halben Stunde genauso unauffällig, wie er gekommen war und Klink stand noch immer fassungslos vor der Kommandantur.
    "Schultz, ich globe die nächsten Tage und Wochen werdn nervenoffreibend sein! Aber dieser General Rauer..."
    "Bauer, Herr Kommandant.", verbesserte Schultz ihn automatisch.
    "Na eben och so, is zwar e bissl schizo, eischentlich aber e ganz netter Bursche, wenn mer sich rich verhält."
    "Na wenn sie's sagen...", murmelte Schultz und war froh, das Klink ihn nicht gehört hatte.


    General Bauer saß in seinem Wagen und mußte schmunzeln.
    "Das ging ja leichter als einem Baby den Schnuller zu klauen!" Er hatte gewußt, das Klink nicht gerade jemand von der schlauen Sorte war, aber das dieser Kerl so leicht zu beeinflussen war, hätte er nicht gedacht.
    "Aber besser so als anders.", fügte er noch hinzu und blickte über die Schulter nach draußen, ob ihm vielleicht ein Wagen folgte. Es gab Leute, die waren ganz und gar so begeistert von seiner Heimlichtuerei, es gab sogar welche, die hielten ihn für einen Spion. Der General lachte, wie es selbst Cruella DeVille nicht besser gekonnt hätte.
    "Einfach lächerlich! Aber am Ende werden sie schon sehen, was sie davon haben. Auf Händen werden sie mich tragen, wenn ich ihnen die Untergrundorganisation auf einem silbernen Tablett präsentiere." Er schnaubte verächtlich, wenn er an Hochstetter dachte. Dieser kleine Giftzwerg von der Gestapo versuchte nun schon seit über zwei Jahren besonders Hogan und seine Truppe dingfest zu machen und er befaßte sich noch nicht mal einen Monat mit diesem Fall und war seinem Ziel schon so nahe...


    Gegenwart
    Klink schluckte, wenn er daran dachte, wie wütend Bauer sein würde, wenn er die Unterlagen nicht mehr hatte. Wenn er schon so explodiert war, nachdem Klink ihn nur falsch begrüßt hatte, was dann jetzt? Ein Erschießungskommando wäre da wohl noch das geringste, dachte Klink und stürzte einen weiteren Cognac hinunter.
    Bei seinem zweiten Besuch hatte Bauer ihm schließlich einige Unterlagen gegeben, unter ihnen auch die von Samantha.
    "Und nun zu diesen Akten, Klink! Die sind sehr wichtig und es existieren keine Kopien von ihnen."
    "Warum denn nich?", hatte er gefragt.
    "Je mehr Kopien es gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit das eine davon in falsche Hände gerät oder verlorengeht, verstanden? Das kann ich nicht riskieren... und sie damit auch nicht! Passen sie auf die Dinger auf und sorgen sie dafür, das noch nicht mal ihr Adjutant oder ihre Sekretärin oder sonstwer Zugang bekommt."
    Bauers Stimme war bei den letzten Sätzen wieder ganz leise geworden und Klink hatte den Ernst der Lage gespürt – so wie er ihn auch jetzt spürte!
    Abermals suchte der Oberst alles ab. Selbst unter den Schränken und in jeder noch so kleinen Spalte schaute er nach, ob sich die Unterlagen nicht dorthin verirrt haben könnten.
    Aber da war nichts!


    Hogan waren derweil auch noch keine brauchbaren Ideen gekommen, wie er die Unterlagen zurückschmuggeln konnte. Wenn sie jetzt einfach in Klinks Büro wieder auftauchten, würde das den Verdacht sofort auf ihn lenken und das konnte er sich nicht leisten. Klink war so verzweifelt am Suchen, das er beim Bestrafen des Schuldigen wahrscheinlich was Dummes anstellen konnte und soviel wie im Moment zutun war, konnte Hogan es sich nicht leisten, wegen sechs Monaten Arrest auszufallen.
    "Colonel?"
    Kinch riß ihn aus seinen Gedanken und der Colonel schreckte hoch.
    "Was gibt’s?", fragte er, nachdem sein Puls wieder normal schlug.
    "Ich habe Neuigkeiten von London. Sie wissen zum Glück einiges über Bauer, aber ich bin mir nicht sicher, ob es uns unbedingt weiterhilft."
    "Ok, ich komme. Ruf schon mal die anderen zusammen."
    Kinch ging wieder und Hogan stand ebenfalls auf. Er hoffte inständig das es keine neuen Fragen geben würde, da waren ihm im Moment sogar schlechte Neuigkeiten noch lieber.
    "Hoffentlich steckst du da nicht allzu tief mit drin.", flüsterte Hogan und strich Samantha übers Haar. Nach längerem Überlegen war er zu dem Schluß gekommen, das Samantha und Bauer irgendwie zusammenhingen. Es gab keine eindeutigen Hinweise darauf, aber sein sechster Sinn sagte es ihm und der hatte sich bis jetzt noch nie getäuscht – oder zumindest nur äußerst selten.
    Kinch gab Hogan einen Zettel, auf dem er alles, was er von London erfahren hatte, draufgekritzelt hatte.
    Hogan las es aufmerksam durch und seine Augen wurden immer größer.
    "Wusst ich’s doch!"
    Außer Kinch schauten ihn alle fragend an und Hogan beeilte sich, seinen Männern alles zu erklären.
    "Klink scheint neuerdings Verbindung mit einem gewissen General Bauer zu haben. Ich weiß nicht inwieweit unser lieber Oberst mit drinsteckt, aber unser erster Eindruck hat uns nicht getäuscht: Bauer plant da was Großes. Er ist für die Räumung des Lazaretts verantwortlich; er hat die Medizin gestrichen und sein letzter Brief wies an, uns unsere Rot- Kreuz- Pakete zu nehmen."
    Das verursachte erst mal eine kleine Schockwelle. Nachdem die Helden wieder ihre normale Hautfarbe angenommen hatten, fuhr der Colonel fort.
    "Bauer arbeitet weitesgehend allein und wenn unsere Informanten bei der Gestapo recht haben, dann ist er dort nicht sonderlich beliebt. Zur Zeit steht er unter Beobachtung."
    "Das ist mal wieder typisch. Nur weil mal einer nicht mit diesen Schornsteinfegern zusammenarbeiten will, wird er gleich verdächtigt ein Spion zu sein!", sagte Carter und Newkirk sah in verwirrt an.
    "U-u-und wieso findest d-d- du das Sch- sch- scheiße? Ist d-d- doch gut für u-u- uns, so k-k- können w-w- wir diese Mistratte a-a- ausradieren u-u- und die Gestapo d-d- denkt dann ei-ei- einfach, das e-e- er desertiert i-i- ist o-o- oder s- so ähnlich. Stimmt d-d- doch, oder S- Sir?", wandte sich Newkirk an Hogan.
    "Eigentlich schon, aber dieser Bauer ist nicht so blöd wie seine Vorgänger. Ich habe ihn noch nie zuvor hier gesehen und wenn er sich doch schon privat mit Klink getroffen hat, was ich stark annehme, dann entweder außer Haus oder wir hatten Tomaten auf den Augen genau wie beim Lazarett... und der Gestapo... und den Medikamenten."
    "`ört sich reichlich entmutigend an, mon Colonel.", meinte LeBeau und starrte den Brief an, den Hogan in die Runde gegeben hatte.
    "Und noch was, er ist wahrscheinlich dafür verantwortlich, das Samantha bei uns gelandet ist.", fügte Hogan hinzu und blickte zu Newkirk.
    "Glauben sie, sie hat was damit zu tun?", fragte Carter und bekam sofort von Newkirk eine deftige übergezogen.
    "T-t- Trottel, natürlich n-n- nicht! Aber s- sie könnte u- uns vielleicht w-w- weitere Informationen g- geben, d- die sie u- unbewußt aufgeschnappt h-h- hat oder wie k-k- könnte sie sonst noch d- drin hängen, S- Sir?", fragte Newkirk und sah den Colonel flehentlich an, das dieser ihm doch bitte zustimmen möge.
    "Natürlich glaube ich nicht, das Samantha eine Spionin ist!", antwortete Hogan mit einem Grinsen und Newkirk atmete erleichtert auf. Hogan fühlte allerdings in seinem Herzen, das sich seine Worte viel zuversichtlicher anhörten, als er sich war.
    "Kinch, es wurde doch ein Projekt "Nervenriß" erwähnt, vielleicht hilft uns das irgendwie weiter. Alles was dieser Kerl bis jetzt angestellt hat, war uns bald zum Überschnappen zu bringen.", murmelte der Colonel, allerdings mehr zu sich selbst als zu seinen Kameraden.
    "Ja und, was `at das damit zutun?" fragte LeBeau. Er konnte seinem Vorgesetzten nicht ganz folgen, aber das kam bei dessen verrückten Einfällen ja häufig vor.
    "Na alles war eine einzige Provokation! Er will uns zu einem Fehler verleiten und ich bin mir nicht sicher, wie lang er uns schon beobachtet. Wir müssen unbedingt rauskriegen wieviel der Kerl schon über uns weiß und ob es nicht besser wäre, die Sachen zu packen und zu flitzen."
    Nun klappte wirklich allen der Kiefer herunter.
    "Das können sie doch nischt ernst meinen, Colonel!", sagte LeBeau mit heißerer Stimme.
    "Doch, das meine ich todernst! Die Sache wird kniffliger, je mehr wir darüber erfahren und diesmal könnte es wirklich ganz schön in die Hose gehen, wenn wir den Kerl nicht beseitigen und seine Beweise unschädlich machen."
    Die Befürchtungen des Colonels drückte die Stimmung der Helden enorm und sie waren sich nicht sicher, was sie von der Sache zu halten hatten. Einerseits wünschte sich jeder von ihnen im geheimen mal wieder aus dem Lager zu kommen und das nicht nur für nächtliche Aktionen... anderseits... Wie vielen Menschen hatten sie hier schon geholfen und wie viele Pläne der Deutschen vereitelt? Sie mußten einfach weitermachen!
    Darum waren sie alle ganz besonders bei der Sache, als es darum ging, Wachen aufzustellen und ausnahmsweise war kein Murren und Protestieren dabei zu hören.


    Klink tigerte in seinem Büro auf und ab. Bauer würde bald ankommen und noch waren die Unterlagen nicht wieder aufgetaucht!
    "Der bringt mich um, der bringt mich um, der...!", murmelte der Oberst vor sich hin und ihm trat der Schweiß auf die Stirn.
    Dann hörte er die gefürchteten Schritte des Generals und er hätte sich am liebsten mit einem Sprung aus dem Fenster in Sicherheit gebracht. Es wäre besser gewesen sich dabei vielleicht alle Knochen zu brechen, als Bauer die schlechte Nachricht zu überbringen.
    Doch zu spät!
    Schon kam der General zur Türe herein und begrüßte Klink. Der Oberst hatte aus seiner ersten Begegnung gelernt und wollte den General nicht noch weiter verärgern, darum grüßte er mit allem militärischen Schnickschnack zurück.
    "Mein lieber Oberst Klink, ich darf ihnen mitteilen das fast alles nach Plan verläuft und das ich sehr stolz auf sie bin!" Der General klopfte ihm auf die Schulter und goß Klink ein Glas Wein aus der Flasche ein, die er selbst mitgebracht hatte.
    Klink lächelte gequält zurück und dachte daran, das er wahrscheinlich die Flasche auf seinem Kopf zertrümmern würde, wenn er von den verschwundenen Akten erfuhr.
    "Ich meine, nicht jeder hätte standhalten gehalten in ihrer Situation und um ehrlich zu sein, ich dachte schon fast, sie würden weich werden. Aber sie sind ein Tiger, das haben sie mir jetzt bewiesen und darum will ich ihnen alles erzählen und sie nicht mehr länger im Dunkeln tappen lassen."
    Klink wurde dadurch nicht wohler zumute und er wußte auch nicht genau, ob er wirklich wissen wollte, was der General noch vorhatte... und von was für einer Tat sprach er eigentlich?
    "Was menense denn damit? Was hab ich denn getan, das se so beeindruckt hat?", fragte er zögerlich und zuckte schon von der bloßen Erwartung eines Wutanfalls zusammen.
    Doch der blieb aus.
    "Bescheidenheit ist etwas großartiges, Klink, und anscheinend stellen sie sich gern unter den Scheffel. Ich meine, das sie die Medikamente zurückgehalten haben, obwohl die kleine Irin fast am abkratzen war! Ich kenne ein paar Leute, die dabei schwach geworden wären, aber nicht sie! Großartig von ihnen und sie haben Hogan auch wie abgemacht denn Brief von Berlin gezeigt, damit dieser glaubt, das ganz Deutschland davon betroffen ist und die Sache nichts mit ihnen oder jemanden wie mir zutun hat."
    Der General klatschte in die Hände und stieß mit einem recht verwirrten Klink an. "Auf ihr Wohl mein Lieber und das unsere Arbeit hoffentlich bald von Erfolg gekrönt sein wird!"
    Und sie an die russische Front kommen, fügte Bauer noch in Gedanken hinzu, sagte es aber nicht laut. Klink mochte vielleicht jetzt noch etwas zittrig sein, aber bald würde er sich der Komplimente bewusst werden. Dieser Oberst war leichter um den Finger zu winkeln als eine Frau. Bauer wußte, das der Oberst mächtigen Respekt vor ihm hatte, doch gleichzeitig mochte er ihn auch. Mit Zuckerbrot und Peitsche hatte der General Klink in seine Gewalt gebracht und bald würde die Untergrundorganisation ins schwitzen kommen – und das zu recht!
    `Glei wirdr nich mehr lachen`, dachte Klink für sich und schluckte. Je länger er es hinauszögerte, desto wütender würde der General werden, aber wie brachte er es ihm am schonensten bei?
    Bauer hatte recht gehabt mit seiner Einschätzung von Klink. Der Oberst fürchtete den General, doch gleichzeitig sah er ihn auch als eine Person, die ihn endlich die lang ersehnte Beförderung zu Teil kommen lassen würde.
    "So Klink und nun weihe ich sie weiter ein. Ich nehme mal an, sie haben den Brief erhalten, den ich ihnen geschickt habe und die Rot-Kreuz-Pakete bereits konfisziert?"
    Klink stutzte.
    "Nö. Ich hab noch keene Briefe bekomm, aber de Post is hier selten pünktlich. Alles gute Personal is an der Front, nichar." Klink wartete skeptisch, ob er sich mit diesem unüberlegten Spruch nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, doch der General lachte auf und Klink entspannte sich wieder.
    "Da haben sie wahrscheinlich recht und wenn ich mal etwas weiter ausgreifen darf... Vielleicht wird der Krieg dank uns zweien bald ein Ende finden und dreimal dürfen sie raten, wer der Gewinner sein wird!"
    "Äh... de Deutschen?"
    "Gut Klink, gut, der Kandidat bekommt hundert Punkte. In dem Brief stand, das sie die Rot- Kreuz-Pakete einsammeln sollen. Ich habe hier ein gefälschtes Schreiben aus Berlin, das dies befiehlt. Halten sie es Hogan unter die Nase, wenn er Probleme macht.
    Und, mein lieber Klink, was meinen sie, wozu das gut ist?"
    "Keene Ahnung? Sparmaßnahmen?"
    Gott hat der eine lange Leitung, seufzte Bauer im Stillen und konnte innerlich nur den Kopf schütteln über den Kommandanten. Aber noch war es Zeit, den guten Onkel zu spielen, damit Klink nicht bemerkte, das es ihm gleichermaßen wie Hogan an Kragen gehen würde, wenn er erfolgreich war.
    "Nein Klink! Die Sparmaßnahmen waren doch auch bloß getürkt. Wir wollen das Kaninchen aus dem Bau locken, das habe ich vor. Wir provozieren sie solange, bis sie einen dummen Fehler machen und dann werde ich zur Stelle sein. Im Wald habe ich überall versteckte Posten mit Kameras, genauso wie in Hammelburg. Bis jetzt habe ich schon genug Beweise, um sie alle hochgehen zu lassen, aber ich brauche noch mehr. Meine Vorgänger haben den Fehler gemacht und zu schnell losgeschlagen. Sie haben ihre Beweise alle am gleichen Ort zusammengetragen und mit sich rumgeschleppt, sodass sie spielendleicht alle auf einmal vernichtet werden konnten. Aber ich nicht! Ich sammel’ solange, bis es zu viele sind, um sie alle zu vernichten. Außer Renkner und Sauer habe ich keine weiteren Mitarbeiter, die über die Sache bescheid wissen und dabei bleibt es auch. Ich zähle weiterhin auf ihre Mitarbeit, aber selbst ihnen kann ich nicht verraten, wo sich die Beweise befinden und auf was sie hindeuten. Ich hoffe, sie sind deswegen nicht vor den Kopf gestoßen? Bei dieser verruchten Bande muß ich jedes Risiko vermeiden!
    Wir werden sie zerquetschen wie Kakerlaken! Wir werden sie ausrotten wie Ungeziefer. Wir werden sie lehren, sich uns in den Weg stellen zu wollen! Uns, der deutschen Rasse! Was halten sie davon, Klink?"
    Klink war erst mal so perplex, das er überhaupt nicht antworten konnte. Bauer hatte sich während seines Vortrags so hineingesteigert, das er Klink mit ein wenig Spucke besprüht hatte.
    Der Oberst ahnte für einen winzigen Moment, mit was für einen Irren, ja förmlich Besessenen, er es hier zutun hatte, doch die Erleuchtung war zu kurz, als das sich Klink weiter damit beschäftigte. Bauer saß wieder völlig ruhig in seinem Stuhl, lächelte Klink an und wartete auf eine Antwort.
    Wartete auf eine Antwort...?
    "Äh, nein, natürlich nich, ich versteh das vollkommen und ich finde, das es ein ausgezeichneter Plan ist. Ich hätte da mal übrigens eene Frage an sie, wenn se erlaum?"
    Bauer stutzte kurz.
    "Was denn? Fragen sie ruhig."
    Klink überlegte erst einen kurzen Moment, ob er sie wirklich stellen sollte. Der General hatte plötzlich einen durchbohrenden Blick bekommen und musterte den Oberst scharf.
    "Äh... na ja... de Sache is folgendermaßen... ich bin ja schon ziemlich lange hier un... ob se eventuell e gutes Wort für mich einlechen könnten, zwecks Beförderung zum General?"
    Bauer atmete auf. Während seines Vortrags hatte er etwas die Beherrschung verloren und Klink beinahe mehr verraten, als dieser wissen sollte und nun hatte er befürchtet, der Kommandant würde ihn darauf ansprechen.
    Doch dieser Trottel wollte bloß eine Beförderung! Bauer nickte lächelnd und klopfte Klink wieder auf die Schulter. Sollte der Oberst ruhig glauben, das er zum General befördert werden sollte, das würde ihn noch gefügiger und naiver machen, als er ohnehin schon war.
    "Na dann isses ja gut."
    Klinks Grinsen verschwand schlagartig, als er an die verlorenengegangen Akten dachte.
    "Äh, General... ich globe... ich muss ihnen was beichten."
    Oh nein, bitte nicht! Bauer sank in seinem Stuhl zusammen und machte sich schon mal bereit, das Zuckerbrot wieder einzupacken.
    "Die Akten von der Kleenen sin mir abhanden gekomm. Ich weß net wie, ich hab mein ganzes Büro durchsucht und ich kann mir bloß denken, das der Hogan gerne mehr über de Kleene wissen wollte und so weiter..."
    Bauer sprang auf und schnappte nach Luft.
    "Klink, ich werde sie..."
    Doch dann erhellte sich sein Gesicht plötzlich.
    "... für einen Orden vorschlagen! Sehen sie denn nicht, das sie mir damit geholfen haben? Wir wollen sie provozieren, wir haben ihnen sämtliche medizinische Versorgung genommen, doch das Hogan diese Akte in die Hände bekommt, daran habe ich noch gar nicht gedacht."
    Diesmal meinte es Bauer wirklich ernst. Klink hatte die Akte bloß durch Zufall an Hogan weitergegeben, aber das würde die Wirkung nicht im mindesten beeinflussen.
    Klink war nun gänzlich verwirrt.
    "Hä, wieso solln das helfen?"
    "Nun ja, in der Akte standen außer den Personalien auch einige Protokolle der Verhöre, die wir mit der Kleinen durchgeführt haben. Die Verhöre waren erfolglos geblieben. Die Kleine ist zäh, sie hat selbst meinen besten Leuten wiederstanden. Wir hätten sie natürlich noch zum Reden bringen können, doch dann ist mir was besseres eingefallen, mal ganz abgesehen von der Tatsache, das Ms. Gray wahrscheinlich sowieso nichts weiß. Aber ein was hat sie mir trotzdem mitgeteilt. Zwar nicht ganz freiwillig, aber..."
    "Und das wäre?", fragte Klink neugierig. Er hatte nicht einen Blick in die Akten geworfen. Die Grausamkeiten der Gestapo interessierten ihn nicht sonderlich und Hogan hatte sich der Kleinen angenommen, so daß deswegen auch kein Bedarf bestanden hatte.
    "Die hübsche Irin spricht im Schlaf. Zwar habe ich meistens nichts genaues verstanden, aber ein was hat mir doch sehr weitergeholfen. Sie ist..."

  • Kapitel 9: Von Kaffe und unkompliziertem Eigentumswechsel


    „Carter, pass doch auf Menschenskind!“, fluchte Hogan, als Carter mit seinem Ellbogen die Kaffeekanne von Tisch fegte, als er sich ruckartig umdrehte.
    „Sorry, war keine Absicht.“, entschuldigte sich der und zog den Kopf ein. Doch zu spät. Newkirk hatte ihm schon eine übergebraten. „K-k- kleine Schläge auf d-d- den H- Hinterkopf sollen j- ja bekanntlich d- das Denkvermögen erhöhen, a- aber b-b- bei dir sch- scheint das n- nicht s-s- so richtig zu f- funktionieren.“, bemerkte der Engländer, und zur Sicherheit probierte er es gleich noch mal.
    „Aua, Mensch du schlägst ja härter zu als meine Ma!“ Carter ging vorsichtshalber in Deckung, um nicht noch einen Schlag zu kassieren, doch das war nicht nötig.
    Newkirk hatte das Interesse an ihm verloren und starrte auf das Bett, indem Samantha saß.
    Sie war wach geworden, als sich alle um die Kaffeekanne versammelt hatten und hatte den Gesprächen aufmerksam gelauscht. Durch die gute Pflege von Newkirk und Rickman sah sie schon viel besser aus – oder hatte es zumindest getan!
    Jetzt saß sie aufrecht im Bett und war weißer angelaufen als eine Kalkwand und man konnte sehen, wie heftig sie zitterte.
    „W- Was hast d- du d- denn?“ Besorgt setzte sich Newkirk auf die Bettkante und strich ihr übers Haar.
    „G- Gar nichts! Mir war nur kurz schwindlig.“, stotterte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
    Newkirk war damit zufrieden, doch der Colonel schaute äußerst misstrauisch aus der Wäsche.
    Carter sah den Blick des Colonels und wollte seine Unachtsamkeit wieder gutmachen.
    "Samantha, kannst du uns vielleicht..." Noch ehe er den Satz zuende sprechen konnte, trat Kinch ihm auf ein Zeichen von Hogan hin kräftig auf den Fuß.
    Carter verbiß sich nur mit Mühe einen Schmerzensschrei und schaute den Sergant fragend an.
    Der schüttelte nur den Kopf und deutete auf Hogan.
    "Wir können sie nicht so einfach fragen! Wir müssen eben auf anderen Wegen herausfinden, was Bauer meinte und nun halt deinen Mund, du hast für heute schon genug angerichtet.", zischte ihm Hogan ins Ohr und war dankbar, das Samantha von alldem nichts mitbekommen hatte.
    Hogan dachte kurz darüber nach, das Samantha schon ziemlich nervös ausgesehen hatte, als das Gespräch auf sie gekommen war und gegen Ende schien jegliche Farbe aus ihrem Gesicht gewichen zu sein.
    Was hatte die Kleine bloß zu verbergen? Anscheinend steckte sie nicht mit Bauer unter einer Decke, das war schon mal sehr gut, aber wie hing sie da sonst mit drin?
    „Verdammte Scheiße! Carter, das war ein ausgesprochen schlechtes Timing.“ Fast wartete er darauf, das Samantha ihm widersprach und sagte, das es im Gegenteil ein äußerst gutes gewesen war, aber natürlich sagte sie nichts dergleichen.
    „Colonel, es kann weiter gehen.“, meldete sich Kinch und Hogan hatte keine Zeit mehr, sich weiter mit diesem sehr merkwürdigen „Schwindelanfall“ zu beschäftigen.
    Bauers Stimme plärrte durch den Lautsprecher.
    „Nein, ich lasse die Bombe in frühestens einem Monat platzen oder ich warte noch länger, sollte ich bis dahin noch nichts weiter in der Hand haben.“
    „Ne dann wünsch ich ihnen eene angenehme Hemreese, nichar. Und lassense von sich hörn.“
    Man hörte wie Klinks Tür ins Schloss fiel und dann Klink selbst, der es sich in seinem Stuhl bequem machte.
    „Puh, der is mehr als anstrengend! Aber meenen Generalstitel hab ich sicher! Was bin ich aber och...“


    „Kinch, du kannst die Kaffeekanne wieder ausmachen. Klinks Selbstgespräche über seine „tolle Person“ erspar ich mir.“, seufzte Hogan.
    „Mon Colonel, wenn das wahr ist, was dieser Bauer sagt, dann…“, sagte LeBeau und fuhr sich demonstrativ mit dem Finger quer über die Kehle.
    Carter schluckte laut und ließ sich auf einen Stuhl plumpsen. Seine Knie waren plötzlich sehr weich geworden und wollten ihn nicht mehr tragen.
    Alle sahen sie reichlich blass aus und keiner wusste so recht, was er sagen sollte. LeBeau hatte ihre Gedanken gut zusammen gefasst und die kleine, aber sehr eindeutige Geste, tanzte allen noch vor Augen.
    „Wir reden Morgen darüber, im Moment sind wir alle viel zu geschafft und brauchen dringend Schlaf. Aber macht euch mal keine Sorgen, mir fällt schon was ein.“, meinte Hogan aufmunternd und setzte ein schiefes Grinsen auf.
    Wenn er doch selbst so überzeugt wäre, wie es in seiner Stimme klang. Seine Männer konnte er damit beruhigen und sie gingen mit etwas Hoffnung ins Bett, aber sich selbst täuschen konnte er nicht.
    Entweder sie würden Bauer, Sauer und Renkner alle miteinander beseitigen und die Beweise noch dazu, oder sie würden wirklich flitzen müssen, das hieß, wenn das überhaupt noch möglich war! Und dann war da noch Samantha! Es war schon mal gut zu wissen, das sie definitiv keine Spionin war, noch nicht mal wider Willen, aber was hatte Bauer noch zu Klink gesagt? Sie hätte irgendwas ausgeplaudert, das sehr nützlich wäre? Was konnte die Kleine denn schon wissen?
    Am liebsten hätte er Carter den Hals umgedreht, aber das würde genausowenig nützen.
    Resigniert wandte er sich zum Gehen, bevor sein Blick auf Newkirk fiel.
    „He, du hast Schlaf dringender nötig als wir alle zusammen, also komm... und das ist ein Befehl!“
    Newkirk stand nur sehr widerwillig auf.
    „He, ich bin doch kein kleines Kind mehr. Ich komm schon mal ne Nacht ohne dich aus.“, bemerkte Samantha mit einem Grinsen, obwohl es Hogan wie sein eigenes vorkam:
    Vollkommen unecht!
    „A- ach w- wirklich? Und w- was ist m-m- mit dem sch- schwarzen M- Mann?“, fragte Newkirk und grinste ebenfalls.
    Samantha warf ihm ein Kissen entgegen und traf genau in Newkirks Gesicht.
    „H- he, du b-b- bist aber schon w- wieder g- ganz schön fit, w- wenn du s- so kräftig schießen k- kannst.“
    „Tja, kannste mal sehen.“, griente Samantha und fing das Kissen, das Newkirk zurückgeschossen hatte, geschickt mit einer Hand auf.
    „S- Stimmt, Unkraut v- vergeht n- nicht!“
    Wahrscheinlich hätten die beiden noch lange Zeit so weitergemacht, wenn Hogan Newkirk nicht am Kragen gepackt und rausgezogen hätte.
    „Ich komme mir langsam vor wie im Kindergarten. Erst muss ich zwischen Carter und Klink gehen und jetzt ihr beide. Ich müsste wirklich einen Zuschlag wegen sozialpädagogischen Leistungen bekommen!“, seufzte der Colonel theatralisch.
    Es erstaunte ihn ein wenig, das er so schnell wieder zu seinem Humor gefunden hatte. Samantha hatte bloß einmal zu lachen brauchen und schon hatte er die ganzen Probleme vergessen - und wenn es auch nur für kurz war.


    Es war wirklich nur für sehr kurz und schon als er erst fünf Minuten wieder im Bett lag, quälten ihn erneut die Sorgen um seine Männer und um die ganze Organisation. Er hatte sich nicht getäuscht. Bauer war weitaus schlauer als seine Vorgänger und anscheinend könnte er sie jederzeit hochgehen lassen. Und Klink? Der Kerl merkte noch nicht mal, das er sich selbst „ein Ei geschen de Schiene nachelt“! Er würde entweder gleich erschossen oder zur russischen Front geschickt werden (wobei Hogan vermutete, das gleich erschossen wohl besser war), wenn herauskam, das hier das Zentrum von vielen Schmuggel- Sabotage- und Spionageakten war.
    Bauer war wahnsinnig, aber er konnte es sehr gut verbergen. Nur während seines Vortrages hatte er die Beherrschung verloren und sein wahres Gesicht gezeigt. Hogan wusste nicht genau, ob Klink das mitbekommen hatte, aber bei dessen Naivität, war es durchaus denkbar, das dies nicht der Fall war.
    „Gott ist das alles zum Kotzen!“, fluchte Hogan in die Stille hinein.
    „Colonel, auch wenn sie mein Vorgesetzter sind und sie mit ihrer Be`auptung durchaus recht `aben, ISCH WILL SCHLAFEN!“, maulte LeBeau.
    Hogan entschuldigte sich kleinlaut. Er hatte sich noch immer nicht so richtig daran gewöhnt, nicht allein in seinem Büro zu schlafen, sondern mit bei seinen Männern, die durch die letzten nervenaufreibenden Strapazen hundemüde waren.
    Und nicht nur sie…, dachte Hogan und versuchte ebenfalls endlich mal abzuschalten und sich eine Mütze voll Schlaf zu holen.


    Der Morgenappell rückte leider viel zu schnell heran.
    „Gott, kann mal jemand den Alliierten Bescheid sagen, sie sollen endlich diesen verdammten Krieg gewinnen, damit ich mal wieder richtig schön ausschlafen kann?“, murrte Kinch und quälte sich aus dem Bett.
    „Nischt isch, isch bin zu müde dafür!“, antwortete LeBeau und zog sich die Decke wieder über den Kopf.
    Carter gähnte laut, bevor er mit gerunzelter Stirn in der Luft schnupperte.
    „Leute, hier riecht `s irgendwie komisch.“
    „Nicht komisch, sondern nach Kaffee!“
    Hogan setzte sich wieder mal viel zu schnell auf und stieß mit dem Kopf gegen die Decke.
    Hatte er sich gerade verhört, oder…
    Samantha stand am Ofen, zwei Krücken unter die Arme geklemmt und hielt eine Kaffeekanne empor, aus der der köstliche Duft stieg.
    „Morgen miteinander, ich dachte, ich müsste mich mal für eure Hilfe revanchieren.“
    Die Helden waren sprachlos, doch bald trieb sie der Kaffeeduft aus den Betten.
    "Eigentlich s-s- solltest d-d- du im Bett liegen und d- dich ausruhen.", sagte Newkirk mit, wie er es zumindest beabsichtigte, strenger Stimme.
    "Eigentlich sollte ich in Irland sein und den Sonnenaufgang beobachten, aber na ja...", entgegnete Samantha ein wenig wehmütig und verteilte die Kaffeetassen.
    Hogan nahm einen Schluck und fragte mit leicht verzogenen Mundwinkel: "Ein Teil Wasser und fünf Teile reines Koffein, oder was?"
    Samantha grinste: "So ein großer starker Mann und verträgt keinen Kaffee?"
    Newkirk prustete vor Lachen in seine Tasse und auch die anderen mussten sich ein Grinsen verkneifen.
    Hogan, der das nicht auf sich sitzen lassen wollte, setzte einen herausfordernden Blick auf.
    "Ok, wie wär `s mit einem kleinen Wettkampf? Wer zuerst drei Tassen von diesem schwarzen Gebräu ausgetrunken hat, muß die nächsten Tage früh aufstehen und das Frühstück machen."
    Als Samantha ohne zu zögern nickte, füllte Newkirk drei Tassen für jeden und stellte sie auf den Tisch.
    "B- bei drei g- g- geht’s l- los. E-e-eins... Z-zwei... und D-D-DREI!"
    Bei der ersten Tasse schien Hogan noch vorne zu liegen, doch das änderte sich schnell. Obwohl Franzosen auch nicht gerade dafür berühmt waren, Blümchenkaffee zu machen, war LeBeaus Kaffee doch bei weitem nicht so stark und schnell nahm es Hogan die Luft beim Trinken.
    Seine Kehle und Zunge fühlten sich bald so pelzig an, das er nichts mehr herunterbrachte und erst einmal ein paar Schlucke Wasser zwischendurch trinken mußte, was Samantha nur zu gute kam.
    Sie hatte keine sonderlichen Probleme mit dem Kaffee und war mit ihrer dritten Tasse schon fertig, als Hogan seine dritte gerade erst anfing.
    Newkirk klatschte begeistert Beifall und zusammen mit Kinch hob er Samantha auf ihre Schultern, die triumphierend die Faust in die Luft streckte und fröhlich lachte.
    Hogan trank seine letzte Tasse trotzdem noch aus und spielte dann den guten Verlierer.
    Grinsend schüttelte er Samantha die Hand und gratulierte ihr zu ihrem "herausragenden Sieg".
    "Dann werd ich wohl die nächsten Tage früh aufstehen und kochen müssen.", seufzte Hogan.
    Samantha kam langsam von ihrem hohen Podest wieder herunter und sagte mit ernster Stimme: "Wir machen halbe- halbe. Ich glaube, dann werden sie es nicht ganz schaffen ihre Männer zu vergiften."
    "Oh du..."
    Schnell versteckte sich Samantha hinter Newkirk, als Hogan mit gespielt böser Miene auf sie zuging.
    Leider hatte Samantha nicht mit dem undichten Dach der Baracke gerechnet!
    Mit ihren Krücken rutschte sie in einer Pfütze aus und krachte mit viel Schwung gegen Newkirk.
    Es riß Samantha und Newkirk von den Füßen, aber das war vielleicht auch gut. So landete Samantha zumindest einigermaßen weich auf Newkirk, ohne sich ihr eingegipstes Bein noch mehr anzuschlagen.
    Kinch, Carter und Hogan standen erst mal völlig verdattert daneben, bevor sie sich wieder fingen.
    "Newkirk, Samantha, alles in Ordnung mit euch?", fragte Hogan.
    "M- mir geht’s g- g- gut. Bloß... S- Samantha, nichts g-g- gegen dich, a- aber d- dein Gipsbein l- liegt m-m- mir etwas sch- schwer im M- Magen.", keuchte Newkirk.
    Samantha schaffte es nur mit Hilfe vom Colonel hochzukommen und Kinch reichte Newkirk die helfende Hand.
    "A- Alles in O- Ordnung mit dir, K- Kleine?", fragte Newkirk schnell, ohne auf die Übelkeit zu achten, die sich in seinem Magen breit machte.
    "Geht schon. Aber...", sie verzog schmerzhaft das Gesicht und hielt sich den Bauch.
    "Mon Chérie, was `ast du denn?", fragte auch LeBeau besorgt, als Samantha leise zu stöhnen anfing.
    Hogan kam ebenfalls näher, konnte aber im ersten Moment nichts erkennen.
    Samantha hatte keine äußerlichen Verletzungen, aber anscheinend litt sie dennoch Schmerzen.
    "He, tut's in der Nähe des Blinddarms weh, Kleines?", fragte der Colonel besorgt.
    "Nein... aber ich...", stieß Samantha unter zusammengebissenen Zähnen hervor.
    Die Helden rückten alle ein Stück näher und sahen Samantha gespannt an.
    "Geht mal aus dem Weg... und zwar schnell!"
    Unter den verblüfften Blicken der Helden schaffte es Samantha gerade noch so bis vor die Baracke, bevor sie sich übergab.
    Die anderen wußten nicht so recht, ob sie lachen oder Samantha bemitleiden sollten, doch als die junge Irin selbst schief grinsend wieder herein kam und einen ziemlich bedröppelten Ausdruck zur Schau trug, platzten sie alle auf einmal los.
    "Ja, ja, lacht nur! Mir geschieht `s ja ganz recht, Sowas Schadensfreudiges habe ich meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!" Doch sie meinte es nicht ernst und hätte ihr Magen nicht noch furchtbar rumort, hätte Samantha mitgelacht.
    "Wieso geschieht `s dir ganz recht und warum hast du denn jetzt eigentlich dein Innerstes nach außen gekehrt?", fragte Carter schließlich.
    Samantha schaute auf und knaubelte verlegen an ihrer Unterlippe.
    "Ich vertrag absolut keinen Kaffee.", brachte sie schlußendlich hervor und Hogan traute seinen Ohren nicht.
    "Du verträgst keinen Kaffee und dann sowas...?"
    Zweifelnd schüttelte Hogan den Kopf und faßte sich an die Stirn. Diese Kleine war schon ein außerordentliches Exemplar von einer Irin und er vermutete stark, das dies nicht die letzte Handlung sein würde, mit der sie Sie gewaltig überraschte.
    "Na ja, wach sind wir jetzt jedenfalls! Und ich glaube, unser erstes Unternehmen ist erst mal, dir neue Klamotten zu besorgen.", meinte Hogan und deutete auf das blutbeschmierte Sweatshirt und die Hose von Samantha, die Rickman wegen dem gebrochenen Bein bis zum Oberschenkel hatte aufschneiden müssen.
    "Newkirk, schau nachher mal nach, was du so im Kasten hast, ansonsten Leier ich Klink an. Und den Rest des Tages werden wir damit zubringen, ein bißchen rumzuhorchen, was dieser Bauer für Beweise haben könnte, wo diese sind und vor allem wo sich die Posten aufhalten."
    Carter stöhnte.
    "Ja, wenn ich draußen nach ihnen suche, sehen wir sie bestimmt. Fragt sich bloß, wer wen zuerst findet!"
    Newkirk machte sich schon schlagbereit, doch Hogan winkte ab. Ausnahmsweise war Carters Einwand nicht nur Blödsinn, sondern durchaus berechtigt.
    "Stimmt, wie sollen wir jemanden finden, der uns sucht, ohne das er uns sieht und ihn bespitzeln? Das ist eine gute Frage, Carter!", murmelte Hogan und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
    "Hä? Ich meine... na klar, das meinte ich." Es war dem jungen Sergeant deutlich anzusehen, das er mit diesem Satz Hogans überfordert war – wie so oft.
    "Also wäre das erst mal gestrichen, oder Sir? Mir fällt dazu jedenfalls nichts ein.", sagte Kinch und runzelte die Stirn.
    Doch ihre Überlegungen wurden durch Schultz unterbrochen.
    "Los, Appell is! Gemma, gemma, gemma! Alles raus hier und antreten!"
    Samantha zuckte leicht zusammen. "Wie kann ein einzelner Mann nur soviel Lärm machen?", seufzte sie mit geschlossenen Augen.
    "Na, die Kleine is ja scho wieder auf den Beinen!", rief Schultzi entzückt, als er Samantha erblickte.
    "Warum nennt mich hier eigentlich jeder Kleine?", fragte Samantha aufgebracht. "Normalerweise heißt bei mir die Abkürzung immer Sam oder Sammy – aber nicht Kleine!"
    "Siehst du hier irgend jemanden, der normal ist, Kleine?", fragte Hogan herausfordernd.
    "Oh Mann, ich geb `s auf! Lasst uns raus gehen, bevor Klink noch einen Koller kriegt." Samantha humpelte Richtung Tür, doch Hogan und Newkirk versperrten ihr den Weg.
    "He, du bist immer noch nicht ganz auf dem Damm. Kranke haben die Erlaubnis drinnen zu bleiben.", sagte Hogan und wollte sie schon zurückschieben.
    "He, nichts da! Ich brauch dringend mal frische Luft nach dem Mief da drin.", protestierte Samantha und stemmte sich mit einer Kraft, die Hogan nicht erwartet hätte, gegen ihn.
    "Na danke auch, der Mief ist mein Büro! Aber willst du dir Klinks Morgenrede unbedingt antun?"
    Samantha nickte bestimmt und schob sich an Hogan vorbei.
    "Mann, sogar der Colonel tanzt nach ihrer Pfeife!", bemerkte Carter und erntete einen warnenden Blick von Hogan dafür.
    Klink war reichlich erstaunt, Samantha mit in der Reihe neben Newkirk stehen zu sehen.
    "Na meene Kleene (Samantha unterdrückte einen sarkastischen Kommentar bezüglich dieser Anrede), anscheinend hat Hogan de Leute und vorallm mich widder mal ganz umsonst dußlich gemacht, se schein` mir bei bester Gesundheit ze sein!"
    Hogan unterließ es vorsichtshalber, darauf hinzuweisen, das Samanthas Auge noch immer in allen Farben schimmerte und geschwollen war, das sie nur mühsam auf Krücken gehen konnte und das sie nach dem eisigen Morgenwind wahrscheinlich wieder Fieber bekommen würde. Es war aber besser den Kommandanten in seinem Glauben zu lassen, sonst würde dieser noch anfangen Fragen zu stellen, woher Samanthas plötzliche Genesung ohne Medikamente kam. Und das wiederum würde vor allem Bauer mißtrauisch machen und...
    "Colonel Hogan, antworten se mir gefällichst!", brüllte Klink ihn an.
    "Äh was?", sagte dieser. Hogan war so sehr in Gedanken gewesen, das er Klink ganz vergessen hatte.
    "Es heeßt `Wie Bitte`, wenn ich bitten darf... und ich wollt sagen, dass ihre Rotz-Kreuz-Pakete ausfalln, nichar! Und nu... weggetreten!" Klink machte auf den Absätzen kehrt und reagierte gar nicht auf die wilden Proteste der Gefangenen. Bloß Hogans Trupp verhielt sich auffällig ruhig. Sie hatten inzwischen genug Zeit gehabt, sich damit abzufinden und machten sich lieber Gedanken darüber, wie sie Bauer so schnell wie möglich wieder loswerden könnten.


    Beim gemeinsamen Frühstück, staunten alle nicht schlecht über die Mengen, die Samantha verputzte.
    "Mann, wie kann man nur soviel essen und trotzdem so eine Figur behalten?", bemerkte Carter und pfiff anerkennend durch die Zähne.
    "Danke für das Kompliment.", sagte Samantha und grinste. Newkirk war davon aber gar nicht so begeistert. Er warf Carter einen mißbilligenden Blick zu und grummelte etwas unverständliches. Er hatte Carter erst eine überziehen wollen, doch warum eigentlich? Säße hier jemand anderes als Samantha, wäre er bestimmt der erste gewesen, der darauf aufmerksam gemacht hätte, das sie nicht nur zäh, witzig und frech, sondern auch verdammt hübsch war, wenn nicht zu sagen...
    Newkirk verdrängte die Wörter attraktiv und sexy in bezug auf Samantha ganz schnell, doch leicht fiel es ihm nicht.
    "Na ja, ist ja auch das erste mal seit langem, das es mir so gut schmeckt. Die deutsche Küche lag bisweilen doch etwas schwer im Magen. Also, meinen Dank an den französischen Küchenchef." Samantha nickte LeBeau zu.
    "Na endlisch mal jemand, der meine Küsche zu schätzen weiß!", LeBeau blickte vielsagend in die Runde.
    Doch Samantha, die sich das Grinsen beim Anblick des stolzen Franzosen nicht unterdrücken konnte, nahm ihm schnell den Wind aus den Segeln.
    "Im Vergleich zu irgendwas undefinierbaren, grauen und schleimigen, das die mir vorgesetzt haben, ist das wirklich köstlich!"
    „Im Vergleisch zu… was soll denn das `eißen?“ Verärgert knallte der Franzose sein Wischtuch in die Ecke und stammelte sämtliche französischen Flüche durcheinander.
    „Entschuldige, bitte, es war nicht so gemeint. Es schmeckt wirklich gut, obwohl ich die irische Küche vorziehe.“, sagte Samantha schnell und schaute LeBeau aus so großen und unschuldigen Augen an, das dessen Ärger sofort verrauchte.
    „W- wie hast d- du dich eigentlich e- ernährt? I- Ich m- meine, du b-b- bist ja n- noch nicht s- so a- alt, da bekommst d- du d- doch schlecht n-n- nen Spitzenjob, o- oder?“, fragte Newkirk interessiert.
    Samantha hörte auf zu kauen und würgte schwer den Bissen hinunter, den sie gerade im Mund hatte. Den seltsam verlegenen Ausdruck waren die Helden von ihr nicht gewohnt und so wurde sie jetzt von allen Seiten gemustert.
    „Unkomplizierter Eigentumswechsel.“, nuschelte sie schließlich in ihren nicht vorhandenen Bart.
    „Hä?“ Carter verstand wiedermal nichts, aber diesmal war er nicht der einzige. Nur Colonel Hogan fing an zu grinsen.
    Gespielt empört schüttelte er den Kopf.
    „Tss, tss tss, so was und das bei einem kleinen, harmlosen und unschuldigem Mädchen!“ Er wusste, das Samantha alles andere als harmlos und unschuldig war, aber die leichte Verlegenheit der Kleinen zeigte zumindest, das sie mit ihren früheren Methoden auch nicht ganz einverstanden war.
    „Nun klärt mich doch mal einer auf!“, platzte Carter heraus, dem der wissende Blickkontakt zwischen dem Colonel und Samantha auf den Keks ging.
    „Äh, wie alt bist du Carter? Ich meine, eigentlich müssten so was ja deine Eltern übernehmen, aber…“
    Samantha nutzte Carters Bemerkung geschickt aus, um dem grinsenden Colonel zu entgehen und in ihrer Stimme war keine Spur von Scham mehr zu hören.
    Nachdem Carter beleidigt die Arme vor der Brust verschränkte, bekam Samantha allerdings Mitleid.
    „Tschuldigung! Unkomplizierter Eigentumswechsel ist Slang und heißt soviel wie… nun ja… schonungslos gesagt… klauen. Aber ich finde das ist ein viel zu hartes Wort dafür!“ , verteidigte Samantha sich, nachdem die Helden sie reichlich entgeistert ansahen.
    "Na, da bist du ja bei Newkirk gut aufgehoben.", bemerkte Kinch und diesmal war es Newkirk, der verlegen wurde. Sonst hätte er sich stolz in die Brust geworfen, aber die Bemerkung von Kinch, das die Kleine bei ihm gut aufgehoben sei, berührte ihn irgendwie.


    Den Rest des Tages verbachten sie mit recht kläglichen Versuchen weitere Informationen über diese schlagkräftigen Beweise zu bekommen, von denen Bauer gesprochen hatte.
    Samantha hätte sich dabei gerne nützlich gemacht, doch erstens ließen das die Helden nicht zu und zweitens hatten sie selbst für sich schon wenig Ideen und da fand ein Mädchen auf Krücken gleich recht keinen Platz.


    "He Leute, ich bin doch kein Gepäckstück!", beschwerte sich Samantha, nachdem Kinch sie kurzerhand auf die Arme nahm und in das Büro des Colonels verfrachtete.
    "Anweisung von Newkirk und vor allem von Rickman. Sie sagen beide, das du dich noch schonen mußt und nachdem du den ganzen Tag auf den Beinen warst, ist es Zeit für ein Nickerchen.", erwiderte Kinch ruhig und versuchte soviel Autorität wie möglich in seine Stimme zu legen. Doch es half nichts!
    Sobald Samantha sich aus dem Griff von Kinch entwunden hatte, versuchte sie abermals aufzustehen.
    "Ich bin kein kleines Kind und nachdem ich die letzten Tage fast durchgängig geschlafen hab, krieg ich sowieso kein Auge zu. Lasst mich meinetwegen Putzarbeiten erledigen, aber so lange auf der faulen Haut zu liegen, geht mir gegen den Strich.", protestierte Samantha, doch der Sergant hielt sie mit sanfter Gewalt weiterhin im Bett.
    "Wenn du jetzt fein artig bist, sing ich dir auch noch ein Gutenachtlied vor.", witzelte er, doch damit brachte er das Faß zum Überlaufen.
    Mit blitzenden Augen legte Samantha ihre ganze Kraft in einen Ruck, so wie sie es schon einmal bei Sauer getan hatte und brachte somit Kinch zum Stolpern. Unglücklicherweise fiel dieser dabei über seine eigenen Füße und landete auf dem Allerwertesten.
    Schadenfreudig grinste Samantha auf ihn herab, bevor sie mit einem triumphierenden Blick über ihn hinwegstieg. Kinch war sprachlos und konnte nur den Kopf schütteln. Wie konnte sowas kleines Reizendes nur so stur und energisch sein?
    "He, was hast du denn mit Kinch gemacht? Der sollte dich doch ins Bett bringen.", fragte Hogan verblüfft.
    "Er hat sich selbst ein wenig hingelegt.", griente Samantha und konnte durch die offene Tür sehen, wie Kinch sich mühsam aufrappelte und dabei seinen schmerzenden Hintern rieb.
    "Kinch?", wandte sich Hogan nun an seinen Funkmann.
    "Die Kleine ist schlimmer als ein Sack Flöhe! Versuchen sie ihr Glück mit ihr, ich geh runter und hör mal, ob London was neues für uns hat.", murrte Kinch zur Antwort und verschwand die Leiter hinab.
    "Was hast du angestellt?", fragte Hogan und verschränkte mit strenger Miene die Arme vor der Brust. Jeder von Hogans Männer hätte spätestens bei diesem Bild angefangen zu kuschen, doch nicht so Samantha.
    Stolz hob sie den Kopf und aus ihren Augen sprang Hogan der Schalk an.
    "Rein gar nichts, daß ist es ja eben! Ich bin es absolut nicht gewöhnt, solange nichts zu tun. Ich habe meinen Lebensunterhalt selbst verdient, auf welche Weise lassen wir aus dem Spiel, und war ständig auf Achse. Außerdem..."
    Samanthas Bild verwandelte sich schlagartig. Niedergeschlagen setzte sie sich auf das nächste Bett und starrte zu Boden. Hogan wurde sofort hellhörig und ließ seine Pose fallen.
    Mit ruhigen Bewegungen setzte er sich neben die Kleine und sah sie von der Seite an.
    "Außerdem?", fragte er leise und hob Samanthas Kopf so, das sie ihm in die Augen sehen mußte.
    "Wenn ich still liege und nur die Wände anstarren kann, dann kommen Renkner und Sauer wieder. Der Überfall auf mein Dorf, die Gestapo und die Verhöre... Ich will das ganze vergessen, verstehen sie? Ich muß mich ablenken, sonst werde ich noch verrückt!"
    Hogan unterdrückte nur mit Mühe seine Enttäuschung. Er hatte gehofft ein paar Antworten zu bekommen, die er so dringend brauchte und Newkirk damit das Fragen zu ersparen.
    Und nun hockte das kecke Mädchen, das grad noch so vor Energie gestrotzt hatte, wie ein Häufchen Elend vor ihm und kämpfte sichtlich mit den Tränen.
    Etwas zögerlich legte er einen Arm um sie und zog sie zu sich heran. Solche Moment machten ihm deutlich, das die Kleine, so widerstandsfähig sie auch sein mochte, nicht hierhergehörte. Es war schon für ausgewachsene Soldaten schwer, aber wie sollte sich da erst so ein kleiner Krümel fühlen?
    Samantha atmete tief durch und hielt ihre Tränen zurück, auch wenn ihr das noch so schwer fiel. Sie wollte für die Helden nicht noch eine zusätzliche Last sein, nachdem diese ohnehin bis zum Hals in der dicksten Scheiße zu sitzen schienen.
    Hogans traute Zweisamkeit mit Samantha wurde allerdings unterbrochen, als LeBeau zur Baracke reingestürzt kam und so schnell und ohne jede Erklärung in den Tunnel verschwand, das Hogan schon glaubte, nur eine Halluzination gehabt zu haben. Doch da auch Samantha aufgeschaut und blitzartig ihre Fassung wiedergefunden hatte, konnte das nicht sein.
    LeBeau war unterdessen zu Kinch gestürzt und riß mit einem heftigen Ruck die Kabel des Funkgerätes heraus.
    "He, was soll denn das?", fragte Kinch. Er hatte gerade mit London geredet, die offenbar neue Informationen zu haben schienen.
    Doch LeBeau konnte nicht sofort antworten. Völlig kaputt ließ er sich auf den Boden sinken und schnappte mit aufgerissenem Mund nach Luft.
    "Lass ihn erst mal zu Atem kommen, Kinch.", sagte Hogan, der eben heruntergekommen war. Samantha, die durch ihre Krücken oben bleiben mußte, schaute hinunter und ihr Blick schweifte von einem zum anderen.
    Der Franzose kam langsam wieder zu Atem und beruhigte sich allmählich.
    "Colonel, jetzt `ilft nur noch das beste `offen und mit dem schlimmsten rechnen!", seufzte er.
    "Was ist denn los?", fragte Hogan, der durch LeBeaus Verfassung auch aus der Ruhe gebracht wurde und schlimmes ahnte.
    "Sie `aben mich doch zusammen mit Newkirk kurz nach draußen zum Umsehen geschickt und raten sie mal, was da im Wald steht. Ich geb ihnen einen Tipp. Es ist ein Auto, mit einer `übschen Antenne auf dem Dach und wenn ich nicht schnell genug war, sitzen wir ganz schön in der Tinte!"
    Hogan brauchte kein Genie zu sein, um herauszufinden, das es sich bei der Bedrohung um einen Peilwagen handelte.
    "Verdammte Scheiße! Aber du hast recht, wir können jetzt nur noch hoffen. Wo ist Newkirk?"
    "Noch draußen. Es war zu riskant, zusammen zu fliehen. Überall streichen Wachen um`er. Ganz normale Soldaten und SS- Leute. Dieser Bauer hat wirklich einiges auf die Beine gestellt. Aber trotz der Menge fallen sie kaum auf. `ätten wir nicht gewußt, das uns da draußen irgendwas erwarten muß, `ätten wir die Leute glatt übersehen. Sie sind gut getarnt, genau wie der Peilwagen.", sagte LeBeau und schüttelte immer wieder den Kopf. Es war verdammt knapp gewesen dieses mal. Er hoffte nur, das Newkirk es unbeschadet bis hierher schaffen würde.
    "Wo steckt Newkirk?", rief Samantha nach unten und suchte mit ihren Augen den Tunnel ab. LeBeau hatte so leise gesprochen, das sie es oben nicht verstanden hatte.
    "Hier K- Kleines."
    Ein paar Hände schlossen sich um ihre Augen.
    "N- na r- rate mal, w- wer bin ich d- denn?"
    Samantha war zu erleichtert, um sich wegen dem Schrecken, den Newkirk ihr eingejagt hatte, aufzuregen. Statt dessen atmete sie nur auf und rief nach unten: "Er ist hier. Und unbeschadet wies aussieht, aber wenn er mich noch mal so erschreckt, könnt ihr mich mit einem Herzinfarkt ins Krankhaus schaffen."
    Newkirk grinste übers ganze Gesicht und stieg langsam die Leiter hinunter.
    "Wo kommst du denn her?", fragte Hogan stirnrunzelnd.
    "Sch- Schnitzer h- hat mich u- unterwegs a-a- aufgelesen und a- auf d- dem Hof u- unauffällig r- rausgelassen, bei d-d- der G- Gelegenheit h- hab ich ihn g- gleich gewarnt, d- das d- da was f- faul ist u-u- und d- das e- er s- sich b- bedeckt halten soll, S- Sir."
    "Gut gemacht Newkirk! Ihr beide! Habt ihr sonst noch was rausgekriegt? Vielleicht zur Abwechslung mal was positives für uns?"
    Doch da mußten ihn seine Jungs enttäuschen. Sie hatten den Peilwagen entdeckt und waren dann so schnell wie möglich stiften gegangen, um Kinch zu warnen.
    "Kinch, was hast du noch von London reinbekommen, bevor dir LeBeau den Saft angedreht hat?", fragte Hogan.
    "Nicht viel. Ich hab sie gewarnt, das bei uns die Kacke am dampfen ist und wir für eine Weile für alle Aktionen ausfallen. Sie wollten mir gerade noch was von Bauer durchgeben und dann war's aus, Colonel."
    "Gut gemacht. Wenigstens werden die es hoffentlich übernehmen, die anderen in Hammelburg zu warnen. Wir können uns im Moment noch nicht mal den kleinsten Fehltritt erlauben, sonst sind wir Geschichte.", seufzte Hogan und betrachtete skeptisch den Brief von Bauer an Klink.
    "Und den sollte ich besser zurückschmuggeln, sonst kriegt Bauer noch Verdacht!"


    Kapitel 10: Samanthas Geheimnis


    Hogan ordnete noch weitere Sicherheitsmaßnahmen an. In der Nacht sollten Wachen postiert werden, die Klinks Telefon und das Haupttor im Auge behielten, damit Bauer nicht noch einmal ungesehen zu Besuch kommen konnte.
    "Und was steht dann heut Abend noch an?", fragte Carter, als sie alle wieder oben am Tisch saßen.
    "Du bist wohl hyperaktiv! Ich schlaf jeden Moment im Stehen ein und mich würde es doch sehr wundern, wenn es euch nicht genauso gehen würde.", sagte Hogan verwundert.
    LeBeau, Kinch und Newkirk nickten und gähnten demonstrativ. Carter schaute verdutzt.
    "Carter, das mußt du verstehen. Wir als die Jüngsten hier müssen ein wenig auf die Alten achtgeben. Sie können eben nicht mehr so wie in jungen Jahren einmal.", bemerkte Samantha und stieß Newkirk leicht mit dem Ellbogen an.
    "Also wirklich, keinen Respekt vor Offizieren die Kleine! Schäm dich was.", entgegnete Hogan halb ernst und halb spaßhaft.
    Newkirk spielte derweil perfekt mit. Schnell schnappte er sich eine Decke und legte sie sich als Kopftuch um.
    Mit tattriger Stimme sagte er. "J- ja j- ja, die h- heutige Jugend, k-k- kein R- Respekt mehr v- vor dem A- Alter! D- Dir s- sollte man d- die H- Hammelbeine l-l- lang z- ziehen!"
    Plötzlich wieder sehr jung sprang Newkirk auf und stürzte sich auf Samantha. Schnell stellte er fest, das die Kleine absolut kitzlig war und nutzte dies schamlos aus.
    "Halt, stopp, ich ergebe mich! Ein ausgewachsener Brite gegen ein irisches Mädchen ist schwer unfair. Also, wer sollte sich hier schämen, hä?", brachte sie unter Lachtränen hervor und hielt sich den Bauch.
    Die anderen stimmten in das Lachen mit ein, doch bald mischte sich unter das Gelächter auch langes Gähnen und Hogan unterbrach den Spaß.
    "He Leute, laßt der Kleinen doch mal Luft! Außerdem wird Schultz jeden Moment für den Appell auftauchen und danach glaube ich, ist jeder glücklich, wenn er an der Matratze horchen kann, bis auf denjenigen, der die erste Wache übernehmen muss."
    Wie als könnte Hogan hellsehen, kam Schultz in die Baracke.
    Der Colonel drückte blitzschnell den Knopf am oberen Bett, um den Tunneleingang zu verschließen, da er noch offen stand. Dies tat er allerdings ohne sich dabei umzudrehen und als Hogan sich jetzt setzen wollte, war kein Bett da! Das Bett klemmte immer noch oben fest und er setzte sich ins Leere. Nur das schmale Brett zwischen den Bettpfosten hielt ihn noch davon ab, endgültig in das Loch zu stürzen. Kinch wollte ihm schon zu Hilfe eilen, aber Hogan bedeutete dem Sergant, er solle bleiben, wo er war, sonst würde Schultz noch was merken.
    "Ja mei, des is kalt da draußen! Macht `s fei schnell, sonst erfrier i noch, gell! Also los, gemma gemma! Appell is."
    Schultz stockte einen Moment. "Macht `s ihr eine Feier oder habs ihr zuviel Kichererbsen gegessen?", fragte er und kratzte sich an seinem Stahlhelm. Das war durchaus eine berechtigte Frage. Noch immer lagen Newkirk und Samantha halb auf der Bank und halb am Boden, während LeBeau Newkirk anfeuerte und Carter Samantha. Der Colonel hing in der Luft und versuchte krampfhaft, sein Gleichgewicht wiederzufinden, was Schultz gleich mal großzügig übersah.
    "Nein Schultzi, aber es ist endlich mal wieder frisches und vor allem junges Blut in die Hütte eingekehrt.", sagte Kinch und schlich sich unauffällig näher an Hogan heran.
    Schultz ging wieder und vertraute darauf, das der Colonel und seine Truppe schon nachkommen würden. Sobald der Feldwebel draußen war, packte Kinch blitzschnell die Hand von Hogan, da der endgültig abrutschte.
    Das Bild, wie Hogan an den Knie kopfüber im Tunnel hing und Kinch mit aller Kraft zerrte, um ihn wieder hoch zu bekommen, löste einen erneuten Lachkrampf aus, der noch schwerer zu ersticken war, als der erste und der Colonel selbst konnte sich nicht mehr zurückhalten.
    Hogan wischte sich ein paar Lachtränen aus dem Gesicht. "Mann... müssen wir alle fix und fertig sein!", dachte er sich und scheuchte seine kichernde Bande nach draußen.
    Schultzi hatte nicht gelogen. Es war eisigkalt draußen, denn der Winter rückte näher.
    Klink machte es auch dementsprechend kurz.
    "So ich hoffe, se ham den Schock wechen der Rotz-Kreuz-Pakete überwunden und plan` nichts dummes! Se wissen ganz genau, dass das bei nem Tiecher wie mir schief gehen muß, nichar! Un nu... weggetreten!"
    So schnell konnte man gar nicht gucken, war Klink auch schon wieder verschwunden. Aber er war nicht der einzige, der fror. Samantha stand neben Newkirk und klapperte mit den Zähnen.
    Hogan wurde schnell darauf aufmerksam.
    "Neue Klamotten für dich! Das hatte ich ja ganz vergessen. Newkirk, schaff sie schnell rein und wärm sie auf. Ich spreche noch mal kurz mit Klink."
    Während die anderen in wenigstens einigermaßen warme Baracken gingen, war sich Hogan langsam nicht mehr so sicher, ob seine Idee wirklich so gut gewesen war. Klink mochte zwar durch Bauers Komplimente gute Laune haben, aber die konnte sich schnell ändern, wenn er mit einer Extrabitte auftauchte, die Klink dazu zwingen würde, Geld auszugeben und einen Champagner in der Woche weniger zu trinken. Zudem kam noch hinzu, das er wirklich hundemüde war und sich mit jeder Minute mehr bewusst wurde, wie ihn die letzten Tage geschlaucht hatten, auch wenn er es in der Hektik gar nicht so sehr mitbekommen hatte. Trotz das Klink nicht grad der hellste war, durfte man nicht den Fehler begehen und ihn unterschätzen. Der Oberst hatte seine lichten Momente und diese bekam er meist in den ungünstigsten Situationen – aus Hogans Sicht natürlich.
    "Robert alter Junge, reiß dich zusammen!", mahnte er sich selbst in Gedanken, doch das hinderte ihn nicht daran, über die Stufen zur Kommandantur zu stolpern.
    "Mist, bekloppter!", fluchte er. Doch wenigstens hielt ihn der Schmerz in seinen Zehen jetzt wach.
    Schnulle hatte schon Feierabend und war gegangen. Er hätte das "Gespräch", das sie am Nachmittag geführt hatten, als er die Post zurückschmuggelte, gerne fortgesetzt, doch das fiel jetzt wohl aus.


    "Se ham wohl n Meise!", schrie Klink. Das bestätigte Hogans Ahnung recht deutlich, was der Oberst von zusätzlichen Ausgaben, die nicht für ihn waren, hielt.
    "Se ham doch nu genuch A- zieh- zeich, nichar. Gebense der Kleenen eben was von ihnen!"
    Das war doch wohl die Höhe! Hogan glaubte sich verhört zu haben.
    "Oberst, erstens dürfte das mit der Größe nicht so ganz hinhauen, zweitens, mit der Unterwäsche können wir sowieso nicht tauschen und drittens, ihre Oberweite ist doch etwas größer als unsere!"
    Das mußte selbst Klink einsehen. "Nu ja, schon was dran! Aber gekofft wird trotzdem nischt neues! Ich werd de Schnulle und Kalinke mal nach alden Klamotten abklappern. Da wird schon was dabei sein, nichar!"
    Damit mußte sich Hogan wohl oder übel zufrieden geben. Er hatte jetzt einfach keinen Nerv mehr dafür, sich noch weiter mit Klink rumzustreiten. Plötzlich fiel Hogan etwas ein. Klink hatte Carter und sie alle wegen dem Dach bestrafen wollen, doch da war bis jetzt nichts passiert. "Wird er wohl bei seinem "Elefantengedächtnis" vergessen haben", dachte Hogan und das sollte ihm ganz Recht sein. Er wäre bestimmt der Letzte, der Klink an sowas erinnern würde.


    Drinnen in der Baracke hatte man inzwischen angefangen darüber zu streiten, wer denn der arme Tropf sein würde, der die erste Wache übernehmen mußte.
    "Wer war denn letztes mal dran?", fragte LeBeau, wobei er ganz genau wusste, das er derjenige gewesen war und darum eine gute Chance hatte, diese Nacht eine Mütze voll Schlaf abzubekommen.
    "Frag nicht so blöd, das warst du selbst!", stellte Kinch mürrisch fest und mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht knallte sich LeBeau demonstrativ auf seine Matratze und fing überlaut an zu schnarchen.
    Newkirk schmiß ihm als Meinung darüber ein Kissen ins Gesicht.
    "Und ich übernehme die Wache auch nicht!", sagte Carter ungewöhnlich ernst.
    "W- warum denn n-n- nicht? D- Du hast d- doch vorhin s- so dumm g- gefragt w- was heut abend n- noch a- ansteht!", sagte Newkirk schnell und fing etwas zu voreilig an zu grinsen.
    "Weil ich nachts nicht sonderlich gut sehe und wir jemanden mit scharfen Augen brauchen." Nun war es Carter, der triumphierend lächelte und sich unter seine Decke verkroch, noch ehe die anderen zum Protest ansetzen konnten.
    Kinch und Newkirk schauten sich mit einem vielsagenden Blick an und fast gleichzeitig riefen sie: "Du hältst Wache, ich bin zu müde dafür!"
    "Himmel, was ist denn das für ein Krach hier?" Colonel Hogan kam zurück in die Baracke und ließ sich erschöpft auf die Bank nieder.
    "W- wer soll W- Wache h- halten, S- Sir? Kinch o- oder ich?" Newkirk stellte sich hinter Hogan und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "S- Sir, ich m- möchte mal b- betonen, das s- sie für m- mich i- immer ein V- Vorbild waren u- und s-s- sie der b- beste V-Vorgesetzte sind, d- denn i- ich jemals h- hatte.", fügte er hinzu und schaute theatralisch mit stolzem Blick nach oben.
    "Für dieses Lob danke ich vielmals und da ich jetzt weis, das ich dir voll vertrauen kann, wirst du den Job übernehmen, weil er auch nur von einem treu ergebenen Soldaten richtig ausgeführt werden kann."
    Newkirks stolze Miene erlosch augenblicklich und mit einer Grimasse tat der Engländer so, als wolle er Hogan erwürgen.
    "Dann würdest du als Strafe Wache halten, Newkirk! Gib `s auf und trag dein Schicksal mit Würde."
    Kinch grinste bis über beide Ohren.
    "Ach ja, Kinch, eh ich’s vergesse. Du übernimmst die zweite Wache ab 4.00 Uhr."
    Nun war es nur noch Hogan, der gute Miene machte und sich mit einem zufriedenen Gähnen in sein Bett schwang.
    Mit einem Seufzen sagte Kinch zu Newkirk: "Glaubst du nicht auch langsam, das wir auf der falschen Seite stehen?"
    "D- Das nicht, a- aber wir h- haben e- eindeutig e-e- einen s-s- sadistischen D- Deutschen als O- Offizier.", zischte Newkirk zurück.
    "Das habe ich gehört!", rief Hogan nach unten.


    Newkirk wollte gerade auf seinen Posten in Hogans Büro gehen, als dieser ihn noch einmal zurückpfiff.
    "W- was denn S- Sir, wollen s-s- sie mir a- angenehme T- Träume w- wünschen?"
    "Denk noch nicht mal dran einzuschlafen! Auch wenn wir hier Witzchen machen ist die Sache mehr als ernst, verstanden?" Hogans Stimme hatte plötzlich etwas sehr scharfes an sich, was Newkirk dazu veranlaßte, stramm zu stehen.
    "Ja S- Sir, n- natürlich! W- Was wollten s- sie m- mir s- sagen?"
    "Ich wollte dich nur noch mal dran erinnern, das du einen Auftrag hast, der immer dringender wird. Ich werde das Gefühl nicht los, das es uns vielleicht weiterhelfen würde, wenn wir wüßten, weshalb die Kleine schon vorher von unserem Lager wußte und warum sie nicht hierher wollte. Ganz zu schweigen von der Sache, die Bauer angedeutet hatte. Du weißt schon `Sie ist...`, aber wie geht’s weiter?"
    "I- ich werde v-v- versuchen, w- was ich k- kann, S-S- Sir, a- aber..."
    "Ich weiß, Newkirk, ich weis." Hogan seufzte. Mit jeder Stunde, die sie mit der Kleinen verbachten, wuchs sie allen mehr ans Herz und jeder war froh, wenn sie Samantha lachen sahen. Und sie über die Vergangenheit auszufragen, würde ihr bestimmt kein Lächeln auf die Lippen zaubern...
    Kinch hatte das Gespräch ebenfalls mitbekommen und konnte Newkirk nur bedauern, was ihn allerdings nicht daran hinderte, sich seinen Wecker zu stellen. Zwar würde Newkirk es garantiert nicht versäumen, ihn auch ja rechtzeitig zu wecken, aber durch das schrille Läuten hatten wenigstens alle was davon...


    Newkirk schlich auf leisen Sohlen auf seinen Posten in Hogans Büro und suchte sich den härtesten Stuhl aus, den er finden konnte, um ja nicht einzuschlafen.
    Obwohl das gar nicht nötig war. Die Sache mit Samantha machte ihm mehr zu schaffen, als selbst Hogan dachte und hielt seinen Verstand wach.
    "Fragen ist gut, aber wie?", murmelte er ungewollt laut vor sich hin.


    Ein Paar meergraue Augen musterten ihn in der Dunkelheit und fragten sich ebenfalls, wie Newkirk es wohl anstellen würde.
    Samantha wartete darauf, das Newkirk sie vielleicht einfach wecken würde, um mit ihr zu reden, doch das wäre dem Engländer noch nicht mal im Traum eingefallen.
    Samantha krallte die Hände ins Bettlaken und biß sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte. Sie hatte mal von jemanden gehört, der wegen einem Geheimnis, das er niemanden erzählen konnte, verrückt geworden war und es damals noch für Schwachsinn erklärt, doch allmählich wurde ihr klar, wie sich derjenige gefühlt haben mußte. Sie hatte sich eine Barriere gebaut, Stein auf Stein gesetzt um ihre gute Miene zu bewahren, doch hier waren alle so nett und vertrauenswürdig zu ihr, das diese Mauer tiefe Risse bekam.
    Ihm konnte sie es noch nicht erzählen. Es war einfach nicht die richtige Zeit und Situation dafür (ganz zu schweigen davon, das sie es wahrscheinlich gar nicht könnte), aber wie stand es mit jemand anderen?
    Ihr Blick fiel wieder auf Newkirk. Sie mochte den Engländer wirklich und das beruhte scheinbar auf Gegenseitigkeit, doch konnte sie ihm wirklich vertrauen?
    `Ja!`, gab sich Samantha selbst die Antwort darauf. Er mochte zwar manchmal ein ziemlicher Scherzkeks sein und einen eigenartigen Humor haben, doch sie war sicher, das er sie nicht verraten würde... oder?
    Sie kam nicht weiter und schließlich riß bei ihr der Geduldsfaden.
    Verzweifelt und mit den Nerven am Ende setzte sie sich auf, blickte Newkirk kurz an, der sie nicht bemerkte und unternahm einen letzten Versuch, sich wieder zu beruhigen...
    Der mit einem lauten "Nun frag doch schon endlich, du verdammter Engländer!" kläglich scheiterte.
    Newkirk war so überrascht, daß er sein Fernglas fallen ließ und beinahe von Stuhl gekippt wäre, in dem er trotz aller Unbequemlichkeit fast eingeschlafen wäre.
    "W-w-was?"
    Samantha ersparte es sich, ihre Aufforderung zu wiederholen und sah Newkirk statt dessen nur eindringlich an.
    Newkirk hatte sie auch sehr wohl verstanden, die Frage war bloß, wollte er das überhaupt?
    Nun, ein Gutes hatte die Sache ja, jetzt brauchte er das Thema nicht mehr selbst anschneiden...
    "H- hast du ge- gelauscht?", fragte er unsicher und sah zu dem dunklen Umriß, der auf dem unteren Bett aufrecht saß und ihn anstarrte.
    "Ich hab `s zufällig mitbekommen."
    "J- Ja ja, u- und ich b-b- bin der W- Weihnachtsmann...", lachte Newkirk auf, doch seine Stimme hatte jeglichen Humor verloren.
    "So kommen wir nicht weiter, Newkirk. Es fällt mir ohnehin schon schwer, also..."
    Der Kloß in ihrer Kehle würgte ihr die Stimme ab.
    Newkirk zog tief die Luft ein. Er wußte nicht zu was das alles führen mochte und ihm graute davor, vielleicht die falsche Antwort zu hören. Doch er hatte den ausdrücklichen Befehl und so eine Chance würde sich sicher nicht noch einmal ergeben...
    "A- also gut, d-d- du k- kennst die F- Frage. R- Rede!", sagte er und seine Stimme hörte sich dabei ungewöhnlich hart an.
    Samantha zuckte kurz zusammen.
    Diesen Ton war sie nicht gewöhnt von Newkirk, aber es spiegelte den Ernst der Lage wieder. Wieder wogten Zweifel in ihr auf, die nicht so leicht beiseite geschoben werden konnte. Doch gab es jetzt noch ein zurück? Newkirks Blick sagte nein.
    `Reiß dich zusammen, du hast doch schon schlimmeres überstanden!` Doch hatte sie das wirklich? Samantha war sich nicht so sicher.
    Noch immer musterte Newkirk sie mit seinen grauen Augen, die eine Spur heller waren als die von Samantha.
    "S- Samantha, d- du hast m-m- mich darauf ge- gedrängt z- zu f- fragen und n-n- nun kann i-i- ich n- nicht mehr zurück. B- Bitte r-r- rede e- endlich." Seine Stimme war zum zerreißen gespannt.
    Samantha schaute zu Boden, weil sie diesen durchbohrenden Blick nicht länger ertrug. Er wußte nicht, was sie verbarg und wie schlimm die letzten Tage für sie gewesen waren – zusammen mit ihm.
    Plötzlich lag ihr ein übelkeitserregender Blutgeschmack auf der Zunge. Sie hatte sich erneut ihre Lippe aufgebissen.
    Doch auch ohne das Blut war ihr schon kotzübel genug.
    Würde Newkirk sie verraten?
    Lass es drauf ankommen! Sprach ein Teil von ihr, der definitiv nicht ihr gesunder Menschenverstand war, denn dieser schrie auf, wenn er bloß daran dachte, die Wahrheit zu erzählen.


    Newkirk wußte nicht so recht, was er von der Sache halten sollte.
    Samantha ließ sich sehr viel Zeit und er wollte ihr auch alle Zeit geben, die er hatte, doch leider war das nicht allzu viel.
    "Was macht schon eine halbe Stunde Unterschied aus, wenn sie dir offenbart, das sie doch eine Spionin ist und für Bauer arbeitet?"
    Die kleine Stimme in Newkirks Herzen dröhnte plötzlich ungemein laut in seinen Ohren. Früher war er nicht so gewesen, doch der Krieg hatte alles verändert. Es gehörte zu seinem "Job" so zu denken und egal wieviel Zeit auch vergehen mochte, er würde sie auch nach dem Krieg ("Wenn du ihn überlebst, Peter!") nicht mehr loswerden. Hogan schien es ähnlich zu gehen, auch er kannte diesen süßlich - bitteren Geschmack von erzwungenen Mißtrauen.
    Newkirk hatte den Colonel mitleidig angesehen, als er gesagt hatte, er traue Samantha noch nicht völlig, doch jetzt verstand er zum ersten mal, was der Colonel wirklich gefühlt haben mußte.


    Samantha hatte sich von seinem Blick abgewandt. Anscheinend mußte er sie die ganze Zeit angestarrt haben, während seiner Freudschen Selbstanalyse und nach ihrem Blick zu urteilen, konnte es kein schöner Anblick gewesen sein.
    Samantha hockte da wie ein Häufchen Elend. Ihr Gesicht, das noch immer die Spuren von Sauer und Renkner trug, sah blaß und ungesund aus, ihre Augen blickten ins Leere und sie schien sich in einem ähnlichen Zwiespalt wie Newkirk zu befinden.
    "Himmel Herrgott noch mal, Newkirk tu endlich was!", wies er sich selbst zurecht. Er erkannte sich kaum noch wieder. Vor dem Krieg hätte er die Situation gleich richtig eingeschätzt und wäre auf Samantha zugegangen, ohne vorher groß die Idee in Betracht zu ziehen, sie könnte möglicherweise etwas verbergen, was den Alliierten nicht unbedingt von Nutzen war, doch was war jetzt?
    Nach der Devise "Besser spät als nie!", stand Newkirk zögerlich auf und hockte sich vor Samantha auf den Boden. Jetzt von nahem konnte er helle glitzernde Tränenspuren erkennen, die über ihr Gesicht liefen und zärtlich wischte er eine Träne aus ihrem Gesicht.
    "Newkirk..."
    Er schaute auf. Samanthas Stimme hatte noch nie so zittrig geklungen. Sie war sonst so voller Energie. Selbst während ihres Fiebers oder kurz nach der Gestapo hatte er sie noch nie so gesehen.
    Peter, jetzt kommt's ganz dicke, schallt es ihm in den Ohren.
    "J- ja, b-b- bist du b- bereit zu r-r- reden?"
    Samantha lachte bitter auf und dieses Lachen gefiel Newkirk noch viel weniger als die Schwäche.
    Es klang viel zu alt für ein kleines Mädchen. Es klang wie jemand, der die Welt mit ihrer ganzen Grausamkeit kannte. Wie jemand, der seine kindliche Unschuld schon lange verloren hatte.
    "Bereit? Ich kipp gleich um vor Angst oder ich übergeb mich über deine Schuhe. Ob ich bereit bin? Ich werde nie gänzlich bereit sein, aber das im Moment kommt dem wohl am nächsten."
    Glatte Lüge, fügte Samantha noch im stillen hinzu und atmete ganz tief durch. Sie hatte gemerkt, das sie Newkirk mit ihrem Lachen erschreckt hatte. Sie hätte ja selbst nicht gedacht jemals so verbittert klingen zu können, aber im Moment konnte selbst der Artenreichtum im Regenwald nicht vielfältiger sein als ihre Gefühle. Ihr war heiß und kalt, sie würde am liebsten lachen und weinen zugleich...
    "So muß man sich fühlen, wenn man schwanger ist!", dachte sie plötzlich und mußte ihre gesamte Willenskraft aufbringen, um nicht nochmals laut los zu lachen.
    Erst jetzt bemerkte sie, das Newkirk immer noch vor ihr hockte und sie mit einem Blick ansah, der vieldeutiger nicht hätte sein können.
    Ich bin nicht der Einzige, der sich seiner Gefühle nicht im klaren ist!
    "Vielleicht beruhigt es dich zu wissen, daß das ganze nichts militärisches ist. Das Bauer davon erfahren hat und seinen Nutzen daraus ziehen will, ist nur rein zufällig so gekommen, oder vielleicht auch nicht, ohne ihn wäre ich schließlich nicht hier, oder? Ich meine..."
    Samantha merkte selbst, wie sie abschweifte, wie ihre Stimme brüchiger wurde und kaum mehr ein Flüstern war.
    Vielleicht übernahm sie sich doch mit diesem Geständnis? Ihr Verstand war immer noch damit beschäftigt, die Erlebnisse der vergangenen Wochen zu verarbeiten und war mit dieser neuen Herausforderung sichtlich überfordert.
    "Er hat Schicksalsengel gespielt, oder zumindest so ähnlich. Glaubst du an Schicksal? Weißt du, vielleicht schwebt er jetzt als Pute über uns, mit kleinen Flügeln und Heiligenschein... Bauer als niedliche Pute würde bestimmt ein gutes Foto abgeben oder nicht? Das müßte man dann Hitler schicken! Wie, glaubst du, würde der dann wohl schauen..." Ihre Stimme wurde immer hysterischer. Ihre Augen hatten einen merkwürdigen Glanz bekommen und hektische rote Flecke, die durch die Blässe noch mehr zur Geltung kamen, erschienen auf ihren Wangen.
    `So fühlt man sich, wenn man verrückt wird!´, schoß es ihr urplötzlich durch den Kopf.
    Und noch etwas anderes schoß hervor...
    Nämlich Newkirks Hand!
    Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an und fuhr vorsichtig über ihre rechte Wange. Ein roter Handabdruck bildete sich langsam darauf.
    Newkirk, selbst ganz erschrocken von seiner Tat, war zurückgesprungen und starrte sie mit offenem Mund an.
    "S- Samantha, i-i- ich wollte n- nicht... i-i- ich..."
    Samanthas Augen, die bis vor einem kurzen Moment fast nur noch aus der schwarzen Pupille bestanden hatten, wurden wieder klarer und ruhig schaute sie Newkirk an. Das Grau wirkte so sanft wie das Meer nach einem reinigenden Gewitter und den Mund hatte sie zu einem leichten Lächeln verzogen.
    "Es... es war richtig, Newkirk. Ohne dich wäre ich durchgedreht und... und ich kann diese... Sache... nur mit einem klaren Verstand bewältigen."
    Newkirk schluckte mühsam und kam langsam wieder näher. Vorsichtig strich er über ihre Wange, die jetzt knallrot war. Er hatte ziemlich fest zugeschlagen und er hoffte, das sich kein Bluterguß bilden würde.
    Doch wenigstens war Samantha wieder zu Verstand gekommen.
    "Es war richtig von dir. Könnten wir vielleicht nochmals von vorne anfangen? Als wäre das vorher nie passiert?" Samanthas Stimme hatte wieder etwas an Kraft zurückgewonnen, auch wenn das Leben noch nicht ganz in sie zurückgekehrt zu sein schien.
    "J-j- ja!" Newkirk nahm sich ein Beispiel und beruhigte sich auch ohne Ohrfeige wieder. Er musste jetzt ebenfalls einen klaren Kopf behalten um die richtigen Entscheidungen treffen zu können.
    "Wie schon gesagt, es ist nichts militärisches oder kriegswichtiges. Das Bauer es weiß und nun zu seinem Vorteil nutzen will, hat nichts mit mir zutun – und auch nicht mit euch...
    Newkirk, kannst du mir etwas versprechen?"
    Der Engländer nickte nicht sofort. Versprechen zu machen ohne vorher zu wissen, worum es ging, konnte ungemein schief gehen.
    "W- was?"
    "Was ich dir jetzt erzähle, darfst du keinem weitererzählen, besonders nicht Hogan... wie schon gesagt, es wird uns nicht helfen den Krieg zu gewinnen oder die Welt zum Einsturz bringen... es ist etwas sehr... persönliches. Ich kann es nicht anders ausdrücken, tut mir leid, aber du mußte es mir versprechen, sonst kann ich nichts sagen!"
    Gegen Ende war ihre Stimme wieder ein wenig weinerlich geworden und ihre Augen glänzten verdächtig. Sie schien sich wirklich mit etwas auseinanderzusetzen, das sie schon sehr lange beschäftigte und nichts mir gewöhnlichen Teenagerproblemen zutun hatte.
    Diesmal wäre es fast Newkirk gewesen, der bei diesem Gedanken aufgelacht hätte. Samantha und Teenagerproblem, wie, was zieh ich an oder welcher Nagelack paßt am besten zu meiner Augenfarbe? Er konnte sich nicht vorstellen, das Samantha schon jemals solche Probleme gehabt hatte!
    Newkirk schüttelte kurz den Kopf. Er mußte bei der Sache bleiben und sich konzentrieren.
    Wenn er das Versprechen nicht gab, würde er nie etwas erfahren, da war er sich ganz sicher. Das Mädchen war kein Typ, die solche Dinge von einem verlangte, nur weil es sich wichtig und geheimnistierisch anhörte. Sie meinte es ernst und auch das die Welt nicht davon untergehen würde, glaubte er ihr nicht ganz. Sicher, die ganze Welt würde keinen Schaden nehmen – aber er hatte das eigenartige Gefühl, das Samanthas eigene Welt bei einem einzigen falschen Schritt zerbrechen würde wie Glas.
    "Ich v- verspreche e-e- es!", sagte er mit nicht minder zittriger Stimme und kam sich dabei seltsamerweise kein bißchen albern vor.
    "Newkirk, bitte mach keine Scherze mit mir! Die Sache ist wichtig für mich und auch wenn sie dir am Ende bedeutungslos und unwichtig erscheinen mag, es bedeutet für mich mehr als nur über meinen Schatten zu springen, wenn ich dir das jetzt anvertraue! Also keine Spielchen, ja?"
    Ihre Stimme klang verzweifelt. Ihr Blick war flehentlich auf ihn gerichtet und Newkirk wußte, wenn er jetzt lachte, würde die Kleine wirklich zerbrechen wie Glas.
    "K- Keine W- Witze! Ich v- verspreche es d-d- dir u- und du kannst d- dich auf m- mich v- verlassen."
    Samantha versuchte noch einmal eine Spur von Hohn oder Spott in seinen Augen zu erkennen, aber sie sah nur pure Aufrichtigkeit und entspannte sich ein wenig. Es würde ihr die Sache leichter machen, wenn sie wußte, das kein Wort über Newkirks Lippen dringen würde
    "Der Grund, warum ich Hogans Namens schon vorher wußte... der Grund, warum Bauer glaubt, Hogan durch die Gewalttaten an mir zu einem Fehler zu treiben... warum ich euch allen sofort vertraute, ist...
    Newkirk las den letzten Teil von ihren Lippen ab, weil ihre Stimme so leise geworden war, das er sie nicht mehr verstand.
    "... Colonel Robert E. Hogan ist mein Vater!"


    Kapitel 11: Erinnerungen


    Newkirk hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dem.
    Es dauerte eine Weile, bis er wirklich begriff, was Samantha da gesagt hatte. Seine Ohren hatte die Worte sehr wohl aufgefangen, doch irgendwie wollte sich sein Verstand nicht so recht damit anfreunden.
    Hogan war Samanthas Vater? Das konnte doch nicht sein, oder?
    Newkirk wollte etwas sagen, doch er brachte kein einziges Wort heraus.
    Samantha saß unverändert mit dem Gipsbein oben und das andere herunterbaumelnd auf dem Bett und schien in eine Art Starre verfallen zu sein.
    Jetzt war es raus und kein noch so großes Wunder konnte ihre Worte wieder ungehört machen. Sie wollte, das Newkirk irgend etwas sagte oder sich zumindest bewegte, doch ebenso wie sie tat er keine Regung.
    Würde er sie nun doch verraten... trotz seines Versprechens?
    Samantha erfaßte die Panik.
    `Newkirk, sag oder tue irgendwas! Und wenn du mich anschreist oder sofort zu Hogan läufst, ist mir egal, aber beweg dich endlich!`, flehte sie stumm und scheinbar wurden ihre Gebete erhört.
    Newkirk holte einen Moment tief Luft, bevor er anfing mit einigermaßen ruhiger Stimme zu sprechen.
    "I- i- ich weiß ehrlich n-n- nicht w- wie ich jetzt darauf r-r- reagieren s-s- soll, K- Kleine. Ich m-m- meine, wie i-i- ist d-d- das denn z-z- zustande ge- gekommen, w- woher weißt d- du d-d- davon u-u- und... und..."
    Trotz das er sich vorgenommen hatte, Samantha mit seiner Stimme etwas beruhigen zu wollen, brach diese abermals und der Engländer sah Samantha nur noch tief in die Augen.
    Samantha erkannte, das jetzt wohl einige Erklärungen fällig waren, doch erst mal hellte sich ihr Gesicht auf.
    Newkirk würde sie nicht verraten! Er wäre jetzt sonst nicht mehr hier, sondern schon längst in den Hauptraum der Baracke gestürmt um Colonel Hogan zu wecken.
    "Du... du verrätst mich nicht?", fragte sie dennoch etwas ungläubig. Sie hatte während ihres Lebens einfach schon zuviel Verrat und Mißtrauen erlebt, dass sie sich an soviel Vertrauen erst noch gewöhnen mußte.
    "N-Natürlich nicht. I- Ich habe e-e- es dir ver- versprochen und i-i-i- ich halte m-m- mein W- Wort."
    Mit einem Mal fiel alle Angespanntheit von Samantha ab. Es war, als wäre ihr ein zehn Zentner Stein vom Herzen genommen worden. Die Luft fühlte sich auf einmal so rein und frisch in ihre Lungen. Sie hatte es wirklich getan. Nun war es heraus und sie war nicht mehr allein mit ihrem Geheimnis. Jetzt hatte sie jemanden zum Reden, dem sie vertraute und wirklich gern hatte.
    Newkirk konnte sich ein leichtes Lächeln nicht mehr unterdrücken, als er sah, das die dunklen Schatten aus Samanthas Gesicht verschwanden.
    Man konnte sich schon fast nicht mehr vorstellen, das die Kleine bis vor kurzem noch soviel hatte erdulden müssen. Sie wirkte jetzt vielmehr wie eine junge, fröhliche Frau, als wie dieses düstere, von Sorgen geplagte Mädchen vorher.
    Auch Samantha fing an zu lächeln. Zuerst noch etwas zaghaft, aber bald über das ganze Gesicht.
    Einem plötzlichen Impuls folgend fiel sie Newkirk um den Hals und umarmte ihn fest.
    Der Engländer war erstmal zu überrumpelt, als das er gleich reagieren konnte, doch bald erwiderte er die Umarmung genauso fest und fuhr der Kleinen durch die Haare.


    Samantha wurde erst nach und nach bewußt, dass sie hier einfach so einem fast bildfremden Mann um den Hals gefallen war und obwohl er ihr engster Vertrauter geworden war, lief sie sogleich knallrot an und setzte sich schnell wieder zurück aufs Bett.
    Sie besaß ohne Zweifel sehr viel Selbstvertrauen und konnte frech wie Oscar sein, aber ausgerechnet Newkirk einfach so stürmisch zu umarmen machte sie verlegen und doch fuhr zugleich ein leichtes Kribbeln durch ihren ganzen Körper.
    "Ich... ich wollte nicht... entschuldige, bitte... es ist einfach so über mich gekommen..."
    Doch Newkirk winkte stumm ab und forderte sie abermals auf, ihm diese doch ziemlich merkwürdige Angelegenheit zu erklären.
    Samantha begann zu erzählen. Ihr Tonfall war sanft und ihr Blick schweifte in die Ferne, als hinge sie tiefen Erinnerungen nach. Es war nicht mehr wie vorher, als sie halb verrückt bei dem Gedanken geworden war, zu reden. Jetzt fiel es ihr leicht und es tat ihr gut, nach so langer Zeit endlich darüber reden zu können, ohne das schlimme Konsequenzen daraus folgen konnten.
    "Ich habe meine Mutter natürlich nicht gekannt, da sie bei der Geburt gestorben ist und auch im Heim wußte man nicht allzuviel über meine Familie, doch es waren ja zum Glück nicht alle tot.
    Der Vater meiner Mutter, also mein Grandpa, lebte noch."
    Samantha lachte leise auf.
    "Es ist zwar nicht zu bestreiten, das er schon ein merkwürdiger Kauz war und ich bin mir sicher, das sein mit seinem Oberstübchen auch etwas nicht ganz stimmte, doch er besuchte mich oft im Heim und erzählte mir Geschichten. Und eben auch wie das mit meinem Vater und meiner Mutter zustande kam..."


    Die kleine Samantha, von vielleicht sechs Jahren, hockte gespannt auf ihrem Bett im gemeinsamen Schlafraum des Heimes. Sie besaß noch nicht die gewisse Härte und den Zynismus der heutigen "Kleinen", doch schon damals zierte dieses breite Grinsen ihr Gesicht und ihre grauen Augen leuchteten voller Tatendrang und Lebensfreude.
    Ihr gegenüber, in einem alten Lehnstuhl, saß ihr Großvater. Ein schon recht alter Mann mit weißem Haar und einem ebensolchen Vollbart, der dringend wieder hätte geschnitten werden müssen. Sein Gesicht war von vielen Falten und auch Narben zerfurcht, die ihm ein etwas grobes und unnahbares Aussehen gaben, doch diese Erscheinung hielt nur so lange an, wie man nicht in seine Augen sah. Sie blickten so voller Güte und Stolz zu seiner einzigen Enkelin, das einem sofort warm ums Herz wurde und alle anderen Eindrücke vergessen ließ.
    "So Sammy, du bist also heute schon fünf Jahre alt geworden...", sagte er mit einer vom Wind und Meer rauh gemachten Stimme.
    "Aber Grandpa, ich bin doch jetzt schon sechs Jahre alt!", unterbrach ihn die kleine Kröte entrüstet und blickte ihren Großvater gespielt vorwurfsvoll an.
    "Ja, ja, eben so! Du bist genauso vorlaut wie deine Mum es in diesem Alter gewesen war, weißt du das? Eine strenge Vaterhand würde dir manches Mal gut tun.", erwiderte er ernst. Samantha stutzte und blickte ihren Großvater überrascht an, bis dieser anfing laut zu lachen und ihr durch die Haare wuschelte.
    "Grandpa, du sollst mich nicht immer so veräppeln!"
    "Werd ich nicht mehr!", versprach er leichtfertig und Samantha nahm es nicht ernst. Wie oft hatte ihr Grandpa schon gesagt, er wolle sie nicht mehr so oft aufziehen und fing dann im nächsten Moment schon wieder damit an. Doch sie sah es ihm nur zu gern nach. Er war alt, sehr alt, das wußte sie und sie genoß diese viel zu seltenen Momente, in denen sie völlig alleine miteinander waren, ohne Aufseher oder Pflegepersonal, das dem bunten Treiben nur allzu schnell ein Ende bereitete.
    Sie scherzten noch eine Weile, bis ihr Großvater plötzlich innehielt und sie mit großen erstaunten Augen ansah.
    "Du überraschst mich, Sammy! Willst du den gar nicht wissen, was sich für dich zum Geburtstag habe?"
    Samantha horchte auf. Ihr Großvater hatte nur wenig Geld und alleine sein Besuch war ihr Geschenk genug, doch sollte er tatsächlich eine Kleinigkeit für sie haben?
    "Doch, doch, will ich! Was hast du denn für mich?", fragte die Kleine ganz aufgeregt, sprang begeistert von ihrem Bett und hopste nun herum.
    "Setz dich und mach die Augen zu, dann geb ich’s dir!"
    Samantha zügelte ihre Ungeduld und Neugier nur schwer, doch ihr Großvater blieb hart und langte erst in seine Tasche, als Samantha ruhig dasaß und die Augen geschlossen hatte.
    Lächelnd zog der alte Mann ein silbernes Ding aus seiner Tasche, an dessen Ende eine Kette hing und legte es Samantha vorsichtig um den Hals.
    "Jetzt kannst du die Augen wieder öffnen."
    Das ließ sich Samantha nicht zweimal sagen.
    "Eine Mundharmonika! Oh Mann, das ist... das schönste Geschenk, das ich jemals bekommen hab! Danke, danke, danke!!!" Völlig begeistert sprang die Kleine ihrem Großvater um den Hals und schlang ihre dünnen Arme ganz fest um den alten Mann, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.
    "Freu dich nicht zu früh! Ich werde dir zeigen, wie man darauf spielt, aber es kostet viel Fleiß und Übung.", lachte der Großvater und drückte die Kleine ebenso an sich.
    Er hatte nicht geahnt, dass das Geschenk seiner Enkelin so gut gefallen würde und nun war er gerührt von ihrer großen Freude.
    Es dauerte lange bis sich Samantha wieder von ihm löste und ihm nun begeistert ihre Mundharmonika hinhielt.
    "Spiel doch was für mich! Bitte bitte!", bettelte sie und ihren großen Kinderaugen hätte selbst der härteste Raufbold nicht widerstehen können, geschweige denn ihr Großvater.
    Langsam setzte er das Instrument an seine Lippen und er spielte eben jenes Stück, das auch Samantha den Helden an ihrem ersten Tag vorgespielt hatte.
    Die Kleine hörte zu und sprach ganz gegen ihrer Gewohnheit kein einziges Wort. Ihre Augen begannen feucht zu glänzen und bald rollten einzelne Tränen über ihre Wangen.
    Sie saß noch lange schweigsam da, selbst als ihr Großvater schon längst geendet und selbst Tränen in den Augen hatte.
    "Das... das war wunderschön! Ich fürchte, ich werde nie so gut spielen können wie du.", sagte sie und lächelte schwach.
    Der alte Mann wischte ihr mit dem Daumen ein paar Tränen aus dem Gesicht und sah sie aufmunternd an.
    "Oh doch, das wirst du! Und wenn du eines Tages vielleicht deinem Vater begegnest, wirst du ihm zeigen, was eine Gray alles drauf hat!"
    Ihr Großvater hatte es leichtfertig gesagt und nicht über die Folgen nachgedacht, doch Samantha verwandelte sich schlagartig. Stocksteif saß sie nun aufrecht in ihrem Bett und ihre Gesichtzüge entgleisten ihr.
    "Was hast du gerade gesagt? Ich dachte, ihr wüßtest nicht, wer mein Vater ist?", fragte sie völlig entgeistert.
    Ihr Großvater seufzte, doch dann gab er sich einen Ruck. Das Mädchen schien ihm jetzt alt genug um die Wahrheit zu erfahren oder zumindest einen Teil davon.
    "Doch, ich weis es und deine Mum wußte es auch sehr wohl. Wenn du willst, erzähle ich dir alles, aber nur wenn du dich bereit dazu bist.", sagte er langsam und schaute dabei zu Boden.
    Samantha zögerte nicht lang. Wie konnte sie es nicht wissen wollen? Ihr Vater! Der einzige lebende Verwandte (hoffte sie doch zumindest, das er noch lebte) außer ihrem Großvater!
    Es war nie ein Wort über ihn gefallen und tatsächlich hatte sie bis sie vier Jahre alt war geglaubt, ein "Vater" wäre nur eine Erfindung der anderen Kinder, um sie neidisch zu machen. Später hatte man ihr gesagt, über ihren Erzeuger wäre nichts bekannt und nun erfuhr sie schon wieder eine andere Version der Wahrheit.
    "Erzähl mir alles was du weißt und ich meine wirklich alles! Ich will alles über ihn wissen was du weißt, hast du verstanden? Laß nichts aus!"
    Ihr Großvater sah ihr in die Augen und er erahnte schon jetzt die Entschlossenhit und den Mut, der Samantha später über die Runden bringen würde. Ihr Blick erwiderte fest den seinen und er wusste, dass es jetzt kein zurück mehr gab.
    "Dein Vater war oder ist auch noch, das weis ich nicht genau, bei der Air Force und war in England stationiert. Er verbrachte auch einen langen Urlaub hier in Galway."
    "Und da hat er Mommy kennengelernt?", fragte Samantha gespannt.
    "Ja, wie du weißt, arbeitete sie damals in einem Lokal und da hat er sie als Kellnerin kennengelernt.", sprach der Großvater weiter, doch seine Stimme klang nicht danach, als würde er sich wehmütig an etwas Schönes erinnern. Sie klang verbittert und war erfüllt von unterdrücktem Zorn. Samantha war noch zu klein, um das zu verstehen, doch sie merkte sehr, wohl, dass da etwas nicht stimmen konnte und sie war einfühlsam genug, nicht danach zu fragen.
    "Deine Mum verliebte sich in deinen Vater und auch er fühlte sich von ihr... angezogen. Die beiden verbrachten seinen gesamten Urlaub zusammen, doch dann musste er zurück in die Staaten."
    Der alte Mann hielt kurz inne. Er wußte nicht, wie er seiner Enkelin die volle Wahrheit erzählen konnte. Sie war doch so jung und unschuldig. Ihr Kopf war voller Träume, jetzt sicher auch über ihren Vater, konnte er diese einfach so zerplatzen lassen wie Seifenblasen?
    "Grandpa, wie geht’s weiter? Wurde ich in dem Urlaub gemacht und wieso ist mein Vater nicht einfach zurückgekommen, als er wieder Urlaub hatte?" Samanthas Kopf schwirrte vor lauter Fragen. Sie verstand nicht, warum sie ihren Vater nicht kannte und wo er abgeblieben war. Was verschwieg ihr Großvater und warum machte er so ein trauriges Gesicht? Hatte sie in etwa verärgert oder enttäuscht?
    Samantha wurde ganz mulmig zumute. Mit fragendem Blick setzte sie sich auf den Schoß ihres Großvaters und legte einen Arm um ihn. Er sollte doch nicht traurig sein, wenn sie zusammen waren und gleich recht nicht an ihrem Geburtstag. Lieber würde sie jetzt auf alle weiteren Erklärungen verzichten und dafür wieder von ihm aufgezogen werden!
    Der alte Mann seufzte tief und strich seiner Enkelin über die Haare.
    "Ach Kleines... Ja, während dieser Zeit wurdest du gemacht, aber weder dein Vater noch deine Mutter wußten etwas davon. Deine Ma merkte es erst, als dein Dad schon weg war." Hier stockte er wieder und wußte nicht mehr weiter.
    Wie sollte er der Kleinen sagen, das sich ihr Erzeuger einfach mit einem dummen Spruch und Wink verabschiedet hatte? Das er einfach so gegangen war und ihrer Mutter damit das Herz gebrochen hatte?
    Doch Samantha nahm ihm das ab. Vorerst zumindest, sagte sie, wollte sie nicht mehr wissen, nur noch ein was sollte er ihr unbedingt erzählen.
    "Wie heißt er?"
    "Robert Hogan, Kleines."
    Samantha nahm sich eilig einen Zettel und kritzelte den Namen in ihrer Kinderschrift auf das Papier. Sie sah ihren Großvater selbstbewusst an und mit einem Grinsen zerriss sie den Zettel in viele kleine Fetzen.
    "So, jetzt vergessen wir den Typ einfach und damit ist alles wieder okay… Komm, wir stibitzen uns ein Stück Kuchen aus der Küche und danach zeigst du mir, wie man Mundharmonika spielt!", plapperte Samantha fröhlich und zog ihren Großvater mit sich.
    Der ließ sich nur zu bereitwillig von diesem Thema ablenken und bewunderte die kindliche Leichtheit schwierige Dinge einfach so abzuschieben und zu vergessen.
    Doch so einfach war es auch wieder nicht.
    An diesem Abend, als Samantha in ihrem Bett lag und der Großvater schon längst wieder bei sich daheim war, lag sie noch lange wach und dachte daran, was sie heute erfahren hatte.
    Sie hatte einen Daddy und er mußte irgendwo da draußen sein in der großen weiten Welt.
    Er war nicht bei ihr und im Grunde genommen wusste sie nichts über ihn, trotzdem erstellte sie sich ein Bild von Hogan und dachte daran, wie es sein würde, endlich auch einen Vater zu haben und aus diesem verhassten Loch herauszukommen.
    Es wurde sehr spät und um einzuschlafen nahm sie sich schließlich die silberne Mundharmonika und probierte leise die Übung, die der Großvater seiner Enkelin gezeigt hatte. Doch bald forderte die Müdigkeit ihren Tribut und sie schlief ein, die Mundharmonika noch ganz fest im Griff und seelisch lächelnd.



