• Kapitel 1


    "I-ich liebe di-dich." Ich sah ihn geschockt an. Geschockt. Ja, das war ich und doch hatte ich mir so eine Antwort schon so lange gewünscht. Mir war damals schon klar, dass Newkirk als mein englischer Corporal meinen Befehlen unterstellt war und mir war auch klar, dass, wenn wir erst einmal zusammen waren, er sich nichts mehr von mir sagen ließ. All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich mich langsam auf ihn zubewegte. Aus reiner Übung ging ich souverän vor, denn ich hatte diese Situation schon oft in meinen Tagträumen durchlebt. Ich streichelte über seine Wange. Er wich nicht vor mir zurück, aber ich spürte, dass er mit meinem Verhalten überfordert war. Was ich ihm nicht verübeln konnte, denn ich wusste ja selbst nicht, was ich da gerade veranstaltete. Doch er ließ sich es bedingungslos gefallen, dass ich ihn in den Arm nahm. Auch er schloss mich in seine Arme. So sanft er dabei auch war, tat er mir damit weh, denn ich wusste, dass das was ich da geschehen ließ, ein riesen Fehler war. Mein Gott! Hätte ich doch damals anders reagiert! Ich naives Mädchen, ich.
    Es kam wie es kommen musste, wir küssten uns. Es war nicht so, dass ich es nicht genoßen hätte, aber wenn mir die Folgen klar gewesen wären, hätte ich es gelassen. Doch so stand ich mit ihm ganz allein im Tunnel und spürte seinen Atem auf meiner Haut. Hatte der Kuss so verhalten angefangen, wurde er jetzt immer leidenschaftlicher und wie ich mich fest an ihn drückte, schwor ich mir, ihn nie wieder gehn zu lassen.
    Vier Tage waren seitdem vergangen. Vieles hatte sich schlagartig verändert. So schnell, dass es mir selbst schwerfiel das Geschehene zu verarbeiten. Ich war nicht mehr im Stalag 13 und auch nicht mehr bei Newkirk. Überhaupt schien meine Vergangenheit zusammen zu brechen wie ein Kartenhaus, dass zu starkem Wind ausgesetzt war. Einzig Carters Stimme holte mich in die reale Welt zurück. "Wo sollen wir denn jetzt hin, Max?", fragte er mich. Ich gebe es hier nicht gerne zu, doch ich hatte uns in eine aussichtslose Lage manövriert. Doch Carter vertraute mich praktisch blind, was in den meisten Fällen ja auch gar nicht so schlecht war, aber dieses Mal hatte ich falsch gehandelt. Wenn ich so darüber nachdenke, war es tatsächlich Carter, der mir als erstes sein Vertrauen schenkte.
    Ein halbes Jahr war es nun her gewesen, dass ich in das Gefangenenlager Stalag 13 kam. Nicht ganz unfreiwillig, wie ich heute zugeben muss. Colonel Robert Hogan hatte Unterstützung aus London angefordert. Einen Offizier, der in der Lage war eine Mannschaft zu leiten und dauerhaft seinem Dienst in Deutschland nachzugehen. Ich hatte schon öfters von Goldlöckchen gehört und so war ich gleich recht interessiert an dem Job. Und immer hin war es eine einmalige Chance, die sich mir da bot.
    Ich sah Carter nicht an. Es schien mir alles so unwirklich. Die Kälte, der Hunger und die Erkenntnis, dass ich nicht einmal wusste, wo wir uns befanden. Außerdem log ich meinen Männern nicht gern ins Gesicht. "Wenn wir uns an die Bahnschienen halten, werden wir bald eine größere Stadt finden", versprach ich ihm mit einer Stimme, die klar machte, dass ich selbst nicht an das glaubte, was ich ihm da erzählte.Er nickte nur. Armer Carter. Auf was hatte er sich da nur eingelassen? Wir marschierten weiter. Nahe der Schienen verlief ein kleines Wäldchen, was natürlich perfekt zum Verstecken war und mir mehr Glück bescherte als ich verdient hatte. Schon seit zwei Tagen sprachen wir kaum ein Wort miteinander. Er erwähnte es mir gegenüber nie, auch später nicht, aber ich glaube, dass er wusste, dass ich an seiner Situation Schuld war. Wäre das vor zwei Tagen doch nur nicht passiert.



    So, das ist die erste Geschichte dieser Art die ich verfasse. Ich muss zugeben, dass sie ziemlich schnulzig beginnt, aber für alle die keine Liebesgeschichte mögen (so wie ich^^), werd ich in den weiteren Kapiteln ein bisschen Spannung reinbringen. Ich bin immer für Kritik offen und sehr dankbar dafür. Also schreibt mir, wie ihr das Kapitel findet und ob ich überhaupt weiterschreiben soll. Für eventuelle (na schön, wahrscheinlich) vorkommende Rechtschreibfehler möchte ich mich schon jetzt mal entschuldigen. :)


    Liebe Grüße,
    Susanne

  • Also ich fands gut *gg*


    ich war nur überrascht, dass es doch nicht, so wie man am Anfang vermuten könnte, Robert war, sondern Max (wer auch immer das ist *gg* wird ja bestimmt noch raus kommen).
    Das war jetzt das einzige, was ich nicht so gut fand, aber so kann es natürlich auch sehr, sehr interessant werden.


    Ich bin schon gespannt, warum Hogan unterstützung angefordert hat.

  • Hi ihr Lieben!


    Gucky : Danke fürs Freischalten und danke für dein Kompliment. Ich werd ja schon ganz rot. *g*


    blau_112 : Ich hab mir schon gedacht, dass das einige vermuten, aber ich weiß das hier ja schon zwei Geschichte mit Newkirk und Hogan als Liebespärchen geschrieben worden sind. Das wollt ich nicht einfach kopieren, obwohl ich diese Geschichten mit Begeisterung gelesen habe oder noch lese. Aber ich hoffe, ich kann dich für Max erwärmen. *g*


    Liebe Grüße,
    Susanne

  • Die Geschichte fängt ja unheimlich spannend an! Ich hab auch zuerst gedacht, es ist aus Hogans Sicht geschrieben, von wegen "meinen Befehlen unterstellt". :P


    Ist Max denn ein männlicher Name oder womöglich am Ende doch nur der Spitzname für Maxine oder so? ?(


    Ich bin etwas über den Satz "Ich naives Mädchen, ich." gestolpert und bitte um Aufklärung! *g*


    Schreib bitte schnell weiter! Die Story ist gut! =)

    Wache: NEIN!
    Newkirk: Oh no, must be half past ten by now. At least. :D


    Endlich und ganz neu! CC hat seinen eigenen Postershop! =)*klick*

  • @Gesichtseimer:
    Moinsen...
    netter Stil, aber wird es eine Mary Sue?
    Bitte tu dir das nicht an...
    *grins*


    Ich bin der Rattenfänger von Hameln - wo sind hier die Mäuse?!


    Niveau ist keine Handcreme!


    Reich ist das Land, das Helden hat. Und arm das Land, das welche braucht!

  • So, zum Anfang des Wochendes gibts noch was zum Lesen. Mein zweites Kapitel. Vllt. löst sich jetzt die Verwirrung bei einigen in Luft auf, weil es doch, wenn man es genau liest, einiges erklärt^^. Wieder muss ich mich für eventuelle also wahrscheinlich vorkommende Rechtschreibfehler entschuldigen. Ich wünsch euch aber trotzdem viel Spaß und ein schönes Wochenende.
    P.S.: Ich würde mich über Kommis sehr freuen.


    LG
    Susanne


    Kapitel 2


    "W-wie kannst du m-mir so et-etwas nur a-antun, Ma-axim?" Fassungslos schaute Newkirk mich an. Die Frage brannte sich mir förmlich ins Hirn. Ja, warum eigentlich? Warum lügst du ihn an? Und warum wird dir jetzt erst klar, dass ihr als Paar keinen Blumentopf gewinnen werdet? Kraftlos ließ ich mich auf einen Hocker sinken, der in Carters Labor, was Peter und ich immer als Platz für Diskussionen zweckentfremdeten, stand. Ich konnte nicht zu ihm aufsehen. Wie Blei lastete das schlechte Gewissen auf mir, auch wenn ich ganz tief in mir drinnen wusste, dass es für alle Beteiligten das Beste war.
    Als ich Newkirk nach geschlagenen 2 Minuten, die mir allerdings wie Tage vorkamen, immer noch keine Antwort gegeben hatte, drehte er sich von mir weg und rauschte davon. Warum musste man als Offizier immer die Interessen der Mannschaft vor seine eigenen stellen? Na, schön, es war ja auch meine Schuld. Ausgerechnet ich verliebte mich in meinen englischen Corporal. Das war wieder einmal so was von typisch.
    Doch zum Nachdenken war keine Zeit. Schon stand Robert in der Tür und wies mich an, mich endlich einmal zu bewegen, denn er hätte etwas Wichtiges mit mir zu besprechen. Auch das noch. Ich verließ das Labor und bemerkte erst jetzt, wie eifrig die Männer arbeiteten. Der Auftrag für heute Nacht war sehr wichtig und konnte uns einen kleinen Vorsprung gegenüber den Deutschen verschaffen. Ich hetzte den Tunnel entlang und rannte dabei fast LeBeau über den Haufen, der mit den deutschen Uniformen unterwegs war. "Tschuldige", entgegnete ich nur seinem erschrockenen Gesichtsausdruck. Ich hatte jetzt keine Zeit mehr. Und verdammt nochmal: Das Private musste jetzt warten. Immerhin hatten wir einen Krieg zu gewinnen.
    Etwas aus der Puste kam ich schließlich in der Baracke an, an deren Tisch Hogan über irgendwelchen Landkarten brütete. Auch Newkirk war da, doch als er mich sah, packte er seine Zigarettenschachtel und verschwand nach draußen. Robert schaute ihm erstaunt nach. "Habt ihr gestritten?", fragte er mich unverblümt. "Nicht so wichtig." Ich wollte jetzt nicht reden. Nicht darüber. Eigentlich überhaupt nicht. Aber was hatte ich schon für eine Wahl?
    Am Nachmittag war zwar die erste Hektik vorüber, aber die Nervosität stieg mit jeder Sekunde an. Alle saßen angespannt auf ihren Betten, am Tisch oder tigerten durch die Baracke. Alle bis auf Hogan und mich natürlich. Wir waren in seiner kleinen Kammer verschwunden und überlegten noch wie wir die Männer aufteilen sollten, als Schultz herein kam. "Mei Colonel Hogan endlich find ich se.Und Maxim, Sie sen ja a do.", stellte er erstaunt fest. "Der Oide will se sprechen, Colonel Hogan. Er hot gsocht, wenn ich se net in zwei Minuten in sei Büro bracht hob, dann schickt er mich an die Ostfront." Robert blickte erst mich an und dann Schultz. Man muss bedenken, dass es sehr ärgerlich war, dass Hogan ausgerechnet jetzt bei Klink antanzen musste, denn obwohl wir schon ziemlich weit mit unseren Vorbereitungen waren, war noch einiges zu tun. "Ich komme, Schultzie." Er drehte sich zu mir um, und flüsterte mit einem verschwörerischen Ton: "Kümmer du dich um die Männer. Das wird dauern." Er verdrehte die Augen und folgte dem dicken Feldwebel nach draußen.
    Ich grinste ihm hinterher und machte mich wieder über die Liste. Alles lief glatt, ich war mit meiner Einteilung durchaus zufrieden bis ich zu einem Namen kam: Peter Newkirk. Was sollte ich denn mit ihm machen? Sicher war so ein wichtiger Auftrag nicht gerade eine gute Gelegenheit um zu reden, aber ich war mir sicher, dass wir wenigstens mal ein paar Minuten ungestört waren und er mir nicht so einfach davon laufen konnte. Ich überlegte lange, bis ich mich überwinden konnte, seinen Name direkt neben meinen zu setzen und somit LeBeau zu Carter und Hogan verfrachtete. Alles was ich jetzt noch machen konnte, war zu hoffen, dass alles glatt lief und dass ich das mit Newkirk so schnell wie möglich wieder geregelt bekam.
    Es dauerte wirklich lange, bis Robert in die Baracke 2 zurückkehrte. Aber sein Gesichtsausdruck verriet nichts Gutes und als er mich allein sprechen wollte, war mir klar, dass es heute Nacht Probleme geben würde. Ich schloss die Tür hinter mir, was schon allein sinnlos war, weil spätestens eine Minute später alle lauschen würden. Hogan stand mit dem Rücken gedreht zu mir und blickte aus dem Fenster. "Es gibt ein Problem.", begann er trocken und drehte sich nun doch um. "Klink hat mir gerade erzählt, dass ein paar SS-Männer in der Nähe sind, um mit ihren Leuten ein bisschen herumzuspionieren. Sie vermuten eine Untergrundorganisation hier."
    Das war so ziemlich das Schlimmste, was uns hätte passieren können. Und für mich stand fest, dass wir unsere Männer nicht so einer Gefahr aussetzen konnten. "Dann werden wir den Auftrag eben nicht ausführen. Wir sitzen hier ja wie auf rostigen Nägeln. Wenn die uns erwischen, dann können wir einpacken.", entfuhr es mir und wie meistens konnte ich mein Temperatment nicht zügeln. Hogan lächelte mich an. Was mich noch mehr auf die Palme brachte. Wie konnte er in so einer Situation so entspannt lächeln? "Klär die Männer über die Einteilung auf. Es wird Zeit. Ich will, dass alles geregelt ist beim Abendappell." "Moment mal, da hab ich ja auch noch ein Wörtchen mitzureden. Immerhin sind wir im Rang gleich und somit hab ich die selbe Befehlsgewalt wie du. Immerhin hast du mich hier her geholt, weil du genau für solche Aktionen eine Führungspersönlichkeit brauchst. Und ich sage: Wir gehen da nicht raus.", begehrte ich auf.
    Er tat genau das, was ich von ihm erwartet hatte und was ich so sehr an ihm hasste. Er drehte sich wieder in Richtung Fenster und ignorierte mich. Na vielen Dank auch. Und so jemand kämpft für die Demokratie. Ich hatte genug davon und streiten war jetzt sowieso sinnlos. Er hatte schon recht. Die ganze Aktion einfach abblasen, kam nicht in Frage. Egal wie gefährlich.
    Ich trat nach draußen und wie ich es erwartet hatte, saßen alle schön brav beim Kartenspielen. Selbst Newkirk war da, was in meinem Bauch die Schmetterlinge flattern ließ. Angestrengt versuchte ich nicht zu ihm hinzusehn. "Also Jungs, ich hab hier die Einteilung für heute Nacht", verkündete ich und hatte sofort die ganze Aufmerksamkeit. Ich las meine Liste vor und bekam zustimmendes Gemurmel zu hören. Hogan hatte sich unterdessen auch zu uns gesellt und hörte mir aufmerksam zu. Bis ich beim letzten Team angelangt war. Ich hatte gemerkt, wie Peter immer nervöser geworden war, als ich seinen Namen nicht bei den anderen vorgelesen hatte. "...und Kirk kommt mit mir.", schloss ich meinen Vortrag ab. Doch diesmal kein zustimmendes "Ja", sondern ich bekam prompt eine Abfuhr. "Wa-warum sol-llte ich mi-mit einem Co-olonel gehen, die nich-nicht weiß, wa-was sie will? Bi-bin do-och nicht lebensmüde." Die Männer tauschten erstaunte Blicke untereinander. Sie glitten immer wieder von Newkirk zu mir und wieder zurück. Alle waren fest davon überzeugt, dass ich ihn zur Schnecke machen würde, weil er meinen Befehl nicht ausführen wollte, doch ich stand einfach nur da. Es ist ja nicht so, dass ich auf den Mund gefallen bin und als Offizier wäre mir auch die passende Antwort eingefallen, aber mit dieser Aussage hatte ich nicht gerechnet. Es traf mich nicht als seine Vorgesetzte, sondern als Frau, die ihn doch so sehr liebte, aber nicht mit ihm zusammen sein konnte.
    Schließlich ergriff Hogan das Wort. "Na, schön, wenn Newkirk nicht will, dann wird eben ein anderer mit Max gehen. Carter? Würdest du das machen?" Carters Augen leuchteten. Wir hatten immer viel Spaß zusammen und waren praktisch nur am lachen. Er nickte eifrig.
    Ich konnte mich über so viel Begeisterung nur wenig freuen, denn ich blickte zu Newkirk, dem es nicht einmal leid zu tun schien.
    "Bleib stehen!" Ich zog den jungen Sergeant zu mir nach unten. Ich war überzeugt davon Stimmen gehört zu haben, was ziemlich schwer war, denn unsere Mägen knurrten schon so laut, dass es ein Wunder war, dass man uns noch nicht entdeckt hatte. Irgendetwas bewegte sich am anderen Waldrand, gegenüber der Bahnschienen. Aber wer war das?

  • So, das ist bis jetzt das längste Kapitel, was daran liegt, dass es eigentlich zwei werden sollten, aber es dann doch zu langweilig geworden wäre. Ich hoffe, dass tut eurem Lesedrang keinerlei Abbruch. Und wie immer freue ich mich über Verbesserungsvorschläge und Kommentare.
    Viel Spaß,
    Susanne



    Kapitel 3


    Wir lagen jetzt schon fünf Minuten auf dem kalten Boden und wir konnten die Gestalten immer noch nicht zuordnen. Zivilisten oder Soldaten? Womöglich SS? Ich hatte ja keine Ahnung wie weit wir vom Lager entfernt waren. Der Nebel machte die Luft ungewöhnlich kühl und feucht. Und Carter rutschte ständig unruhig hin und her, was mich völlig wahnsinnig machte. "Verdammt, Andrew. Wenn du dich jetzt bitte einmal für eine Lage entscheiden könntest?!", schnauzte ich ihn von der Seite an. "Ich kann nicht.", jammerte er. "Wir sind jetzt schon seit zwei Tagen unterwegs ohne etwas zu essen und jetzt soll ich auch noch auf einer Baumwurzel liegen?" In seinen Augen war eine Spur Vorwurf zu sehen, die ich aber absichtlich ignorierte. Immerhin war ich mir meiner Schuld durchaus bewusst.
    "Wann kommen die denn endlich näher?", quengelte Carter und rutschte abermals seinen Hintern in eine neue Position. Bei so etwas konnte ich nur die Augen verdrehen. Andrew war zwar ein lieber Junge, aber manchmal führte er sich auf wie ein kleines Kind. Doch plötzlich tat sich etwas. Nicht nur, dass die Stimmen lauter wurden, sondern auch die Menschen kamen immer näher. Und kaum waren sie nah genug dran, dass wir sie als Zivilisten erkennen konnten, brüllte Carter auch schon: "Bauern! Die haben bestimmt was zu essen."
    Die Personen blieben stehen. Unter ihnen war auch eine Frau, die nun ängstlich einen Schritt zurück wich, als sie Andrew, der sich in der Zwischenzeit hingekniet und zu winken begonnen hatte, erblickte. Ich lag immer noch in meiner Deckung und hätte mich mühelos aus dem Staub machen können, doch als Carter dann auch noch: "Ihr braucht keine Angst zu haben, meine Freundin und ich sind unbewaffnet!", rief, hätte ich ihn erwürgen können.
    Einen Moment lang tat sich erstmal gar nichts. Weder die Bauern noch wir rührten uns. Ich war nun ebenfalls aufgestanden, um den Fremden zu zeigen, dass wir auf der Flucht und tatsächlich nicht gefährlich waren. Was sie allerdings nicht wirklich beruhigte, denn schon allein wie wir aussahen, machte uns zu grusligen Gestalten. Überall haftete Schlamm an uns. Wir hatten immer noch die Gesichter schwarz mit Ruß eingefärbt und unsere Sachen waren ebenfalls schwarz, was uns natürlich nicht gerade freundlicher erscheinen ließ. Ich konnte sie gut verstehen. Diese Angst, die dich lähmt. Du kannst niemanden trauen und letztendlich kapierst du, dass du ganz allein bist. Ich hatte dieses Gefühl auch schon einmal durchlebt und ich wusste wie hilflos man sich vorkam. Ich erkannte es in ihren Gesichtern. Sie waren ausgemerkelt. Schlechte Kleidung trugen sie am Körper und mir war klar, dass sie selbst kaum genug hatten. Mein schlechtes Gewissen meldete sich prompt bei mir, wo ich sie doch hatte verfolgen und ausrauben wollen, weil ich den ewigen Hunger und die Kälte nicht mehr ertragen wollte. Ich packte Carter am Arm und zog ihn zu mir. Wieder wich die Frau zurück und auch die Bauern blickten erschrocken drein. "Lass uns gehen. Bei denen ist ja nichts zu holen.", flüsterte ich. Andrew zog eine Grimasse, als wollte er mir sagen, dass er zwar nicht wisse, was ich damit meinte, aber er trotzdem von hier weg wollte. Wir drehten uns um und marschierten in den Wald hinein. Bis uns plötzlich eine Stimme zurück holte. "Wartet! Vielleicht können wir euch helfen." Es war die Frau. Zierlich wie sie war, erinnerte sie mich an meine Mutter, doch sie konnte unmöglich älter als 20 sein. Sie trug einen Rock, der aber schon einiges hinter sich hatte und ein Hemd, das unmöglich ihres sein konnte, da es viel zu weit war. In seiner offenen Art stürmte Andrew auf sie zu. "Habt ihr was zu essen für uns?" Die Frau blickte mich an. Das war nicht die Hilfe, die sie uns hatte geben wollen und ich erkannte es und zerrte Carter wieder in meine Richtung. "Wisst ihr zufällig, wo es hier nach Hammelburg geht? Wir haben uns nämlich verlaufen.", sagte ich in meinem nicht grad perfekten Deutsch. Doch die Frau schien mich zu verstehen und wies uns an mitzukommen. Die Männer, die vorhin bei ihr gewesen waren, warteten am Waldrand auf uns. Später erzählte sie mir, dass die drei ihre Brüder waren und die Mutter sehr krank zu Hause ans Bett gefesselt war. Der Vater war schon vor einem viertel Jahr an der Ostfront gefallen.
    Wir gingen nicht allzu lange, möglicherweise fünfzehn Minuten als wir ein kleines Bauernhäuschen erspähen konnten. Ebenso wie die Kleidung der Bauern war auch das Haus etwas baufällig und der Stall, der daran angrenzte, vermittelte mir das Gefühl, dass er beim nächsten Windstoß sofort umfallen würde. Nicht gerade einladend, wenn ihr mich fragt. Aber in der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot. Wie man im Volksmund so schön sagt. "Ihr könnt im Stall schlafen. Da ist es warm in der Nacht. Wenn ihr nach Hammelburg wollt, dann lauft der Bahntrasse entlang. Nach zwei Kilometern kommt dann ein Weg, der führt euch zu einer Weggabelung. Nehmt die rechte Straße, dann kommt ihr ganz sicher nach Hammelburg.", erklärte sie uns. "Wie weit ist es?", fragte ich sie, denn ich musste einschätzen wie lange wir brauchen würden. "Na ja, zwanzig Kilometer sind es schon."
    Ich überlegte fieberhaft vor mich hin. Wir mussten so schnell wie nur irgend möglich nach Hammelburg und ins Stalag 13 zurück. Andererseits wurde es bald dunkel und wir waren müde. Ich konnte natürlich auch alleine gehen und Hilfe holen. Wir würden Carter dann gegebenfalls ins Stalag zurück bringen, denn ich wusste nicht, ob Hogan, LeBeau und Newkirk davon gekommen waren. Newkirk... er fehlte mir so.
    "Ach verdammt, Maxim, die Lage ist viel zu ernst, um jetzt an ihn zu denken. Schlag ihn dir gefälligst aus dem Kopf", hörte ich eine Stimme in meinem Gehirn sagen. Immerhin war er so kaltherzig dich allein hier heraus zu schicken, während er sich jetzt im Stalag 13 gemütlich einen Kaffee machte. Wieder korrigierte ich mich. Ich war nicht allein. Carter war bei mir so sehr ich mir auch Peter herbei sehnte, um so froher war ich, dass wenigstens Andrew mich nicht im Stich gelassen hatte.
    Wir verkrochen uns in den Stall und setzten uns auf einen Ballen Heu. Ich unterbreitet Carter meine Vorschläge und er hörte sie sich auch an, doch schon allein wegen des Gestanks war bald klar, dass wir uns sofort auf den Weg machen würden. "Mann, hoffentlich kocht Louis für uns, wenn wir wieder im Lager sind."


    Die Nacht war noch kälter als die Nacht, in der wir unseren Auftrag hätten ausführen müssen.
    Carter und ich brachen zuerst auf. Einen Sprengsatz anbringen, an einem Auto, dass uns hätte in die Quere kommen können. Eigentlich eine simple Aufgabe. Eigentlich. Wir mussten nicht lange gehen um zu dem Kontrollpunkt zu kommen, an dem wir den Wagen stoppen sollten. Carter hatte sich in eine deutsche Uniform geschmissen und wartete ungefähr zehn Meter vor mir auf seinen Einsatz. Als wir den Wagen kommen hörten, schlich er zum Kontrollhäuschen und stellte sich geradewegs hinein. Ich rutschte auf. Noch schnell eine Zigarette. Ich konnte mir nicht helfen. Ich hatte bei solchen Einsätzen einfach keine Angst. Vielleicht lag es daran, dass ich mittlerweile gewohnt war mitten in der Nacht im Wald herum zu sitzen.
    Der Wagen rollte an und ich machte meine Kippe vorsichtig aus. Es sollte ja niemand die Glut sehen, auch wenn das sehr unwahrscheinlich war. Carter kam wie geplant aus seinem Häuschen und hielt den Wagen an. Die Scheibe wurde herunter gekurbelt und Carter streckte sein Gesicht in den Wagen. "Guten Abend meine Herren", begann er seinen auswendig gelernten Text herunter zu leiern, "ich muss sie warnen, denn es wurde gemeldet, dass sich hier auf dieser Strecke Spione herum treiben könnten."
    Er quatschte den Fahrer praktisch kariert über diese Spione, die angeblich so gefährlich waren, dass es mir genug Zeit verschaffte, aus meinem Versteck zu schleichen, mich hinunter auf die Straße zu begeben und die Bombe am Wagen anzubringen. "Geschafft", dacht ich stolz. Ich wollte schon wieder zurück, als ich etwas Kaltes im Nacken spürte. "Ich würde mich jetzt nicht bewegen", sprach eine eiskalte Stimme über mir. Der Gewehrlauf bohrte sich mir förmlich in die Haut und die Kraft, die er auf seine Worte verwendete, ließ mich erkennen, dass er es ernst meinte und im Notfall auch schießen würde.
    Carter, der sich inzwischen wieder in sein Häuschen zurück gezogen hatte und den Wagen passieren ließ, war sich natürlich sicher, dass ich schon längst im Dunkeln verborgen im Wald saß. Denkste. Schön wär es gewesen. Stattdessen kniete ich auf der Straße mit einem Gewehrlauf im Genick. Als das Auto weiter fuhr, entdeckte er mich schließlich. Es war unmöglich zu sagen, was er in diesem Moment dachte. Seine Mimik war ein entsetzter Gesichtsausdruck und Überforderung zu gleich. Er schaute mich an, dann schaute er den Irren mit der Waffe an und dann wieder mich. "Kommt raus, Leute, ich hab sie!", schrie der Typ hinter mir. Schlagartig wurde mir klar, dass wir überhaupt keine Chance mehr haben würde, wenn uns noch ein paar SS-Männer auf der Fährte waren. Carter schien genauso zu denken, warf sein Gewehr weg und rannte los. Auch ich hatte nicht vor hier zu verweilen, drehte mich blitzschnell um, schlug den Lauf in eine andere Richtung und rannte davon. Ab in den Wald. Hier hielt mich nichts mehr. Ich hörte sie hinter mir schreien, was mir unweigerlich Angst machte, doch gleichzeitig fragte ich mich immer wieder, wo Carter steckte. Ich sollte es bald erfahren.
    Ich wollte nicht zum Lager zurück, weil ich wusste, wenn sie dort unsere Spur verlieren würden, dann würden sie uns dort auch suchen und ich hatte keine Ahnung, ob mich der Schießwütige erkannt hatte. Nur Andrew hatte genau das Gegenteil im Sinn. Der Ausgang war, dass wir uns in der Mitte trafen und zwar in dem wir mit voller Wucht aufeinander prallten, weil ich meinen Kopf gedreht hatte und er mich schlichtweg übersah. Als Knäul aus Armen und Beinen gingen wir dann zu Boden. Ich konnte sie immer näher hinter uns hören. Sie waren verdammt nah an uns dran. Zu nah. Plötzlich fiel ein Schuss und mich packte die Panik. Carter hatte geschrien und ich wusste nicht, ob er verwundet war oder ihm der Schrei nur aus Schreck entfuhren war, auf jeden Fall schnappte ich ihn mir und wir rannten davon. Weg vom Lager. Weg von der SS. Wir rannten und rannten. Ich hatte inzwischen völlig die Orientierung verloren und war fest überzeugt davon, dass ich nie mehr mit dem Laufen aufhören durfte, weil sonst irgend ein Soldat hinter mir stand, um mich abzuknallen.
    Irgendwann war es Carter, der stehen blieb und ich wollte ihn nicht alleine lassen, das redete ich mir ein, hörte ich ebenfalls auf zu laufen. In Wirklichkeit war ich mit meinen Kräften am Ende. Andrew ließ sich zu Boden sinken und mir fiel der Schuss von vorhin wieder ein. "Alles...in...Ordnung", schnaufte er als ich ihn danach fragte. Es war pures Glück im Unglück, dass wir davon gekommen waren, aber ohne Landkarte und Kompass würden wir wohl nie zurück finden. Ich ließ mich ebenfalls auf den Waldboden sinken, der so schön kühl und nach einem so langen Lauf auch unglaublich gemütlich war. "Weißt du eigentlich, dass die uns schon lange nicht mehr verfolgt haben?", fragte mich Carter, der nach einigen Minuten wieder genug Sauerstoff in der Lunge hatte, um zu reden. Müde schüttelte ich den Kopf. Das war mir wirklich nicht aufgefallen. Ich war einfach gerannt in meinem Wahn, dass sie immer noch hinter uns waren.
    Wieder verfielen wir in tiefes Schweigen. Und wieder war es Carter der die Stille brach. "Und was machen wir jetzt?" Seine Stimme klang zittrig und es war mir nicht möglich zu sagen, ob es an der Kälte oder an seiner Angst lag. "Ins Lager zurück", schoss mir durch den Kopf. Aber im gleichen Moment dachte ich schon an die SS und das Hogan und die anderen beiden auch da draußen gewesen sein mussten und ich war mir nicht sicher, ob sie genau so viel Glück gehabt hatten wie wir.
    Ich blickte hinüber zu Carter, der ruhig auf meine Antwort wartete. "Wir gehen zurück ins Lager", beschloss ich und verscheuchte den letzten Funken Vernunft in meinem Hirn. Es war mir egal wie lang es dauern würde, aber ich hatte Angst und wollte einfach nur zurück zu Newkirk. Ganz gleich wie. Andrew sprang auf, salutierte und verkundete mit frischer Stimme: " Zu Befehl, Colonel!" Ich lächelte über seinen Witz, konnte seinen Humor allerdings nicht uneingeschränkt teilen. Die Situation in der wir uns befanden, war alles andere als rosig und das wusste ich. Im Krieg gab es nur zwei Dinge: Leben oder Sterben. Der Versuch am Leben zu bleiben war schon zu wenig.
    Endlich kamem wir an der Weggabelung an. "Okay, rechts hat sie, glaub ich, gesagt, oder?", fragte ich Carter. Keine Antwort. Ich drehte mich um. "Andrew!" Der junge Sergeant stand mit geschlossenen Augen und bedenklich wankend vor mir. Er war dabei einzuschlafen. Als ich seinen Namen rief, schreckte er hoch und plabberte etwas von wegen es täte ihm leid und er hätte nur mal kurz die Augen zugemacht.
    Schier ewig schien es zu dauern, bis wir den Kirchturm von Hammelburg erblicken konnten. Mittlerweile war es hell geworden. Ich schätzte die Uhrzeit auf zirka neun Uhr am Morgen, war mir allerdings nicht so sicher, denn ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Die Nacht war furchtbar gewesen. Die Kälte hatte uns die ganze Zeit frieren lassen und die letzten Kilometer hatten wir uns nur noch so dahin geschleppt. Halb schlafend und schon halb am Wegesrand liegend, hatte einer den anderen die meiste Zeit mitgeschleppt. Wir waren müde, wir waren hungrig und unsere Nerven waren weit überspannt.
    Und schon bahnte sich das nächste Problem an, an das ich nicht gedacht hatte. Wir trugen ja immer noch unsere schwarzen Klamotten und so konnten wir unmöglich durch die Stadt laufen. Zivilkleidung musste her. Und zwar schnell. Diesmal war es Andrew, der die Idee von uns hatte. Etwas abseits des Stadtkerns lagen ein wenig verstreut Häuser, die von großen Gärten umgeben waren. Uns war klar, dass die meisten Menschen um diese Uhrzeit bei der Arbeit oder in der Schule waren und der Mann im Haus, auf Grund des Krieges, sowieso fehlte. Also stand der Beschluss fest. Wir brechen irgendwo ein, schnappen uns ein paar Klamotten und vielleicht etwas zu essen und verschwinden dann von hier.
    Nach dem Äußeren der Häuser wohnten hier recht betugte Leute, was noch besser für uns war, denn hier nahmen wir niemanden etwas Lebensnotweniges weg. Und möglicherweise fiel der Diebstahl dann auch gar nicht auf. Oder zumindest erst sehr spät und da waren wir schon wieder über alle Berge.
    Wir waren nicht besonders wählerisch und als wir im Garten des ersten Hauses durchs Fenster ins Wohnzimmer blickten, festigte das nur unseren Entschluss, dass es nun genau dieses hier sein sollte. Komischerweise war das Haus nicht weiter gesichert und wir mussten es nicht, wie Carter vorgeschlagen hatte, erst in die Luft sprengen um hinein zu gelangen. Wir gingen einfach an die Hintertür, die nicht abgeschlossen war, und schlichen durch die Küche. Wobei ich am meisten mit Andrew zu tun hatte, den ich förmlich hindurchschleifen musste, damit er nicht über das Essen herfiel. "Später", zischte ich. Von der Küche aus, ging es dann in den Flur von dem aus eine Treppe nach oben führte. Zweimal hatten wir Pech bei der Wahl der Türen, denn beide Male fanden wir uns augenscheinlich in Kinderzimmern wieder. Erst bei der nächsten Tür hatten wir dann Glück. Das elterliche Schlafzimmer. Und was noch viel besser war, war der riesige Schrank, der gegenüber des Bettes platziert war. Wir stürmten beide los und rissen voller Begeisterung die Schranktüren auf. Die wunderschönesten Kleider, die ich je gesehen hatte, kamen mir entgegen geflogen. Ich war hin und weg. Seit meiner Kindheit hatte ich kein schönes Kleid mehr getragen und das rote Abendkleid hatte es mir besonders angetan. "Darin würdest du Peter auch gefallen", dachte ich. Ich sah uns schon förmlich in einem großen, geschmückten Saal tanzen, als ich einen Puffer in die Seite bekam. "Das ist ja alles schön und gut, aber wo sind´n hier die Männersachen?" Tatsächlich war ich so in meinen Tagträumen vertieft gewesen, dass ich vergessen hatte, dass wir hier auf der Flucht waren und nicht auf einer Pariser Modenschau. Ich lief rosa an. "Vielleicht hier unten", vermutete ich und zeigte auf eine braune Kiste. Carter und ich knieten uns vor den Schrank und begannen damit die Kiste zu durch wühlen. Augenscheinlich bewahrte hier die Familie Fotos von Verwandten auf. Carter hatte gerade das Bild einer schönen jungen Frau aus dem Karton gefischt und bewunderte sie, als ich Schritte wahrnahm. "Boa, is die hübsch", entfuhr es ihm. "Verdammt Carter, sei leise. Ich glaub da kommt jemand." Wir schreckten zusammen, als das Summen der Frau immer näher kam. "Los, schnell in den Schrank."
    Darin war es eng und stickig und wir waren beide darum bemüht möglichst leise wegen des Platzmangels zu fluchen. Ich hörte wie die Tür des Schlafzimmers aufging. "Jetzt ist alles aus", schoss es mir durch den Kopf und wieder packte mich der Drang zu fliehen. Der einzige Grund, warum ich es nicht tat, war Carters Bein, dass er auf meinen Bauch gedrückt hielt.
    "Na, Mieze, was machst du denn hier?" Wir zuckten beide zusammen. Kurz darauf war ein genüssliches Schnurren zu hören und die Schritte verloren sich in der Ferne des Flurs, nur aus dem Schlafzimmerschrank war ein lauteres "Puh!" zu vernehmen. "Lass uns irgendwas zum Anziehen nehmen und dann hier verschwinden", sagte ich und versuchte mich aus meiner ungemütlichen Lage zu befreien. Zwei Minuten später standen wir vor dem Kleiderschrank und ich warf Carter ein rotes Kostüm zu. Ein roter Rock, eine weiße Bluse und ein roter Blazar trugen nicht so dick auf wie ich fand. Dazu noch einen Hut und Andrew war ausgestattet. Allerdings war er weniger von meiner Idee begeistert. Doch was wollte er machen. Ich für meine Verhältnisse schwang mich in ein blaues Kostüm verzichtete allerdings auf die Kopfbedeckung. Noch die richtigen Schuhe und die Tarnung war perfekt. Wir beide ließen unsere alten Klamotten gleich da und stolzierten vorsichtig die Treppe nach unten. Allerdings war Carter mit Stöckelschuhen nicht so bewandt und fiel mit einem spitzen Schrei kopfüber runter. In einer anderen Situation wäre ich vor Lachen wahrscheinlich tot umgefallen, aber im Moment war die Lage ernst genug. Schon fragte die Stimme von vorhin, ob jemand da sein. Ich rannte wie von der Tarantel gestochen nach unten, schnappte mir Carter, der immer noch halb hinkte und wir rannten zur Vordertür hinaus. Unterwegs zogen wir beide unsere Schuhe aus, denn ohne waren wir deutlich schneller. "Tut...mir....leid", keuchte Andrew unterm Laufen. Ich war genau so aus der Puste wie er und beschränkte mich daher auf ein Nicken. Ohne es zu merken, waren wir schon fast in der Innenstadt, wo sich die Leute nach uns umdrehten. Wie sah das wohl von außen aus? Zwei alte Weiber, die ohne Schuhe durch die Weltgeschichte gondelten. Beschämt schauten wir auf unsere Füße und beeilten uns die Schuhe wieder an die selbigen zu bekommen. "Das wir so viel unverschämtes Glück haben", meinte ich zu Carter. Er hatte bei mir mit dem Arm eingehängt und es schien niemanden aufzufallen, dass wir uns eigentlich gar nicht auskannten in der Stadt. Die meisten Menschen grüßten sogar in der festen Überzeugung, dass Carter mein altes Mütterchen war und ich als liebe Tochter mit ihm spazieren ging. Es lief perfekt.
    "Wie kommen wir jetzt zurück ins Stalag. Mir tun ja schon jetzt die Füße weh", jammerte Carter. Ich zuckte mit den Schulter, denn so viel Glück wie wir bis jetzt gehabt hatten, würde uns sicher nicht immer hold sein und so war es eher unwahrscheinlich, dass uns jemand mitnehmen würde. "Ein Auto, das wärs ja jetzt!", schwärmte ich. Aber woher eins nehmen? Obwohl das da vorne ganz verlockend aussah. "Nein, Maxim, das wäre zu dreist von euch.", ging es mir durch den Kopf. Aber natürlich würde es schon helfen. Doch kaum hatte ich meinen Gedankenzug vollendet, spazierte auch schon der Besitzer vorbei, grüsste uns und stieg ein. "Verdammter Mist!" Also doch laufen.
    Dachte ich zumindest. Aber es musste ja nicht gleich ein Auto sein. Andrew machte mich auf die unbewachten Fahrräder aufmerksam und als er mir zu zwinkerte, wusste ich was er vor hatte. Ganz unverfroren liefen wir zu den Drahteseln hin und radelten los. Die Menschen um uns rum dachten bestimmt: "Denen gehören die Fahrräder, sonst würden sie ja nicht mit ihnen wegfahren." Es dauerte gut eine Stunde bis wir vor dem ersten Tunneleingang, der uns ins Stalag 13 bringen würde, ankamen. Endlich zu Hause.

  • Kapitel 4


    Wir rannten den Gang fast entlang. Keiner von uns beiden hatte sich je so gefreut hier her zurück zu kehren. Endlich keinen Hunger mehr leiden. Endlich ausschalfen. Und was für mich fast am wichtigsten war: Endlich wieder bei Newkirk sein. Am Haupttunnel angelangt, konnte ich mir ein Grinsen fast nicht mehr verkneifen. "Gleich siehst du ihn wieder. Gleich darfst du ihn wieder umarmen", dachte ich voller Freude. Ich blickte hinüber zu Carter, der ebenfalls grinste, aber wahrscheinlich dabei an etwas leckeres zu essen dachte. Wir ließen das Bett nach oben klappen und stiegen voller Vorfreude hinaus in die Baracke.
    Leer. Alles leer. "Peter!?" "Colonel Hogan!?" Wie verzweifelte Kinder begannen wir damit nach den Vermissten zu rufen. Wir bekamen keine Antwort. Und zum ersten Mal seit dem Auftrag wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr. Sie hatten sie geschnappt und nun waren sie wahrscheinlich schon längst tot. Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken. Tränen liefen über meine Wangen. Sollten sie doch. Was interessiert das nun schon noch? Andrew kam zu mir, legte seine Hand auf meine Schulter und umarmte ich dann. Ich weinte hemmungslos in seinen Blazar und fing an ihm von Newkirk und mir zu erzählen. Er war der erste, der davon mitgekam, mal abegesehen von Hogan, den ich damals um Rat gefragt hatte. Er hörte mir aufmerksam zu und ließ mich keinen Moment los. Im Gegensatz zu Robert hatte er Verständnis für meine Lage. Von ihm kam kein "Ich will sofort, dass du dich von ihm trennst!" auch kein "Du gefährdest damit unsere ganze Organisation". Er war einfach für mich da und tröstete mich. Andrew erzählte mir, dass er sich so etwas schon gedacht hatte, und er Peter öfters mit Louis über mich hatte reden hören. Newkirk hatte sich schon beim ersten Treffen in mich verliebt. Mein erster Tag im Stalag 13, ich erinnere mich noch gut daran.


    Es war zwar erst Frühling, aber es war ungewöhnlich warm als ich in einem Laster die holprige Landstraße entlang fuhr. Ich hielt nie viel von Uniformen, daher hatte ich mein Hemd aufgeknöpft, so dass mein weißes Unterhemd hervor blickte. Ich saß lässig an die Wand gelehnt da und hatte ich meine Hände in den Taschen vergraben. Ich wollte möglichst cool rüber kommen und nicht, wie ich war, aufgeregt.
    Mir gegenüber saß ein deutscher Soldat. Er hatte sein Gewehr auf dem Schoß und blickte mich grimmig an. Langenscheidt. Das erste Mal, dass ich auf ihn traf.
    Den Laster fuhr ein dicker Feldwebel, der mir aber gleich sympathisch war, wenn ich ihn auch mit Vorsicht begegnete. Ich hatte erwartet, dass man grob zu mir sein würde und mich förmlich auf den Laster prügeln würde, aber nichts von dem traf ein. Stattdessen gab mir der Feldwebel seine Hand und half mir auf die Ladefläche. Wie nett von ihm. Ich danke es ihm, indem ich mir jeglichen Widerstand sparte. Wir fuhren nicht ziemlich lange, da es mein Anliegen gewesen war, möglichst nah beim Lager gefangen genommen zu werden, um auszuschließen, dass sie mich irgendwo anders hinbrachten. Das Stalag 13 machte auf mich einen Eindruck wie jedes Gefangenenlager. Es war schwer vorstellbar, dass sich hier eine Organisation darauf speziallisiert hatte, Flüchtlingen aus Deutschland rauszuhelfen. Als der Laster hielt, entdeckte ich als erstes einen Mann, der an der Wand einer Baracke im Schatten lehnte. "Baracke 2" stand groß auf einem Schild über ihm. Als er mich entdeckte, verließ es seinen Platz und lief auf mich zu. Allerdings nicht mit großer Eile, wie mir schien. Ich erkannte an seiner Uniform, dass er Amerikaner war und auf seinem Namesschild prangerte ein dickes "Hogan". Das war also der Chef hier im Lager. Der Feldwebel folgte meinem Blick, der mittlerweile Hogan fixiert hatte und half mir etwas schneller vom Laster. Anscheinend wollte er vermeiden, dass ich mit dem Colonel reden konnte.
    "Tag Schulzie. Ein neuer Gefangener?", fragte er überflüssig. Jetzt wo Hogan vor mir stand, konnte ich ihm zum ersten Mal ins Gesicht sehen. Seine Augen machten dabei den meisten Eindruck auf mich. Sie waren braun und weckten sofort mein Vertrauen. Auch seine dunklen Haare, die unter der Fliegermütze nicht gänzlich verschwunden waren, gefiehlen mir. Er grinste mich frech an. "Mei Colonel Hogan. Sie wissens doch, dass des stickt verboten is mit Gfangenen zu reden bevor se der Oide net gsehn hot.", antwortete der Feldwebel und schob mich in eine andere Richtung. "Denken Sie daran. Nur Name, Rang und Dienstnummer!", rief mir Hogan hinterher. Alles klar. Danke.
    Der Feldwebel schob mich durch eine Tür in ein Vorzimmer, in dem eine blonde Frau hinter einem Schreibtisch saß. Sie blickte mich erstaunt an. Der Dicke achtete allerdings nicht weiter auf sie und schob mich an ihr vorbei zur nächsten Tür. Doch klopfte er allerdings an. "Ja, nu herein, nich ahr." Der Feldwebel öffnete die Tür und wir traten ein. "Aaaah, der Feldwebel Schultz, nich ahr. Und wen bringt er denn da mit? Ne neue Gefangene." Hätte ich mich nicht so gut im Griff gehabt, hätte ich laut los gelacht. So eine lächerliche Gestalt von Offizier war mir noch nie begegnet. Er hatte ein Monokel im Auge klemmen und er hatte einen Gang, der eine Mischung aus Schleichen und einer fußkranken Henne inne hatte. "Sach en se ma, Schultz. Der Gefangene, den se mir da mitgebracht ham, nich ahr, is ja en Weibchen." Nun war mein Einsatz gekommen. Ich salutierte und leierte meinen Text herunter. "Maxim Montiel , Colonel, Dienstnummer 312256." Ich stand stramm und verhielt mich ruhig. Der Oberst schien nicht zu begreifen. "Sie sin nu Soldat?", fragte er vorsichtig. "Ja, Herr Oberst.", war meine zackige Antwort. "Nu Schultz, worauf warten se denn? Dass es schneit? Nu sehn se zu, dass die Gefangene in eene Baracke kommt. Aber zack zack, nich ahr. Weggetreten!" Der Feldwebel salutierte und ich machte es ihm gleich. Im Gleichschritt traten wir ins Freie. Mittlerweile hatte sich anscheinend herum gesprochen, dass eine Frau im Lager war, denn jeder, der mich erblickte, flüstere aufgeregt mit dem Kollegen. Dieses Getue war mir nicht unbekannt. Immer wenn ich wegen des Militärs irgendwo anders hinmusste, reagierten die Männer so auf mich. Gelangweilt und damit beschäftigt die Pfiffe zu überhören, sah ich mich um. "Mei Fräulein, sie brauch fei kei Angst hom, ge? Der Colonel Hogan der kümmert sich scho um sie." Der Feldwebel hielt mir die Tür der Baracke 2 auf und ich trat ein. Sofort salutierten alle Männer. Anscheinend hatte Colonel Hogan seine Leute im Griff. "Colonel, wie war doch gleich ihr Name?", fragte mich Hogan. "Ich möchte gerne gedutzt werden.", erwiderte ich sofort. Der Colonel blickte verdutzt drein. "Maxim Montiel. Ich bin Colonel in der französischen Armee. Mittlerweile bin ich im Londoner Untergrund tätig. Ich bin die Verstärkung, die sie angefordert haben", erwiderte ich, als mich Hogan immer noch verwirrt anblickte. Auch durch die Reihen seiner Männer ging ein aufgeregtes Schnattern. Anscheinend waren sie über mein Kommen nicht eingeweiht. Auch Hogan schien erstaunt zu sein. Aber wie ich vermutete mehr von der Tatsache, dass ich eine Frau war und nicht wie er erwartet hatte ein Mann.
    "Ich werde mich darum kümmern, dass Klink Sie hier lässt.", versprach er mir. "Aber zurerst möchte Ihnen, Verzeihung, dir meine Männer vorstellen." Ich nickte und war froh, dass alles so unkompliziert über die Bühne lief.
    Wir traten vor die vorderste Reihe von Männern. Den ersten, den Hogan mir vorstellte, war Sergeant Kinchloe. Es war ein großer Mann mit dunkler Hautfarbe, der durch seine ruhige Art viel Wärme ausstrahlte. Er lächelte mir freundlich zu und streckte mir die Hand entgegen. Ich erwiderte seinen Willkommensgruß und spürte gleich, dass es sehr loyal gegenüber anderen war. Der nächste war der jüngste in der Truppe und wie Hogan mir gleich verriet auch der schusseligste. Sergeant Carter. Er war stürmischer in seiner Begrüßung und schüttelte mir eifrig die Hand. "Andrew Carter mein Name. Warum willst du dich eigentlich duzen lassen, Maxim?", sprudelte es aus ihm heraus. "Na ja, als Frau beim Militär kommst du mit Autorität nicht weit. Max reicht übrigens vollkommen", erklärte ich ihm. Er nickte nur verständnisvoll und machte dabei ein wichtiges Gesicht. "Verdammt Carter, ´ör auf sie so durch zu schütteln." Sein Nachbar stieß ihn in die Seite, worauf Carter mein Hand losließ. An der Uniform und am Akzent erkannte ich, dass er mein Landsmann war. "Louis LeBeau. Mein Name. Stehts zu Diensten." Er war der Kleinste, aber auch der, der mir bis jetzt am sympathischsten war. Er grinste mich an und gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass er sich jetzt besonders gut um mich kümmern würde, da ich ja sozusagen jetzt das Nesthäkchen war. "Und das ist Corporal Peter Newkirk. Royal AirForce.", stellte Hogan mir den letzten seiner Männer vor. "Ta-ag au-auch, sch-schöne Frau." Von diesem Engländer war ich fasziniert. Nicht nur, dass ich sein Stottern unglaublich süß fand, auch seine Augen zogen mich unweigerlich in ihren Bann. Ich war ihm ganz und gar erlegen und das schon in den ersten Minuten, in denen wir uns kannten. Er erwiderte meinen Blick, den ich einfach nicht von ihm wenden konnte. Hogan schien es zu merken und räusperte sich hinter mir. Ich schreckte hoch und zwang mich etwas zu sagen, damit es nicht gar so peinlich rüberkam. "Sie haben wirklich tolle Männer, Colonel.", sagte ich und mein Blick rutschte dabei unweigerlich zurück zu Newkirk. Er gab so ein hübsches Bild ab mit seinen Händen in den Hosentaschen seiner blauen Uniform. Marke Befehlsverweigerer. Einer, der auch aneckt. Der Typ Mann, der mir gefiel. "Ja, ich bin auch sehr stolz auf sie. Aber wenn ich dich schon bei ihrem Vornamen nennen soll, dann musst du das auch tun. Robert", stellte er sich vor und ich schüttelte ihm die Hand.
    Ja, meine erste Begegnung mit Newkirk war eine wirklich magische gewesen. Und nun sollte alles vorbei sein? Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte es nicht glauben.
    Ich weiß nicht, wie lange mich Andrew im Arm hielt und ich in sein Hemd weinte, aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Doch eigentlich war mir gar nicht so bewusst, warum ich weinte. Es war mir von anfang an klar gewesen, dass diese Mission unsere letzte sein konnte. Un dich hatte das Stalag verlassen mit der Gewissheit, dass es auch das letzte Mal sein konnte, dass ich Newkirk sah. Außerdem spürte ich tief in meinem Inneren, dass er nicht tot sein konnte, auch wenn alles dafür sprach.


    "Moment mal,", begann Andrew nach einer längeren Pause, "aber Ivan war doch hier." Ich blickte zu ihm auf. An Kinch hatte ich überhaupt noch nicht gedacht. Hogan und ich ließen ihn gerne hier, weil er so zuverlässig war. Er achtete auf den Funkverkehr und vor allem darauf, dass Schultz von unserem Fehlen nichts mitgekam.
    Er war vielleicht unsere Rettung. Und ich hätte Carter dafür küssen könne, dass er mich auf diese Idee gebracht hatte. "Schnell in den Tunnel. Vielleicht haben sie ihn ja in die Arrestzelle gesteckt, weil ich nicht sagen wollte, wo wir sind.", mutmaßte ich mit neuem, schier unbändigen Tatendrang. Auch Andrew stürmte los, wobei er allerdings über eine Kiste fiel und auf den Boden krachte. Ich lachte los. "Ja, lach mich auch noch aus. Ich hätte mir ja nur das Genick brechen können." Er zog eine beleidigte Schnute und stieg vor mir in den Tunnel. Ich konnte mich immer noch nicht halten, so dass ich fast die Treppen hinunter gefallen wäre, was mir einen schadenfrohen Blick von Carter einbrachte. Wir liefen in den Tunnel, der zu den Arrestzellen führte und stiegen vorsichtig hinauf. Als ich hinter Carter in voller Größe zu sehen war, stand ich geradewegs vor einer Zelle. Ich stellte mich auf die Zehen und lugte hinein.
    Im selben Moment schreckte ich zusammen, ging sofort in die Hocke und zerrte Carter am Hemdkragen mit, wogegen er mit einem Schrei protestierte. Ich drückte den Zeigefinger auf die Lippen.
    "Ja, isn nu wer da?", hörten wir eine Stimme aus der Zelle. Carter schaute mich mit weitaufgerissenen Augen an und formte stumm das Wort "Klink". Der Oberst schien sich allerdings mit keiner Antwort ganz gut begnügen zu können und war wieder still.
    Jetzt war Vorsicht geboten. Einmal konnten wir ihn für dumm verkaufen, aber beim zweiten Mal würde er noch lauter schreien und dann hätten wir die Wachen auf den Hals. Ich war mir sicher, dass Klink ihnen seinen Seele für seine Freiheit verkauft hätte. Und uns sicherlich gleich mit.
    Wir spähten in alle Zellen, aber sie waren leer. Es war nur noch eine übrig. Wenn da nicht Kinch darin saß, waren wir geliefert. "Kinch?", fragte ich vorsichtig im Flüsterton. Ich hörte, dass sich in der Zelle etwas bewegte. Es war allerdings nicht möglich zu sagen, wer sich da gerade zur Tür schlich. "Max?", fragte eine Stimme, die ich nur zugut kannte. Ich atmete auf. Es war tatsächlich Kinch. "Was macht ihr denn hier? Ich dachte, die hätten euch geschnappt?" Wir erzählten ihm die ganze Story und er schien erstaunt zu sein, dass wir so glimpflich davon gekommen waren. "Meine Güte, hattet ihr ein Glück.", kommentierte er unsere Erzählungen immer wieder. "Ivan, was ist mit den anderen passiert?" Ich zwang mich nicht Newkirk zu erwähnen, um den ich mir die meisten Sorgen machte. "Sie waren hier." Ich horchte auf und noch im selben Moment schoss eine Frage in mein Hirn: "Und wo sind sie jetzt?" Wieder einmal hatte ich schneller gesprochen als gedacht. "Wahrscheinlich im SS-Quatier in Hammelburg. Die SS wollte Klink nur schnell darauf aufmerksam machen, dass hier ein paar Spione in seinem Lager sind. Er wollte es natürlich nicht glauben, also haben sie ihn hier eingesperrt. Jetzt leitet so ein SS-Heini das Lager." "Und warum bist du hier?", bohrte Carter nach. Es herrschte eine Weile Stille. "Ich weiß, dass ich es nicht hätte tun dürfen, aber ich habe nach London gefunkt. Die haben das Signal geordet und haben mich gleich darauf hier her verfrachtet. Die wollten, dass ich ihnen etwas über Colonel Hogan und Max erzähle, aber von mir haben sie nichts erfahren", sagte er mit einem stolzen Unterton in der Stimme. Während Carter noch erstaunt schaute, war mir schon einiges klar geworden. Sie waren nicht hinter den Männern her, sie wollten Robert und mich. Und Hogan hatten sie bereits. Ich brachte Kinch und Carter damit in Gefahr, dass ich bei ihnen war. "Verschwinde von hier", schoss es mir als erstes durch den Kopf. Aber ich konnte sie hier nicht alleine lassen, weil die SS Beweise finden würde und sie dann genau so mit drin steckenden wie Robert und ich.
    "Wir müssen sie daraus holen", meinte Carter und in seinen Augen war tiefer Tatendrang zu erkennen. "Aber wie?", fragte Kinch und blickte mich an. Ich sah, dass Carter enttäuscht den Kopf hängen ließ als hätte er nicht damit gerechnet, dass wir auch einen Plan brauchen würden. Meistens war es Robert, der einen entwickelte, aber auch ich war dieser Fähigkeit durchaus mächtig. Allerdings kam ich nicht im geringsten an Hogan heran. "Mir fällt schon was ein", versprach ich. "Wir müssen erst einmal hier weg. Die Tunnel haben sie noch nicht entdeckt, sagst du. Also werden wir uns da verstecken. Erstmal ausschlafen und etwas essen." Kinch nickte. Es war zu gefährlich ihn jetzt schon hier heraus zu holen. Das hätte uns nur unnötigerweise die SS auf den Hals gehetzt, denn Gefangene haben nicht die Angewohnheit einfach zu verschwinden. Carter und ich schlichen zurück in den Tunnel. Wir entdeckten etwas Büchsenfleisch und schliefen einfach in den "Betten", die normalerweise für die Flüchtlinge, die wir aus Deutschland rausschleusten, gedacht waren.
    Ich war müde, aber meine Gedanken wanderten immer wieder zu Newkirk und unsere ersten Tage zusammen, in der wir gleich dicke Freunde wurden.


    Es war immer noch so stickig warm im Lager. Fünf Tage war ich nun hier. An die Gegebenheiten wie den Morgenappell hatte ich mich bereits gewöhnt, das einzige was mir noch Sorgen bereitete war, dass die Männer aus den anderen Baracken immer noch kein Vertrauen zu mir hatten. Überhaupt hatte ich die ersten paar Wochen sehr wenig Anschluss. Ich verstand mich gut mit LeBeau, Kinch, Carter und Newkirk, aber ansonsten war ich allein. Mich ödete das sehr an, da ich ja nicht immer mit ihnen zusammen sein und ihnen hinterher dackeln konnte.
    Ich war an diesem Nachmittag allein in der Baracke und versuchte mich gerade krampfhaft auf ein Buch zu konzentrieren, dass die neuesten Geheimcodes enthielt. Kinch hatte es mir geliehen, damit ich eine Beschäftigung hatte. Allerdings war das Entziffern von irgendwelchen Buchstaben- und Zahlenfolgen noch nie meine Stärke gewesen. Ich war kaum zwei Seiten weit gekommen, da spazierte LeBeau gut gelaunt durch die Tür. "Colonel ´ogan meint isch muss ein Abendessen für Klink kochen. Da habe isch einiges zu tun."
    Ich wartete einige Minuten, um ihm nicht das Gefühl zu geben, dass ich wegen ihm die Baracke verließ. So sehr ich mich nach etwas Gesellschaft sehnte, umso mehr suchte ich die Einsamkeit. Ich musste nachdenken. war die Entscheidung hier her zu kommen richtig gewesen? Es war ein gefährlicher Auftrag. Noch hatte ich die Chance zu gehen. Hogan hatte es mir schon am ersten Abend angeboten.
    Gedankenversunken lief ich im Lager umher ohne zu wissen, wohin ich eigentlich ging. Eine Stimme ließ mich hochschrecken. "Na, ga-gar nichts zu tu-un? Du siehst so-o erholt au-aus.", scherzte er. Es war Newkirk. Ohne es zu wissen, war ich mitten in den Fuhrpark gelatscht. Ich Depp. Er saß auf der Ladefläche eines LKWs und hatte ein Zigarette in der Hand. "Sag irgendetwas", war mein einziger Gedanke. "Und hör auf ihn anzustarren." "Na ja, nicht wirklich. Ich wollte ein bisschen frische Luft schnappen." Eine blödere Antwort war mir in dem Moment nicht eingefallen. Und dann wedelte ich noch so dämlich mit der Hand, um meine Aussage zu unterstreichen. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Newkirk grinste. Er wusste wahrscheinlich ganz genau, warum ich so drauf war. Und er mochte es anscheinend, wenn ich mich bis auf die Knochen blamierte. Wir standen uns eine ganze Zeit lang gegenüber. Ich sah ihn an. Diese Augen. Du könntest dich in ihnen verlieren. Ich war noch nie verliebt gewesen. Noch nie so richtig. Aber ich war mir ganz sicher, dass ich es jetzt war. Newkirk lächelte immer noch, als er zu mir sagte, ich solle mich doch setzen, bevor ich am Boden festgewachsen wäre. Ich hörte ihn, aber es schien mir, als müsste er schreien, damit ich ihn verstand. Ganz ohne mein Zutun setzte sich mein Körper in Bewegung und ehe ich mich versah, saß ich auch schon neben ihm. Stumm hielt er mir seine Zigarettenschachtel hin. Ich nahm mir eine, zündete sie an und zog daran. Entspannung. Ich bemerkte, dass ich zitterte und konnte nur hoffen, dass Newkirk nicht auf meine Hände schaute. "Wa-as bedrückt di-dich?", fragte er nach einer Weile. Ich erzählte ihm von dem Auftrag und auch warum ich ihn angenommen hatte. Er hörte mir stumm zu und sah mich die ganze Zeit an. In dieses hübsche Gesicht zu sehen, erleichterte mir das Denken nicht gerade. Als ich fast fertig war mit meinen Erzählungen legte er den Arm um mich. Es war keine Situation, von der ich hätte sagen könne, dass sie aus Liebe war, aber ich fühlte mich schlagartig geborgen und wohl. Er war sehr sanft. Nicht wie mann es vielleicht von einem Mechaniker erwarten würde, grob und unsensibel. Das erstaunte mich sehr. Ich weiß nicht, wie lange wir dort saßen und redeten, aber es kam mir vor, als könnte ich mein restliches Leben bei ihm verbringen.
    Das war nicht das letzte Mal, dass wir beide so dasaßen und uns gegenseitig das Herz ausschütteten. Man kann sagen, wir wurden zu Freunden und nichts hätte mich auf seine Reaktion vorbereiten können.
    Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass er sich irgendwann einmal in mich verlieben würde. Ich hatte ja auch keinen Reiz auf ihn. Ich war nicht so wie die anderen Mädchen aus der Stadt. Geschminkt und gut gekleidet. Meine dunkelbraunen Haare hatte ich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und das einzige was ich zum Anziehen hatte, war meine Uniform. Nicht gerade toll, wenn ihr mich fragt. Das einzige was mir an mir selbst gefiel, waren meine grünen Augen, die ich von meinem Vater geerbt hatte. Aber das würde es auch nicht heraus reißen, bildete ich mir ein.
    Bis vor vier Tagen. "I-ich mu-muss mit dir re-eden.", hatte er gesagt. Wir waren beide im Tunnel verschwunden und waren in Carters Labor gegangen. Ich hatte mich gewundert, dass er zu mir gekommen war und nicht zu Hogan, weil ich dachte, es handle sich um ein Problem mit dem Plan für die Mission die wir in zwei Nächten hatten. Aber da hatte ich mich gewaltig geirrt. Es war nicht wie sonst immer. Ich spürte eine gewissen Anspannung bei ihm. Er war aufgeregt. Das war ich gar nicht von Peter gewohnt. Kam er doch sonst so souverän und bestimmt herüber.
    Es dauerte eine Weile bis er sich überhaupt rührte, gescheige denn den Mund aufmachte. Er war rot angelaufen und ich konnte klar sehen, dass er in diesem Moment nicht wusste, wohin er jetzt eigentlich wollte. Er atmete tief durch und stellte sich mir genau gegenüber. Wieder konnte ich in seine tollen Augen sehen und wieder brachten mich meine Gedanken aus dem Konzept. Ich bemühte mich wirklich ruhig zu bleiben, aber ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, denn die Vorfreude, dass ich wahrscheinlich zwei, drei Minuten allein mit ihm reden konnte, ließ sich nicht ausblenden.
    "I-ich liebe di-dich." Stille. In meinem Magen machte sich ein Hochgefühl breit. Ich hatte das Gefühl jeden Moment abzuheben, doch trotzdem hielt mich immer noch etwas auf dem Boden der Tatsachen. Wie ein schwerer Stein setzte er sich in mir fest, dieser Gedanke. "Er verarscht dich. Er will sehen wie du reagierst.", dachte ich immer wieder. Aber der Drang ihn zu berühren war stärker. Wir küssten uns.


    Mir stiegen die Tränen in die Augen. "Du musst ihn wieder sehen", flüsterte ich mir selbst zu. Ich hörte Carter neben mir schnarchen, war mir aber nicht sicher, ob er tatsächlich schlief, weil es schon ziemlich laut war und es Andrew ähnlich sah in so einer Situation grenzenlos zu übertreiben. Schnell wischte ich mir die Tränen von der Wange. Er sollte nicht sehen, dass ich heulte, auch wenn er es wahrscheinlich schon längst bemerkt hatte. Unsanft begann ich an seiner Schulter zu rütteln. "Andrew, wach auf. Ich hab einen Plan." Er war sofort hellwach, was meinen Verdacht nur unterstrich. "Also, pass auf..."


    Wieder mal ein neues Kapitel meiner Story. Leider bekomm ich ja keine Kommentare mehr. :( Würd mich aber trotzdem über welche freuen. Die Geschichte wird immer komischer, wofür ich allerdings nix kann. :D Dafür möcht ich mich entschuldigen, genau wie für Rechtschreibfehler und sonstige Fehler.
    Viel Spaß beim Lesen.
    LG,
    Susanne

  • Kapitel 5


    Es war unmöglich zu sagen, welche Tageszeit wir gerade hatten, aber ich verließ mich auf meine weibliche Intuition, die mir verriet, dass es mítten in der Nacht war. Aber jetzt mal ehrlich. Ich hatte durch den Tunneleingang gespitzt und war mir deshalb so sicher.
    Wir zogen abermals schwarze Klamotten an und legten unsere Waffen, die sich dabei auf kleinere Schusswaffen und ein Messer begrenzten, an. Eine dritte Ausrüstung hatten wir in einem Rucksack verstaut, der für Kinch gedacht war. Ohne ihn wäre diese Aktion noch sinnloser gewesen, als sie sonst schon war.
    Wir eilten durch den Tunnel, der zu den Arrestzellen führte. Dabei ging ich im Geist noch einmal alles durch. Wir hatten zwar eine Karte bei uns, doch vor lauter Nervosität hatte ich sie fast auswendig gelernt. Wenn mein Plan nicht klappen würde, dann waren wir geliefert. Und das wusste ich. Am Ausgang angekommen, zerrte ich Carter, der schon fast drausen war, zurück. Er zog eine beleidigte Schnute, aber darauf konnten wir jetzt keine Rücksicht nehmen. Wurden Kinch und ich schon da oben erwischt, hatte er eine geringe Chance sich noch aus dem Staub zu machen. Ich kletterte nach oben und lugte in Klinks Zelle. Er schlief tief und fest. Wenigstens er würde uns keine Probleme machen. Leise schlich ich zu der Tür, hinter der Kinch schon bereit stand. Ich machte mir nicht die Mühe ihn zu begrüßen, sondern reichte ihm einen Dietrich durch die Gitter des Guckloches. Er war eindeutig geschickter in solchen Dingen, als ich es war. Es dauerte auch nicht lange, da öffnete sich die Tür langsam. Die erste Hürde war geschafft.
    Ich gab ihm ein Zeichen mir zu folgen. Gemeinsam stiegen wir in den Tunnel. Ich konnte Carters Gesichtszüge in der Dunkelheit nicht erkennen, doch ich meinte ein Lächeln zu sehen. Er klopfte Kinch auf die Schulter und überreichte ihm seine Ausrüstung. "Weiter", befehlte ich und war schon wieder voll in meinem Element. Der arme Kinch war nun gezwungen sich im Laufen anzuziehen, was mir allerdings völlig schnuppe war. Es dauerte einige Zeit bis wir an unserem Ziel, dem Tunneleingang unter der Hundehütte angekommen waren. Es hat schon einiges für sich, wenn das ganze Lager verwanzt ist. Der Laster des Lagers stand wie bestellt nur einige Meter weit entfernt und Schultz, der peinlich genau darauf achtete unter den Augen der SS nichts verkehrt zu machen, stand neben dem Fahrerhäuschen. Vorsichtig kletterten wir auf die Ladefläche und deckten uns mit einer Plane zu. Teil eins meines Planes war nun voll abgeschlossen. Wenn wir uns nicht verhört hatten, fuhr dieser Laster genau ins Stadtinnere von Hammelburg. Von da aus, war es nur noch ein Fünf-Minuten-Marsch zu SS-Hauptquatier in Hammelburg, in dem wir Hogan und die anderen vermuteten. Die Fahrt dauert für meine Wahrnehmung der Zeit ewig. Die holprige Landstraße ließ mich nicht vergessen, wo ich mich gerade befand, aber meine Gedanken gingen immer wieder zu Hogan und warum er mich hierher geholt hatte. Unterstützung im Kampf gegen die Schwarzröcke. Wir hatten das Quatier der SS zerschlagen wollen. Untergraben, sozusagen. Kleinere Aufträge waren dazu nötig gewesen und wir hatten auch schon Spione einschleusen wollen. Es hätte nicht mehr lange gedauert und jetzt so etwas. Sie mussten etwas gemerkt haben. Wir Idioten. Immerhin hatten wir es hier mit der SS zu tun und nicht mit einer Kindergartengruppe. Irgendwann wurde der Wagen langsamer und ich riss mich selbst aus meinen Überlegungen. Was nützten sie mir jetzt schon noch?
    "Wir sind da", stellte Carter unnötig fest und seine Stimme klang dabei trocken und so gar nicht nach Andrew.
    "Jetzt geht es um die Wurst. Aber das packen wir schon!" Ich glaubte selbst nich an meine Worte. Ich gab Kinch ein Zeichen und er deckte die Plane auf. Frische Luft strömte herein. Mein Puls raste. Ich hatte das Gefühl, dass man ihn auf zwei Kilometern noch hören könnte und er uns verraten würde. So ein Blödsinn. Wir sprangen von der Ladefläche. Erst Kinch, dann ich und als letztes Carter. Schnell flitzten wir um eine Häuserecke, um nicht doch noch entdeckt zu werden. Es war eine klare Nacht. Wir hätten nicht einmal Taschenlampen gebraucht, weil uns der Mond genug Licht spendete. Die Pflastersteine der Straße waren staubtrocken. Eigentlich beste Voraussetzungen. "Wohin jetzt, Max?", fragte mich Andrew. Ich fischte den Plan aus meiner Tasche und hielt ihn in die Helligkeit.
    Fünf Minuten später konnten wir das Gebäude sehen in dem die SS untergebracht war. Es war gut bewacht. Ein in zivil eingekleideter Mann stand an der Wand gelehnt neben der Tür und rauchte eine Zigarette. Uns war klar, dass es sich dabei um einen Schwarzrock handeln musste. Sicherlich waren Scharfschützen auf dem Flachdach postiert und auch um das Gebäude herum, entdeckten wir einige Personen, die sich für das geübte Auge recht auffällig benahmen. Passanten waren ja um diese Zeit sowieso nicht mehr unterwegs.
    "Jungs, ihr wisst was zu tun ist." So auffällig wie nur möglich gingen wir die Straße entlang. Wir liefen ihnen direkt vor der Nase auf und ab. Wenn sie uns nicht gefangen nehmen würden, waren sie selbst schuld. Aber mein Plan ging auf. Der Typ, der vor wenigen Sekunden noch so relax an der Wand gelehnt hatte, trat nun seine Zigarette aus und ging auf uns zu. Ich betete zu Gott, dass die Scharfschützen auf den Dach unter seinem Befehl standen und nicht einfach wild durcheinander schossen. Und wir hatten Glück.
    "Was macht ihr denn hier?", fuhr uns der Deutsche scharf an. Er hatte ein kantiges Gesicht und machte einen grimmigen Eindruck. Wir zuckten mit den Schultern. "Spazieren gehn", meinte Carter. Er schaute uns genau an. Erst Carter, der ihm am nähsten stand, dann mich und schließlich Kinch. Beim ihm blieb ihm fast die Luft weg. "Das ist ja ein Neger", stellte er trocken fest. "Mitkommen!" Wir fingen an heftig zu protestieren, um es natürlich rüberkommen zu lassen. "Hey, man wird doch wohl noch ein bisschen frische Luft schnappen dürfen?!" "Wir haben doch gar nichts Falsches getan." Er brachte uns mit einem Blick zum Schweigen. Der Typ war wirklich nicht zum Spaßen aufgelegt.
    Aber er führte uns direkt zu unserem Ziel. Wie nett von ihm.
    Das Gebäude sah von außen völlig normal aus. Eben ein Bürogebäude, dass mit zwei Stockwerken nicht sonderlich hoch war und überhaupt unauffällig in der Innenstadt lag. Doch als uns der Unbekannte dann durch sämtliche Gänge und schließlich in den Keller führte, war mir klar, dass die oberen beiden Stockwerke kaum genutzt wurden. Vermutlich auch eine Tarnmaßnahme der SS. Irgendwann stieß er uns in einem Raum, in dem ein großer Schreibtisch stand. Ein Mann in SS-Uniform saß dahinter und war gerade in einige Unterlagen vertieft, als der Deutsche, der uns "gefangen" genommen hatte, vortrat und salutierte. "Major Meier, diese Personen habe ich vor unserem Quatier aufgegriffen. Sie verhielten sich äußerst auffällig und es ist ein Neger unter ihnen." Den letzten Teil des Satzes fügte er noch eine abwertende Note bei, indem er die Nase rümpfte. Der Mann hinter dem Schreibtisch blickte auf. Auch seine Augen blieben an Kinch haften. "Was habt ihr hier zu suchen?", fragte er scharf. Ich ergriff das Wort bevor es jemand anderes tun konnte. "Wir wollten nur etwas frische Luft schnappen gehen. Dann kam der Neger hinzu." Ich nickte in Richtung Kinch. Der Major blickte mich argwöhnisch an. "Ihr kennt den gar nicht?" "Keine Stück, Herr Major." Carter setzte eine Unschuldsmiene auf und ich nickte eifrig. Sie sollten glauben, dass sie es mit ein paar Idioten zu tun hatten. Kinch hingegen blickte fast beleidigt drein. "Was soll das heißen, ihr kennt mich nicht? Ich bin ein jahrelanger Freund von euch." "Halts Maul", zischten Carter und ich wie aus einem Mund. Wir spielten unsere Rolle perfekt. Der Major lächelte. Er glaubte tatsächlich, dass wir uns gerade selbst verraten hatten. "So, so", sagte er mit einem genüßlichen Grinsen auf den Lippen. "Sie werden die Drei in Gewarsam nehmen!", befehlte er seinen Soldaten. "Jawohl, Herr Major! Mitkommen!"Wir schauten noch einmal verwundert drein, folgten aber ohne großen Widerstand.
    Wieder führte er uns durch einige Gänge, bis wir schließlich vor einigen Zellen halt machten. Der wachhabende Soldat kam auf uns zu und schloss mit einem Nicken an seinen Kollegen eine Tür auf. Wir wurden hinein gestoßen. Phase zwei war damit abgeschlossen.
    Wir warten einige Minuten damit der wachhabende Soldat keinen Verdacht schöpfte. Dann sagte ich leise zu Kinch: "Seh zu, dass du das Schloss aufbekommst. Wir machen das dann wie besprochen. Du siehst zu, dass du ein paar Uniformen auftreibst und wir suchen Hogan und die anderen." Er nickte kurz und trat dann hinter die Tür. Durch ein Guckloch schielte er hinaus und sobald der Soldat sich herum drehte, machte er sich daran das Türschloss mit einem Dietrich zu bearbeiten. Es lief wie am Schnürchen, aber die Anspannung war uns allen ins Gesicht geschrieben. Wenn wir aus dieser Zelle nicht herauskamen, saßen wir gewaltig in der Patsche.
    Doch das Schloss knackte und damit waren wir frei. Ich holte ein Taschentuch aus meiner Hosentasche und beträufelte es mit einer Flüssigkeit aus einer kleinen Flasche, die mir Carter reichte. Dann gab ich es an Kinch, der der Kräftigste von uns war, weiter. Dieser öffnete leise die Tür und schlich hinaus. Carter und ich blieben in der Zelle, um unnötige Geräusche zu vermeiden. Zwei Minuten später kam Kinch grinsend zurück. Er hatte es geschafft den Wachmann zu betäuben und nun war der Weg frei. "Hat dich jemand gesehen?", fragte ich sicherheitshalber. "Nein, die Luft ist rein. Wir nehmen jetzt seine Schlüssel und dann sperren wir ihn ein."
    Er schleifte den bewusstlosen Körper des SS-Mannes in die Zelle und wir schlossen ab. Danach machte er sich wie besprochen auf die Suche nach passenden Uniformen.
    Nur Carter und mir lief die Zeit davon. Wenn der Mann erst wieder aufwachen würde, dann würde er zu schreien beginnen und unsere schöne Tarnung war dahin. Also liefen wir die Zellen ab und versuchten dabei möglichst viele in einer möglichst kurzen Zeit zu überprüfen. Fehlanzeige. Kein Colonel Hogan. Kein LeBeau. Kein Newkirk. "Wo sind die?", fragte Carter verzweifelt. Ich zuckte nur mit den Schultern. Das war wirklich zum Mäusemelken. Wenn wir sie nicht fanden, dann würde uns der Hintern ordentlich auf Grundeis gehen. "Schaun wir mal in dem Gang nach." Wir bewegten uns fast lautlos um die Kurve. Das selbe Bild. Alles Zellen. Und alle waren sie verschlossen. "Boa, da finden wir sie ja nie!" "Carter, verdammt halt die Klappe. Die entdecken uns noch", zischte ich und schüttelte dabei den Kopf. Doch plötzlich vernahmen wir Stimmen. Sie hatten uns also doch gefunden. "Carter?" Ich blickte erstaunt zu Andrew, der meinen Blick nicht minder erstaunt erwiderte. Wir kannten diese Stimme. Colonel Hogan. "Robert, wo seid ihr?", fragte ich nun etwas lauter, damit er mich auch verstehen konnte. "Hier hinten", kam prompt die Antwort. Andrew und ich stürmten los. Und tatsächlich. In der vorletzten Zelle saßen Colonel Hogan, LeBeau und zum Glück auch Newkirk. Sie schienen nicht verletzt zu sein, waren aber etwas verdutzt uns hier anzutreffen. "Erklärn wir euch später." Ich sah hinüber zu Peter. Auch er sah mich an. Ich war glücklich, dass ihm nichts passiert war, aber sein Blick gefiel mir ganz und gar nicht. Er hatte so etwas unheilvolles in sich. Aber Carter ließ mir keine Zeit zum Überlegen.
    "Newkirk, hier." Er hielt ihm auffordernd den Dietrich hin. "Sieh zu, dass du das Schloss aufkriegst." Dankbar nahm er das Hilfsmittel an und begann damit die Tür zu öffnen. "Hoffentlich kommt Kinch klar", meinte ich zu Carter. "Kinch ist auch hier?", japste Hogan plötzlich. Ich sah ihn verständnislos an. Warum sollte ich ihn denn nicht mit hier her nehmen? Er war einer unserer Besten. "Ja, natürlich ist er hier. Aber keine Panik, bis jetzt ist alles nach Plan gelaufen", versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Doch er schien sich nur noch weiter aufzuregen. Allerdings musste sich Robert seine Antwort verkneifen, denn Peter hatte den Kampf mit dem Türschloss erfolgreich beendet. Keine zwei Sekunden später stand er in Lebensgröße vor mir. LeBeau folgte ihm auf den Fuß (sichtlich erleichtert), nur Hogan blieb in der Zelle zurück. "Willst du hier festwachsen?", fragte ich etwas gereizt. Immerhin war mein Plan aufgegangen und er hatte keine Ahnung, welche Gefahr wir auf uns genommen hatten, um hier her zu kommen und schon kritisierte er mich. "Was hast du jetzt vor? Kinch ist noch nicht hier." Ich musste zugeben, dass ich wohl etwas zu viel Zeit eingeplant hatte und wir jetzt hier warten mussten. Ich gab Robert auch Recht, dass das glatter Selbstmord war, denn es war nur eine Frage der Zeit bis ein SS-Mann hier auftauchen würde. Aber was tun? Wir konnten Kinch hier unmöglich alleine lassen. "Einer sucht ihn und die anderen verschwinden", meinte Carter nach einiger Zeit. "Quatsch nicht. Wie s-sollen wir denn hier raus-ausspazieren? S-Sollen wir die SS-Männer viellei-eicht a-auch noch g-grüßen?", fragte ihn Newkirk mit einem zynischen Unterton in der Stimme. Carter ließ entmutigt die Schultern hängen.
    "Streiten bringt jetzt überhaupt nichts", versuchte Robert die Situation etwas zu entschärfen. "Ich schlage vor, wir gehen ihn alle suchen. In einer Gruppe. Irgendwo werden wir ihn schon finden." Wir nickten. Es war kein herausragend guter Plan, aber es war der einzige, den wir hatten. Vorsichtig schlichen wir um die Ecke herum. "Stehenbleiben!", befahl eine Stimme hinter uns.

  • Kapitel 6


    Wir erstarrten fast zu Salzsäulen. Der Mann kam näher und ging um uns herum. Sein Gewehr hielt er mir fast ins Gesicht und er schaute drohend drein. