"Vom Herren und der Dame"

  • Euch zur Prüfung übergeben! Ich hoffe auf rege Beurteilung - Kritik sowohl als auch alles andere... Euren Gedanken und Meinungen freien Lauf zu lassen, darum bitte ich euch! Die letzten Male waren meine Sachen wohl nicht so ansprechend ;( Ich hoffe, diesmal können sich mehr dafür erwärmen...?
    Mit besten Grüßen - Katharina.



    Vom Herren und der Dame


    Aus dem Dunkel der Kutsche ergriff die zarte, behandschuhte Hand die andere, die ihr, zum Herabhelfen, dargeboten; ein Lockenköpfchen tauchte auf, nicht schön, nicht hässlich, mit markanten, von Kohle geschwärzten Brauen über großen, braunen Augen, einem Blicke begegnend, der ihr selbiges nicht, vielmehr übermäßigste Verehrung entgegen brachte; über ihre Züge breitete sich ein feines Lächeln. Auf seine Schultern sich stützend, an der Taille ergriffen, ward sie herabgehoben, auf Mutter Erde gesetzt, so sachte, wie nur irgend eine Statue aus feinstem Porzellan, so wertvoll, dass die Welt, wenn sie zerbräche, gleich selbiges zu tun, nichts andres übrig bliebe.
    Riech nur, wie es duftet, rief sie aus, das Köpfchen in den Nacken werfend, die süßen Lippen öffnend, als ob sie so des Duftes Geschmack noch viel mehr zu erahnen wissen würde; nach frischem Laub, das, vom ersten Herbstregen bedeckt, diesem nun seine ganze Aromen zu geben nicht scheut –
    Und die Kälte, die mit ihm kommt, riecht man ebenso; wie durchsichtige Nebelschwaden, schon in den Spitzen der Kronen hängend, hat sie sich bereits in den dürren Ästen immer mehr verfangen –, erwiderte ihr Gesell;
    Ach, was du da sprichst, rief keck sie aus; scheint die Sonne dir nicht warm genug? Glitzert sie nicht schön auf den sanften Wasserwellen, zum Spiele aufgelegt?, mit dem unter Seide verborgenen Handschuh auf das nahe Ufer deutend, und die Brücke, über die sie gerade hergekommen. –
    Dem ließ er beipflichtendes Zustimmen vernehmen; doch dann, endlich, schien er dem Hause, vor dem die Kutsche gehalten, gewahr zu werden, und wandte sich nach ihm um, erblickte die Wirtin im Türbogen stehen: Gnädige Frau, sprach er, und lüftete, mit einem Diener, den Hut, das kupfern schimmernde Haar entblößend: Ihr habt doch zwei Zimmer für uns noch frei?
    - Gewiss, antwortete die, mit ihrer rauen Stimme, allzu viele Menschen sind nicht hier, um diese Jahreszeit;
    Wie bedauerlich, ereiferte die junge Frau;
    Fürwahr, doch, so erklärte man sich, bot der warme Sommerreigen wahrlich mehr zum Vergnügen sich an, denn der späte November – da die Adventszeit schon, mit ihren Sehnsüchten, vor der Türe stehend, daran zaghaft klopfte –, um am kühlen Wasser spazieren zu gehen, und unter dem Baumschatten auf einem Schatten, dem Ufer nahe, auszuruhen; im Sommer wimmele es hier von Menschen, doch winters sicherlich nicht.
    Die Wirtin führte diese beiden einzigen also ins Haus;
    Zwei Zimmer nebeneinander wollen wir nehmen, erklärte der Mann, und führte seine Begleiterin mit größter Fürsorglichkeit hinauf, nur, dass sie, bald darauf, wieder hinunterstiegen, und sie um ein Tässchen Kaffee bat; dies, mit Zucker gesüßt, hob sie an die knospengleichen Lippen, trank, dieweil der Mann daran hing mit seinem Blicke, als ob es besseres in der Wirtsstube oder vor den Fenstern nicht zu sehen gäbe; sie sprachen kaum, tauschten nur liebste Worte aus, Kosenamen gleich gesprochnes Flüstern, von sanfter Anmut beflügelnd vom Ohr zum Munde wechselnd. Aufstehend führte er sie, den Arm ihr zum Einhacken anbietend, hinaus in die klare, frische Luft, dass sie ihre Wangen an den Strahlen der güldnen Sonne würde wärmen können, führte sie hinab bis ans Ufer, wo die Wellen glucksend gegen die Steine platschten, als würden sie mitzureden suchen; ihr Schmiegen, ihr Entzücken, ihr Jauchzen, dass seine Ohren labte, schien ihm mit Wohlgenuss zu gefallen, einer Katze gleich, die, schnurrend, unter der streichelnden Hand sich regt, auch wenn gleich die junge Dame niemals mehr ihn berührte, als seinen Arm, so ließ er sich von ihr umschmeicheln, die mit liebreizenden Blicken ihn bedachte, als ob sie, wenn sie nur wolle, nur ungehört bliebe, auch ihn in gleicher Preisung loben könne und noch mehr; das hauchfeine Lächeln, das seine Lippen umspielte, wankte zwischen heitrem Vergnügen und Melancholie, eines, das einem Edelmann gebührt. Sie überquerten die Brücken hinüber zum andren Ufer, ließen die Tritte auf dem dunklen Holze klingen, als wären sie Kinder und das ein allerschönstes Spiel; lachten dabei in Vergnügten, kehrten wieder in Stille ein, da sie festen Boden auf der andren Uferseite traten – entglitten dann sämtlich den Blicken der Wirtsfrau, und kehrten erst zum Abend wieder, da sie sich in der Stube zum Mahl niederließen.