    Doch Samantha wurde älter und je mehr Erfahrungen sie machte und je mehr sie von der Welt erfuhr, desto fremder wurde ihr die Vorstellung von einer solch glücklichen Familie. Ihr Vater wurde ihr egal, zumindest versuchte sie sich das einzureden, und erst als sie verschleppt wurde und Bauer in die Hände fiel, dachte sie auch wieder offen vor sich selbst an ihren Erzeuger.
    Aufgerüttelt durch das Militär und den Krieg fing sie an im Schlaf zu sprechen und der SS- General bekam schnell heraus, wer dieser Hogan war und welche Gerüchte sich um ihn rankten.
    Er sah es als große Chance endlich emporzusteigen und spielte Samantha die Information zu, wo sich ihr geliebter Vater befand, um ihn mit seiner Tochter erpressen zu können und das Mädchen tappte prompt in die Falle hinein.
    Das wußte Samantha natürlich bis heute noch nicht, genauso wenig wie sie sich erklären konnte, was sie plötzlich von dem Gedanken beflügelt hatte, zu ihrem Vater zu gelangen, der ausgerechnet in einem deutschen Kriegsgefangenenlager saß.


    Newkirk hörte gespannt zu und unterbrach Samantha nicht, während sie redete.
    Erst als die Kleine verträumt den Blick auf ihn wandte, regte er sich wieder.
    "D- dass Colonel H- Hogan d-d- deiner Mutter a-a- ausgerechnet in einer K- Kneipe begegnet i-i- ist, w- wundert mich n-n- nicht.", sagte Newkirk und grinste. Es war ja allgemein bekannt, das der Colonel gerne mal in ein Lokal ging, um dort mehr als nur Bestellungen bei einer hübschen Kellnerin aufzugeben.
    Und das Samanthas Mutter hübsch war, daran zweifelte der Engländer nicht im geringsten, war Samantha doch selbst eine kleine Schönheit.
    "A-a- als was hat s- sie d-d- dort ge- gearbeitet? Als K- Kellnerin?", fragte Newkirk und wunderte sich, als Samantha ein wenig verlegen zu Boden schaute.
    "Na ja, so könnte man es auch nennen. Aber, um es genau auszudrücken, sie war, entschuldige den brutalen Ausdruck, eine... Hure."
    Samantha sah auf ihre Hände, als wären diese plötzlich sehr interessant geworden.
    "N- Na ja... d-d- das... kann d- doch t- trotzdem ein a-a- anständiger... B- Beruf... sein, o-o- oder? Ich m- meine..."
    Samantha unterbrach ihn mit einem Wink, da es ihr lieber war, die Sache dabei zu belassen, bevor Newkirk noch verlegener wurde, als sie es war.
    „W- was ist e-e- eigentlich aus d- deinem G- Grandpa geworden? L-l- lebt er n- noch immer in I- Irland?“, fragte Newkirk, um die peinliche Stille, die entstanden war, zu beseitigen.
    Doch die Frage hatte nicht den gewünschten Effekt.
    Samantha wandte den Blick ab und schluckte schwer.
    „Nein, er ist gestorben als ich elf Jahre alt war.“, sagte sie nur kurz und kämpfte sichtlich mit sich.
    "I- ihr zwei st- standet euch w-w- wohl s-s- sehr nahe, hmm? W- Wie ist er d-d- denn gestorben, w- wenn ich f-f- fragen d- darf?", fragte er vorsichtig und blickte betreten zu Boden.
    "Er war der einzige Verwandte, den ich zu dieser Zeit hatte, natürlich standen wir uns da sehr nahe. Er hat schon im ersten Weltkrieg gedient, aber nur sehr selten davon erzählt. Er sagte immer, was er dort gesehen hat, möchte er kein zweites Mal durchmachen, sondern lieber sterben und so kam es auch... Als der Zweite Weltkrieg losging, hat ihm das derart zugesetzt und Angst gemacht, dass er gestorben ist. Die Ärzte haben gesagt, es war sein Herz und das Alter allgemein, aber ich weis, es war die Angst womöglich wieder eingezogen oder sonstwie mit in den Schlamassel hineingezogen zu werden. Daran ist er gestorben und an nichts anderem!"
    Samantha ballte die Hände zu Fäusten und mußte einen Moment heftig schlucken, um nicht irgendwo gegen zu treten.
    "T- tut mir w-w- wirklich l- leid!", sagte Newkirk nur, alles andere kam ihm sinnlos und unpassend vor.
    "Schon gut, vielleicht war es auch besser so für ihn. Mit zwölf bin ich dann aus dem Heim abgehauen und stand von da an auf eigenen Beinen. Ich kam ganz gut durch, obwohl ich mir am Anfang einige blaue Flecke eingefangene habe. Man muß schnell lernen, wenn man auf der Straße überleben will und das habe ich getan. Manchmal habe ich für einen größeren Boß gearbeitet, aber meistens auf eigene Faust, das war sicherer und die Wahrscheinlichkeit an Bleivergiftung zu sterben ist dabei weitaus geringer, auch wenn der Lohn mit dem Risiko sinkt." Samantha war jetzt wieder besserer Laune und ihr Grinsen, das man sich schon fast nicht mehr wegdenken konnte, kehrte zurück.
    "Aber wie ich gehört habe, bist auch mit flinken Fingern gesegnet und kannst mich da verstehen, ist es nicht so, du Houdini?"
    "Ertappt! Ich habe aber wirklich nur als Zauberer gearbeitet. Na gut, ein paar Kartentricks waren vielleicht auch ab und zu dabei, aber nie wirklich was Großes.", antwortete Newkirk ihr, wobei er jetzt wieder ab und zu aus dem Fenster lugte um seinen Wachposten nicht allzu sehr zu vernachlässigen.
    „Interessiert dich vielleicht sonst noch was?“, fragte Samantha, da ihr nichts mehr einfallen wollten und sie außerdem langsam ein Gähnen unterdrücken musste.
    Newkirk spielte zuerst mit dem Gedanken, Samantha danach zu fragen, ob ihr Großvater ihr dann doch noch erzählt hatte, warum Hogan und ihre Mutter auseinander gekommen waren, doch er unterließ es lieber.
    Als Samantha ihre Geschichte erzählt hatte, war Newkirk zu der Überzeugung gekommen, dass zwischen Samantha und Hogan nicht alles im grünen stehen konnte. Obwohl sie es krampfhaft zu unterdrücken versucht hatte, hatte Newkirk trotzdem manchmal die leise Wut herausgehört und er fragte sich, was der Colonel denn so schlimmes verbrochen haben konnte, um den Zorn der Kleinen auf sich zu ziehen.
    Sicherlich hatte ihr Großvater doch noch den Grund der Trennung preisgegeben und ganz offensichtlich war Samantha nicht besonders scharf darauf, darüber zu reden.
    "U-u- und was gedenkst d-d- du j- jetzt zu t-t- tun? Ich m-m- meine..." Newkirk stockte und sah Samantha fragend an.
    Sie saß ganz still auf dem Bett und hatte die Augen geschlossen. Zuerst hatte der Engländer gedacht, sie hänge immer noch in Erinnerungen, aber jetzt vernahm er die gleichmäßigen und ruhigen Atemzüge, wie sie nur ein Schlafender zustande brachte.
    "N-n- na s- sowas, sch- schläft e-e- einfach im s-s- sitzen ein.", murmelte er leise.
    Newkirk legte Samantha vorsichtig aufs Bett und deckte sie gut zu. Durch die Aufregung schien ihre Temperatur wieder etwas gestiegen zu sein, doch es war anscheinend nichts ernstes.
    Völlig in Gedanken versunken setzte sich Newkirk auf die Bettkante und schaute aus dem Fenster. Diese Nacht war erstaunlich ruhig. Von Bauer war nichts zu sehen,
    Klink und Schultz schienen in den immer kälter werdenden Nächten die Lust an Überraschungsinspektionen verloren zu haben und selbst die Hunde bellten nicht.
    In seinem Kopf aber wirbelte alles durcheinander. Er hatte heute abend soviel erfahren und mußte erst mal alles verarbeiten. Na wenigstens wußte er jetzt, das Samantha wirklich nichts mit Bauer zutun hatte und das dieser Typ die Kleine für eine Erpressung mißbrauchen wollte, dafür konnte sie ja nichts.
    Er hatte gar nicht gemerkt wie schnell die Zeit vergangen war und nun hörte er aus dem Hauptraum ein schrilles Klingeln und bald darauf wütende Rufe.
    Newkirk grinste, als Kinch zur Tür herein kam, gefolgt von den Flüchen der anderen.
    "D- du k-k- konntest es w- wohl nicht l-l- lassen, o- oder?", fragte Newkirk gespielt ernst.
    "Warum, hast du etwa was gegen diesen kleinen Scherz?", fragte Kinch zurück und rieb sich schadenfreudig die Hände.
    "G-ganz und g-g- gar n- nicht!", gab Newkirk zurück.
    "K- könntest du mir e-e- einen G- Gefallen tun u- und S-S- Samantha ein bißchen i- im Auge b-b- behalten? I- Ihre Temperatur i- ist etwas g-g- gestiegen und es k- kann s-s- sein, das sie A- Alpträume bekommt. W- Weck mich d-d- dann einfach, o- okay?"
    Kinch schaute zwar etwas verwirrt, doch er stimmte zu und Newkirk ging gähnend zu Bett.
    Die anderen waren trotz der Störung rasch wieder eingeschlafen und Newkirk war auch schon am wegdösen, als Hogans Stimme an sein Ohr dran.
    Zuerst dachte er, der Colonel spreche im Schlaf, wie es auch Samantha tat (schließlich waren die zwei ja Vater und Tochter), doch bald merkte er, das Hogan mit ihm sprach.
    "Also, schieß los Newkirk, hast du was raus gefunden von der Kleinen?"
    Newkirk der angesichts des ihm Anvertrauten, heftig schlucken mußte, brach in Schweiß aus. Was sollte er dem Colonel jetzt erzählen?
    "I-i-i-i-i- ich h-h-h- hab n- n- n- nicht- t- t- t- tss r- r- raus- s- s- s b-b-b- be- k- k-k- kommen."
    "Was ist denn mit dir los? So schlimm war dein Stottern ja noch nie! Also, spuck `s schon aus und das ist ein Befehl, Corporal!", Hogans Stimme hatte einen leicht gereizten Unterton angenommen und Newkirk geriet in Bedrängeins.
    Natürlich konnte er es dem Colonel nicht erzählen, andererseits aber hatte dieser den Befehl gegeben und wenn er denn verweigerte, konnte das schwerwiegende Folgen haben, auch wenn der Grund noch so wichtig war.
    "S –s-s- sie werden e-e-e- es noch früh g-g-g- genug e-e- erfahren, C-c-c- Colonel. Ich schwöre, es i-i- ist nichts Kriegswichtiges, sondern..."
    Nun stotterte Newkirk nicht mehr, sondern sprach gar nicht weiter.
    "Was? Sondern was?" Nun war Hogans Stimme nicht mehr nur leicht gereizt. Newkirk nahm an, das der Colonel kurz vorm Explodieren war, wenn er nicht bald redete.
    "E-e-es ist etwas sehr p-p-p- persönliches, okay!"
    Besser wusste es Newkirk nicht zu umschreiben, ohne dabei den Colonel anzulügen, aber auch ohne Samantha zu verraten.
    Zu seinem Glück murmelte Hogan nur noch was, das ziemlich nach einem üblen Schimpfnamen für Newkirk klang, ging dann aber nicht weiter darauf ein, sondern drehte sich auf die andere Seite, zog die Bettdecke über den Kopf und schwieg.
    `Puh, das war knapp!`, dachte Newkirk noch, bevor auch er einschlummerte.


    Kapitel 12: Waffenstillstand


    Der nächste Morgen brach an und wie versprochen stand Hogan extra früh auf und machte Frühstück für alle. Seine Kochkünste entsprachen bei weitem nicht denen von LeBeau, doch seine Männer würde er nicht vergiften, wie es Samantha behauptet hatte. In Hogan breiteten sich gemischte Gefühle aus, als er an die kleine Irin dachte. Was war in der Nacht nur vorgefallen, dass Newkirk ihm nichts erzählen wollte?
    Es ist etwas Privates!
    Toll, wirklich toll, damit konnte er genauso viel anfangen, als wenn der Engländer gar nichts gesagt hätte.
    Gedankenverloren rührte er in den Eiern, die für ein Omelett gedacht waren, und merkte gar nicht, wie langsam auch die anderen wach wurden.
    Auch Newkirk strecke sich verschlafen und merkte sofort, nachdem sich sein Blick geklärt hatte, dass der Colonel nicht ganz da war.
    Er mußte schlucken, wenn er bloß daran dachte, dass er Hogan noch eine Antwort schuldig war, die er ihm nicht geben konnte.
    Samantha hatte ihn in eine schön beschissene Lage gebracht!
    `Newkirk, reiß dich zusammen, du schaffst das schon!`, machte er sich selbst Mut, doch irgendwie wollte es nicht helfen.
    Das Hogan die Sache mit Samantha auch nicht auf die leichte Schulter nahm, sagte Newkirk dessen vorwurfsvoller Blick, mit dem er ihn betrachtete und auch gegenüber Samantha verhielt er sich äußerst zurückhaltend.
    Sofort tat Newkirk die Kleine leid. Obwohl Hogan natürlich nichts wissen konnte, mußte es Samantha gewaltig an die Nieren gehen, das sich ihr Vater so abweisend verhielt und die deutliche Kühle in seiner Stimme ihr gegenüber machte die Sache auch nicht gerade besser.


    Nach dem Morgenappell, bei dem man merkte, das der Winter näher rückte, rief Hogan wie üblich alle zusammen um das Tagesprogramm durchzugehen.
    "Newkirk, du reinigst mal wieder Klinks Büro und siehst nebenbei ganz zufällig seine Akten durch. Möglichst auch die Post, wenn du rankommst. Und schmuggle die alte wieder zurück.", befahl Hogan und Newkirk nickte. So würde er wenigstens aus der Reichweite des Colonels kommen.
    "LeBeau, heute kommt Schnitzer um die Hunde auszutauschen. Geb ihm Bescheid, dass er sich zurückhalten soll und wenn er andere Organisationsmitglieder sieht, soll er denen auch gleich Bescheid sagen."
    Auch LeBeau nickte nur und sagte nichts weiter dazu.
    Es fiel allen sofort auf, dass der Colonel äußerst mies gelaunt war und das man ihm besser aus dem Weg gehen sollte.
    Die anderen sollten weiterhin Augen und Ohren offen halten, was anderes fiel dem Colonel nicht ein. Er fühlte sich schrecklich hilflos in dieser Lage, da sie nicht mehr tun konnten und darauf warten mußten, dass die Gegenseite den nächsten Schritt unternahm.


    Während Samantha möglichst unauffällig mit Newkirk in Klinks Büro ging, unterhielten sich LeBeau, Kinch und Carter über den Colonel.
    "Mann, welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen?", fragte LeBeau und schüttelte den Kopf.
    Doch Carter und Kinch konnten ihm auch keine Antwort geben.
    "Ich weis nur, das es irgendwas mit Newkirk und der Kleinen zutun haben muß. Seine Blicke hätten ja töten können!", sagte Kinch nur und erntete Zustimmung.
    "Vielleicht ist der Colonel einfach eifersüchtig auf Newkirk. Ich meine, die Kleine klebt ja förmlich an ihm und dabei hegt Hogan mindestens genauso viele Vatergefühle für Samantha, oder hat er zumindest.", warf Carter ein und runzelte die Stirn.
    Kinch blickte mißmutig drein und zog Carter die Mütze ins Gesicht.
    "Red keinen Stuß! Da steht der Colonel drüber."
    Sie diskutierten noch weiter, doch es kam nichts raus dabei. Es hatte etwas mit den beiden zutun, da waren sie sich einig, aber was nun genau, konnte keiner sagen und Vermutungen anstellen half da auch nichts.
    Hogan hatte sich unterdessen in sein Büro verschanzt und brütete über ein paar Karten. Egal was mit Samantha los war, Bauer war im Moment das größere Problem von beiden und die Zeit lief ihnen davon.
    "Verdammte Scheiße!" Der Colonel haute mit der Faust auf den Tisch. Er kam einfach nicht weiter und es wollte ihm auch kein genialer Plan einfallen, mit dem er sich und seine Truppe aus der Gefahr retten konnte.
    Sie mußten Bauer beseitigen, Renkner und Sauer noch dazu und die Beweise vernichten, doch wie um Gottes Willen sollten sie das alles anstellen?


    „Newkirk, ich weiß wie viel ich von dir verlange, aber…“
    „A-a- ach, weißt d-d- du d-d- das w-w-wirklich?“ Newkirks Stimme klang ungewohnt hart und Samantha schluckte.
    „Es wird ja nicht mehr für lange sein, nur noch eine Woche oder zwei.“
    „A- ach ja, und a-a- aus einer W- Woche w-w- wird ein M- Monat, dann z-z- zwei Monate, dann n-n- niemals…“ Seine Stimme war immer noch hart, aber seine Gesichtszüge nahmen jetzt eher einen sehr verzweifelten Ausdruck an.
    „E- es i-i- ist j- ja nicht s-s- so, d-d- das ich dir n-n- nicht helfen w-w- will, aber H-h- Hogan i-i- ist e- ein Colonel…“ Samantha schluckte ein bissiges Kommentar runter und ließ Newkirk weiter reden, während sie die Fenster putzte, die von Carters Einbruch immer noch eine dicke Staubschicht aufwiesen.
    `Diese Kalinke sollte wirklich mal was anderes bürsten als Klink, hier sieht `s ja…`
    Ein Couvert mit der Aufschrift "Streng Geheim" fiel ihr plötzlich ins Auge und unterbrach ihren Gedankengang.
    „Na holla, was haben wir denn da!“, murmelte sie und Newkirk brach ebenfalls ab, seine Loyalität gegenüber Hogan zu erklären und in was für eine mißliche Lage sie ihn da brachte.
    „W-w- was denn?“
    Samantha warf einen prüfenden Blick nach draußen, aber niemand war in Sicht, der ihre kleine Briefkontrolle sehen würde, deshalb öffnete sie den Briefumschlag und las schnell das amtlich wirkende Schreiben.
    „Newkirk, das solltest du dir mal ansehen, oder noch besser Colonel Hogan! Ich versteh zwar nicht viel von diesem militärischen Kram, aber wenn das hier stimmt, könnte die Sache mit Bauer erheblich problematischer werden als sie ohnehin schon ist.“
    Newkirk, der sah wie Samantha reichlich blass wurde, während sie den Brief wieder und wieder las, konnte die Spannung nicht mehr ertragen und riß ihn ihr aus den Händen. „L- l- l- lass m-m- mal s-s- sehen!“
    Auch Newkirk wurde flau im Magen, während er die Zeilen überflog.
    „S-s- sag H-h- Hogan schnell Bescheid, während ich versuche das hier zu kopieren.“, wies Newkirk schließlich an.
    Bauer hatte es trotz ihrer Vorsichtsmaßnahmen geschafft, weitere Fotos zu machen und er war an geheime Karten und Codes herangekommen, die ebenfalls zur Organisation gehörten.
    In Baracke 2 angekommen stürmte sie sofort und ohne anzuklopfen in das Büro.
    "He, das ist immer noch mein Büro und ich bin immer noch Colonel! Also bitte, anklopfen könnt ihr schon noch!", brüllte Hogan und fuhr herum.
    Als er sah, das Samantha verdattert in der Türe stehen blieb, beruhigte er sich jedoch wieder.
    "Was ist?", fragte er genervt.
    Samantha schluckte mit viel Mühe ihre Meinung zu Hogans Reaktion herunter und begann mit ruhiger Stimme von Bauers Brief zu erzählen.
    "WAS? Er will uns schon in zwei Wochen hochgehen lassen? Das kann doch nicht wahr sein!"
    Sofort waren alle Sorgen über Newkirk und Samantha vergessen.
    "Doch, Newkirk kopiert gerade das Schreiben und richtet den Brief wieder her, damit nichts auffällt."
    Völlig geschockt starrte Hogan Samantha an und schluckte schwer.
    Das wurde ja wirklich immer besser, dachte er sarkastisch und er wußte nicht genau, ob er lieber heulen oder lachen oder beides tun sollte.
    Die zwei standen einfach weiter da, ohne etwas zu sagen oder zutun, bis Newkirk kam und nicht minder blaß als Samantha Hogan einen Zettel gab, auf dem alles stand, was auch im Brief zu lesen war.
    Mit etwas zittrigen Fingern las Hogan das Schreiben, um sich dann völlig am Ende auf sein Bett sinken zu lassen.
    "Ruft die anderen zusammen, bis auf LeBeau, der soll noch mit Schnitzer reden. Wir treffen uns in einer viertel Stunde in meinem Büro."
    Sagte er und ging wie in Trance aus der Baracke.
    Samantha und Newkirk taten wie geheißen und antworteten erst mal nicht auf die stürmischen Fragen der anderen, die sofort merkten, dass etwas ganz und gar nicht Gutes im Gange war.


    Hogan hatte einfach an die frische Luft gemußt. Das Zimmer war ihm plötzlich unendlich eng und stickig vorgekommen.
    Mit abwesenden Bewegungen ließ er sich hinter der Turnhalle auf den Boden gleiten und blieb dort regungslos sitzen.
    Hier würde ihn niemand so schnell finden und auch die Wachen waren hier selten. Ein ideeller Ort zum Nachdenken, wenn man völlig am Ende war.
    Doch sollte dies wirklich das Ende von allem sein?
    Hogan schluckte abermals heftig. Selbst fliehen schien unmöglich mit dem von Wachen überfluteten Wald und dem Peilsender, der jeden Kontakt zur Untergrundorganisation unmöglich machte.
    Und Bauer beseitigen mit allem drum und dran schien ebenfalls nicht durchführbar.
    Was sollte er bloß tun?
    Drinnen in seinem Büro würden jetzt seine Leute warten, fest darauf hoffend, das ihr Colonel schon einen Plan aus dem Hut ziehen würde, und wenn er noch so verrückt war.
    Doch diesmal nicht! Dieses Mal wollte ihm nichts einfallen, das sie noch retten konnte.
    Völlig erschöpft ließ Hogan seinen Kopf auf die angezogenen Knie sinken – und so fand ihn auch Samantha.


    Er wirkt so hilflos und unschuldig, dachte Samantha, als sie den Colonel erblickte.
    Sie hatte ihn suchen wollen, da die Viertelstunde schon längst vorüber war, doch nun getraute sie sich nicht so recht an ihn heran.
    Er sah aus, als würde er beim nächsten lauten Geräusch zusammenbrechen und Samantha konnte es ihm nicht verübeln.
    Bauer... sie... dann Newkirk, der ihm nichts sagen wollte, das alles mußte auch für den sonst so starken Colonel Hogan einfach zuviel gewesen sein, jedenfalls konnte Samantha sich keinen vorstellen, der das einfach so wegstecken würde.
    In jenem Moment konnte sie trotz aller Wut und Enttäuschung verstehen, was ihre Mutter an diesem Mann gefunden haben mußte.
    Eigentlich ist er ja mein Vater und müßte mich trösten und wieder aufbauen, dachte sie kurz sarkastisch, bevor sie auf ihn zuging und sich ohne Worte neben ihn hockte.
    Hogan bekam sie zu Anfang gar nicht recht mit, bevor er aufblickte und erstaunt in das Gesicht der kleinen Irin blickte.
    "Du? Was ist denn?", fragte er wenig begeistert und Samantha mußte sich die ganze Lage und alles Mitleid wieder ins Gedächtnis rufen, um nicht ebenso grob zu antworten.
    "Wollten sie nicht mit ihren Männern reden?", fragte sie deshalb nur und bemühte sich um einen freundschaftlichen Ton.
    "Und was soll ich ihnen sagen?", fragte Hogan zurück und starrte zu Boden.
    Samantha wußte, das Hogans Stimmung nicht allein an Bauer lag, sondern auch an ihr und verzweifelt suchte sie nach den richtigen Worten, um Hogan wenigstens diese Last zu nehmen.
    "Newkirk kann nichts dafür. Ich habe ihn schwören lassen, das er es niemanden erzählt.", sagte sie schließlich, und wußte dabei gleichzeitig, das der Colonel das nicht akzeptieren würde.
    "Er hätte doch nichts schwören müssen, oder? Hast du ihm mit dem Tod gedroht, falls er es nicht tun würde?", fragte Hogan bissig zurück und starrte weiterhin Löcher in den Boden.
    "Nein, habe ich nicht!", preßte Samantha zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie wollte dem Colonel helfen, ohne ihr "kleines" Geheimnis dabei zu verraten, aber einfach machte er es ihr nicht gerade.
    "Na also, dann hätte er es doch nicht tun müssen. Oder gab es da noch etwas anderes, das ich nicht wissen darf?", fragte er weiter. Samantha mochte ein noch so kleines süßes Mädchen sein, aber im Moment war ihm das völlig egal. Irgendwann mußte er ja mit ihr reden, wenn Newkirk ihm nichts sagen wollte. Es war zwar nicht unbedingt die Situation, die er sich vorgestellt hatte, doch nun ließ er es einfach geschehen...
    "Colonel Hogan, das ist doch kindisch!", platzte Samantha heraus und verschränkte die Arme vor der Brust.
    "Ach wirklich? Und diese Geheimnistuerei ist es wohl nicht, oder was?"
    Samantha seufzte resigniert. So würden sie nicht weiter kommen, aber jetzt war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort um es ihm zu sagen. Geduld war weder seine noch ihre Stärke, doch sie beide würden jetzt sehr viel davon brauchen, um die Sache zu überstehen.
    "Es hat nichts mit Bauer zutun, jedenfalls nicht direkt. Es beeinflußt den Krieg und die Organisation nicht. Es ist einfach gesagt privat und nichts weiter!"
    Hogan schnaubte verächtlich.
    "Das hat mir Newkirk auch schon gesagt, aber besonders nützlich ist das nicht."
    "Okay, und was ist, wenn ich ihnen hoch und heilig verspreche, das ich es ihnen nach der Sache mit Bauer erzählen werde?" Samantha sagte das ohne recht vorher zu überlegen, sonst hätte sie bestimmt einen Rückzieher gemacht, doch jetzt war es gesagt und konnte nicht zurückgenommen werden.
    "Wenn die Sache mit Bauer vorbei ist? Du meinst wohl, wenn wir alle schon längst vorm Erschießungskommando gestanden haben oder zu Tode gefoltert wurden und uns dann als Englein im Himmel wiedersehen, oder was?"
    Samantha war schockiert über diese Worte. Sie hätte nie gedacht, dass Hogan schon aufgegeben hatte.
    Hogan bemerkte trotz seiner Wut, dass er die Kleine damit ziemlich vor den Kopf gestoßen hatte und schon tat es ihm leid, so grob gewesen zu sein. Egal was für Geheimnisse sie vor ihm hatte, sie war immer noch ein halbes Kind, das versuchte einigermaßen vernünftig mit ihm zu sprechen und einen Kompromiß zu schließen.
    Was dachte er sich überhaupt dabei, sie so fertig zu machen? Nicht in seiner größten Wut hätte er so reagieren dürfen!
    "Es tut mir leid.", sagte er schließlich und endlich schaute er sie dabei auch an.
    "Schon gut, ich kann sie ja verstehen, aber es ist..."
    "Stopp!", unterbrach Hogan sie schnell.
    "Ich nehme deinen Vorschlag an und vertraue jetzt einfach mal auf Newkirk und dich. Ich kann mir auch nicht vorstellen, das dieser verdammte Engländer mir was verheimlichen würde, was entscheidend für die Lage wäre, also wie wäre es mit Waffenstillstand?"
    Samantha wußte, das Waffenstillstand nichts als einen Aufschub des unvermeidlichen bedeutete, aber sie hatte es ja selbst so gewollt, also stimmte sie zu.
    "Und jetzt kommen sie besser mit, die anderen werden sich schon Sorgen machen. Vielleicht hat LeBeau ja auch Nachrichten von Schnitzer bekommen, die uns weiterhelfen werden."
    "Deinen Optimismus möchte ich haben!", seufzte Hogan und strich Samantha durch die Haare.
    Alles wirkte immer noch ein wenig distanziert, aber Hogan wollte sich an den Waffenstillstand halten und sich so normal wie möglich verhalten, was Samantha nur recht war. Sie würden in der nächsten Zeit gute Miene zum bösen Spiel machen, aber vielleicht waren auch manche freundliche Gesten von Hogan ernst und echt. Daran zumindest klammerte Samantha sich, um nicht zu verzweifeln.
    Hogan war schließlich ihr Vater und egal wie sehr sie es auch zu verdrängen versuchte, sie begann ihn lieb zu gewinnen.

  • Ok, und jetzt die zwei neuen Kapitel.
    Ich hoffe sie gefallen euch, da ich sie alle beide an einem Abend geschrieben habe und nicht ganz sicher, ob mein Kopf einfach nur übermüdet war oder ob ich durch zuviel Rotwein nur noch Scheiße geschrieben habe.


    Übrigens nochmal ne Frage. Hat wer von euch was von Noldi gehört? Ich hatte seiene Storys gemocht und eigentlich wartete ich selbst jetzt noch sehnsüchtig auf die Fortsetzung von Einer für alle.


    Viel spaß beim Lesen!


    Kapitel 13: Und die Steine kommen ins Rollen


    Im Büro des Colonels warteten die anderen schon wie auf glühenden Kohlen. Zwar hatte Newkirk ihnen inzwischen gesagt, was es mit dem Brief auf sich hatte, aber dummerweise war ihm dabei auch herausgerutscht, wie Colonel Hogan darauf reagiert hatte.
    Ihre Hoffnung schwand mehr und mehr, je länger der Colonel fort blieb und als ausgerechnet Samantha sich auf die Suche nach ihm machte, wurde Newkirk auch nicht gerade wohl zumute.
    Sie sprangen förmlich auf, als sie die Tür vom Haupteingang hörten.
    Doch noch bevor irgendjemand anfangen konnten, Fragen zu stellen, forderte der Colonel sie zum Schweigen auf.
    Vor Spannung bald platzend setzten sie sich jeder in eine Ecke und sahen den Colonel gespannt an. Diesem wurde bei den hoffnungssuchenden Blicken seiner Truppe nicht grad wollig ums Herz. Er war immer dankbar dafür gewesen, das sie ihm vertrauten und seine Pläne ausführten, so verrückt sie manchmal auch waren, aber im Moment hätte er einen einfachen Soldatenrang der Verantwortung seiner Position vorgezogen.
    `Da hilft alles nichts, ich muß wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.`, sagte er sich und atmete tief durch.
    "Hat Newkirk euch schon über den Brief informiert?", fragte er und die Blicke seiner Leute waren Antwort genug.
    "Na schön, dann wißt ihr ja, dass die Sache immer ernster wird. Es ist keine Zeit mehr Informationen einzuholen und ehrlich gesagt, hat das ja auch nicht allzu viel gebracht, oder?
    Entweder fällt uns in der nächsten Woche noch was ein oder wir lassen alles sausen und flitzen, was aber auch nicht unbedingt ein Sonntagsspaziergang werden dürfte."
    Kinch schaute reichlich zweifelnd.
    "Colonel, ich weis, sie wollen uns das schonend beibringen, aber sehen wir der Sache doch ins Gesicht. Die Chance zu Fliehen haben wir nicht mehr. Nicht ohne den Untergrund und mit den Wachen im Wald. Da müßte Bauer uns schon persönlich durchgeleiten, damit wir bis zum U- Boot kommen, Sir."
    Hogan zog tief die Luft in seine Lungen. Was sollte er dem entgegensetzen? Kinch war gewiß niemand, der alles schwarz sah und übertrieb. Er hatte vollkommen recht mit seiner Feststellung, doch das half Hogan wenig weiter.
    "Stimmt, Kinch. Aber vielleicht... Wartet mal, ist LeBeau immer noch bei Schnitzer?", fragte Hogan und sah in die Runde, doch den kleinen Franzosen konnte er nirgends entdecken.
    "Ja, er ist jetzt schon ziemlich lange draußen. Glauben sie, da ist was faul, Colonel?", fragte Carter und linste aus dem Fenster.
    "Ich geh mal nachsehen und hol ihn. Ich möchte das mit der gesamten Mannschaft besprechen."


    Er fand LeBeau, der sich unauffällig mit Schnitzer unterhielt, in der Nähe der Hundezwinger.
    Vorsichtig schaute Hogan nach allen Seiten, doch es schien sie niemand zu beachten.
    Als Schnitzer ihn sah, machte er ein betrübtes Gesicht, was dem Colonel sagte, das LeBeau ihn schon eingeweiht haben mußte.
    "He, alles klar?", fragte Hogan, immer noch versuchend den ganzen Hof mit einmal im Blick zu behalten.
    "Das sollte ich sie eher fragen!", gab Schnitzer zurück und lachte etwas gequält.
    "Nein, da stecken wir alle mit drin. Bauer hat auch die Informationen der anderen Mitglieder. Ihre persönlichen Daten hat er zwar noch nicht rausbekommen, aber ihre Codes und ihr Deckname stehen mit auf einer Liste, die Bauer Klink heute geschickt hat." Das war neu für Schnitzer und LeBeau und die beiden sahen den Colonel fragend an.
    "Aber Colonel, das darf doch nischt wa`r sein. Wir waren so vorsichtig in letzter Zeit! Wie soll er da weiter gekommen sein?", fragte LeBeau erstaunt.
    "Davon weis ich leider auch nicht soviel, wie ich gern wissen würde, aber ich erklär dir alles drinnen." Und an Schnitzer gewandt fuhr er fort:
    "Halten sie sich bedeckt, aber nicht zu auffällig. Es kann sein, das wir unseren Betrieb schließen müssen, aber mit Sicherheit kann man im Moment nichts sagen. Seien sie vorsichtig."
    "Sie auch Colonel, passen sie auf sich und ihre Leute auf. Aber wie ich sie altes Schlitzohr kenne, wird ihnen da schon was einfallen. Vielleicht helfen ihnen auch die Informationen weiter, die ich LeBeau gegeben habe. Machen sie `s gut und halten sie die Ohren steif."
    Schnitze tippte an seine Mütze und fuhr mit dem kleinen Lieferwagen davon.
    "Was für Informationen denn?", fragte Hogan verblüfft und schaute LeBeau an.
    "Wie sie schon gesagt `aben Colonel, drinnen ist es im Moment sicherer. Wir brauchen sowieso das Codebuch dazu, die Nachrischt ist verschlüsselt."
    Rätselnd, was das für Nachrichten sein könnten, ging Hogan mit LeBeau in die Baracke.
    Sollte Samantha mit ihrem Optimismus vielleicht doch recht haben?
    Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein!
    Nachdem Hogan das Codebuch zu Hilfe genommen hatte, war die Nachricht schnell entschlüsselt und tatsächlich enthielt sie weitere Informationen zu Bauer, aber auch noch eine ganz unerfreuliche Sache...


    "Die... die... die haben sie doch nicht mehr alle! Das... das können die doch nicht von uns verlangen! Ich wechsle gleich auf die andere Seite! Oh nein, was zuviel ist, ist zuviel...!" Während er Colonel unablässig Runde um Runde in seinem Büro drehte und weiter vor sich hin fluchte, wurden die anderen immer unruhiger.
    Schließlich platzte Newkirk der Kragen.
    "N-n- nun sagen s- sie schon w-w- was d- da drin s- steht, C- Colonel! E- es kann d-d- doch eigentlich n- nicht n- noch schlimmer w-w- werden, o-o- oder?"
    Samantha zog die Augebrauen zusammen und ihr Gesichtsausdruck war mißbilligend.
    "Sag niemals nie und vor allem nicht bei was brenzligen. Das bringt verteufeltes Unglück!"
    Carter runzelte die Stirn und sah Samantha verwirrt an.
    "Bist du etwa abergläubig? Ich meine, man erzählt sich ja immer das Iren da besonders dran hängen, aber stimmt das wirklich?"
    Newkirk zog Carter eine über und Kinch und LeBeau warfen ihm böse Blicke zu. Es konnte wirklich bloß Carter sein, der in einer solchen Situation blöde Fragen stellte oder von etwas völlig belanglosem anfing.
    Aber insgeheim hatten sie ihn gerade deswegen so gern. Er hatte schon manches mal verhindert, das sie ganz im Trübsinn ertranken.
    "Nun hört doch mal auf hier! Aber Kleine, du hast recht. Es kann schlimmer kommen. Hier steht zwar noch einiges von Bauer drin, aber auch ein recht hübscher Befehl direkt vom Hauptquartier in London. Wir sollen Bauer nächste Woche Donnerstag Punkt 3.00 Uhr nachts zum alten Eisenbahntunnel im Wald in der Nähe von Hammelburg bringen und zwar möglichst gut verschnürt und reisefertig. Kein Rückzug oder Verweigern.", sagte Hogan und hörte selbst dabei nicht auf hin und her zu tigern.
    "Das ist doch unverschämt!"
    "Wofür halten die das hier eigentlich? Glauben die, wir haben eine Panzerdivision zur Verfügung?"
    "Die `aben ja schon viel Mist verzapft, aber das ist die Krönung!"
    Die Helden entrüsteten sich lautstark und völlig durcheinander, bis Hogan dem Treiben erneut ein Ende setzte und um Ruhe bat.
    "Das Gemeckere bringt uns auch nicht weiter. Versucht mal etwas praktischer zu denken und lasst euch was einfallen.
    Ich jedenfalls bin nicht gewillt einfach so aufzugeben! Und wenn es mit einem gescheiterten Versuch und einem Erschießungskommando endet, mein Gott, dann habe ich es wenigstens versucht. Ich stelle euch frei, ob ihr mitmachen wollt. Jeder ist für sich verantwortlich und wenn jemanden die Sache zu heiß wird, kann er gerne abhauen, ich mache ihm dafür keinen Vorwurf! Also, was ist?"
    Hogans kleine Ansprache hatte sie alle nachdenklich gestimmt und jeder war ganz tief in sich gegangen.
    Am Ende jedoch blickten alle fast gleichzeitig auf und trugen ein breites Grinsen im Gesicht.
    "Aber natürlich können sie auf uns zählen, Colonel! Oder Leute? Das wäre doch gelacht, wenn wir diesen Bauer nicht doch noch irgendwie zu fassen bekommen.", sagte Carter und fuchtelte mit seiner Faust herum.
    Kinch, Newkirk und LeBeau waren weniger optimistisch, aber sie sicherten dem Colonel ihre vollste Unterstützung zu.
    "I- ich h- hab eh n-n- nichts b- besseres z-z- zutun u-u-und setz bloß S- Spinnweben an, a- also w-w- warum n- nicht? Ich b- bin d-d- dabei!", sagte Newkirk achselzuckend.
    "Und ein gutausse`ender `eld muß ja bei euch Karikaturen dabei sein. Wie werden denn sonst die ganzen E`renbilder ausse`en?", warf LeBeau ein und grinste breit.
    "Na danke auch, LeBeau! Aber ich bin ja auch noch mit von der Partie, da heißt, solange ihr mir nicht wieder den Bart abrasieren wollt.", fügte Kinch lachend hinzu. Einmal Scheich spielen hatte ihm für den Rest seines Lebens gereicht, besonders mit der mordlustigen Ehegattin dazu.
    Samantha kam sich bei all dem ein wenig ausgeschlossen vor. Galt Hogans Aufforderung nun auch für sie oder wurde sie einfach übersehen?
    Doch Samantha hörte auf ihr Herz, und das sagte der kleinen Irin ganz deutlich, was sie zutun hatte.
    "Und da man ja bekanntlich weis, das Männer nie was gebacken kriegen und sich das bei eurem Haufen bewahrheitet, schließe ich mich mit an. Eine Weiblichkeit muß hier ja einen kühlen Kopf bewahren, wenn sich der Rest der Frauenbevölkerung hinter den Herd verzieht!" (PS: Das war nicht Frauenfeindlich gemeint!!!!!!)
    Nun waren sie platt!
    Keiner hatte auf Samantha geachtet, man hatte sie wirklich glatt übersehen, und nun wußte niemand so richtig, wie er reagieren sollte.
    Hogan fand als erster zur Sprache zurück und baute sich, soviel Autorität wie möglich ausstrahlend, vor Samantha auf.
    "Kleines, ich weis das Angebot durchaus zu schätzen, aber... nein. Und das ist ein Befehl!"
    Hogan schaute streng und ohne eine Miene zu verziehen auf Samantha herab, die sich nun ebenfalls erhob.
    Mit genauso ernstem Gesicht stellte sie sich dem um einiges größeren und breiteren Hogan gegenüber.
    Dieser ganze militärische Kram von wegen blind Befehlen gehorchen und immer hübsch `Sir` sagen war ihr schon immer zuwider gewesen und diesen `und das ist ein Befehl!` hatte ihren Trotzkopf erst recht angestachelt.
    "Ich bin Zivilistin, und darum können sie mir gar nichts! Auch wenn es vielleicht nicht viel ist, aber ich will tun, was ich kann, um dem hier zu einem glücklichen Ende zu verhelfen. Was soll ich denn sonst tun? Fliehen ist nicht und rausschmuggeln gleich recht nicht, wie sie schon so treffend festgestellt haben, also? Sie können mich ja schlecht an einen Stuhl festbinden und für den ganzen Rest dort sitzen lassen."
    Mit soviel Courage hatte der Colonel nicht gerechnet, obwohl er es sich bei Samantha hätte denken können. Ein wenig baff über ihre Offenheit und ihren Mut, fand er keine Worte und was blieb ihm auch schon anderes übrig, als ihr zuzustimmen?
    Der Colonel seufzte tief.
    "Du bist schlimmer als ich in meinen schlimmsten Flegeljahren, weißt du das?"
    Samantha griente. "Danke, das nehme ich als Kompliment."
    Newkirk verbiß sich einen Kommentar dazu und dachte sich seinen Teil. Allerdings hätte er im Moment alles dafür gegeben, Hogans Gesicht zu sehen, wenn Samantha sowas wie `Wie der Vater so die Tochter` oder `Scheint erblich zu sein`, gesagt hätte.
    Das wäre doch bestimmt mal ein Bild zum Schießen geworden.
    "Okay, nachdem das geklärt wäre, machen wir weiter im Text.", rief ihn Hogan aus seiner Traumwelt und Newkirk riß sich zusammen. Jetzt war wirklich höchste Konzentration gefordert, damit diese Schreibtischhengste in England mal was zum Staunen hatten.


    "Also, wir wissen jetzt, das die Gestapo und vor allem unser kleines Rumpelstilzchen hinter Bauer her ist, das ist doch schon mal ein Anfang! Ich weis noch nicht wie genau, aber nützlich ist es auf alle Fälle.", murmelte Hogan vor sich hin, während er auf und ab lief. Seine Männer saßen stumm dabei und verfolgten, wie bei einem Tennisspiel, Hogans kreisende Marschroute.
    Nur Samantha nicht. Ihr war beim Zugucken inzwischen schwindlig geworden (die anderen waren es gewöhnt und abgehärtet, was Hogans Marathonläufe betraf) und sie hatte den Blick zum Fenster hinaus gewandt.
    Draußen blies ein kräftiger und vor allem kalter Wind, der schon einen Hauch von Schnee in sich trug, auch wenn es bis jetzt nur regnete. Das trommelnde Geräusch auf dem Dach beruhigte sie ganz allmählich und die Anspannung der letzten Tage wich ein wenig.
    Geistesabwesend massierte sich Samantha ihr Knie, das vom Gips steif geworden war.
    `Es wird Zeit, das mir Rickman das Teil endlich abnimmt!`, dachte sie und wünschte sich zum millionsten Mal, das sie etwas hätte, mit dem sie sich unter dem Gips kratzen könnte, denn es juckte furchtbar!
    Zwei Gestalten, die auf die Baracke zwei zukamen, unterbrachen sie in ihrem Gedankengang.
    "Leute, ich glaub Klink kommt zu Besuch und er hat Schultzi im Schlepptau."
    Hogan unterbrach sein Gelaufe nur widerwillig, doch schließlich gestand er sich seufzend ein, daß das im Moment auch nichts brachte.
    "Okay, verteilt euch mal ein bißchen. Wenn wir alle so auf einem Haufen sitzen wird Klink noch mißtrauisch."


    Carter, Samantha und Newkirk setzten sich schnell zu einem Kartenspiel zusammen, während Kinch sich eine Zeitschrift nahm und LeBeau am Herd werkelte.
    Hogan selbst postierte sich ebenfalls am Ofen und wärmte sich die Hände. Dies war nur teilweise gespielt, denn es wurde wirklich langsam kalt und der Winter würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, obwohl es gerade erst Anfang Oktober war.


    Klink machte sich natürlich nicht die Mühe anzuklopfen, sondern stolzierte wie üblich in die Baracke und erwartete auch ohne ein Achtung, das alle strammstanden, was sie natürlich –wie üblich- alle ignorierten und nur kurz aufschauten.
    "Na dann eben nich!", seufzte Klink, bevor er sich an Hogan wandte und Schultz hereinwinkte.
    "So, ich hab hier was für sie, oder besser gesacht, für de Kleene. Se wollten doch A- zieh- zeich ham, nichar. Hier isses! Das feinste, was Schnulle und de Kalinke entbehrn konnten."
    Samantha, die mit gespitzten Ohren zugehört hatte, wurde ein wenig mulmig zumute. Sie hatte schon genug Geschichten von Newkirk und den anderen gehört, um zu wissen wie es um Klinks "Haushälterin" stand. Sollte sie jetzt etwa Strapse bekommen?
    Samanthas Befürchtungen waren nicht ganz unbegründet. Schultz war mit einem prall gefüllten Korb gekommen, doch schon auf dem ersten Blick konnte sie sehen, das allerhöchsten die Hälfte von dem Zeug für ihre Zwecke taugen würde.
    Mit hochgezogenen Augenbrauen zog sie einen Minirock aus dem Haufen, der diese Bezeichnung wohl kaum verdiente. "Gürtel" hätte eher gepaßt...
    "Äh, Kommandant, ich will ja nicht undankbar erscheinen, aber..." Mit einem recht vieldeutigen Blick schaute Samantha auf den Minirock und dann durch das Fenster, das einen strömenden Regen zeigte.
    Klink, der sich selbstzufrieden wegen seiner "guten Tat" die Hände gerieben hatte, schaute etwas verwirrt.
    "Was denn? Nu stell dich nich so zimperlich a. Meene Schnulle rennt mit dem Zeuch doch och im tiefsten Winter rum."
    Samantha glaubte sich verhört zu haben. Während die Männer von einem Ohr zum anderen feixten (wobei Newkirk wieder eine nicht ganz so glückliche Miene zur Schau trug), mußte Samantha husten und brauchte ein paar Momente, um ihre Meinung in Worte fassen zu können, die sie nicht für die nächsten zehn Jahre in Arrest verbannen würden.
    "Oberst Klink, ihre... Haushälterin... bewegt sich in geheizten Räumen, die bei weitem nicht die... Zugigkeit... unserer Baracken entsprechen. Außerdem bin ich eine... Gefangene... und so etwas Kurzes wie das hier behindert mich etwas dabei, wenn sie uns zu "freiwilligen Arbeitseinsätzen" einteilen. Und..." Samantha suchte abermals nach den richtigen Worten. Was diplomatisches Geschick anging, konnte sie ihrem Vater nicht das Wasser reichen, dazu brach das irische Temperament ihrer Mutter zu oft durch, trotzdem wollte Samantha sich ausnahmsweise einmal zusammenreißen. Sie hatte sich in letzter Zeit einfach zuwenig unter Kontrolle gehabt und das konnte in den falschen Situationen recht heikel werden.
    "... und außerdem lebe ich hier ausschließlich unter Männern. Was glauben sie, was die zu diesem Minirock sagen würden?"
    `Puh, geschafft`, dachte sich Samantha, obwohl sie mit der Wahl ihrer Worte immer noch nicht so recht zufrieden war, würde es wohl nicht ganz die Reaktion hervorrufen, wie es die Bemerkungen getan hätten, die sie zuerst auf der Zunge gehabt hatte.
    Trotz dieser Unannehmlichkeit konnte sie sich außerdem ein Grinsen nicht unterdrücken, als sie bemerkte, das der Oberst tatsächlich ein wenig Farbe anlegte und ebenso wie sie nicht recht wußte, wie er sich ausdrücken sollte.
    "Nu ja, das... hier liegen ja noch andre Klamotten dabei.", ruderte er sich schließlich aus der Affäre und stürmte auffallend schnell aus der Baracke. Schultz trottete ihm gemächlicher hinterher und ließ Samantha und die Männer mit dem Haufen Wäsche alleine.
    Sobald Schultz draußen war, brachen die anderen in schallendes Gelächter aus.
    "Oh man, habt ihr Klink gesehen? Einfach göttlich!", prustete Kinch heraus. Carter und LeBeau waren unfähig auch nur ein Wort zu sagen und selbst Newkirk konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen.
    Hogan ließ sich nur zu gern von der guten Laune seiner Truppe anstecken, schließlich hatten sie in den letzten Tagen nicht viel zum Lachen gehabt, was sich in nächster Zeit auch nicht ändern würde.
    Samantha überhörte das Gelächter geflissentlich. Sie wühlte in dem Haufen Kleidung umher auf der Suche nach ein paar Hosen, die sie auch anziehen konnte.
    Sie wollte die Hoffnung schon aufgeben, als sie eine fand, die mit etwas Nachhilfe recht gut an ihr aussehen und vor allem praktisch sein würde.
    "Na bitte, geht doch! Newkirk, ich muß mir demnächst mal dein Nähzeug ausleihen, sonst kriegt ihr euch vor Lachen nicht mehr ein."
    Zwischen diversen Röcken und Pullis kamen dann tatsächlich noch ein paar Strapse zum Vorschein, ganz zu schweigen von gewissen BHs, die Samanthas Mutter bei ihrer Arbeit hätte gut gebrauchen können.


    Hogan war während dessen immer nachdenklicher geworden. Wie völlig in Gedanken versunken starrte er auf die Wäsche und hatte die Stirn in Falten gezogen.
    "Leute, dieses Zeug hier bringt mich auf eine Idee!", rief er plötzlich aus und sofort wandten sich alle Blicke ihm zu.
    "Sir, bei diesem Zeug kommt jeder Mann auf gewisse Ideen.", konnte sich LeBeau nicht verkneifen und erntete einen theatralischen Seufzer von Samantha dafür.
    "Nein, LeBeau, das meine ich nicht damit! Aber stand in der Mitteilung nicht etwas drin, in Bezug auf gewisse Vorlieben unseres geschätzten Bauer? Vielleicht gelingt es uns ja ihn mit irgendwas in dieser Hinsicht zu ködern und in den Wald zu locken."
    Sie waren alle schlagartig wieder ernst geworden. Die Erinnerung an Bauer erstickte jeden Frohsinn im Keim und auch die Worte des Colonels stifteten Verwirrung.
    "W- w- wie meinen s- sie das C- Colonel?", fragte Newkirk und schaute argwöhnisch auf Samantha, als ahne er schon, was da kommen sollte.
    "Der Colonel meint, dass ich mit dieser netten Ausrüstung hier und ein wenig Kupplerei ein ideelles Lockmittel für Bauer abgeben würde, stimmt `s oder hab ich recht?", mischte sich Samantha ein und sah den Colonel auffordernd an.
    Hogan seufzte und blickte zu Boden. Den Grundgedanken hatte Samantha schon erfaßt, aber sollte er wirklich die Kleine dafür benutzen?
    Die Antwort lautete ja. Schnulle war zu alt. In der Nachricht hatte eindeutig gestanden das Bauers Interesse nur "jungfräulicher Keuschheit " galt, und er bezweifelte stark, das der General glauben würde, Klinks Sekretärin sei noch Jungfrau, andere Frauen bzw. Mädchen konnten sie nicht erreichen, also was blieb ihnen anderes übrig?
    "Ich weis nicht, ob ich da wirklich richtig liege, aber... Newkirk, Samantha hat es schon richtig erfaßt." Hogan konnte Newkirk nicht in die Augen sehen. Er wußte, wie sehr der Engländer an der Kleinen hing und das er von diesem Plan bestimmt nicht sonderlich begeistert sein würde. Und das war noch stark untertrieben...
    "S- Sir... e-e- egal ob sie C- Colonel sind o-o- oder n- nicht, d-d- das können sie e-e- einfach nicht m- machen! I- Ich werde e-e- es n- nicht zulassen, d- dass irgend s-s- so e- ein b-b- beschissener N- Nazigeneral der K- Kleinen z-z- zu nahe k- kommt u-u- und womöglich n- noch..." Newkirk sprach nicht weiter, aber alle wußten, was er meinte.
    Samantha, die nun zwischen allen Stühlen saß, war nicht sonderlich wohl zumute. Einerseits würde sie alles dafür tun den Helden zu helfen, anderseits wollte sie nicht der Grund sein, wenn Newkirk sich mit Hogan zerstritt, obwohl die beiden doch über die lange Zeit hier Freunde geworden waren.
    "Äh, Newkirk, erstens würde Bauer dafür gut drei Jahre zu spät kommen und sieh `s doch mal so... welche Tochter wollte nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter treten?"
    Die anderen konnten mit dieser Aussage nichts anfangen, aber der Engländer schon.
    "I- ich faß e-e- es nicht! W- was... was s-s- soll d- das denn j- jetzt h- heißen? Und w-w- wenn C- Colonel Hogan w-w- wüßte..."
    Samantha wurde auf der Stelle kreidebleich und trat Newkirk mit aller Wucht gegen das Schienbein, um ihn zum Schweigen zum bringen. Der jaulte auf vor Schmerz und hüpfte auf einem Bein quer durch die Baracke.
    Samantha spürte sofort, wie sich alle Blicke auf sie fixierten und hätte sich am liebsten ins nächste Mauseloch verkrochen. Warum mußte sie aber auch immer gleich handeln, statt vorher nachzudenken. Wahrscheinlich hätte Newkirk gar nichts in dieser Richtung erwähnt und nur durch ihre Reaktion waren die anderen jetzt erst richtig neugierig geworden.
    "Kleine, was sollte...?", fing Carter an, doch Hogan unterbrach ihn.
    "Nicht jetzt, wir müssen erst mal dafür Sorgen, das ich es erfahre und das geschieht nur, wenn wir Bauer ausschalten, also weiter. Newkirk setz dich endlich wieder hin und ertrage es wie ein Mann."
    Newkirk machte ein elendes Gesicht und schaute Samantha mit bösem Blick an.
    Er hatte genug davon gehabt! Erst diese ganze Geheimniskrämerei und jetzt der bescheuerte Plan, der einfach nur schief gehen mußte! Wenn Hogan doch nur wüßte, das Samantha seine Tochter ist, dann würde er dem Unternehmen sicher nicht zustimmen.
    Doch alles "was wäre wenn..." half ihm auch nicht weiter. Anscheinend mußte er wohl oder übel zustimmen, oder es zumindest billigen, denn was konnte er schon tun gegen die Sturheit von gleich zwei Hogans?


    Es wurde ein sehr langes Unternehmen, den Plan ausreichend auszutüfteln, so das er auch funktionieren konnte.
    "Okay, und wie bringen wir Bauer dazu, Samantha zu vertrauen? Ich meine, sie soll ihn doch in den Wald locken mit einem Angebot, das er sicher nicht ablehnen wird,", Carter drückte es etwas umständlich aus, da er bei der Jugend von Samantha unsicher wurde. "... aber er weis, das sie bei uns ist und auf der Seite der Alliierten steht. Da wird er doch nicht so blöd sein und alleine mit ihr den Wald gehen, oder?"
    Hogan kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. Carter hatte damit durchaus recht und er selbst war auch schon auf dieses Problem gestoßen, bis jetzt hatte er keine Lösung dafür gefunden, doch anscheinend jemand anderes...
    "Dann müssen wir ihm eben weismachen, das ich nichts mit den Alliierten zutun haben will. Das ich plötzlich auf der Seite der Deutschen stehe, würde er mir nicht abnehmen, aber ein gestörtes Verhältnis zu euch dürfte reichen, um ihn zu überzeugen. Außerdem glaube ich nicht, das er soviel Angst haben wird, mit einem kleinen, harmlosen Mädchen alleine in den Wald zu gehen, Carter!"
    Newkirk und Hogan prusteten los.
    "U- unschuldig? H- harmlos? W- Weißt d-d- du, das du m-m- mir faßt d- das S- Schienbein ge- gebrochen h- hast?", protestierte Newkirk und setzte eine leidende Miene auf.
    "Och, mein armer kleiner Engländer! Soll ich pusten, damit es schnell heile wird und dein Auweh vergeht?", setzte Samantha sofort nach. Nur weil die Situation ernst war und ihr Newkirk wirklich leid tat, hielt sie das noch lange nicht davon ab, ihrem Ruf alle Ehre zu machen. Möglicherweise würden sie sie sonst wirklich noch für unschuldig halten. Nicht auszudenken wäre das!
    Newkirks leidenden Miene verschwand sofort und statt dessen trat ein ironisches Grinsen auf sein Gesicht.
    "Ah hahaha, ich lach später, wenn’s genehm ist! Außerdem würdest du mich womöglich noch von Stuhl pusten und dabei breche ich mir dann noch mein Genick wegen dir!", konterte Newkirk, doch auf einen etwas genervten Blick Hogans wurde er wieder ernst und kam zur Sache zurück.
    "A- aber mit B- Bauer h-h- hast du r- recht! Und wie w-w- wollen w- wir das a-a- anstellen?"
    "Gute Frage! Ich dachte da eher an Kleinigkeiten, damit es nicht zu auffällig wird. Vielleicht ein paar grobe Worte, ein Streit... und Klink könnten wir auch einbeziehen. Ich könnte ja um eine Einzelbaracke oder zumindest um eine Verlegung bieten und wenn er dann anbeißt und weiter nachfragt, tisch` ich ihm eine hübsche Geschichte auf. Durch Klink erfährt `s dann sich auch Bauer und... Colonel Hogan, jetzt müssen sie weiter machen, ich weis nicht weiter."
    Hogan hatte aufmerksam zugehört und fand die Idee gar nicht mal so schlecht. Die Kleine hatte durchaus recht damit, wenn sie dachte, das Klink mit einbezogen werden müßte, damit es Bauer erfährt und er hatte auch schon so eine Idee wie es weitergehen könnte.
    "Na bei der guten Vorlage kein Problem! Irgendwie mußt du mit Bauer auch vorher noch einmal persönlichen Kontakt herstellen und Andeutungen machen, damit er Appetit bekommt."
    Newkirk verdrehte die Augen, ersparte sich aber eine Bemerkung und ließ es bei einem vorwurfsvollen Blick für den Colonel sein.
    "Am besten fragst du Klink..."
    "Keine gute Idee Colonel. Offiziell wissen wir ja gar nichts von Bauer und wenn die Kleine ihn plötzlich danach fragt, könnte das selbst diese taube Nuß mißtrauisch machen.", warf Kinch ein und damit hatte er natürlich vollkommen recht.
    "Tja, dann eben anders. Wie wär's, wenn ich Klink dazu überrede Bauer einen Gefangenen in der Arrestzelle zu zeigen, der du dann wärst? Ich weis bloß nicht, wie wir dich da reinbekommen.", sagte Hogan und sah Samantha auffordernd an.
    Die Kleine hatte schon bewiesen, das ihre Ideen gar nicht mal so schlecht schienen und sein kreativer Kopf erhielt etwas Unterstützung. Natürlich waren seine Jungs auch nicht gerade ohne, wenn es darum ging, irgendwelche unmöglichen Missionen zu planen, aber mit der kleinen Irin lang er definitiv auf der gleichen Wellenlänge. Newkirk hätte ihm sagen können warum, denn auch ihm war aufgefallen, das Samantha das gleiche "Talent" besaß, Pläne auszuhecken, bei denen er eine Gänsehaut bekam und schon mal über einen hübschen letzten Satz seines Lebens nachdachte.
    "Gute Idee und zwei Fliegen mit einer Klappe können wir damit auch gleich schlagen! Um unsere kleinen Zwistigkeiten noch etwas zu untermauern, können sie mir ja Arrest aufgeben..."
    Als Hogan anfing zu grinsen, wurde Samantha schon etwas mißtrauisch und als Hogan dann sagte: "Sehr gut, drei Fliegen mit einer Klappe: Dann haben wir endlich mal Ruhe vor dir!", wußte sie, das Hogan kein Mensch war, der einen Spruch und ein Grinsen von ihr unbeantwortet lassen würde.
    "Wie Newkirk vorhin schon so schön gesagt hat, ah hahaha!", äffte Samantha den Engländer nach.
    Hogan hörte auf zu Grinsen und schaute sie fragend an.
    "Wieso hahaha? Glaubst du, ich mach Witze?"
    Seine Stimme klang dabei so ernst, das Samantha ebenfalls aufhörte zu grienen und plötzlich ein wenig erschrocken und verlegen aussah.
    "Na ja, ich meine, wollt ihr mich wirklich los sein? Ich.. ich... ähm..."
    Als Samantha betreten zu Boden blickte und heftig schluckte, bekam Hogan Mitleid mit ihr. Er hatte sie ein wenig aufziehen wollen, doch anscheinend hatte Samantha ihn zu ernst genommen.
    "Ach red doch keinen Stuß, Kleine! Ohne dich wär's doch langweilig hier und außerdem kann man dir sowieso nicht lange böse sein, dazu beherrscht du den Betteldackelblick viel zu gut." Hogan wuschelte ihr aufmunternd durch die Haare und sah ihr tief in die Augen.
    "Das müssen sie grad sagen! Sobald ich ihr Gesicht seh, muß ich ja schon wieder anfangen zu lachen!", sagte Samantha schnell und zog ihm die Mütze ins Gesicht.
    "Warum versuch ich dummer Kerl auch noch dich zu trösten, kannst du mir das mal sagen?"
    Hogan seufzte, doch diesmal merkte Samantha sofort, dass es nur als Scherz gemeint war und anschließend war sie es, die darauf hinwies, das sie noch jede Menge zutun hatten, wenn die Sache gut ausgehen sollte.
    "Recht hast du! Wo waren wir stehen geblieben. Ach ja, Bauer und du. Soweit wär da ja alles geklärt und zwecks dich ein bißchen malträtieren, das kriegen wir auch noch aus dem Stehgreif hin."
    Carter, Kinch, Newkirk und LeBeau grinsten satanisch und wandten ihre Blicke unheilverkündend auf Samantha. Diese Blicke hätten eigentlich einschüchternd wirken sollen, doch die kleine Irin fing an schallend zu lachen. "Okay, wenn ihr es schafft, es so anzustellen, das ich nicht anfange zu lachen, dann geht das in Ordnung."


    "Colonel, was ist mit den Wachen im Wald? Selbst wenn wir Bauer dort `in bekommen, wird er sisch doch nicht einfach so entführen lassen, oder?", fragte LeBeau und runzelte die Stirn.
    "LeBeau, Bauer ist zwar kein Franzose, aber ich bin mir sicher, das er soviel Sinn für Romantik hat, das er seine Wachen aus dem Waldabschnitt abzieht, in der er mit seinen Mädchen..."
    Samantha verzichtete diesmal darauf, etwas bezüglich ihres Alters loszulassen und das sie durchaus nicht wie ein rohes Ei behandelt werden müßte. Sie war sicher, wären die Helden unter sich, würden sie auch nicht mit Kraftausdrücken sparen. Aber sie hatte ja schon an ihrem ersten Tag hier befürchtet, in ein Nest voller Gentlemen gefallen zu sein (zumindest wenn sie wollte, konnten sie das wirklich sein).
    "Stimmt Colonel, aber was ist mit Samantha? Ich meine, was wird aus ihr, wenn die Leute Bauer geschnappt haben? Man wird sie doch verdächtigen, oder?"
    Hogan seufzte wieder einmal. Das würde wirklich ein langer Tag werden...


    Und wirklich war es schon weit nach Mitternacht, als sie endlich wieder gemütlich bei Kerzenschein am Tisch saßen und den Tag ausklingen ließen.
    Natürlich war der Befehl zum Licht auslöschen schon lange gegeben worden, aber sie hatten Schultzi so mit dem Unterschied zwischen elektrischen und Kerzenlicht dußlig geredet, das er murrend von dannen gezogen war und die Helden in Frieden ließ.
    Am Anfang hatten sie versucht Samantha das Pokern beizubringen, doch das war nichts rechtes geworden.
    "Tut mir leid, Leute. Mein Gehirn braucht ne Pause!", hatte sie gesagt und sich mit ihrer Mundharmonika auf eines der oberen Betten verzogen. Seitdem spielte sie unablässig, mal trauriges, mal fröhliches, aber immer wahnsinnig gut, so daß die Helden ihre üblichen Streitereien beim Spielen sein ließen und statt dessen auf die Musik lauschten.
    Hogan erkannte seine Jungs gar nicht mehr wieder. So still hatte er sie selten erlebt, aber auch er selbst wagte es nicht, den Mund aufzumachen, in der Befürchtung, die schöne Atmosphäre zu zerstören.
    Lieber spähte er ab und zu aus dem Fenster um die Wache nach Bauer aufrechtzuerhalten.
    Aber auch konnte er sich nicht allzusehr konzentrieren. Der Plan schwirrte immer noch in seinem Kopf umher.
    Sie hatten alle Eventualitäten besprochen und fast immer eine Lösung gefunden. Es würde schwer werden und vieles hing vom Glück der Helden ab, aber anders ging es nun mal nicht.
    `Ach was, es wird schon alles glatt gehen, so wie immer!`, versuchte er sich Mut zu machen, aber so leicht ging das nicht. Es war einfach so verdammt viel Glück nötig und gerade das hatten sie in ihrer gesamten Zeit hier dermaßen strapaziert, das es ja irgendwann mal schief gehen mußte.
    Samantha saß auf dem Bett und hielt kurz inne, nachdem sie ihre Interpretation von "Danny Boy" zuende gebracht hatte. Im Gegensatz zu den anderen sah der Colonel alles andere als entspannt aus und sie konnte sich gut vorstellen, warum.
    Wie gern hätte sie ihn aufgebaut, so wie er es immer schaffte, doch dieses Talent besaß sie nicht.
    Als sie mit Hogan den Waffenstillstand vereinbart hatte, waren ihre Worte Betreff Schnitzer zuversichtlich gewesen, aber das war eher die Ausnahme gewesen, die die Regel bestätigt. Sie war einfach ein Mensch, der das Glas eher halbleer sah, anstatt halbvoll und wie sollte sie da jemanden aufmuntern?
    Samantha seufzte und setzte die Mundharmonika wieder an den Mund. Da Newkirk beim Karten spielen am gewinnen war, spielte sie diesmal etwas lustiges.
    Mit einem Lächeln beobachtete, sie, wie Newkirk den Takt leicht mit dem Fuß nachklopfte und schließlich sogar anfing zu singen.
    Aber nicht nur sie war erstaunt darüber. Auch die anderen musterten ihren Kameraden überrascht. Das Newkirk Sinn für Humor hatte, das war allen klar, aber sein Sinn für Musikalisches hatte er bis dahin gut verborgen.
    `Kein Wunder, dass er mitsingt, ist ja auch ein Sauflied!`, dachte Samantha und mußte ein Grienen unterdrücken, um nicht aus der Melodie zu kommen.
    "Whiskey in the jar" war sowohl bei den Engländern, als auch bei den Iren ein beliebtes Pub-Lied und einfach zu singen, so daß es die anderen bald mitriß.
    Es muß wohl ein Bild für die Götter gewesen sein!
    Samantha, wie sie mit überkreuzten Beinen auf dem Bett saß und mit aller Gestik und Mimik ihre Musik begleitete und fünf (einschließlich Hogan) ausgewachsene Männer, die in voller Lautstärke mitsangen, wobei Newkirk die anderen noch übertönte.
    Der "Lärm" mußte so gewaltig gewesen sein, das selbst Schultzi aus seinem Schlaf gerissen wurde und nun mit Morgenmantel und Gewehr bewaffnet in die Baracke stürmte.
    "Himmel- Kruzi- Türken (heißt das so?), nochmal! Colonel Hogan, wos soll denn der Lärm hier drinnen? Soll der Kommandant etwa aufwecken?"
    Doch zu spät!
    Schon stand Klink, ebenfalls im Morgenmantel, in der Tür. Selbst sein Monokel hatte er in der Eile vergessen.
    "Hogan!", schrie er aus vollem Hals, um den Gesang zu übertönen, der immer noch andauerte.
    Um nicht unnötig Arrest zu provozieren, bat Hogan seine Männer um Ruhe.
    "Ja Oberst, ich höre?", fragte Hogan mit Unschuldsblick.
    "Ja, ich hör och und zwar Lärm! Das Licht aus und zwar zackich und dann jeder in seine Furzmulle! Wenn ich heut Nacht noch eenen Ton hör, dann rappelt `s im Karton!"


    Kapitel 14: Die Schauspielertruppe


    Doch um Klink wirklich noch zu ärgern, waren die Helden viel zu müde.
    Die Erschöpfung jedoch kam Hogan nur recht. Endlich einmal konnte er schlafen, ohne sich von Träumen verfolgt zu sehen, in denen ihre Missionen gründlich schief gingen und an deren Ende er immer in einen Gewehrlauf blickte, das auf ihn zielte, während er an einer Wand stand und seine Leute daneben, die die gleichen Ängste auszustehen hatten.
    Jedesmal wieder war er schweißgebadet aufgewacht, doch die letzten Tage, wenn er denn mal hatte schlafen können, waren friedlich gewesen- so wie diese. Keine Alpträume, kein Gewehrlauf und keine Schuld, die er sich jedesmal allein anlastete.


    Als Hogan am nächsten Morgen die Augen öffnete und sich kräftig streckte und gähnte, stieg ihm ein köstlicher Duft in die Nase. Doch diesmal war es nicht bloß Kaffee.
    Mit einem Blick bemerkte er, dass die anderen noch seelenruhig schliefen und keine Anstalten machten, aufzuwachen und dabei ließ er es bleiben. Seine Männer würden in den nächsten Tagen nicht viel zu Schlaf kommen.
    "... und ich wahrscheinlich auch nicht!", seufzte er laut.
    "Morgen, Colonel. Was murmeln sie da in ihren nicht vorhandenen Bart?"
    Hogan erspähte nun mit müdem Blick Samantha, die am Herd werkelte und darum bemüht war, nicht zu laut mit Töpfen und Pfannen zu klappern.
    "Moooooorgen!", gähnte Hogan und sprang aus dem Bett.
    Als Hogan sich abermals strecke, knackte es laut in seinem Kreuz und Samantha grinste.
    "Tut mir leid, mit Schmieröl kann ich nicht dienen, aber wie wär's mit dem hier?", fragte sie und hielt Hogan ein Blech unter die Nase, auf dem dampfende, heiß gebutterte Scones lagen.
    "Ich glaube, das hier ist viel besser als Schmieröl.", murmelte Hogan, viel zu sehr damit beschäftigt den köstlichen Duft zu schnuppern, anstatt sich ein Wortgefecht zu liefern.
    "Was ist das?", fragte er schließlich und zog seinen Morgenmantel an.
    Samantha selbst trug ausgefranste Jeans, die von Schnulle stammen mußten und gar nicht mal so schlecht aussahen, nachdem sie sie ein bißchen bearbeitet hatte und drüber einen Pulli, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.
    Grau-blau, ein wenig ausgeleiert und mindestens drei Nummern zu groß für die Kleine.
    "Der gehört doch Newkirk, oder?", fragte er, und setzte sich mit einer dampfenden Tasse Kaffee an den Tisch. Vorsichtig nippte er daran, doch mit Erleichterung stellte er fest, das er diesmal nicht so stark war.
    Samantha bemerkte das und lächelte ebenfalls.
    "Extra mild für sie... Aber keine Sorge, ich geb mich mit heißer Milch und Honig zufrieden, das paßt auch am besten zu Scones."
    "Ach so nennt man die Teile. Aber was ist denn nun mit dem Pulli?"
    Zu seinem Erstaunen merkte er, wie Samantha ganz leicht Farbe anlegte und mit etwas leiserer Stimme als sonst sagte, er gehöre Newkirk.
    "Klink hat mir leider kaum was für den Winter mitgegeben und da mußte ich mir was von ihm ausborgen."
    Hogan wurde nicht recht schlau aus Samanthas Verhalten und biß, statt weiter nach zu fragen, lieber in eins dieser Dinger, die immer noch etwas dampften – und prompt verbrannte er sich natürlich den Gaumen!
    Samantha schüttelte bloß resigniert den Kopf, während sie so etwas wie "Männer" nuschelte und dem Colonel ein Glas Wasser reichte.
    Gierig trank Hogan, um seine Zunge zu kühlen und atmete erleichtert aus, als der Schmerz nachließ.
    Nachdem er einen weiteren Bissen genommen hatte (diesmal ganz vorsichtig und ohne sich zu verbrennen), zog er überrascht die Augenbrauen hoch.
    Gut gerochen hatte es ja, aber das es genauso gut schmeckte, hätte er nicht gedacht.
    "Wow, da wird LeBeau grün vor Neid werden! Woher hast du das Rezept?"
    Samantha setzte sich ihm, mit ihrer Milch und einen Scone, gegenüber.
    "Von meinem Großvater. Ich glaube, es ist ein schottisches Bauernrezept, aber so genau weis ich das nicht." Sie biß einmal kräftig hinein und lächelte selig mit geschlossenen Augen.
    "Na ja, so gut wie er krieg ich es nicht hin, aber es reicht aus, oder?", fragte sie und kaute nachdenklich auf einem Bissen herum.
    Hogan verschluckte sich sogleich und spülte schnell mit Kaffee hinunter.
    "Ob es ausreicht? Das ist köstlich!", sagte er schnell, sobald er den Mund wieder frei hatte und griff sich schnell noch ein dieser kleinen Teigbällchen.


    Am Ende saß der Colonel, sich zufrieden den Bauch reibend und propenvoll, zurückgelehnt auf einem Stuhl und beobachtete Samantha dabei, wie sie ein paar nachbackte, damit die anderen auch noch was hatten.
    Es schien nicht recht zu ihrem gewöhnlichen Bild passen, wie sie da so völlig friedlich am Herd stand, die Hände und Wangen mit Mehl bestäubt und leise vor sich hinsummend.
    Das war nicht das Mädchen, das sich selbst dem höchsten Oberbefehlshaber wiedersetzen würde und immer frei Schnauze redete.
    Das einzig Wilde an ihr, war das Haar. Es sträubte sich mit aller Macht dagegen so einfach zusammengebunden worden zu sein und viel einzelne Strähnen hatten sich daraus gelöst, die Samantha immer wieder unwirsch zurückschob, was nicht das geringste half.
    Dann schaute der Colonel nach unten und der Boden schien transparent geworden zu sein. Er sah die Pläne und Karten dieses Waldes in der Nähe des Lagers, er sah Schnitzers Mitteilung und ein paar Skizzen und Stichpunkte für den riskanten Plan.
    Er seufzte abermals tief und kam sich schrecklich alt dabei vor.
    Samantha schaute über die Schulter und merkte sofort, das der Colonel die Probleme, die sie am Hals hatten, für nur viel zu kurze Zeit vergessen hatte und sie sich jetzt wieder mit aller Macht in sein Gedächtnis zurückdrängten.
    Dann schaute er auf und sah ihr direkt in die leuchtend grauen Augen.
    "Bist du dir sicher mit deiner Entscheidung? Willst du wirklich der Lockvogel für Bauer sein?", fragte er und seine Augen verlangten die Wahrheit.
    Samantha nickte entschlossen.
    "Es ist das Beste, was ich machen kann, um euch zu helfen – und mir. Wenn ich jetzt sage, `Nur keine Sorge, es wird schon alles gut gehen`, dann wäre das gelogen, aber sie sollten sich auch nicht zu viele Sorgen machen, das gibt nur tiefe Falten. Wir können nur unser menschenmöglichstes tun, alles andere liegt in der Hand Gottes oder des Schicksals, oder was auch immer...", murmelte sie und wischte sich eine Strähne aus den Augen.
    "Aber lassen sie uns jetzt bitte kein Trübsal blasen. Das sind wahrscheinlich die letzten Momente in den nächsten Tagen, die ich mit ihnen gut Freund sein kann."
    Hogan lächelte und wandte seinen Blick endlich ab.
    "Egal, was wir dir heut und morgen auch sagen, glaub mir, wir meinen es nicht so. Es ist bloß geschauspielert."
    Samantha zog die Augenbrauen leicht zusammen und sagte mit nur halb gespielter Stimme: "Sicher? Ich weis, dass noch immer etwas zwischen uns liegt, das vielleicht aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist."
    Darauf wußte Hogan nicht, was er sagen sollte, denn die Kleine hatte recht.
    Es versetzte ihm zwar einen Stich ins Herz, das zuzugeben, aber wenn er noch nicht mal ehrlich zu sich selbst war, wie sollte er es dann der Kleinen gegenüber sein? Und sie brauchte diese Ehrlichkeit. Sie war kein Mensch, der sich gern was vormachen ließ oder den man anlügen konnte, sie wollte die Wahrheit, so schlimm sie auch sein mochte.
    "Zumindest von anderen...", dachte er noch, sprach es aber nicht laut aus.
    Statt dessen nickte er nur leicht und ließ es dabei bewenden.


    Die anderen wachten nach und nach auf, während der Colonel und die Kleine sich nur noch über Belanglosigkeiten unterhielten und jedes ernsthaftere Thema mieden.
    "A- Ah, e-e- endlich mal e- ein F- Frühstück für d-d- das es s- sich l- lohnt, a-a- aufzustehen!", sagte Newkirk und verbrannte sich die Finger, als er allzu gierig nach dem heißen Blech mit frischgebackenen Scones langte.
    LeBeau warf ihm einen vernichtenden Blick zu und Newkirk zog schnell den Kopf ein.
    "I-I- Ich m- meinte nicht d-d- dich, LeBeau, s- sondern das F- Frühstück v- von ge- gestern!"
    Jetzt war es Hogan, der Newkirk ansah, als wolle er ihn erwürgen.
    "M- Mann, k-k- kein S- Sinn für K-K- Kritik d- diese Leute!" murmelte er und schüttelte theatralisch den Kopf.
    Ihm schmeckte es genauso wie Hogan, was er auch lauthals kundtat.
    "Du weißt aber schon, das es ein irisch-schottisches Gericht ist? Nichts mit gekochtem Fleisch und Pfefferminzsoße! Noch nicht mal Fish and Chips!", sagte Samantha mit einem schalkhaften Blitzen in den Augen.
    Newkirk verschluckte sich.
    "I- Irisch- schottisch? W- Willst d-d- du mich v- vergiften? M- Meine a-a- arme E- Engländerseele! Mein Gott, w-w- welche S- Schmach!"
    Doch trotz dieser tragischen Worte aß er munter weiter und sogar mehr, als der Colonel gegessen hatte, was die anderen zu einem lauten Lachen verleiten ließ.
    "So hältst du es also mit deiner Vaterlandstreue?", fragte Carter und grinste.
    Nur dem Umstand, das Newkirk den Mund noch zu voll zum Sprechen hatte, hinderte ihn daran, Carter etwas höchst unfreundliches an den Kopf zu werfen.
    Und wenn es irgendwas Leckeres zu essen gab, durfte natürlich auch Schultz nicht fehlen!
    Schon eine halbe Stunde vor dem Apel kam er schnuppernd herein und ohne weitere Worte lud Samantha ihm den Teller voll.
    Im Gegensatz zu LeBeau war sie nicht beleidigt durch das Schlingen des Feldwebels. Ganz im Gegensatz zur französischen Küche war schottisches Essen, besonders so bäuerliches, förmlich zum Schlingen und Schlemmen gemacht und außerdem konnte sie so den Appell um eine gute viertel Stunde hinauszögern, weil sich Schultzi nicht von den Scones trennen konnte.
    Erst als Klink lauthals "Meldung!", schrie und aus der Kommandantur gestolpert kam, wurde der Feldwebel hellhörig und sprang wie von der Tarantel gestochen auf.
    "Los, raus mit euch! Mich so auszunutzen. Eine Schand is dos!"


    Hinter Schultzis Rücken blinzelten die Helden sich zu und Samantha war gespannt darauf, was sich die Jungs hatten einfallen lassen, um sie zu "quälen".
    Doch Samantha mußte nicht lange auf die Antwort warten.
    Schon im Hinausgehen, rempelten sie sie ziemlich an und stießen sie herum.
    Beinahe wäre Samantha noch gestürzt, aber die Aktion war so gut durchdacht, das jedesmal, wenn sie drohte zu fallen, eine Hand oder ein Bein zur Stelle war, um sie zu stützen.
    Schultz bemerkte das allerdings nicht und sah nur, was er sehen sollte.
    "He, passts doch auf mit euren Staksen.", sagte er unwirsch und drängte Carter ein Stück zur Seite, der Samantha sonst zwischen Tür und Angel eingeklemmt hätte.
    "Warum denn?", fragte Carter provokativ und in einem ganz ungewohnt arroganten Tonfall.
    Schultz sah ihn nur verwirrt an und konnte sich auch die bösen Blicke nicht erklären, die die Kleine den Helden zuwarf.
    "Mei, versteh einer die Amis!", murmelte er, bevor er Klink verkündete, das mal wieder alle vollzählig da waren und keiner fehlte.
    "Sehr schön! Un... Wegetreten!", brüllte er zurück, doch als der Kommandant wieder zurück in sein Büro wollte, hielten ihn wütende Stimmen davon ab.
    "S-s- selber, du b- blödes A- Arschloch!", schnauzte Newkirk gerade Samantha an, als Klink sich herumdrehte und plötzlich nicht mehr wußte, ob er nicht einen Sehfehler hatte.
    Der Grund seines Zweifelns war der Pulk, der sich vor Baracke zwei gebildet hatte.
    In der Mitte standen Newkirk und Samantha, die sich in schönster Seebärenmanier anblafften und alle Aufmerksamkeit auf sich zogen.
    "D- dann g-g- geh doch z- zu denen!", setzte der Engländer noch obendrauf.
    "Werd ich nicht tun! Bei euch gibt’s wohl nur schwarz und weiß, oder was? Aber diese Kleinkariertheit ist bei euch Engländern ja normal!", blaffte Samantha zurück und ihre Hände krallten sich dermaßen um die Krücken, das ihre Knöchel weiß hervortraten.
    "He, was issen hier los. Ich hab doch gesacht, das ihr in eure Baracken gehn sollt.", mischte sich Klink ein, doch er kam nicht gegen die aufgebrachte Menge an.
    "Hör auf, hier so eine Unruhe zu stiften, du verzogene Göre.", mischte sich auch Hogan ein und trat zwischen der Irin und den Engländer.
    Das Grau in Samanthas Augen wirkte aufgewühlt wie das Meer bei einem schweren Sturm und Schultz war sich sicher, hätten Blicke töten können, würde der Colonel auf der Stelle tot umfallen.
    Doch der hatte nur große Mühe sich das Lachen zu verkneifen, denn ungesehen von den Deutschen erreichte diese Wut Samanthas nicht ihre Mundwinkel, die verdächtig nach einem Lachanfall zuckten.
    "Verzogene Göre?! Das müssen sie grad sagen... sie Lamettahengst! Mir ist nicht klar, wie ihr Hals diesen vor Eitelkeit aufgeblasenen Kopf überhaupt tragen kann!", schoß sie zurück und Hogan war erstaunt über die Phantasie, die die Kleine beim Fluchen entwickelte.
    "`e, wie kannst du es wagen den Colonel so zu beleidigen? Wenn `ier jemand eingebildet ist, dann bist du das! Aber dabei paßt du ja perfekt zu deinen arischen Freunden! Los, tu dir keinen Zwang an und renn zu Klink, damit er dich bevorzugt be`andeln kann.", sagte LeBeau und der Franzose schien dabei um die doppelte Körpergröße anzuwachsen, als er der Kleinen gegenübertrat.
    "Da wäre es wahrscheinlich immer noch besser als bei den Alliierten!", keifte Samantha zurück und schubste den Franzosen zur Seite.
    Währendessen hatte ihr Hogan ungehört von den anderen zugeflüstert, auf ein Zeichen von LeBeau hin sollte sie sich zur Seite wenden und als der Colonel vortrat und drohend die Hand erhob, wußte Samantha auch, warum.
    Klink hörte nur noch ein klatschendes Geräusch, bevor Samantha zu Boden glitt und sich die Wange hielt.
    Schultz sprang gleich ein paar Schritte zurück. So hatte er die Helden ja noch nie erlebt!
    "Haaaalt! Stopp! Auseinander und laßt mich durch.", drängte sich Klink mit Mühe durch die Menge.
    "Alle außer Hogan, Newkirk, LeBeau, Carter, Kinch und de Klene gehen sofort in ihre Baracken, sonst gibt’s Arrest bis nächstes Jahr!"
    Die Drohung wirkte und obwohl einige der Gefangenen ziemlich verwirrt waren, weil sie kurz vor der Ohrfeige Hogan noch hatten grinsen sehen, gingen sie murrend davon.
    "Also, was sollden das jetzt?", platzte Klink heraus und ganz gegen seinem "Ticherverhalten" half er Samantha auf die Beine und reichte ihr die Krücken.
    Die Wange der Kleinen war unverkennbar rot, aber ihre Augen waren so wuterfüllt wie zuvor.
    "Haben sie das denn nicht gehört, Oberst?", fragte Hogan und blickte voller Abscheu auf Samantha.
    "Doch, hab ich und ich versteh nich, was sie gegen de Argumente der Kleenen ham.", erwiderte Klink völlig selbstsicher.
    "Wenn man auf ihrer Seite steht, gab's da auch nichts zu bemängeln, aber aus Sicht der Alliierten sieht das doch etwas anders aus.", preßte Hogan unter zusammengebissenen Zähnen hervor.
    "Das könnte stimmen. Aber das is trotzdem kee Grund der Klene eene zu scheuern, habense mich verstandn. Und nu, verschwinden se in ihre Baracke und bleim se dort. Se ham Ausgangsperre und zwar eenen Monat lang. De Klene kommt erst mal mit mir mit.", sagte klink ernst und Hogans Trupp zog sich immer noch fluchend zurück. Auch Hogan ging, allerdings nicht ohne Samantha zuzublinzeln, als Klink und Schultz ihm den Rücken zugerdreht hatten.
    Samantha ging hinter dem Kommandanten her und blinzelte ihm ebenfalls zu.


    "Oh Mann, hätte ich nicht gewußt, das alles bloß gespielt war, dann hätte ich es für echt gehalten.", sagte Carter und kriegte vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zu.
    "Ja, wenn der Krieg aus ist könnten sie gut als Schauspieler in Hollywood anfangen und die Kleine auch.", stimmte Kinch zu.
    "Bloß eins versteh ich nicht ganz. Ich hab gesehen, das ihre Hand Samanthas Wange bloß gestreift hat und auch das Carter das Klatschen verursacht hat..."
    Der junge Amerikaner rieb sich mit verzogenen Mundwinkeln die rote Stelle am Arm. Er hatte wohl ein bißchen zu fest zugeschlagen, denn es bildete sich jetzt schon ein blauer Fleck.
    "... aber wieso war Samanthas Wange trotzdem rot?", endete Kinch und schaute Newkirk an, der zu grinsen anfing.
    "Weil die Kleine ausgefuchster ist als wir alle zusammen. Nicht nur, das sie sofort mitgespielt hat, sie hat sich bei Fallen ein wenig in die Wange gekniffen, damit es auch echt aussieht. Und richtig Gefallen ist sie auch nicht, das hab ich gemerkt. Es ist ein ganz alter Trick, wie man sich so zu Boden gehen lassen kann, ohne sich dabei weh zu tun."
    Man merkte mal wieder, dass Newkirk Augen wie ein Dieb hatte und alles mitbekam, ganz abgesehen davon, dass seine Stimme vor Stolz anschwoll, als er von Samantha sprach.
    "Damit wäre also der erste Schritt getan. Jetzt hängt es erst mal an Samantha. Morgen früh werden wir dann sehen, wie wir sie in die Arrestzelle bekommen.", sagte Hogan und hoffte, die Kleine würde sich noch zusammenreißen können, und ihre Rolle beibehalten. So, wie sie ausgesehen hatte, war es nämlich wahrscheinlich, das sie in den nächsten Sekunden vor angestautem Lachen platzen würde.
    "Und sie müssen Klink noch dazu überreden, Bauer zu ihr zu schicken, Sir.", bemerkte Kinch.
    Hogan seufzte, wie er das anstellen sollte, wußte er immer noch nicht. Klink würde jetzt wahrscheinlich sowieso etwas schlecht auf ihn zu sprechen sein. Aber vielleicht hatte er auch soviel Glück und der Oberst spielte ohne es zu merken von selbst mit. Schließlich war Samantha Bauers Gefangene und wenn diese plötzlich nichts mehr mit den Alliierten zutun haben wollte, würde das Bauer sicherlich auch ohne Klinks und seines Zutuns interessieren.


    "Sir, ich beantrage hiermit eine Versetzung in eine andere Baracke oder lieber gleich in ein anderes Lager!", platzte Samantha heraus, sobald sie in Klinks Büro waren.
    "Nu immer langsam mit den jungen Pferden, meine Kleene.", sagte Klink und drückte sie auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Nach der Aufregung brauchte er erst mal einen gepflegten Cognac, auch wenn es eigentlich etwas früh dafür war.
    Er schenkte sich ein recht volles Glas ein, aber kam nicht mehr dazu, es zu trinken. Noch bevor Klink auch nur danach greifen konnte, hatte Samantha sich das Glas geschnappt und das braune Zeug mit einem Zug hintergekippt.
    "Ah, das hat gut getan!", seufzte sie.
    Klink sah sie eine Weile mit offenem Mund an, bevor er ungläubig den Kopf schüttelte. Auf diesen neuerlichen Schock half kein Trinken mehr. Statt dessen ließ er sich in seinen Sessel plumpsen und starrte Samantha fassungslos an.
    Die Kleine bekam gar nichts von Klinks Reaktion mit. Sie hatte selbst in ihrem jungen Alter den irischen Whiskey häufig zugesprochen und außerdem half ihr das bittere Brennen in ihrem Hals, das Lachen zu unterdrücken.
    Sie würde ihre Rolle durchspielen und auch wenn sie sich vorgenommen hatten, alles langsam angehen zu lassen, wollte sie diese Spielchen lieber schnell hinter sich bringen.
    "Also, was ist nun mit der Versetzung?", fragte sie mit unschuldigem Blick, als wäre nichts geschehen.
    "Was? Wie? Ach so, nu ja, ich fürchte, dem kann ich nich zustimm`. Wahrscheinlich würde Bauer mich köpfen, wenn ich’s tun würde.", sagte Klink unüberlegt und erschrak im nächsten Moment dermaßen, dass Samantha gleich mit zusammenfuhr.
    "Oh Scheiße, ich un mei großes Maul!", seufzte er und diesmal schaffte er es, sich einen hinter die Binde zu kippen, ohne das Samantha ihm zuvorkam.
    "Bauer? Ach der steckt also dahinter.", murmelte Samantha wie zu sich selbst, wobei sie Klink genau im Blick behielt.
    Hoffentlich reagierte der Oberst so wie sie es sich erhoffte! Damit würde sie dem Colonel einiges Gerede und Kopfzerbrechen ersparen – und sich ganz nebenbei einen Arrestaufenthalt.
    "Du kennst Bauer?", fragte Klink verblüfft.
    "Ja, könnte man so sagen."
    "Was hasten du mit dem General zu schaffen? Woher westen du, das Bauer dich hierher geschafft hat?", fragte klink verblüfft.
    Samantha grinste. Köder basteln... Falle auslegen... und gefangen!
    "Ich wußte es nicht, aber danke, dass sie mir das verraten haben, Oberst Klink.", sagte sie mit einem Grinsen. Es konnte sein, das Samantha sich damit zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, aber das Risiko mußte sie einfach eingehen.
    "Oh du... das war doch Absicht! Raus hier und zwar schnell. Du wirst Bauer kennenlernen, das kann ich dir versprechen. Schuuultz! Schaffen se de Kleene in de Arrestzelle und da soll se bleim, bis se alt un grau is.", brüllte Klink los und eine Ader auf seiner Stirn pulsierte gefährlich.
    "Krieg keinen Herzinfarkt, Opa. Ich lege wirklich keinen besonderen Wert darauf, Bauer kennenzulernen.", sagte Samantha schnell, um sich mehr Sicherheit zu verschaffen, das sie auch wirklich in den zweifelhaften Genuß von Bauers Besuch in der Arrestzelle kam.
    "Opa?! Nu erst recht! Bauer soll sich mit dir rumplachen, ich geb `s auf. Da will man einmal nett zu einem Alliierten sein und dann kommt sowas! Kein Wunder, das selbst Hogan bei dir austickt.", brüllte Klink weiter herum und Samantha mußte arg das aufkeimende Lachen unterdrücken, das sich ihren Hals hoch stahl, den sonst würde Klink mißtrauisch werden.
    "Ich würde glatt nen Oscar dafür bekommen.", dachte sie und ließ sich von Schultz in die Arrestzelle führen.
    Dort erstickte das Lachen sehr schnell, den die Aussicht in dieser zugigen, kalten und feuchten Zelle ein paar Nächte zu verbringen, war nicht sehr reizvoll, um es mild auszudrücken.
    "Tut mir ja leid, Kleine, aber du hast g` hört, wos der Kommandant gesagt hat. Des is aber auch, mußte das denn sein, dem Kommandant sowas zu sagn? Un der Hogan? Wieso hast` dich mit dem gestritten... von dem Newkirk gar nicht zu reden?", fragte Schultz und schaute Samantha zweifelnd an. So einem kleinen süßen Mädchen traute er solche Taten und Wörter eigentlich gar nicht zu.
    "Schultz, das wollen sie nicht wissen, glauben sie mir. Ich sage ihnen nur soviel... Hogan ist mal wieder dabei, Klinks und ihren Hals zu retten – und seinen und meinen gleich mit. Machen sie sich keine Sorgen, mehr kann ich ihnen leider auch nicht sagen."
    Damit ließ es Samantha bewenden und setzte sich auf die steinharte Pritsche an der Wand.
    Schultz ging völlig verwirrt und vergaß, die Tür abzuschließen.
    "Schultzi, haben sie nicht was vergessen?", fragte Samantha und zog die Stirn kraus. Wie hatte dieser Bayer es bis zum Feldwebel geschafft?
    "Wos is? Ach ja, dankschie. Ich bring dir nachher was zum Futter, gell."
    Schultz ging und Samantha mochte sich lieber nicht vorstellen, welchen Fraß sie vorgesetzt bekommen würde, nachdem Klink so sauer auf sie war.
    Eigentlich hatte sie ja vorgehabt heut Abend die Helden mit selbstgemachten Pies zu verwöhnen, aber das mußte wohl ausfallen.
    Gähnend legte sich die Kleine hin. Es war erst früher Vormittag, doch die viele Schauspielerei und das viele Herumgelaufe hatten sie entsetzlich müde gemacht.
    Zudem juckte ihr Bein schon wieder und diesmal fand sie nichts, um sich abzulenken, außer...
    Es hatte für Samantha etwas unheimlich Komisches an sich, wie sie da so auf einer Pritsche saß, aus der vergitterten Tür schaute und dabei ein paar Knastmelodien auf ihrer Mundharmonika zum besten gab.
    Fehlt nur noch ein Mann, der mit einem Blechbecher an den Gitterstäben klappert, dachte sie und platzte los vor lachen, bevor die Müdigkeit doch noch siegte, und sie einschlief.

  • :D


    Die Geschichte wird immer spannender!!!


    Ich bin der Rattenfänger von Hameln - wo sind hier die Mäuse?!


    Niveau ist keine Handcreme!


    Reich ist das Land, das Helden hat. Und arm das Land, das welche braucht!

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  • Okay, Leute, jetzt gehts weiter! Bedankt euch bei meiner Praktikumsleiterin, die mir eher dienstfrei gegeben hat, sodass ich mich noch an den Computer setzen konnte.


    Kapitel 15: Schultz weis was


    Klink war derweil alles andere als zum Lachen zumute und schlafen konnte er gleich recht nicht.
    Der Oberst wußte nicht mehr, wo oben und unten war, so schwirrte ihm der Kopf.
    "Erst dieser Bauer mit seinen ewigen mal bin ich nett, mal nich... dann Hogan und der Newkirk, die plötzlich auf kleene Mädels losgehn... und dann die kleene Rotznase selbst! Opa? Wenn ich das schon hör! Sieht so unschuldch aus und dann so ne große Klappe? Noch nich mal vorm Hogan hattse Respekt gehabt. Warum ham die sich denn gestritten? Is die jetzt plötzlich auf unsrer Seite?"
    Der Tiecher tigerte in seinem Büro auf und ab und nahm jedesmal, wenn er an seinem Schreibtisch vorbeikam, einen Schluck Cognac zu sich.
    "Ach Scheiße! Soll sich der Bauer drum kümmern.", entschloß er schließlich und knallte mit der Faust so auf den Tisch, das zwei Bilder von den Wänden flogen.
    "Nu is och noch dar Schnurrbart of de Fresse geflochen. Mir bleibt aber och nischt erspart.
    Schuuuultz! Hollnse mal Schaufel und Besen un zwar schnell."
    Bauer hatte ihm einen Brief geschickt. Er würde morgen Nacht wieder bei ihm auftauchen und Klink war jetzt schon gespannt darauf zu erfahren, was er von der Sache mit Samantha halten würde.
    Dieser General behauptete ja auch, das die Kleine irgendwie mit Hogan verwandt war, obwohl Klink das nicht so recht glauben konnte. Und nach dem heutigen Morgen wurde sein Verdacht nur bestärkt, das in Bauers krankem Gehirn irgendwas schief gegangen sein mußte, als er auf diese Idee gekommen war.
    „Hauptsache ich krich meenen Generalstitel!“, wischte Klink diese Gedanken beiseite und rieb sich breit grinsend die Hände. Er konnte nicht leugnen, das dieser General Bauer manchmal etwas kompliziert war, aber er sah auch nicht danach aus, als ob er seine Versprechen nicht halten würde.
    Schultz kam herein und fegte die Scherben auf, ohne ein Wort zu sagen. Er war ganz gegen seiner Gewohnheit tief in Gedanken versunken. Es wollte ihm einfach nicht in den Kopf gehen, das Hogan die Kleine geschlagen hatte und das Mädel schien es ohnehin nicht ganz verkraftet zu haben, so verwirrt wie sie in der Arrestzelle geredet hatte.
    `I seh nix und i weis nix, gar nix!`, sagte er sich immer wieder, doch die Worte der Kleinen wollten ihm nicht aus dem Kopf gehen.
    Hogan war wiedereinmal dabei, ihm und dem Oberst den Hals zu retten? In was für einen Schlamassel steckten sie denn nun schon wieder?
    Bauer, war Schultzis erster Gedanke. Im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten blendete ihn keine Beförderungsaussicht (mal abgesehen davon, das Schultz mit seinem Feldwebelposten durchaus zufrieden war). Er hatte gleich von Anfang an den Verdacht gehabt, das mit dem Bauer nicht gut Kirschen essen war.
    `Georg Schultz, laß` di net auf Sochen ein, die dich nix angoahn!`
    Doch abermals konnte er nicht wie üblich einfach wegschaun.
    Mit einem Kopfschütteln schaute er zum Oberst, der vor sich hinträumend in seinem Sessel saß und ihn gar nicht zu bemerken schien.
    Er hatte das unbestimmte Gefühl, das Klinks rosarote Seifenblasen bald zerstochen werden würden und an wen würde es der Oberst wieder auslassen?
    An ihm!
    `Wenn i bis dahin net an der Rußchen Front bin.`, seufzte Schultz und beschloss ein paar Worte mit Colonel Hogan zu wechseln. Sicher war sicher. Obwohl Schultz den Verdacht hatte, das der Colonel ihn auch wieder nur mit vagen Andeutungen und Sprüchen abspeisen würde.


    In Baracke zwei hatte man eifrig dem Gespräch zwischen Klink und Samantha gelauscht und Hogan war froh, daß die Kleine so geistesgegenwärtig gewesen war und ihm einiges abgenommen hatte.
    Auch Klinks Selbstgespräch hatte er sich noch angetan und er konnte sich den Oberst förmlich vorstellen, wie er auf Wolke Sieben schwebend über seinen Generalstitel nachdachte.
    "Idiot! Der würde nichts merken, selbst wenn sich Bauer ein großes Schild um den Hals hängt, auf dem steht: Ich bring sie vors Erschießungskommando.", murmelte er und seine Truppe stimmte ihm da voll zu.
    "Newkirk, seh mal nach, wies Samantha geht.", sagte Hogan.
    Der Engländer ließ sich das nicht zweimal sagen und wollte gehen, doch in der Tür prallte er mit Schultz zusammen.
    "Newkirk, der Kleinen geht’s gut. I war vorhin noch mal bei ihr und da hat sie friedlich geschlafen. Sie brauchen sich also nicht die Mühe mochen und an der Wache vorbeischleichen."
    Newkirk unterdrückte ein Grinsen. Schultz konnte ja nicht wissen, das sie auch noch andere Wege hatten, um in die Arrestzelle zu kommen.
    "Des is aber nett, das sie sich auf einmal so um des Mädel sorgen, Colonel. Oder wolltense ihr noch eine feuern?", fragte Schultz mit ungewohnt ernster Stimme, nachdem er sich vor Hogan aufgebaut hatte und den Colonel böse ansah.
    "I hab selbst so kleine Scheißer und i weis gonz genau, das die manchmal nerven könne, gell, aber so wos hätt ich von ihnen nicht gedacht. Ja mein Gott, sie hat vor sich hingeplappert und dabei Zeugs gesagt, das mi an ihrer statt auch wütend gemacht hätt, aber die Kleine is in nem schwierigen Alter, da sagnse manchmal Dinge, die sie net so meinen, gell.", fuhr Schultz fort und ließ Hogan keine Zeit, ihn zu unterbrechen.
    Der Colonel mußte sich alles geduldig anhören und beschloß dabei, den Feldwebel so weit es ging mit einzuweihen. Schließlich ging es auch um seinen Hals und wenn Klink selbst schon nichts verstehen würde, so brauchten sie doch einen Deutschen auf ihrer Seite, sonst würde der zweite Teil des Plans nicht aufgehen.
    "Schultzi, setz dich erst mal. Wir müssen reden.", sagte Hogan mit einem Lächeln, das den Feldwebel verwirrte.
    "Sinds jetz auch so durchgedreht wie die Kleine. Erzählt die mir in der Arrestzelle doch irgendwas, von das sie mir den Hals retten wollen und das irgendwie alles anders ist, als es ausschaut."
    Hogan setzte sich ebenfalls und zog beide Augenbrauen hoch.
    "So, was hat sie ihnen denn genau gesagt?", wollte er wissen.
    "Nur, das sie meinen und Oberst Klinks Hals retten wollen und ihren glei mit...
    Sagens bloß, das hat wos mit dem Bauer zutun?"
    Hogan war überrascht. Schultz hatte Bauer in Verdacht?
    Das bewies ihm mal wieder, das Schultz doch nicht zu unterschätzen war. Er konnte die richtigen Entschlüsse ziehen, wenn es sein mußte und anscheinend besaß er mehr Verstand als Klink, der von nichts eine Ahnung hatte.
    "Ja, das ist der Punkt. Ich stelle es ihnen frei, Schultz, wieviel wollen sie hören?", fragte Hogan und nahm sich einen Becher Kaffee.
    "Soviel wie i unbedingt wissen muß, gell. Bittschön net mehr als unbedingt nötig, Colonel."
    Hogan grinste, das war schon eher der Schultz, den er kannte.
    "Na schön, sie wissen ja, das wir nicht ganz das gewöhnliche Gefangenenleben führen, wie es üblich ist, oder?"
    Schultz rollte zur Antwort nur mit den Augen und winkte ab. Das war nun etwas, dass er nur zu gut wußte.
    "Ok. Dieser Bauer, hat er gesagt, hinter was er her ist?"
    Schultz runzelte die Stirn. Eigentlich hatte der General ihn gar nicht mit einbezogen und Klink waren ganz gegen sonst nur wenige Sachen herausgerutscht.
    "Hinter dem Untergrund, soviel i weis."
    "Na ja, Schultz, der Untergrund und wir...", fing Hogan an, doch Schultz unterbrach ihn abermals.
    "Bittschön, nur das Grobe. Diese Verbindung will i fei gar net erst hörn, verstehns."
    Wieder lachte Hogan, obwohl die Situation eigentlich gar nicht danach war. Es war einfach schön zu wissen, das sich manche Sachen nie so ganz ändern würden und etwas beständiges bildeten, was ihm Halt geben konnte, wenn er wieder mal den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte. Wie Klinks Cognacabende, Carters leichte Begriffsstutzigkeit, Newkirks Stottern und natürlich Schultzis `I weis nix, gar nix und i will's auch gar net wissn.`
    "Und Bauer hat sich Klink als Hilfe ausgesucht, da er irgendwie von unseren Aktivitäten erfahren hat. Er ködert Klink mit einem Generalstitel, richtig? Aber was glauben sie, wird er wirklich machen, wenn er uns erst mal in der Hand hat?"
    Schultz lachte bitter auf. "Nix wird’s mit dem Generalstitel, entweder werden wir erschossen oder kommen an die russche Front, so einfach is des. Eigentlich dürft selbst der Olde net so dumm sein, und das net merken."
    Schultz hatte es auf den Punkt gebracht und Hogan nickte.
    "Ganz genau. Wir wollen nun Bauer schnappen, bevor er uns schnappt und dazu brauchen wir die Kleine als Lockmittel."
    Schultzi machte in ungefähr das gleiche Gesicht, wie Newkirk, als er das hörte.
    "Colonel, erstens war das eine beschissne Methode, sie mit Prügel zu erpressen und zweitens, die Kleine als Lockvogel für diesen General? I bitt sie!"
    Hogan seufzte. Schultz hatte trotz allen immer noch nicht verstanden, daß das mit Samantha nur gespielt war.
    "Nein, wir haben sie doch nicht mit Schlägen erpreßt, das wäre ja noch. Wofür halten sie uns denn? Diese Ohrfeige war bloß inszeniert gewesen, so wie der ganze Streit. Sie will sich bei Bauer einschmeicheln und ihm vormachen, das sie nicht mehr auf der Seite der Alliierten steht, um ihn im richtigen Moment in den Wald..."
    Wieder unterbrach Schultz ihn.
    "Ja mei, so war das! Dann bin i aber erleichtert. I dacht scho... aber egal, so genau will ich’s net wissen, gell. Nur noch eins, wie kann i ihnen helfen?"
    Hogan rutschte heut wirklich von einer Überraschung in die nächste. Erst war Schultz allein auf den Gedanken gekommen, das Bauer hinter allem steckte und nun bot er auch noch freiwillig seine Hilfe an. Wunder geschahen wirklich immer wieder!
    "Sie können uns tatsächlich helfen, Schultz. Wann kommt Bauer das nächste mal zu Klink?"
    "Wenn i den Kommandanten richtig deute, dann morgen Nacht."
    Hogan strahlte. "Das paßt ja perfekt! Nicht zu spät und nicht zu früh. Schultz, sie können noch was für uns tun. Sorgen sie dafür, das die Kleine vor übermorgen früh nicht aus der Arrestzelle entlassen wird und das Klink den General auch wirklich zu ihr führt, sonst haben wir ein großes Problem. Und wenn Samantha manchmal kurz aus der Zelle verschwindet, schlagen sie nicht gleich Alarm. Sie wird nicht lang weg bleiben und auch nur dann, wenn sie Dienst haben, okay?"
    Schultz nickte, das würde er noch hinkriegen. "Noch wos?"
    "Ähm ja... das dürfte etwas komplizierter werden, aber ich mir sicher, sie bekommen das hin."
    Schultz wurde hellhörig. Etwas schwieriger?
    "Wos denn?" Eigentlich hatte er nicht fragen wollen, doch was blieb ihm anderes übrig. Entweder er half Hogan oder er landete an der Front und da zog er Colonel Hogan den russischen Frostbeulen vor.
    "Sauer und Renkner stecken mit Bauer unter einer Decke. Unser Glück dabei heißt diesmal Hochstetter."
    Schultz stutzte. Wie konnte ihnen denn der schwarze Zwerg dabei helfen? Der war doch sonst immer dafür zuständig, den Helden das Leben zur Hölle zu machen.
    Hogan bemerkte Schultzis Blick und grinste. Er hätte ja selbst nie gedacht, das ausgerechnet Hochstetter ihm einen Gefallen tun würde, wenn auch natürlich ohne Absicht.
    "Es ist so, die Gestapo ist hinter Bauer her, da er zuviel Geheimnisse vor ihnen hat und besonders unser Giftzwerg hat sich schon des öfteren mit Bauer angelegt. Wenn ich es ihnen sage, müssen sie nur Hochstetter alarmieren und ihm irgendwas erzählen, von wegen Bauer sei desertiert und seine beiden Gehhilfen stecken mit ihm unter einer Decke. Da Bauer in dieser Zeit schon weg ist, wird Hochstetter nicht lang Fragen stellen und es als willkommenes Fressen sehen. Damit wären dann Renkner und Sauer ebenfalls aus der Bahn gefegt."
    Schultz schaute den Colonel unschlüssig an.
    "Äh Colonel... sie wissen aber fei schon, das es ziemlich riskant ist und sehr viel Glück dazugehört, oder?"
    Hogan seufzte. "Ich weis, Schultzi, aber uns bleibt keine andere Wahl, wenn sich das Stalag 13 nicht bald in einen einzigen Friedhof verwandeln soll."
    Schultz verstand und verließ mit einem Nicken die Baracke. Er hatte sich fest vorgenommen, alles in seiner Macht stehende zutun, um den Helden zu helfen. Der Feldwebel hatte es ohnehin nicht so mit der "Du bist mein Feind, also muß ich dich töten" - Masche einiger anderer und für ihn war Hogan so etwas wie ein Freund geworden. Auch Klink mochte Hogan sehr, das merkte sogar Schultz und wenn dieser Trottel von einem Oberst wüßte, was ihn erwartete, würde er mit Hogan zusammenarbeiten.


    Newkirk ging derweil mit Rickman im Schlepptau zur Arrestzelle.
    Hogan hatte dem Feldwebel zwar gesagt, sie würden nur etwas unternehmen, wenn Schultz Wache hatte, aber da im Moment niemand auf die Kleine aufpaßte, würde es auch so gehen.
    "S- sie hat i-i- in letzter Z- Zeit ü-ü- über Juckreiz ge- geklagt und über Schmerzen i- im G- Gelenk. W- Wird es da n- nicht langsam Z-z- Zeit den G- Gips a- abzunehmen?", fragte Newkirk und seine Stimme klang dabei ein wenig drängend. Sein Arm hatte auch schon im Gips gesteckt und er wußte, wie unerträglich dieses Jucken sein konnte.
    Rickman seufzte hinter ihm. Wenn es um die Kleine ging, war der Engländer für kein vernünftiges Wort zugänglich, also versuchte er es gar nicht erst.
    "Ich werde mal sehen, was ich tun kann. Eigentlich ist es ja noch viel zu früh um den Gips abzunehmen und theoretisch hätte sie auch noch nicht so früh aufstehen dürfen." Diesmal war es Rickman, der leicht anklagend sprach. Er hatte von Newkirk eigentlich erwartet, das er schon dafür sorgen würde, das sich die Kleine schonte, aber das Gegenteil war ihm zu Ohren gekommen.
    "A- Ach j-j- ja, das s- sagst du s-s- so leicht. K- Kinch hat e-e- es mal v- versucht und ist dabei i- im wahrsten S-S- Sinne des W- Wortes a- auf den H Hintern ge- gefallen. D- Die Kleine ist s-s- schlimmer als e- ein Sack F- Flöhe u-u- und n- noch s-s- sturer als s- selbst der C- Colonel."
    Der letzte Punkt überzeugte Rickman schließlich, auch wenn sich der Sanitäter niemanden vorstellen konnten, der einen größeren Dickschädel als der Colonel hatte.
    Als sie den Stein zur Zelle beiseite geschoben hatten, sahen sie, das Samantha immer noch fest schlief.
    "S- Sollen wir s-s- sie denn w- wirklich w-w- wecken?", fragte Newkirk und betrachtete die schlafende Kleine mit einem Lächeln.
    "Ja, meine Zeit ist leider bloß begrenzt und die Haltbarkeit der Medikamente auch. Wenn ich ihr den Gips abmachen soll, dann bald, sonst wird das Narkotikum unbrauchbar."
    Rickman verschwieg vorsichtshalber, das er eigentlich gar nicht vorhatte, den Gips zu entfernen, um Newkirk nicht zum Ausflippen zu bringen.
    Newkirk seufzte und schüttelte Samantha leicht an der Schulter.
    "He K- Kleine, a-a- aufwachen."
    "Oh du verdammter Engländer! Wenn mich dein Schnarchen in der Nacht schon nicht schlafen läßt, könntest du mich doch wenigstens in der Arrestzelle in Ruhe pennen lassen.", murmelte sie mürrisch und drehte sich auf die andere Seite.
    Rickman grinste, während Newkirk die Augen verdrehte und es noch einmal versuchte.
    "A- Aufstehen! R- Rickman ist h-h- hier. E- er will d-d- dich u- untersuchen u- und du be- bekommst den G- Gips abgenommen, w-w- wenn alles g- glatt g- geht!"
    Diese Worte wirkten. Wie von der Tarantel gestochen setzte Samantha sich auf und rieb den Schlaf aus den Augen.
    "Ist das war? Ich bekomm wirklich diesen verdammten Gips abgenommen?", fragte sie erstaunt und sah Rickman flehend an.
    "Nun ja, die Sache ist so...", fing der Sanitäter an und gleich zwei Augenpaare sahen ihn so an, als wollten sie ihn bei der falschen Antwort an die Kehle gehen.
    "Erstens kann ich dir den Gips aus rein medizinischen Gründen schon mal nicht abnehmen und zweitens, was würden denn die Wachen dazu sagen, wenn du zwar mit Gips reinkommst, aber ohne wieder raus?" Rickman lächelte entschuldigend und zuckte mit den Schultern.
    Selbst Newkirk und Samantha mußten einsehen, das er damit recht hatte.
    "Ja ja schon okay. Und wozu habt ihr mich dann geweckt?", fragte Samantha mürrisch und gähnte herzhaft. Jetzt, da die Aufregung verschwunden war, wurde sie wieder müde und wollte bloß noch schlafen.
    "Kontrolluntersuchung. In letzter Zeit bin ich nicht dazu gekommen, aber ich wüßte schon gern, wie dein Bein heilt und was deine Erkältung macht. Ich weis nicht, ob Newkirk dir das gesagt hat, weil du dich nicht mehr daran erinnern kannst, aber zwischendurch standest du mal ziemlich auf Messers Schneide."
    Samantha nickte. Newkirk hatte ihr davon erzählt, doch davon spürte sie jetzt nichts mehr und das sagte sie auch Rickman.
    "Mir geht’s gut und bis auf dieses Jucken und der Müdigkeit bin ich in Topform." Sie mochte keine Ärzte, so nett Rickman auch sein mochte. Die Doktoren gaben ihr mit ihren Fachausdrücke immer das Gefühl, schrecklich krank zu sein und von nichts eine Ahnung zu haben.
    "Trotzdem. Zieh mal die Jacke aus und stülp das Hosenbein hoch."
    Samantha fügte sich mit einem Seufzen und tat, wie ihr geheißen.
    Rickman klopfte sie ab, schaute ihr in den Rachen und begutachtete das Bein genau. Nach gut einer viertel Stunde schloß er die Untersuchung ab und sah recht zufrieden aus.
    "Es heilt alles recht schnell und gut. Keine Sorge, den Gips wirst du nicht mehr lange brauchen."
    "Na wenigstens eine gute Nachricht.", brummelte Samantha und zog sich schnell die Jacke wieder an. Es war saukalt in der Zelle und sie merkte, wie ihr Hals rauh zu werden begann.
    "N- Na d- dann, a-a- angenehme Träume! A-a- aber ich w- warne d- dich gleich v- vor, später k-k- komm ich noch m-m- mal und b- bring das M- Mittagessen, damit d-d- du mir n- nicht v- vom Fleische f- fällst.", verabschiedete sich Newkirk und Rickman folgte ihm.
    "S- Sieht w-w- wirklich alles s-s- so gut a- aus?", fragte der Engländer im Tunnel und sah Rickman durchdringend an.
    "Jap, aber sie sollte nicht zulange in der Arrestzelle sitzen. Sie hat jetzt schon eine Erkältung, aber es sollte nicht unbedingt wieder eine halbe Lungenentzündung werden."
    Newkirk nickte und nahm sich vor, bei seinem nächsten Besuch noch ein paar warme Sachen mitzubringen und eine zusätzliche Decke.

    Als LeBeau eine schön heiße Mittagsmahlzeit zusammengeköchelt hatte, hatten sie Glück und Schultz schob Wache an der Arrestzelle. Mit einem gezielten Wegschauen, ignorierte er, wie Newkirk Samantha aus der Zelle holte und sie schnell in die Baracke verschwanden.
    "Habt ihr mit ihm gesprochen oder warum kannst du mich so einfach aus der Zelle holen?", fragte Samantha erstaunt, als sie alle am Tisch saßen und es sich schmecken ließen.
    Hogan erzählte ihr von dem Gespräch mit Schultz und auch, das Bauer schon so bald auftauchen würde.
    Die Kleine nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis und schien ein paar Minuten lang in Gedanken versunken zu sein.
    "Colonel Hogan, ich soll Bauer doch, wie sie sich so schön ausgedrückt haben, Appetit auf mich machen, oder? Könnten sie es dann so einrichten, das ich, bevor ich ihn treffe, noch mal duschen und Haare waschen kann. Etwas Schminkzeug von Schnulle oder so wäre auch nicht schlecht."
    Newkirk verschlucke sich heftig und Samantha klopfte ihm mit einem Grinsen auf den Rücken.
    "Besser so? Gut! Ach ja, und dann bräuchte ich noch eure Meinung bezüglich der Klamotten, also richtet euch schon mal auf eine kleine Modenschau ein, okay."
    Hogan lachte und Carter pfiff durch die Zähne.
    "Eine Modenschau mit dir? Das würde ich doch um nichts in der Welt verpassen wollen.", sagte er und sein Mund zog sich von einem Ohr zum andern.
    Newkirk hörte demonstrativ weg, aber die nächste Bemerkung von Samantha sprengte seine Selbstbeherrschung in zwei.
    "Carter, ich muß dich aber enttäuschen, wenn du dir falsche Vorstellungen machen solltest. Bei einer Modenschau zieht man schöne Klamotten zum Bewundern an und nicht aus!"
    Newkirk klatschte mit der Hand auf den Tisch und sofort wandten sich alle Blicke erschrocken ihm zu.
    "H- he, s-s- sag mal, w- weißt du e-e- eigentlich w- wie alt d- du bist?"
    "Jap, sechszehn Jahre.", antwortete Samantha und ignorierte einfach, das Newkirk kurz vorm Explodieren war.
    "U- Und? Willst d-d- du d- deiner Mutter K- Konkurrenz machen? D- Deine U- Unschuld steht d-d- durch Bauer s-s- schon genug auf der K- Kippe. Also b- bitte, k- könnten wir vielleicht a-a- alle diese K- Kommentare s-s- sein l- lassen?"
    Zur Überraschung aller prustete Samantha in ihren Becher vor Lachen.
    "Äh Newkirk... ich habe es schon mal gesagt, aber da hast du es wahrscheinlich überhört... ob nun mit Absicht oder nicht... deshalb weis ich dich noch mal drauf hin. Bauer würde dafür gut drei Jahre zu spät kommen."
    Es entstand eine peinliche Stille.
    Hogan, der sich in der angespannten Situation mehr als unwohl fühlte, suchte krampfhaft nach einem Thema, das sie möglichst weit weg von solchen Dingen bringen würde, doch alles, was ihm einfiel und das nicht völlig nach aus der Luft gegriffen klang, war nach Samanthas Mutter zu fragen.
    "Kleine, wieso zieht Newkirk eigentlich immer vergleiche zu deiner Mutter? Das ist mir letztens auch schon aufgefallen."
    Samantha seufzte. Sie sagte ihnen, wie es um den "Beruf" ihrer Mutter gestanden hatte und hoffte, Hogans Gedächtnis würde das nicht auf die Sprünge helfen.
    Ihr Flehen wurde erhört, denn der Colonel schien keine Verbindungen zu seiner eigenen Vergangenheit zu ziehen.
    "Na dann wissen wir jetzt wenigstens, woher du das hast!", bemerkte Carter und dachte sich nichts weiter dabei.
    Doch Newkirk sprang auf und stürmte, laut türeknallend, aus der Baracke.
    Hogan fluchte stumm über die Feinfühligkeit von Carter.
    "Was sollte das denn heißen, Carter?", fragte er dann und hatte Mühe, seine Stimme in den Griff zu bekommen.
    "Ich meinte, das unsere Kleine gut aussieht und nichts anderes. Wenn ihre Mutter als... sowas... gearbeitet hat, mußte sie auch schön ausgesehen haben. Was habt ihr den gedacht, was ich meine?"
    Hogan biß die Zähne ganz fest aufeinander. So unüberlegt hatte sich auch nur Carter ausdrücken können und Newkirk war deswegen jetzt wahrscheinlich stocksauer auf Carter, Samantha und sich selbst.
    Samantha seufzte schwer.
    "Colonel, ich werd dann mal wieder in meine Zelle gehen. Werden sie das mit der Dusche und so einrichten können?"
    Als Hogan stumm nickte, ging Samantha zurück in die Arrestzelle, die Schultz ihr mit fast geschlossenen Augen aufschloß und hinter ihr wieder zumachte.
    "Kleine, was is den mit dem Newkirk los? I dacht, ihr hättet euch nicht ernst gestritten, sondern nur gespielt? Der sah aber alles andere als glücklich aus.", fragte der Feldwebel neugierig.
    Samantha seufzte abermals.
    "Es war nichts weiter, bloß eine kleine... Mißverständlichkeit. Mach dir keine Sorgen Schultzi."
    Der Feldwebel ging mit einem alles andere als beruhigten Gefühl nach draußen und Samantha legte sich wieder auf die steinharte Pritsche an der Wand.
    Wieso reagierte Newkirk nur so extrem auf solche Dinge? Sie selbst dachte sich nichts weiter dabei. Wer auf der Straße aufgewachsen war, kam mit solchen Dingen vielleicht eher zurecht, als die Engländer, die in solchen Dingen ja ohnehin als etwas penibel galten. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, konnte sie sich nicht ganz vorstellen, das Newkirk sich so sehr von Carter oder den anderen unterschied – normalerweise zumindest.


    Newkirk hatte sich in die Turnhalle geschlichen und seine Wut an einem Sandsack ausgelassen. Wieso nur behandelten die anderen Samantha wie etwas ganz gewöhnliches? Sie bekamen ja öfters Besuch von schönen Agentinnen oder Spioninnen, aber Samantha konnte man damit doch gar nicht vergleichen!
    Es brauchte sehr lange, bis Newkirk wieder in der Verfassung war, sich zu den anderen zu gesellen, ohne gleich nochmals auszuticken. Colonel Hogan war zum Glück so feinfühlig um das zu bemerken und verkniff sich ein paar Kommentare. Auch Carter hatte aus seinen unüberlegten Aktionen gelernt und hielt die Klappe.
    Erst als es Abend wurde, war Newkirks Zorn entgültig verraucht und er erklärte sich bereit, Samantha das Abendessen zu bringen und ihr auszurichten, das mit der Dusche alles glatt gehen würde.
    Mit dem Essen und ein paar Decken bewaffnet, ging er durch den Tunnel und fand die Kleine abermals schlafend vor.
    Doch diesmal drängelte ihn kein Rickman und so setzte er sich an die gegenüberliegende Wand auf den Boden.
    Newkirk zog die Knie ganz dicht an sich und stützte den Kopf darauf. Er fror leicht, da es in der Arrestzelle eigentlich zu kalt war, um auf dem Boden zu sitzen, doch das machte ihm im Moment nichts aus.
    Samantha sah zu friedlich aus im Schlaf, als das er sie stören wollte und auch er spürte, wie ihm die Augen zufallen wollten. Doch Newkirk konnte nicht einschlafen.
    Wenn er die Augen schloß, dann flimmerten erschreckend reale Szenen durch sein Blickfeld...
    Wie die Organisation zu spät kam und Bauer sich an Samantha ranmachte... wie einfach alles schiefging und sie vorm Erschießungskommando standen...
    Jede Einzelheit war ihm klar. Carters leises weinen.. der Colonel, wie er starr geradeaus blickte und sich die alleinige Schuld gab... und Samantha, die neben ihm stand, blass im Gesicht und zu keiner Regung fähig.
    Dann hallten Schüsse durch die Luft. Der Colonel war der erste, der in sich zusammensackte und kein Lebenszeichen mehr von sich gab... nach und nach fielen auch die anderen, bis Newkirk noch als letzter übrig blieb und auf seine toten Freunde hinabsah – und auf Samantha. Das schöne Gesicht im Staub liegend, die rot-braunen Haare, aus denen Blut hervorgesickerte, die stumpfen Augen, die nie wieder so voller Lebensfreude und Übermut strahlen würden. Dann wurde auch der letzte Schuß abgefeuert und um Newkirk wurde alles dunkel...
    "Gibt es einen bestimmten Grund, warum du mich so anstarrst?"
    Das waren keine Gewehrschüsse oder Todeschöre, sondern Samantha, die aufrecht im Bett saß und Newkirk verschlafen ansah.
    Der Engländer schreckte hoch und wurde aus seinen finsteren Gedanken gerissen. Schnell und möglichst unauffällig wischte er sich eine Träne aus dem Gesicht und hoffte, das Samantha nichts davon mitbekam.
    "W- W- Was? A- Ach s-s- so, nein e- eigentlich n- nicht.", sagte Newkirk hastig und erhob sich ächzend. Er mußte länger da gehockt haben, als er dachte, den seine Knie knackten wie Pistolenschüsse.
    "Ich hab Hogan heut schon mal gefragt, ob er ein wenig Schmieröl braucht, aber anscheinend bist du ein genauso dringender Fall.", grinste Samantha und bei diesem Lächeln kam ihm wieder das stumpfe Gesicht der toten Samantha in den Sinn und er mußte sich arg zusammenreißen, um sie nicht einfach in die Arme zu nehmen.
    "J- Ja, ja, d- die Z- Zeichen des A-A- Alters.", seufzte Newkirk statt dessen und klopfte sich den Staub von den Hosen.
    "Och...", sagte Samantha langgezogen und schob die Unterlippe nach vorne. "So alt bist du ja nun auch wieder nicht. Also, was wolltest du eigentlich?"
    Newkirk fing an, sarkastisch zu grinsen.
    "N- Nett! W- Wirklich nett. D- Da w-w- will man d-d- dir was z-z- zu essen b- bringen und ein p- paar Decken m- mehr und dann k- kommt `W-W- Was w- willst du d-d- denn h- hier`?", erwiderte er und schmiß Samantha die Decken hin.
    Diese falteten sich im Flug auseinander und stülpten sich über ihren Kopf.
    "Huch, ich bin blind. Oh mein Ritter, errette mich aus der Dunkelheit!", rief sich gespielt verängstigt und streckte die Arme nach ihm aus.
    "I- Ich eile, m-m- meine h- holde M- Maid.", antwortete der Engländer und sprang zu ihr. Mit ein paar theatralischen Gesten nahm er ihr die Decken ab.
    "Ich kann sehen, oh welch Wunder! Welchen Dank erfordert mein edler Ritter jetzt von mir?", spielte sie weiter und sah Newkirk mit weit aufgerissenen und schmachtenden Blicken an.
    Bevor Newkirk auch nur einen klaren Gedanken an seine Tat verschwendete, küßte er sie sanft auf den Mund.
    Samantha war so überrascht von diesem "Überfall", das sie wie erstarrt einfach weiter dasaß und ihn mit leicht geöffneten Mund ansah.
    Newkirk selbst war nicht weniger überrascht. Was hatte er denn jetzt schon wieder getan? Gespannt wartete er auf eine Reaktion von Samantha. Würde sie ihm jetzt eine kleben oder es vorziehen, weiter als Ölgötzen auf dem Bett sitzen zu bleiben? Oder...?


    "W- Wenn du j- jetzt n-n- nichts m- mehr mit m- mir zutun haben w-w- willst...", brach Newkirk schließlich das Schweigen.
    "Nein!", Samanthas Unterbrechung kam so schnell, das Newkirk verwundert aufschaute. Er hatte bis jetzt nur den Boden ansehen können, aber nicht in Samanthas Augen, aus Furcht davor, was er darin lesen könnte.
    "Nein, es war... schön." Samantha wußte nicht, wie sie es hätte anders ausdrücken sollen und obwohl ihr ihre Antwort unheimlich plump vorkam, fing Newkirk an zu lächeln. Es war kein Grinsen so wie üblich, sondern etwas sanftes, das sie von ihm noch nicht kannte.
    Jetzt stehe ich hier, wie ein verliebter Schuljunge und grinse vor mich hin!, schallt Newkirk sich in Gedanken selbst, doch er änderte nichts daran. Er konnte einfach nichts daran ändern, denn jede andere Reaktion hätte dazu geführt, das er Samantha noch einmal geküßt hätte. Ihre weichen Lippen! Würde er das Gefühl dieser Berührung jemals vergessen können?
    "V- Vielleicht... s-s- sollte ich j- jetzt g- gehen.", fing er noch einmal an, doch abermals unterbrach Samantha ihn.
    "Bitte, bleib doch. Vielleicht sollten wir... reden?"
    Newkirk nickte leicht und ließ sich neben Samantha aufs Bett fallen.
    Doch wieder wollte niemand von den Beiden den Anfang machen und ein Schweigen trat auf, das von Minute zu Minute unerträglicher wurde.
    Wir benehmen uns wie Kleinkinder... oder nein, da sind Kinder wesentlich unkomplizierter, eher wie Volltrottel, sagte Samantha zu sich selbst und seufzte leicht.
    "Das ist doch albern, Newkirk. Wir sollten eigentlich alt genug sein, um miteinander zu reden und uns nicht anzuschweigen.", platzte Samantha schließlich heraus und zog die Augenbrauen leicht zusammen.
    Newkirk lachte leicht auf.
    "D- Das g- gleiche Gesicht m-m- macht Hogan a- auch immer, w- wenn er ü-ü- über etwas n- nachdenkt, d-d- das i- ihm nicht ge- gefällt.", sagte er und Samantha fuhr leicht entrüstet auf.
    "Corporal Newkirk, nachdem sie mich geküßt haben, sollten sie jetzt keine Vergleiche zwischen mir und ihrem Vorgesetzten ziehen."
    Darauf wußte Newkirk nichts zu sagen und wie auf ein geheimes Zeichen hin platzten beide los vor Lachen.
    Die angespannte Situation verflüchtigte sich und nachdem Newkirks Magen leicht zu knurren anfing, beschlossen sie, erst mal was zu essen. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil weder Samantha noch der Engländer dazu fähig waren, alles in Worte zu fassen, was sie empfanden.


    "LeBeau ist wirklich ein ausgezeichneter Koch.", bemerkte Samantha und lehnte sich an die Wand. Newkirk hatte soviel mitgenommen, das sie mühelos selbst zu zweit davon satt geworden waren.
    Newkirk nickte leicht, schien aber mit den Gedanken weit weg zu sein.
    "He Traumtänzer, aufwachen!" Samantha knuffte ihn leicht in die Seite.
    "W- Was ist l-l- los?" Newkirk schreckte auf.
    "Guten Morgen mein Lieber. Gut geschlafen?"
    "T- Tut mir l-l- leid, ich h- hab bloß ü- über w- was nachgedacht."
    "Darüber, warum du dich beim Mittag so unmöglich benommen hast?", fragte Samantha provokativ und ihre grauen Augen blitzten gefährlich.
    "Ich w- war u-u- unmöglich? D- Die a-a- anderen waren e- es d-d- doch, d- die s- solche blöden Sch- Scherze ge- gemacht haben u- und a- allen voran C- Carter. Ich k-k- könnte i- ihn..."
    Samantha seufzte.
    "Newkirk, was ist denn so schlimm daran? Mein Gott, sei mal ehrlich zu dir! Machst du nicht auch solche Witze oder Kommentare bei anderen Frauen?" Sie blickte ihn so streng an, wie es seine alte Lehrerin immer gemacht hatte, wenn er seinen Sturkopf hatte durchsetzen wollen und wie bei ihr, hatte auch Samantha eigentlich recht.
    "J- Ja...", kam es schließlich langgezogen von Newkirk und Samantha wußte, es würde noch ein gewaltiges "Aber", dazukommen.
    "A- Aber... du b-b- bist eben n- nicht wie d-d- die a- anderen. Du bist w- was B- Besonderes... f-f- für m- mich!", flüsterte Newkirk und anscheinend fand der Engländer seine Hände plötzlich sehr interessant, denn er starrte nur noch sie an und seine Stimme war kaum verständlich.
    Samantha wußte nicht so recht, wie sie das nun auffassen sollte. Natürlich, sie hätte es so auslegen können, wie es offensichtlich klang und wie sie es auch gern gehabt hätte, aber meinte es Newkirk wirklich so?
    Doch noch bevor sie antworten konnte, wandte sich Newkirk endlich von seinen Händen ab und sah ihr tief in die Augen.
    `Blicke sagen mehr als tausend Worte`, wie wahr! Samantha wußte plötzlich, das solche Sätze nicht nur in kitschigen Liebesromanen vorkamen.
    Ihre Lippen bebten leicht, als sie sich in diesen meergrauen Augen verlor, die bis in ihre Seele hinabblickten.
    Sie tauchte darin ein und versank, ohne den Willen jemals wieder auftauchen zu wollen. Dann spürte sie seine Lippen auf den ihren.
    Diesmal überlagerte die Überraschung nicht die anderen Gefühle und ein Schwarm Schmetterlinge explodierte in ihrem Körper.
    `Oh, so schön... so schön... so schön...`
    Das waren nicht die Küsse der rauhbeinigen Jungen und Männer von Irland, die sie zuvor berührt hatten, das hier war vollkommen anders... sanfter... verführerischer...
    Der Kuß wurde drängender und leidenschaftlicher. Newkirks Arme schlangen sich um ihre Taille und zogen sie an sich, während sie die Hände hinter seinem Nacken verschränkte.
    Oh, es sollte niemals enden! Sie würden hier in Ewigkeit sitzen bleiben und die Zeit würde aufhören zu existieren...
    Doch Samantha wußte, dass das nicht so sein würde und löste sich nach einer endlosen Dauer behutsam von Newkirk.


    Immer noch mit einem Lächeln im Gesicht, das ihr ein bißchen fremd an ihm war, ging Newkirk zurück in den Tunnel und Samantha blieb, unfähig sich zu bewegen, auf der Pritsche sitzen und wußte nicht, was da gerade mit ihr passiert war.
    Sie hatte schon lange gespürt, das sich ihre Gefühle für Newkirk mit der Zeit verändert hatten, doch sie hatte es nicht an die Oberfläche kommen lassen – bis jetzt!
    War es ihm genauso gegangen?
    Sie seufzte zum weis nicht wievielten Mal an diesem Tag und kam sich albern und kindisch vor.


    Albern und kindisch, ja... aber um nichts auf der Welt würde sie daran etwas ändern wollen!

  • Danke erstmal für eure Kommentare! Ohne eure Beiträge hätte ich bestimmt inzwischen schon schlapp gemacht! Zum dank gibts jetzt das nächste Kapitel.


    Kapitel 16: Verlangen


    Gegen Ende wird es in diesem Kapitel etwas... delikat. Deshalb wäre vielleicht eine Altersfreigabe ab 16 Jahre angemessen. Wem das übertrieben vorkommt, bitte, aber ich geh lieber auf Nummer sicher, bevor mir hinterher noch Klagen kommen von irgendwelchen besorgten Eltern. (PS: So einen Fall gab es mal in der USA, wegen weit weniger gefährlichen Zeilen und derjenige mußte am Ende über 1000 Dollar Strafe zahlen!!!)


    Der nächste Tag kam nach Samanthas Meinung viel zu schnell.
    Noch nie schienen die Stunden so hastig verstrichen zu sein. Wie Sandkörner in einer Standuhr rannen sie dahin.
    Bauer! Samantha hielt sich für stark. Sie hatte schon einiges ausstehen müssen, aber wenn sie an diesen General dachte, lief es ihr kalt den Rücken runter.
    Wenn man Hogan glauben schenken durfte, war er der Gerissenste von all den Leuten, die sie schon versucht hatten, sie aufzudecken – und dabei mußte es sich um eine beachtliche Menge handeln, solange wie die Helden schon agierten.
    Zum Glück hatte die Kleine nicht soviel Zeit, sich über den Abend, bzw. die Nacht Gedanken zu machen, denn sie hatte sich vorgenommen, wenn sie schon eine Verführerin sein sollte, dann auch die beste, die die Helden jemals erlebt hatten!
    Zuerst ging sie mit Seife und Handtuch bewaffnet (und von Schultz auffällig ignoriert) zu den Duschen. Die Helden hatten dafür gesorgt, das sie auch warmes Wasser hatte und ungestört blieb, denn nicht wenige erlagen beinahe der Versuchung, Samanthas gute Figur etwas näher in Augenschein zu nehmen.
    Als ihre Haare nicht mehr vor Dreck fast starrten und ihre für Iren typisch helle Haut auch wieder hell wurde, trocknete sie sich hastig ab.
    Nach dem Duschen besah sie sich ihre Kleidung und stellte mit einem mürrischen Blick fest, das es keinen Sinn hatte zu Duschen, wenn sie danach wieder in diese Sachen schlüpfen würde.
    Samantha schlug sich frustriert über sich selbst gegen die Stirn. Warum in Gottes Namen hatte sie nicht eher daran gedacht?
    "Äh... Newkirk?", rief Samantha und der Engländer, der vor den Duschen Wache gestanden hatte, fing an zu grinsen.
    "W- Was ist? S- S- Soll ich d- dir den R- Rücken sch- schrubben?", fragte er mit scheinheiliger Stimme.
    "Ein andermal gerne! Aber wärst du vorher so freundlich mir ein paar saubere Klamotten zu holen? Sie liegen in Hogans Zimmer auf dem Bett.", antwortete Samantha und ließ sich durch Newkirks kleine Anfrage nicht aus der Bahn werfen.
    Newkirk holte die Sachen und dachte dabei intensiv nach, was Samantha wohl mit `ein andermal gerne`, gemeint hatte. Gut, eigentlich gab es für ihn da nicht zuviel zum überlegen!
    Doch galant wie er war, schaute er demonstrativ weg, als er Samantha die Sachen durch die Tür reichte.


    In Colonel Hogans Zimmer angekommen, schaute sie skeptisch auf den Berg von Wäsche, der sich auf dem Bett türmte. Es sollte verführerisch wirken, ja, aber wenn sie aufgedonnert wie eine Rummelnute dort in der Zelle stand, würde das Bauer mißtrauisch machen. Was wollte denn jemand, der in einer kalten Zelle eingesperrt war und fast nur Feinde um sich rum hatte, mit einem kurzen Minirock und bauchfreiem Top?
    Samantha überlegte hin und her, probierte dies und jenes an und keines der Stücke schien einigermaßen passend zu sein. Entweder zu schlabberig oder zu schlüpfrig.
    "Scheiße! Was zieh ich an?", fluchte sie in die Stille hinein.
    "Wenn du willst, helfe ich dir beim Anziehen!" Das war Carters Stimme und gleich darauf hörte man ein "Autsch!", daß ebenfalls von dem jungen Sergant stammte.
    "H-h- halt d- die Klappe!" Unzweifelhaft Newkirk!
    Samantha mußte lachen und durch Zufall bemerkte sie dabei eine Hose, die runtergefallen sein mußte.
    Sie wußte nicht, ob sie Schnulle oder Kalinke gehört hatte oder eher keiner von beiden, aber sie schien wie ideal für ihr Vorhaben.
    Kord, eng geschnitten und tiefschwarz.
    Nach einer kurzen Anprobe nahm sich Samantha eine große Schere und peppte das ganze noch auf.
    Wagerechte Schlitze unter dem Po, an den Beinen bis zur Wade ein Längsschnitt und Bauer würde dahinschmelzen.
    "Superb! Jetzt nur noch das passende Oberteil.", sagte sie und rieb sich vergnügt die Hände.
    Und das war leichter zu finden, als eine Hose.
    Grau, eng und natürlich tief ausgeschnitten.
    "Hoffentlich nicht zu tief.", überlegte Samantha und betrachtete sich in Hogans kleinem Spiegel.
    Hogan war auch so lieb gewesen und hatte ihr von Schnulle Schminkzeug besorgt.
    Samantha war eigentlich nie der Typ gewesen, der sich jeden Tag eine Tonne Make-up aufgelegt hatte, selbst zu Verabredungen immer nur dezent und sie so hielt sie es auch weiterhin.
    Ihre Wimpern waren schon von Natur aus voll und dunkel, ihre helle Haut würde ewig hell bleiben und ihre Sommersprossen ließen sich auch durch einen Zentner Farbe nicht verdecken, warum also viel Make-up?
    Aber die Haare...
    Samantha verzweifelte regelmäßig daran, ihre aalglatten Zotteln in Form zu bringen und nie gelang ihr das wirklich.
    "Argh! Das hält ja kein Mensch aus!" Frustriert trat sie gegen die Wand und stieß sich ihren großen Zeh an.
    Sie konnte ja noch nicht mal auf und ab hüpfen durch ihr Gipsbein und so ließ sie sich auf das Bett gleiten und jammerte ein paar Minuten vor sich hin, was ihr half, die Wut loszuwerden und wieder mit klarem Verstand zu überlegen, wie sie ihre Haare einigermaßen hinbekommen würde.
    "Ach, scheiß drauf!"
    Sie würde sie so lassen, wie sie waren und wenn es Bauer nicht so paßte, dann hatte er eben Pech.
    Zu guter Letzt noch die schwarze Jacke, die ihr etwas zu groß war und einen hübschen Kontrast zum engen Oberteil bildete und.. vola.
    "Oh Mann, wie lange brauchen Frauen eigentlich vor dem Spiegel?", hörte sie Kinch genervt fragen und schaute auf die Uhr. Sie hatte doch tatsächlich bald eine Stunde für alles gebraucht und gar nicht gemerkt, wie die Zeit verflogen war.
    "Ok, ich komme. Bitte bekommt keinen Herzinfarkt.", warnte Samantha vor, bevor sie die Tür aufstieß und mit einem verlegenen Lächeln in den Hauptraum der Baracke trat.
    Sofort verstummte alles Getuschel und Gelache und sie sah sich von gleich fünf Augenpaaren regelrecht angestiert.
    Carter klappte der Unterkiefer herunter und es sah aus, als würden seine Augen jeden Moment mit einem leisen "Plopp" aus den Höhlen springen.
    "Ich wußte es doch, zuviel Dekoltè!", deutete Samantha Carters Blick und sah sich in der nächsten Sekunde einer Flut von Widerreden entgegen.
    "Nein, perfekt!"
    "Wann wollen wir heiraten, ma Chérie?"
    "A-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-atemberaubend!"
    "Ich wechsle auf die andere Seite und tausche mit Bauer."
    "Wow! Wo ist das Mädchen hin, das ich vor kurzem noch mit einem gebrochenen Bein in die Krankenstation getragen habe?", fragte Hogan.
    Samantha Miene verdüsterte sich.
    "Das ist immer noch hier. Der Gips ist ja wohl kaum zu übersehen, oder?"
    Unter einem der aufgeschnittenen Hosenbeine stach der weiße Gips tatsächlich hervor, doch dem Gesamtbild tat das keinen Abbruch, wie die anderen befanden und Samantha wurde etwas leichter ums Herz. Wenigstens schien sie jetzt mehr Chancen zu haben, Bauers Aufmerksamkeit zu erregen.


    Eine halbe Stunde danach saßen alle bis auf Samantha und Newkirk, die in die Arrestzelle zurückgegangen waren, am Tisch und diskutierten eifrig über die bevorstehende Mission.
    "Colonel, wie stehen unsere Chancen?", fragte Kinch mit nüchterner Stimme.
    "Sie standen schon mal schlechter.", gab Hogan ebenso zurück.
    "Und wann, Sir?", fragte Carter ein wenig überdreht. Diese neutralen Stimmen versetzten ihn ein klein wenig in Panik. Er wußte, wenn noch nicht mal der Colonel Scherze machte um sie zu beruhigen, dann war die Sache schlimmer als gedacht.
    "Na ja, damals, als wir diese Waffenfabrik in Düsseldorf sprengen wollten, standen die Chancen genauso, das wir zum Sprengen kommen würden, Carter."
    Kinch räusperte sich leicht.
    "Äh Sir, die Waffenfabrik steht ja auch immer noch. Wir konnten uns zwar grad noch so aus dem Schlamassel rauswinden, aber zum Sprengen sind wir wirklich nicht mehr gekommen."
    Carter wurde leichenblaß und sah den Colonel flehentlich an, er möge Kinch doch verbessern oder seinen Vergleich ändern. Als weder das eine noch das andere geschah, schluckte der Amerikaner schwer und blieb für den Rest des Abends stumm.
    Hogan hielt sich ebenfalls ziemlich wortkarg, aber aus einem anderen Grund. Es hatte wiedereinmal mit Samantha zutun, doch diesmal war sie nicht der Hauptgrund.
    Er hatte Newkirk genau beobachtet und seiner Meinung nach hatte der Engländer seine Augen viel zu gründlich über die Formen von Samanthas Körper wandern lassen.
    Schön und gut, die Kleine sah nicht schlecht aus und sie hatten schließlich alle ihre Bemerkungen losgelassen, aber Newkirks Blicke hatte nicht gescherzt!
    Der Engländer hatte es todernst gemeint und ohnehin schien er mit der Kleinen schier verwachsen zu sein.
    "Newkirk, Newkirk, mach keine Dummheiten!", murmelte Hogan ungehört von den anderen vor sich hin. Sie lebten schon lange im Lager und außer ein paar kurzzeitigen Bekanntschaften konnte hier nichts zustande kommen, aber bei Samantha...
    Ja, die Kleine lebte hier und würde offensichtlich auch nicht so bald wieder gehen.
    Da konnte man tatsächlich etwas tieferes eingehen, wenn man darauf aus war, aber...
    "Sie ist zu jung... zerbrechlich... vorlaut... Klink würde es nicht zulassen..."
    Hogan fielen tausend gute Gründe ein, warum Newkirk dabei war, einen schrecklichen Fehler zu begehen. Und wollte denn die Kleine überhaupt was von ihm? Sie suchte seine Nähe, das fiel jedem auf und mit der Zeit waren die zwei ziemlich vertraut miteinander geworden - und sie hatte ihm irgendwas anvertraut, was sie sonst niemanden gesagt hatte.
    Hogan seufzte. Wenn er doch nur wüßte, was es war, dann könnte er die Sache vielleicht besser verstehen.
    Doch alles wenn und vielleicht nützte nichts, ohne klare Fakten und diese ganze Grübelei bereitete ihm Kopfschmerzen.
    "Wenn das mit Bauer schief geht, hat sich das sowieso erledigt!", zog Hogan den Schlußstrich und gab endlich dem Drängen von LeBeau nach, er möge doch etwas essen und nicht nur auf seinem Teller herumstochern.


    Samantha und Newkirk saßen schweigend auf der Pritsche und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Samantha fühlte sich in Newkirks Nähe geborgen und sicher, doch die Angst vor heute Nacht war noch größer.
    "H- He, Kleines d-d- du, z- zitterst j- ja!", sagte Newkirk und sah sie erschrocken an. Die Kleine sah wirklich nicht gut aus. Sie war ein wenig blaß um die Nase, schlotterte regelrecht und hatte die Arme ganz fest um die angezogenen Knie geschlungen.
    "I- Ist es w-w- wegen B- Bauer?", fragte Newkirk behutsam und wickelte sie fest in eine zusätzliche Decke ein.
    "Nein, diese Zelle ist bloß so kalt und feucht. Das ist alles, wirklich!"
    Newkirk schaute zwar alles andere als überzeugt aus, aber fragte nicht weiter. Seine Augen jedoch huschten immer wieder zu Samantha, die es tunlichst vermied, irgend etwas anderes als die gegenüberliegende nackte Kalkwand anzustarren.
    "K- Kleine, du z-z- zitterst i- immer noch. U- Und sag m- mir n-n- nicht, d- das dir i- immer n-n- noch bloß k- kalt i- ist! D- Die W-W- Wärme unter d-d- den Decken k- könnte die A-A- Arktis z- zum Sch- Schmelzen b- bringen."
    Samantha sagte nichts darauf und das gab Newkirk die letzte Sicherheit, die er brauchte, um ganz genau zu wissen, das es wegen Bauer war. Wäre es nicht so, hätte die Kleine ihm schon längst etwas entgegengeschleudert, das nach "Ach, dir ist warm? Wird wohl an mir liegen!" klang.
    "S- Samantha, v- versuch doch n-n- nicht, mir w- was v- vorzumachen. D- Du bist i-i- im M- Moment leichter z- zu l- lesen als ein o-o- offenes B- Buch.", versuchte es Newkirk noch einmal und endlich erhielt er auch eine Antwort.
    "Ach, du kannst lesen?!"
    Eigentlich ein Scherz, oder dummer Spruch je nachdem, aber der Humor erreichte Samanthas Stimme nicht.
    Sie hatte dünn und wenig selbstbewußt geklungen, und auch ihre Augen blieben an der gleichen kahlen Wand haften.
    Newkirk schaute sie streng an und Samantha gab mit einem leisen Stöhnen auf.
    "Na gut! Es ist wegen Bauer. Ich hab eine scheiß Angst, das ich irgendwas vermaßle. Ich meine früher, als ich einige "Beschaffungsmaßnahmen" gestartet hab, wurde es auch manchmal brenzlig, aber da war ich allein. Und hier? Hier hängt das Leben von so vielen an einem seidenen Faden und wenn ich auch nur einmal falsch blinzle, geht alles den Bach runter. Wie haltet ihr das eigentlich aus? Ihr macht doch ständig sowas."
    "S- Ständig ist ü-ü- übertrieben, a- aber was g- glaubst d- du, wieviel A- Angst ich v- vor m-m- meinem ersten A- Auftrag h- hatte? I- Ich kam f- frisch von d-d- der A- Ausbildung und m- mußte gleich b- bei e-e- einem großen E- Einsatz m-m- mitfliegen. Sch- Schon zwei T- Tage v- vorher habe ich v-v- vor A- Angst so e-e- einen D- Dünnschiß bekommen, d- das mein B- Befehlshaber die S- S- Sache sch- schon abblasen w- wollte."
    Newkirk fing an zu grinsen und dachte daran zurück, wie die Alteingesessenen schon Wetten abgeschlossen hatten, in wieviel Minuten er wieder aufs Klo rennen würde.
    "A- Aber der P- Punkt i-i- ist, es h- hat alles e-e- einwandfrei ge- geklappt. Als i- ich erst mal i-i- in der L- Luft w- war, war d- die Angst w-w- weg und i- ich habe m-m- mich n- nur noch a- auf meine A-Aufgabe k- konzentriert. A- Also, h-h- halb so w-w- wild das G- Ganze"
    Samantha beruhigte das ein wenig, aber nicht sonderlich viel.
    Bei Newkirk mochte alles gut gegangen sein, aber der Engländer war ja auch ein außergewöhnliches Talent, fand Samantha, und wie stand es bei ihr?
    Newkirk merkte, das Samantha immer noch nicht recht überzeugt schien, aber so schnell gab er nicht auf.
    "K- Kleine, du h-h- hast das T- Talent g- geerbt. M-M- Mach dir keine S- Sorgen, s-s- sowas liegt d- dir e-e- einfach im B- Blut!"
    Samantha lachte kurz und bitter auf.
    "Ach, und du regst dich über Carter auf? Faß dir an deine eigene Nase, Corporal Newkirk! Nur weil meine Mutter..."
    Newkirk seufzte.
    "I- Ich habe von d-d- deinem a- anderen Elternteil ge- gesprochen."
    Er wußte, das er sich damit ziemlich aufs Glatteis begab, aber drastische Situationen erforderten drastische Maßnahmen.
    "Du redest von meinem... Vater?"
    "N- natürlich! C- Colonel Hogan i-i- ist einer d-d- der besten M-M- Männer, die i- ich kenne. Er t-t- trägt das H- Herz am r-r-rechten F-Fleck, v- verliert fast n- nie die Hoffnung u-u- und hat immer e-e-ein o-offnes O- Ohr f-f- für uns.
    Hogan ist außerdem m- mutiger als d-d- die m- meisten G- Generäle u- und Oberbonzen z- zusammen u- und... ich k- kenne k-k- keinen M- Menschen, der m- mehr v- von ihm h- hat, a- als du!"
    Samanthas Kinn fing an zu zittern und Newkirk nahm sie behutsam in die Arme. Der Engländer hatte gewußt, das die Vergleiche mit ihrem Vater Samantha aufwühlen würden, aber Newkirk hatte das Gefühl, genau die richtigen Worte gefunden zu haben.
    Er blieb so lange es ging bei ihr und sie sprachen nicht mehr.
    Doch es war diesmal kein schweigendes Starren, sondern jener Einklang ohne Worte, welcher wohl nur bei Menschen entstehen konnte, die sich sehr nahe standen. Das Zittern hörte auf und die einzelne Träne, die Samantha übers Gesicht rang, strich Newkirk behutsam mit dem Finger weg.
    Schließlich klopfte es dezent aus Richtung Tunneleingang und Newkirk wußte, das sie keine Zeit mehr hatten.
    Er sagte auch jetzt nichts mehr, sondern küßte Samantha nur sanft auf die Stirn und verließ die Zelle mit einem seltsamen Blick in den Augen, der ihr Halt gab und sie nicht verzagen ließ, als nur eine halbe Stunde später schwere Schritte zu hören waren.


    "Was haben sie da gerade gesagt? Die Kleine hat sich mit Hogan gestritten?"
    Bauer war anscheinend genauso verwirrt wie Klink, denn er ließ seine übliche Sicherheitskontrolle sausen und fing gleich damit an, den Oberst mit Fragen zu bestürmen.
    "So isses! Der hat ihr eene gefeuert, kann isch ihnen sachen. Mich wunerts, das de Klene keenen blauen Fleck hat.", sagte Klink und schien sich sehr darüber zu freuen, das er Bauer etwas mitteilen konnte, was diesen sehr zu interessieren schien.
    "Wieso grinsen sie da so, Klink? Ist ihnen denn immer noch nicht klar, daß das die ganze Mission gefährdet? Wenn Hogan die Kleine nicht in Schutz nehmen will, dann wird es auch keine Racheakte für ihre Mißhandlungen geben, er wird nicht unvorsichtig werden und mir fehlen immer noch ein paar Kleinigkeiten für den finalen Abschuß.", tobte Bauer und Klinks gute Laune schwand dahin. Es stimmte, er hatte kein Wort von Bauers Plan verstanden, bis auf das mit dem Generalstitel natürlich und er verstand auch nicht, was Hogan oder die Kleine mit dem Untergrund zutun haben sollten.
    Wer nichts weis, kann auch nicht mitreden und sollte die Klappe halten, an diesen Leitspruch hätte der Oberst sich in einer solch erlauchten Gesellschaft eigentlich halten müssen, aber Klink wäre ja nicht Klink, wenn er nicht trotzdem sein Maul aufreißen würde.
    "Aber wissenese, was die noch gesacht hat? Se würde lieber mitn Deutschen arbeiten als noch enmal n Fuß in de Baracke von Hogan ze setzen. Die hat getobt und de Alliierten beschimpft, kann isch ihnen sachen..."
    Bauer brachte Klink mit einer Handbewegung zum Schweigen (er war schätzungsweise der Einzige, der das vermochte) und seine Augen durchbohrten den Oberst förmlich.
    "Was haben sie da gesagt, Oberst?"
    Klink wußte vor Schreck gar nichts zu sagen und stotterte schlimmer als Newkirk, bis Bauer ihn abermals zum Schweigen brachte.
    "Das will ich mir selbst ansehen. Führen sie mich zu der Kleinen! Wo steckt sie denn jetzt?"
    "Äh, na ja, se hat ja nich nur gechen den Hogan gewettert, sondern dann och noch mich Opa genannt und sowas. Da hab isch se in de Arrestzelle stecken lassn."
    Kluges Mädchen, dachte Bauer und unterdrückte nur mit Mühe ein Grinsen. Schwachkopf hätte zwar besser gepaßt, aber Opa war schon mal ein guter Anfang!
    "Nun bringen sie mich schon hin. Und dann will ich allein mit ihr reden. Haben sie mich verstanden?"
    Klink sprang förmlich in die Höhe und knallte die Hacken zusammen, das es weh tun mußte.
    Im Stechschritt marschierte er zu den Zellen und ließ alle Wachen abziehen, damit Bauer auch ja seinen Willen bekam. Nach dieser "netten" Unterhaltung in seinem Büro sah er seine Beförderung extrem gefährdet und er wollte nichts tun, was dem noch zusetzte.


    Samantha hockte immer noch auf der Pritsche, doch die Angst war weg. Es war, wie Newkirk gesagt hatte, wenn man der Gefahr dann einmal gegenüberstand, schaltete sich dieser Teil des Gefühlslebens anscheinend ab und ließ dem Verstand die Oberhand, zumindest bei den meisten Menschen. Sie fühlte sich, als wäre ihr Kopf nie klarer gewesen und machte sich bereit, mit allen Mittel zu kämpfen.
    Die Gittertür wurde durch Klink persönlich auf- und hinter Bauer wieder zugeschlossen.
    Nun stand er ihr also entgegen. Der Mann, der dafür verantwortlich war, das sie hier saß, das sie ihren Vater und Newkirk kennen gelernt hatte... und der sie alle vernichten wollte.
    Doch zuerst stellte Samantha fest, das der Typ gar nicht mal schlecht aussah.
    Älter zwar, aber dennoch attraktiv. Das von grau durchzogene Braun seiner Haare und seines Bartes machten ihn interessant und keineswegs hatten die ebenfalls brauen Augen diese Kälte von Renkner oder Sauer. Sie sahen warm aus und ein freundliches Lächeln verstärkte diesen Eindruck noch.
    Halt!, pfiff sich Samantha wieder zurück. Dieser Kerl wollte eine Show abspielen, sie einwickeln und höchstwahrscheinlich für seine Seite gewinnen. Natürlich zog er da keine Grimasse! Und was sein Aussehen betraf, sie brauchte sich nur den häßlichen Charakter vorzustellen, den Bauer offensichtlich haben mußte und die Romantik war passe.


    "Samantha Gray, welch Wandlungen in deinem Leben! Erst das arme, irische Mädchen, dann Gefangene der Gestapo und später Insassin eines Kriegsgefangenenlagers. Erst scheinst du diese Menschen zu mögen und sie dich ebenfalls, und dann würdest du lieber zu den Deutschen gehen, anstatt sie jemals wiederzusehen. Oh, sag mir doch bitte, was hat das zu bedeuten, oder lügt Klink, dieser alte Dummkopf, mich an?"
    Seine Stimme war volltönend und ein wenig rauh, wie die ihres Großvaters, doch der leicht spöttische Ton darin machte jeden Vergleich unsinnig.
    "Ich will nichts mehr mit den Alliierten zutun haben, das stimmt, aber den Deutschen würde ich mich auch nicht anschließen. Klink sagt die Wahrheit, was Hogan und die anderen betrifft. Sagen wir, es gab da eine kleine Meinungsverschiedenheit."
    Samantha riß sich zusammen. Sie wollte Bauer einwickeln, doch wenn sie es ihm zu leicht machte, würde das sehr auffallen.
    "Eine kleine Meinungsverschiedenheit? Wollte er etwa die Vaterschaft nicht anerkennen?", fragte Bauer und grinste hämisch, als Samantha ihn augenscheinlich geschockt ansah.
    "Woher wissen sie das? Weiß es sonst noch jemand von den Deutschen?"
    Die Erschrockene zu spielen fiel Samantha leicht. Sie brauchte sich nur an den Abend zu erinnern, als Hogan es beinahe durch Zufall erfahren hätte. Nur Carters Dußligkeit hatte das verhindert.
    "Oh, du sprichst im Schlaf, mein Schätzchen. Aber keine Sorge, außer mir weis es niemand. Klink habe ich jediglich erzählt, du seiest mit dem Colonel verwandt und selbst das hält er für eine Lüge."
    Bauer grinste schief, aber es lag nichts liebeswürdiges darin, wie es bei Hogan oder Newkirk der Fall war. Es war einfach nur gemein und gehässig, nichts anderes.
    "Was wollen sie hier?"
    "Oh, so schnell? Du gehst aber ran, mein Kleines!"
    Samantha bekam eine Gänsehaut, als sie bemerkte, wie Bauer seine Augen über ihren Körper schweifen ließ.
    "Ich frage nochmals, was wollen sie?"
    "Tss tss tss, nicht doch! Werd nicht frech, meine kleine Samantha Gray, sonst ziehe ich andere Seiten auf. Aber um deiner höflichen Bitte nachzukommen, ich bin hier, weil ich wissen will, wie weit deine Loyalität zu den Alliierten geht, oder ob du bereit wärst, mit uns zu kooperieren, wenn wir dir dafür ein paar Gefallen tun."
    Ok, es wird Zeit ihm entgegenzuspielen, entschied Samantha und setzte ein nachdenkliches Gesicht auf.
    "Was zum Beispiel?"
    Bauer lächelte leicht siegesgewiß und setzte sich neben Samantha auf die Pritsche. Nur mühsam unterdrückte die Kleine dem Drang, aufzuspringen oder zumindest von Bauer wegzurutschen.
    "Nun ja, erst mal aus dieser scheußlichen Zelle hier raus und in eine eigene Baracke, weit entfernt von Hogan. Später vielleicht ganz aus dem Lager raus und in der Zwischenzeit Sondervergünstigungen. Meinetwegen noch mehr, wenn du willst."
    "Hauptsache von Hogan weg!", erwiderte Samantha schnell und ihre Stimme klang hart. Es fiel ihr erstaunlich schwer, das zu sagen, obwohl es vor noch nicht allzu langer Zeit vielleicht die Wahrheit gewesen wäre.
    Bauer wurde nachdenklich.
    "Was war denn nun der Grund für eure kleine... Mißverständlichkeit?", hakte er nach und sah die kleine Irin durchdringend an.
    "Er hat meine Mutter ausgelacht. Ich habe ihm gesagt, das sie von ihm schwanger geworden war und er hat gelacht. Der Colonel hält mich ebenso für einen Witz und meine Meinung über sein Verhalten hat ihm nicht sonderlich gefallen."
    Bauer machte ein betroffenes Gesicht, das selbst Klink für unecht gehalten hätte, und hob Samanthas Kinn leicht an, damit sie ihm in die Augen sehen mußte.
    "Oh, wie tragisch! Aber könnten wir dennoch ins Geschäft kommen?"
    Samantha nickte zögernd und wollte sich endlich von Bauer abwenden, doch sein Griff um ihr Kinn wurde fester und sie konnte den Kopf nicht wegdrehen.
    Dann kam sein Gesicht näher und Samantha fing an zu zittern. Sie wußte, was jetzt kommen würde. Sie versuchte, sich Newkirk vorzustellen, damit sie glaubhaft spielen konnte, doch es gelang ihr nicht und Bauers Fratze drängte Newkirks schönes Gesicht weg.
    "Nachdem das Geschäftliche geklärt wäre, können wir ja zum... privaten Teil übergehen. Findest du nicht?" Bauers heißer Atem wehte Samantha ins Gesicht und ihr wurde leicht übel.
    Egal wer, helft mir, das hier zu überstehen!
    Denk an das, wofür du kämpfst! Denk an Newkirk! Denk an Hogan und seine Jungs! Denk an die Welt, wie sie sein würde, wenn wir den Krieg verlieren!
    Samantha nickte abermals, obwohl ein dicker Kloß in ihrer Kehle sie schier zu ersticken drohte.
    Seine Lippen drückten sich auf ihre.
    Nein, das waren nicht Newkirks Lippen, die sie so sanft berührt hatten. Er war grob, ungehalten – und sie mußte mitspielen.
    Bauers Hände wanderten abwärts und griffen hart nach ihrem Busen. Es tat weh, aber der Gedanke, was Newkirk von all dem halten würde, überlagerte selbst dieses Gefühl. Würde er sie jemals wieder berühren? Würde er sich vor ihr ekeln, weil Bauer sie angefaßt hatte?
    Samantha fing abermals an zu zittern. Bauer hielt es für Erregung, aber sie schüttelte sich vor Abscheu.
    Widerwillig legte Samantha ihre Hände hinter Bauers Nacken und endlich ließ er von ihren Brüsten ab.
    Wild und voll Verlangen zog er sie an sich und griff unter ihr Oberteil. Seine Finger krallten sich regelrecht in ihren Rücken und Samantha konnte ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken.
    Es ging zu schnell, viel zu schnell, und die Sache drohte ihr aus den Händen zu gleiten. Sie mußte Bauer unter Kontrolle bekommen oder Newkirks schlimmste Befürchtungen würden sich bewahrheiten.
    Bauers Hände glitten abwärts und öffneten ungestüm ihre Hose.
    Nein! Nein! Nein! Sie wollte schreien, nach Hilfe rufen, aber sie konnte nicht. Alles in ihr war wie zugeschnürt. Samantha bekam keine Luft und fing an zu keuchen. Ihr Atem ging stoßweise und ihre Brust hob und senkte sich heftig, doch Bauer reagierte nicht darauf.
    Unbeirrt küßte er sich hinab, ihren Hals entlang und mit einer zerrigen Bewegung riß er ihr Oberteil auf. Samantha fand nicht mehr die Kraft sich zu wehren und ließ Bauer tun, was er wollte.
    Sie legte den Kopf in den Nacken und schloß die Augen. Samantha wollte nichts sehen, was sie spürte, war schon schlimm genug. Und dieser Geruch! Es war nicht der süße Liebesduft, das Parfum der Leidenschaft. Das war der beißende Gestank eines wilden Tieres, der ihr in der Nase stach. Samantha wollte nur noch, das alles vorbei war. Sie wollte nichts mehr fühlen und sehen. Nicht dieses Stöhnen hören und den Schweiß einatmen.
    Bauers Hände schienen ihr wie Klauen, als er erneut von ihrem Busen hinabglitt und in ihre Hose fuhr.
    Nein! Nicht, bitte!
    Es war der Gedanke an Newkirk, der ihr die Kraft gab, ein letztes Mal aufzubäumen und Bauer mit beiden Armen von sich zu stoßen.
    Bauer sah sie vollkommen überrumpelt an. Er war zu Boden gegangen und saß nun mit weit aufgerissenen Augen vor ihr.
    Doch dieser Zustand hielt nicht lange an. Schnell wandelte sich die Überraschung in Zorn und Samantha mußte ihre ganze Willenskraft aufbringen, um in ihre Rolle zurückzukehren.
    Es durfte einfach nicht alles umsonst gewesen sein, das hätte sie nicht ertragen!
    Bauer sprang auf die Füße und Samantha konnte in ihrer Augenhöhe deutlich seine Erregung sehen.
    Er war immer noch verschwitzt, seine Uniform hing halb aufgeknöpft und zerknittert an ihm und schien nicht mehr zu passen. Die Sanftheit war aus seinen Augen gewichen und wieder fand Samantha diese Wildheit und Gier darin, die ihn noch unberechenbarer machten.
    Drohend stolperte er einen Schritt auf sie zu. Was sollte sie jetzt tun? Samantha war Bauer schutzlos ausgeliefert und nicht einmal die Helden konnten ihr jetzt helfen.


    "Noch nicht! Gedulde dich noch ein wenig!", sagte sie schließlich und obwohl ihre Stimme nichts weiter war, als ein heißeres Flüstern, schien Bauer sie verstanden zu haben.
    Wie ein Tier auf der Jagd, dessen Sinne geschärft waren, dachte sie und wischte diesen Gedanken schnell beiseite. Samantha mußte einen klaren Kopf bekommen, sonst war die Wahrscheinlichkeit groß, das Bauer sie auf der Stelle umbrachte.
    "Warum?" Auch seine Stimme glich der eines gereizten Tieres, dem man die Beute versagt hatte.
    "Es ist nicht der richtige Ort und Zeit dafür. Ich möchte mein... erstes Mal romantisch erleben, verstehst du?"
    Samantha war unmerklich dazu übergegangen, ihn zu duzen und versuchte wie ein naives kleines Kind zu reden, das gerade erst dabei war, seine Barbiepuppenwelt zu verlassen.
    Bauer stutzte einen kurzen Moment, doch dann erschien ein breites Grinsen in seinem Gesicht. Er war der nette Onkel, der seiner Lieblingsnichte ihre Albernheiten durchgehen ließ und darauf vertraute, das die Kleine schon noch erwachsen werden würde – wofür er selbst sorgte.
    "Aber natürlich verstehe ich das, mein Kleines."
    Es versetzte Samantha einen Stich ins Herz, als Bauer sie so nannte, wie Newkirk es immer tat, doch darüber durfte sie sich jetzt keine Gedanken machen.
    "Ich würde dir doch jeden Wunsch erfüllen. Sag schon, nur zu. Kerzen, ein schickes Essen oder lieber die Traumvilla mit Himmelbett?"
    Samantha zwang sich dazu, verträumt zu lächeln und Bauer tief in die Augen zu schauen.
    "Du weißt, ich bin eine Irin, und unser Volk ist bekannt für seine Naturverbundenheit. Erfülle mir den Wunsch und laß uns in den Wald gehen, ja? Ein ruhiges Plätzchen, vielleicht eine Lichtung nahe dem alten Eisenbahntunnel? Einige Wachen haben mir von dort erzählt. Es soll ein zauberhafter Ort sein!"
    Bauer stutzte kurz, aber die hörbare Naivität in Samanthas Stimme ließ ihn nicht an der Wahrheit zweifeln. Und im Wald? Nun, es würde eine Abwechslung sein...
    "Du weißt, ich erfülle dir jeden Wunsch, mein Liebes! Wir treffen uns morgen..."
    "Nein, das Besondere sollte man auch an einem besonderen Tag begehen. Bitte, am dreizehnten Oktober, einem Donnerstag, ist mein Geburtstag."
    Damit war Bauer nicht zufrieden. Samantha sah so reizend aus, so verlockend, und da sollte er noch so lange warten?
    Doch auch diesmal willigte er ein und Samantha fiel ein Stein vom Herzen.
    "Hol mich halb drei von hier ab und sorg dafür, das wir ungestört sind.", hauchte sie in einer gewollt übertrieben rauchigen Stimme, wie es vielleicht ein Kind machen würde.
    Bauer lächelte sein Lieber- Onkel- Lächeln und nickte zustimmend. Er strich seine Kleidung glatt und kniete sich vor ihr nieder.
    Man sah nur zu deutlich, das der freie Blick auf ihren Busen ihn reizte, wie sich seine Pupillen weiteten, aber er beherrschte sich.
    "Gewähre mir doch noch einen letzten Kuß, meine Kleine!"
    Sie ließ es zu und beherrschte sich ebenfalls.
    Klink hatte Bauer die Schlüssel dagelassen und der General ging federnden Schrittes davon.


    Samantha saß weiterhin da, starrte Bauer hinterher und wartete auf das donnern der schweren Außentür.
    Als das knallen in den Gängen und in ihrer Zelle widerhallte, schwand ihre Selbstbeherrschung und mit einem Schluchzen sank sie von der Pritsche.
    Mühsam schleppte sich Samantha in die Ecke, die am weitesten von dem Ort entfernt war, an dem sie mit Bauer gesessen hatte und dort brach sie zusammen.
    Ihr ganzer Körper schüttelte sich vor Weinkrämpfen, vor Ekel und viel zu genauen Erinnerung an das gerade erlebte. Sie schaffte es, sich zusammenzurollen und sich so klein wie möglich zu machen.
    Die Zelle kam ihr plötzlich riesig vor und sie dagegen so winzig.
    Alles war viel zu laut... zu groß... zu dunkel...
    Samantha brauchte Wärme und Licht, doch selbst wenn Newkirk oder einer der anderen in der Nähe gewesen wäre, hätte sie doch niemanden an sich ran gelassen.
    Noch immer spürte sie die Fingernägel, die ihr den Rücken aufgekratzt hatten und diese großen Lippen, die sie zu verschlingen drohten.
    Es roch nicht mehr nach Moder und altem Stroh in der Zelle, alles war erfüllt vom bestialischen Gestank wilder Tiere und Samantha fragte sich, ob sie je wieder etwas anderes empfinden könnte außer Ekel, wenn sie ein Mann berührte.
    "Nein! Nein! Ich will das nicht!"
    Samantha hielt sich die Ohren zu, doch ihre Gedanken konnte sie damit nicht verstummen lassen.
    Es waren keine Tränen der Erleichterung, die über ihr Gesicht rannen, sondern Boten der Verzweiflung, die sie empfand.
    Nur die kahlen Wände der Zelle waren stumme Zeugen, wie Samantha sich langsam in einen unruhigen Schlaf der Erschöpfung fallen ließ und in der Nacht noch mehrmals aufschreckte, weil sie glaubte, lüsterne Augen würden auf ihr ruhen und geifernde Hände mit Krallen nach ihr grapschen.

  • ...
    ...
    ...


    *ist sprachlos*


    Ich bin echt geplättet!
    Auch wenn du das jetzt nicht hören willst, weil es für dich arbeit bedeutet...


    aber SCHREIB WEITER!


    JETZT!
    SOFORT!


    Ich will wissen wie es weiter geht!!!



    tief beeindruckt,
    iago


    Ich bin der Rattenfänger von Hameln - wo sind hier die Mäuse?!


    Niveau ist keine Handcreme!


    Reich ist das Land, das Helden hat. Und arm das Land, das welche braucht!