Und die Turmuhr schlug zwölf...

  • Disclaimer: Alles gehört mir, die Charaktere, die Landschaft und die Idee zu dieser Geschichte. Ich weis, dass viele sich nicht das unter einer Geschichte vorstellen, was ihnen hier präsentiert wird. Es sind vier kleine Szenen und ich hoffe sie gefallen euch trotzdem, vieleicht auch, dass ich damit eure Fantasie anregen konnte, euch zum nachdenken bringen konnte. Über Kritik freue ich mich immer, aber bitte haltet es sachlich.
    Ich möchte Susi meiner unvergleichlichen Beta danken, und Elliot Smith, der mit dem Lied "Between the Bars" diese vier Szenen ermöglichte.
    Hoffentlich habt ihr ein bisschen Spass beim zusammen puzzeln der "richtigen" Reihenfolge.
    PS: Ja, es ist Slash/Boyslove, allerdings nur sehr schwach angetönt, also: Don't like, don't read ;) .
    Eure Jacki
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    Mitternacht


    Einsam und dröhnend hallten die tiefen, grollenden Schläge der Kirchenuhr durch die leeren Strassen, soeben verebbte der elfte, und letzte, Schlag in der dunklen Einsamkeit dieser Dezembernacht. Der Mond wurde von dicken, schweren Wolken verhüllt, es schien bald zu schneien. Die Luft war schwer und dick, jeder Atemzug sank bleischwer und eisig in die Lungen. Sie standen allein auf dem gepflasterten Vorplatz der Kirche und horchten in die atemlose Dunkelheit. Eine einzelne Laterne erhellte die rechte Seite des Platzes, doch in der Mitte war es dunkel. Zögerlich blickten sie sich an, wussten nicht recht, was sie tun sollten. Er hob seine Hand, unsicher. Vorsichtig tastete er sich durch den leeren Raum zwischen ihnen vor, bis sich seine Finger zögerlich auf die Wange des Anderen legten. Warm - sie war so warm... Er fühlte den feinen Flaum in seiner Handfläche, durchsetzt mit einigen Bartstoppeln. 'Lächeln' dachte er, 'du musst lächeln!' Und so tat er es auch, wackelig formte sich ein lange verstecktes Lächeln auf seinen Lippen. Es wirkte etwas verstaubt, wie eine gealterte Fotographie, doch es reichte aus. 'Und jetzt sag etwas!' Sein Mund öffnete sich bereis ein Stück, bereit die Worte in den leeren Raum zu sprechen, doch sein Hirn war leer, er konnte keine Worte finden die zu der Situation gepasst hätten. So schloss er den Mund erneut, für einen kurzen Augenblick eine weisse Atemwolke hinterlassend.
    Lange schwarze Mäntel trugen sie beide, jeder schien massgeschneidert für den jeweiligen Träger, zwei Schals wurden vom eisigen Wind sachte hin und her geschaukelt, wie träge gefaltete Flügel. Eine schwarze Melone vervollkommnete den Anblick, veredelte die kurzen Strähnen dicken Haares. Sein Lächeln gewann an Wärme und wurde zögerlich von der Gegenseite erwidert. Leises Rascheln von Kleidung, als er die Lücke zwischen ihnen schloss und sich in einen zerbrechlichen Kuss vorwagte.
    Zwölf. Zwölf Schläge hatten sich dumpf durch die dicke Nachtluft gebohrt. Der erste Schlag war erklungen, als sie sich endlich voneinander gelöst hatten, der letzte Schlag hallte noch in seinem Inneren nach. Noch immer stand er in der Mitte des Platzes und sah zu, wie der andere Mann langsam in den goldenen Schein der Laterne eintauchte. Das klackende Geräusch der Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster und die weissen Nebel des Atems perfektionierten das Bild und als ein Windstoss die Enden des Schals aufwirbelte, sie Flügel gleich zur Seite treiben liess, dachte er traurig. 'Ein Engel.. Mein Engel. Da geht er, allein und müde... mein aller letzter Engel'



    Wolkenschau


    Golden stand die Sonne am sommerlichen Abendhimmel, satt und grün lagen die Felder unter ihr ausgestreckt, von einer sanften Brise liebkost, als würde ein unsichtbarer Riese federleicht darüber streichen.
    Er lag im Gras unter dem einzigen Baum, einer ausladenden Eiche, welche auf der weiten Ebene auffällig hervorstach.
    Schatten fiel kühl und leicht verzerrt über seinen Oberkörper und die ausgebreiteten Arme, der Kopf lag in einem kleinen Fleckchen Sonne und die Beine baumelten lustig im Gras hin und her.
    Schmale Lippen waren von einem seligen Lächeln zertrennt, die wässrigen, hellblauen Augen starrten fasziniert in die vorüber ziehenden Wolken.
    Er wirkte schlaksig, fast schon zerbrechlich, mit seiner nackten, porzellanartig-blassen Haut, den langen, dürren Gliedern, die sich wie Fäden im Gras ausgebreitet hatten.
    Und dennoch lag ein eigner Zauber in dem sinnlichen Gesicht, den träumerischen Augen, die den Himmel nicht wirklich zu sehen, sondern weit darüber hinaus, in ferne Welten zu spähen schienen.
    Eine besondere Magie lag in seinen spinnenähnlichen Fingern, in den blass rosa Wangen und den viel zu weiblichen Augenbrauen. Sie fügten sein ganzes Ich zusammen, umspannten es mit seidnem Hauch, als ob es ihre Aufgabe wäre, das Wesen, welches ihnen eigen war zu schützen.
    Ab und an sangen einige Vögel ihr Lied, doch keiner schien in richtiger Singlaune, als ahnten sie alles, was bald passieren würde.


    Gedämpftes Hufgetrappel näherte sich, dem Klang nach mindestens zwei Pferde. Er hätte sich aufsetzten können, doch er wollte „seine“ Wolken nicht verlieren. Still blieb er liegen, die Augen dem Himmel zugewandt, doch den Mund leicht verkniffen, jegliche Spur eines Lächelns entbehrend.
    Die Hufschläge kamen näher, ganz klar jetzt: zwei Pferde. Der schöne Mund verzog sich etwas, in einer unwilligen Geste.
    Die Hufgeräusche erstarben, dafür war das Knarzen alten Leders und das sanfte Auftreffen eines Gewichtes auf dem federnden Boden zu hören. Demonstrativ schloss er die Augen – in seiner ruhe sichtlich gestört – nur um sie unwillig erneut zu öffnen, als ein Schatten ihm den Zugang zur Sonne verwehrte.
    Ein Kopf, grob, ungeschlacht und dennoch anziehend, beinahe hübsch, neigte sich über ihn, ein breites, herausfordernd-zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht.
    Das Grinsen war ansteckend, genauso wie die leuchtend grauen Augen.
    So zerteilten sich auch seine Lippen in einem seichten Lächeln, während er seine Augen erneut schloss.
    Neben sich konnte er nun den sachten Druck eines anderen Körpers fühlen, und bald drang die Wärme des Anderen an seinen nackten Oberkörper.
    Leise Liebkosungen streiften seine schmächtige Brust und er lauschte jeder Einzelnen gebannt, mit jedem Atemzug den unverkennbaren Duft des Anderen einatmend.
    Seine Nackenhärchen sträubten sich, als er dessen Mund an seinem Hals fühlen konnte, bevor dicke, sanfte Worte in sein Ohr geträufelt wurden.
    „Ich hab’ dich den halben Tag gesucht, ist schon nach zwölf.“ Ein weiteres Streicheln folgte den Worten, bevor sich die Finger Besitz ergreifend über die Brust spannten. Dann folgten weitere, liebevolle Worte: „Wüsst’ ich nicht, dass du auf dich aufpassen kannst, hätt’ ich mir Sorgen gemacht.“ Ein weiterer Kuss folgte, dann erklang zum letzten Mal die dunkle, angenehm einlullende Stimme: „Hast mir gefehlt…“
    In dem Moment, da er dachte ‚Du mir auch’, legten sich heisse Lippen auf die Seinen, ihn mit einem gefühlvollen Kuss beglückend. Als sich ihre Zungen in liebevollem Spiel trafen, schmeckte er den süsslichen Duft eines Grashalms im eigenen Aroma des Anderen mitschwingen.
    Langsam versank die Sonne hinter dem weiten, gezackten Rand der Berge, die fern im Osten standen, nächtliche Kühle legte sich über das Land und über das Liebespaar am Fusse der alten Eiche. Diese lagen, sich zärtlich im Arm haltend Seite an Seite, zärtlich ihre Wärme teilend. Leise erhob sich die dunkle Stimme des Grösseren, tuschelte durch die laue, sternenklare Nacht: „Hast du deine Wolken wieder beobachtet?“ Ein Lächeln war in den Worten versteckt und ein Lächeln wurde mit der träumerischen Antwort zurückgegeben: „Ja…“ Was nicht laut wurde, waren seine Gedanken, die er hegte, als er so auf dem Rücken lag, zwischen dem alten Laub der Eiche zu den Sternen aufstarrend - sie sollten nie laut werden. [Ja, ich habe meine Wolken beobachtet, meine Wolken und schliesslich auch meinen ganz persönlichen Engel…]



    Once upon a time…


    Die Luft war schwer und golden, vom Duft der Rosen und des Lavendels, die reich vor seinem Fenster standen, ihre Blüten in vollendeter Pracht dem vollen Mond entgegenreckend. Samtig und schwarz hatte die Nacht ihren Mantel über das Tal gelegt, den Bewohnern den Saum aus tausend Diamanten präsentierend.
    Es war lau, eine junge Sommernacht und die Katzen streiften zu hauf durch die kleinen, dunklen Gässchen.
    Abseits des Dorfes stand das alte, windschiefe Fachwerkhäuschen. Ein lieblicher Garten erstreckte sich von der Türschwelle bis nach vorne zu dem saubergezogenen, schmiedeisernen Zaun, ein einzelnes Fester stand offen, direkt über dem Lavendelbett, umwölkt von roten Knöpfen wohlgeformter Rosen, eine jede vollendet in ihrer Lieblichkeit.
    Eine schlaksige Silhouette hob sich dunkel von dem leise erleuchteten Hintergrund ab, sinnend am Fenster stehend.
    Lange, dünne Arme stützen sich haltsuchend auf das knarzende Fensterbrett, die grazilen Finger fest um das dunkle Holz geschlossen. Sehnsüchtige Augen blitzen bewegungslos zum Mond hinauf, während das ferne, markerschütternde Buhlen der Katzen und das nahe, beruhigende Schnauben eines Pferdes durch die Nachtluft hallten.
    Lange stand er hier, betrachtete den Mond und schaute doch durch ihn hindurch, hinein in die Vergangenheit, die in den dunklen Stunden der Nacht einschüchternd nahe rückte, ihn mit leisen Versprechen in sich hineinzulocken suchte. Sie zog ihn langsam in den lebenserfüllten Frühling 1916, ließ ihn erneut die prickelnde Liebe, den Duft nach ihm erfahren, trieb ihn nochmals durch den bittren Winter 1917, ihn voller Schauer und Sehnsucht zurücklassend, zeigte ihm abschließend den Herbst 1918, indem sein Traum erstarb, tief begraben unter Hoffnungslosigkeit und Trauer.


    Seine Augen schlossen sich und als er sich ganz tief in seine Seele zurückzog, war es, als könnte er seine Arme um sich spüren, seine warme Brust gegen seinen Rücken gedrückt wissen. Fast glaubte er seine Stimme zu hören, wie sie ihm mit diesem unvergleichlich beruhigenden Klang Trost einflösste.
    Doch er war allein, die eignen Arme verzweifelt um sich geschlungen am Fenster ausharrend, als würde er vom Mond Erlösung erlangen.


    Zwölf mal schlug die große Turmuhr, donnerte durch die windstille Abendluft, schreckte ihn auf.


    Zwölf mal.
    Ein wehmütiges Lächeln durchbrach sein stilles Gesicht, die Augen standen voller Tränen, während er wehmütig dachte: ‚Mein Engel, wo bist du nur hin? Wo bist du nur hin, ohne mich?’
    Fast hoffte er darauf, dass der Geist des Anderen ihm in dieser Nacht Gesellschaft leisten würde.



    Seltsam, im Nebel zu wandern


    Die Sonne stand blass und bleichäugig am Himmel, vermochte nicht durch den dicken, wabernden Nebel zu dringen. Alle Bäume waren in Weiss gekleidet, fast als wäre es ein Grüppchen Bräute in ihren weissen Röcken. Ein Fluss zog sich sanft geschwungen mitten durch die Bräuteschar. Weiss und aggressiv kroch der Nebel aus ihm heraus, rollte über das Wäldchen hinweg und streckte seine Arme über den absinkenden Hang der weitläufigen Ebene entgegen. Von weit her klangen Tritte, erschöpft und einsam, ansonsten war die Stille perfekt, ja beinahe greifbar. Unter den ausladenden Ästen einer Tanne stand ein Mann. Seine Füsse steckten in schweren Stiefeln, Schlamm beschmiert, genau wie die grobe graue Hose, die ein, zwei Nummern zu gross zu sein schein und deshalb nur von einem straff gezogenen Ledergurt an ihrem Platz gehalten wurde. Er schien in Gedanken versunken, den groben Kopf andächtig zur Seite geneigt, den Mund leicht geöffnet, so als würde er angestrengt lauschen. Doch in seinen Ohren musste die Stille dröhnen, die ihn umgab, und so stand er da- blind und taub. Hätte er seine grosse, prankenartige Hand von sich gestreckt, sie wäre im Nebel versunken wie ein Schiff, welches beim Auslaufen langsam aus der Sicht schwindet. Doch seine Hände hingen nutzlos an seinen Seiten herab, in der einen ein unnützes Fernglas, in der anderen ein Gewehr. Seine Jacke war ebenfalls grau, ausgewaschen und bedeckt mit Matschspritzern. Seine roten Haare waren kurz geschnitten und verschwanden unter einem braun-grünen Schiffchen.
    Er schien ganz ruhig und, wer weis, vielleicht horchte er nicht in die Stille hinein, sondern versuchte mit aller Gewalt seine innere Stimme zu hören. Seine Körperhaltung war gespannt, als warte er darauf, dass jeden Moment etwas passierte, die massigen Schultern waren zurück gestemmt, der breite Rücken gerade. Seine Beine drückten fest gegen den nadelüberdeckten, matschigen Boden, als müssten sie sich mit ständigem Druck versichern, dass er noch da war. Der Mann bewegte sich nicht, es schien als blinzelte er nicht einmal und die Stille legte sich schwer und drückend über die Landschaft. Eine neue Nebelwalze rollte über den Hügel, ergoss sich ins Flachland, wogte für einen Moment aufbrausend vor seinen Augen, nur um sich anschliessend wieder in eine Wand zu verwandeln. Die Tritte waren verstummt, vielleicht war derjenige stehen geblieben, vielleicht war er ausser Hörweite. Das Rauschen des eigenen Blutes musste das Einzige sein, was man hören konnte.
    Dann zerschnitt ein Schuss die Stille, flog durch sie hindurch und liess sie zerfetzt zurück, um in ihr nachzudonnern.
    Geisterhafte Stille senkte sich erneut über den blutroten Nebel.
    Von fern dröhnten Glockenschläge durch die Luft, zwölf an der Zahl.

  • Hey, das stimmt wirklich. Man kann sie so oder so anordnen, es ergäbe sich ein anderes Lesegefühl, aber die Geschichte bleibt wohl derselbe.


    Ja, ich weiß nicht so recht. Die Geschichte der beiden ist sicherlich betrübend, sie ist voller wehmütiger Schönheit. Aber - ich frage so frech, bitte nimm's mir nicht übel - ist da noch mehr? Irgendwie warte ich auf mehr. Auf den Sinn, irgendwie. Auf das, was mir die Geschichte sagen wollte...


    Sollte sie mir nichts sagen wollen, mir vielmehr das Gefühl überliefern, dann ist es dir sicherlich gut gelungen, Jacky. Ich bin nur eine nervige, vollkommen verquere alte Schrulle. Deswegen, nimm's als Lob, ich hab's durchgelesen und find's gut! =)

  • *seufz*
    *schmacht*


    schöööön traurig, irgendwie...


    mir fehlen grad die passenden worte, aber ich finde die geschichten umwerfend.


    wobei ich gerne "mitternacht" als abschluss setzen würde... in der völlig romantischen hoffnung, dass es eine zukunft für die beiden gibt...


    *schnief*
    Nenn mich ruhig sentimental ;)


    Ich finde es faszinierend, was Du mit so wenigen Worten ausdrücken kannst...
    Ich hörte die Turmuhr wirklich schlagen im Hintergrund ;)


    Liebe Grüße an die Eidgenossin
    *rofl*
    oder heißt es dann Genössin? ;)


    iago


    Ich bin der Rattenfänger von Hameln - wo sind hier die Mäuse?!


    Niveau ist keine Handcreme!


    Reich ist das Land, das Helden hat. Und arm das Land, das welche braucht!

  • Erstmal: Vielen Dank,dass ihr euch überhaupt die Mühe gemacht habt und es druchgelesen habt :)


    @Küken: Also wenn ich ehrlich bin, sollte die Geschichte nicht wirklich etwas aussagen, sie ist einfach da um vier Momente zu zeigen, die sich zwei Menschen geteilt haben oder die im Leben irgendeines Menschen hätten geschehen können. Wirklicher Aussage oder "Moral" entbehrt sie deshalb, sieh es als schöne Schreibübung ;). Aber ich freue mich natürlich um so mehr, dass es dir gefallen hat.


    iago : Wow, du haust mich um mit deinem Kommentar! Leider ist Mitternacht nicht der von mir gedachte Abschluss, nur: Gedanken sind frei, nicht wahr? ;) Die Stücke sind ja so lose miteinander verbunden, dass sich ein Jeder weitere dazudenken kann und sein ganz eigenes Happy End erfinden darf, wenn er es denn braucht ;) .
    Nochmals danke für die Lieben Worte, das ist Balsam für mein Schreiberherzchen *knuff* :)
    Und die schwierige Frage die du stellst: Ich weis es nicht... spontan würd ich sagen Genossin aber hmmm... schwierig ^^

  • Hey Jacki,


    mir gefällts gut. Klingt irgendwie immer ein bisschen Trauer mit, aber auch Freude. Freude, das der andere da ist und Trauer, wenn er wieder weg ist. Gefällt mir gut ;)


    Ich glaube, ich hab mir da so meine ganz eigenen Vorstellungen zu der Geschichte gemacht *gg*