    Sie löffelten die Suppe, schlürften sie, zum Albernsein, von den Löffeln runter, dass es nur so unartig war, kicherten umso mehr, je lauter es war, dass das Lockenköpfchen gar sich nur vom Lachen verschluckte und, mit der beschuhten Hand, die Serviette darüber presste:
    Madame! – Ein wenig Benehmen, bitte!, rief der Herr voll Tadel aus, und meinte es gar selber nicht so, nur scherzend...
    Erst, als der nächste Gang verspeist, schien sie unruhig zu werden, ihr Blick ging, gehetzt durch die Stube; Liebster, waren ihre geflüsterten Worte, du willst doch auch wirklich dein Versprechen halten –? Diesen allergrößten Freundschaftsdienst, um den sie ihn bäte? Dazu strich sie, mit unendlich trauriger Geste, den Handschuh ab, legte die bloßen Finger auf die seinen; Männer gibt es nicht mehr auf dieser Welt, sagte sie, voll Wehmut, und doch bleibt mir nichts, als diese Bitte - ...
    Wie ich’s versprach, entgegnete er voll Ritterlichkeit, hielt die ihre Hand, für den Moment, mit der seinen umborgen, gab den blassen Knöchelchen einen gehauchten Kuss: So werd ich’s tun, ein Mann bin ich, der sein Wort zu halten weiß.
    Ihr Blick, voll Empfindung, liebkoste den seinen, als ob sie darin ertränke, flüsterte, er sei ihr Engel, ihr Rittersmann...
    Bei der Wirtsfrau sich nach beendetem Mahl Licht erbetend, trug er dieses dann hinauf, trat nach der jungen Dame in die seine Stube, in die er seine Begleitschaft führte, und schloss hinter sich zu; drunten hörte man ihre Stimmen noch, ein Murmeln, dumpf und hell und süßlich, mal erregt, mal besorgt, dann wieder voll umkommender Liebe. Selbst als, spät, die Wirtin die Tür drunten verriegelte, die dunkle Nacht mit ihren unheimlichen Geräuschen und noch unheilvolleren Banditen aussperrend, fiel Licht hinaus aus des Herren Fensters, davor die dunklen Schatten hin- und hergingen, und die im Gebälk knarrenden Schritte waren noch lang dem Schlafenden zu hören.
    Daraufhin, am neuen Morgen, trat die junge Frau, gar nicht einmal übernächtigt, die steile Treppe herab, nahm ein frisches Tässchen Kaffee, in das sie, mit Andächtigkeit zwei Zuckerstückchen gleiten ließ; auf die Frage hin, ob gut sie denn geschlafen habe, erwiderte sie, gut wie nie im Leben, und lächelte unbefangen: Mein Gemüt fühlt sich, in diesen frischen Hainen, wie befreit; dem Geist ist’s, nach der jahrelangen Enge in der Stadt, eine allzu göttliche Freude, in diesem schönen Walde, dem Wasser nah, in die nahe Ferne auszuschwärmen; der Blick wurde schüchtern, die schmalen Bäckchen zeigten rote Farbe. Hastig trank sie das Tässchen aus, dass sie, in den seidnen Handschuhen, mit Fingerspitzen nur unsicher hielt, erklärte, der Herr schlafe noch, es sei gestern spät geworden, und stieg hinauf. –
    Erst am Nachmittag sah man sie wieder, vor das Haus tretend, wo die Sonne strahlte, dass Amseln im Geäste zwitschernd wie zum Frühling balzten. Der Kutscher saß, am Ufer, eine Pfeife schmauchend, stieg aber, da er von dem Mann gerufen, heran. Seid doch so gut, erklärte letzterer, und übergab dem Kutscher ein kleines Kuvert, und bringt dies dem Adressaten rasch in die Stadt hinüber. Der Kutscher ließ rasch anspannen und sprengte hinfort. –
    Mich düngt, erklärte der junge Herr sodann der jungen Dame, wir sollten draußen sitzen, und heißen Kaffee genießen, der uns den Bauche wärmt, wie die liebe Gestirnesfreundin von droben uns das Haupt, und er bat die Wirtin, doch Tisch und Stühle hinauszutragen, grad ans gegenüberliegende Ufer dort; wenn es keine Unannehmlichkeiten machte –?
    Verneinend, wies zum selbigen die Wirtsfrau ihre Küchenmagd an, und deren Mann, dass beide, derweil das Paar gemächlich über die Brücke wanderte, in der Mitte stehen bleibend, um dem Schwane zuzuschauen, der darunter sein prächtiges Gefieder im kühlen Wasser badete, das Gewünschte erfüllten, sodass, als der Herr mit seiner Begleiterin nun am gegenüberliegenden Ufer angelangte, dort schon Tisch und zwei Stühle samt heißgebrühtem Kaffee vorfanden; da sprach er, in vollendetster Freundlichkeit: Ach, Magd, sei doch so gut – bringt mir etwas Rum hinaus!
    Sie eilte. – Derweil ließen sich beide auf den Stühlchen nieder, bedachten sich mit tiefsinnigstem Blicke, und sie, unbefangen und heiter, neckte ihn solang, bis er zum frischen Lachen auch sich reizen ließ, legte ihr Köpfchen schräg und ließ die Löckchen tanzen, dass es eine Augenweide war. – Die Magd kam mit dem Rum zurück.
    Ach, sei doch so gut, liebe Frau, ließ die junge Dame mit ihrer plätschernden Stimme hören, und hol mir noch ein wenig Zucker noch –? Mit einem Knicks eilte, zum vierten Male nun schon, die Magd über die hölzerne Brücke zurück. Was für eine gute Seele!, rief das Knospenmündchen aus, um dann mit dem Enterich zu scherzen, der keck und neugierig sich zeigend, den Schnabel aus dem Schutz der Ufersteine dem ihm fremden Geruch entgegen hob, aber dann, sobald er die Herrschaften erblickte, sein Gefieder plusternd aufschnatterte, und verflog; der Herr nahm den karibischen Rum, goss, samt Kaffee, sich diesen in die Tasse, trank mit großen Zügen aus, so ein zweites und ein drittes Mal, bis die Magd zurückkehrend, erblickte, wie, besorgt erscheinend, die junge Frau die Hand auf seinen Arm legte, als er im Begriffe war, ein viertes Mal sich einzuschenken; ihn bittend sprach sie: Hast du nicht genug getrunken?
    Die Magd stellte das randvolle Zuckerdöschen auf den Tisch, knickste abermals; warte einen Moment, erklärte der Mann, griff in seine Jackentasche, und nahm die noch von seiner Begleiterin unbenutzte Tasse, gab einige Münzen hinein, um sie dann der Magd zu reichen: Sei doch so gut, und bring das Geld der Wirtin; aber wasch dann die Tasse aus und bring sie zurück, dass meine Freundin daraus trinken kann.
    Sie nickte, knickste, wandte sich, nun zum sechsten Male, der Brücke zu. Komm, hörte sie denn Mann hinter sich zu seinem Gegenüber sagen, so zart und sanftmütig, dass es zu einem Manne schwerlich passen wollte; er umfasste ihre Taille, hob sie vom Stuhle auf, um sie einige Schritte nur vom Tische wegzuführen, zum Fuße der nahen Anhöhe, die sich, keine zwanzig Schritte dem Ufer entfernt, aus dem Boden wölbte.
    Wir wollen’s jetzt tun, sprach er; unser Freund wird, in einer Stunde schon, den Brief, den wir ihm gestern schrieben erhalten; und, sicher, in ein paar Minuten schon, ist die Magd zurück. Sie streifte die Handschuhe von ihren Händen, liebkoste seine Wange in unendlicher Melancholie, obgleich sie lächelnd, ihren Blick in dem seinen maß: Ja, hauchte sie, lass uns nicht länger warten, Liebster, und diesen kurzen Augenblick dazunutzen, endlich, wie langersehnt, die irdische mit der ewigen Glückseligkeit zu vertauschen. –
    Lass uns uns niedersetzen, bat er; ich mag nicht, dass du unangenehm auf den Boden fällst; und, als sie so tat, sank auch er neben ihr nieder, setzte sich so nah an sie, dass ihre Glieder in zarter Berührung sich aneinander schmiegten. Der Atem hob und senkte ihre Brust; den Blick wandte sie nicht von ihm, er selbst jedoch, mit einem Male, schien darum verlegen. Er griff, ein zweites Mal, in die seine Jacke, und zog die Pistole hervor, befingerte, mit kurzem Zögern noch das schwarze Metall, ehe er seine Worte vom letzten Abend zu erinnern schien – von neuer Stärke erfüllt, ihr in die Augen sah: Meine Liebste, sprach er. Sie antwortete: Mein Liebster, mein Vertrauen; so lud er die Pistole, und, da sie die dunklen Wimpern auf die blassen Wangen senkte, auf ihren linken Busen zielend, drückte er den Abzug; ein Knall durchfuhr seine Ohren, und die Augen, die er, von diesem Erschrecken, noch geschlossen hielt, öffnete er nicht wieder, ertastete bloß, mit der freien die ihre warme Hand, die noch auf dem seinen Schenkel ruhte, umfasste die zarten Finger; wie lang war der Moment, da er keine Gedanken mehr hatte, außer diesen einen... Er öffnete den noch zu einem Lächeln geformten Mund, den Lauf zwischen die Lippen schiebend, drückte er ein zweites und letztes Mal.

  • *schnief*
    Was für ein trauriges, leider zu realistisches Ende.


    *grins*
    Diese Sätze erinnern mich an Mann'sche Bücher ,)
    Für einige sicherlich abschreckend. Doch mir gefällt diese Art zu schrieben.
    Ich selbst könnte es nicht, da ich nach einiger Zeit den Überblick verlieren würde und Worte doppelt vorkommen würden oder ich wichtige Sachen vergessen würde.


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    Liebe bis in den Tod.
    Jeder kann sich vorstellen, an wen der Brief war und was darin stand.
    Ich wünsche jedem das Glück einmal so zu lieben.


    Nur dann hat man gelebt.


    Okay, bevor ich vor Tränen wegfließe und noch philosophischer werde...


    EINFACH NUR GÖTTLICH!


    Danke, dass Du diese Geschichte mit uns teilst.


    iago


    Ich bin der Rattenfänger von Hameln - wo sind hier die Mäuse?!


    Niveau ist keine Handcreme!


    Reich ist das Land, das Helden hat. Und arm das Land, das welche braucht!

  • Ja, du hast absolut Recht: so derart zu lieben und geliebt zu werden ist einmalig, und ich selbst glaube, das viel zu wenig Menschen heute solche Liebe erfahren - dabei ist es gleich, ob eine solche die zwischen Freunden, zwischen Verliebten, zwischen einem Ehepaar ist, es bedarf, um so intensiv zu sein - wie in der Geschichte ja eigentlich zwischen den Zeilen - keiner körperlichen Liebe.


    Insofern hast du mit deinen philosophischen Gedanken keineswegs Unrecht, vielmehr sprichst du mir aus dem Herzen! -


    Obgleich diese Geschichte mit ihrem Geschehen gar nicht direkt meinem Gedankenursprung unterliegt. Ich will mich gleich erklären, nur ein andres Wort zuvor:


    Die Mann'schen Sätze, ganz genau; auch wenn es mir Mann selbst weniger angetan hat, als der, der es auch schon wusste Mann zu beeindrucken, vielleicht hat Mann selbst bei diesem Mann so viel gelernt, wie ich bereits: von Heinrich von Kleist.


    Es ist sein gemeinsamer Selbstmord mit seiner Seelenverwandten Henriette Vogel, den ich hier schilderte; über den Ablauf so genau weiß ob eines danach angefertigten Polizeiberichts, manche Aussagen der beiden habe ich schlichtweg aus anderen Überlieferungen - mündlich wie aus deren eigener Feder - hinzugefügt.


    Ganz bewusst habe ich hier den Focus immer mehr auf die Dame fallen lassen, und den Herren, Kleist, am Rand gelassen, obgleich er, man würde es meinen, sich als Schlüsselfigur in den Mittelpunkt zu stellen hätte, bzw. der Autor müsste ihn in die Mitte stellen. Das habe ich absichtlich nicht getan.


    Ebenso absichtlich habe ich beider Namen weggelassen: Unvoreingenommen, so wie du, iago, soll der Leser dran gehen und seine Gedanken sich um die Sache machen; so wird er dem Geist Heinrichs und Henriettes wohl ungleich näher kommen.


    Das ganze habe ich aus dem Anlass geschrieben, da ich, von Kleist sämtlich begeistert (obwohl es das nicht allein auszudrücken vermag) erst vor zwei Wochen sein Grab besuchte; so hatte ich, beim Schreiben der Geschichte, nicht nur das bloße Geschehen, auch die Örtlichkeiten bestens vor Augen.


    Und nun, weil's so schön ist:
    [Blocked Image: http://i31.photobucket.com/albums/c362/litfalla/wannsee/IMG_2211.jpg]


    [Blocked Image: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/17/Heinrich-von-kleist_grab.JPG/450px-Heinrich-von-kleist_grab.JPG]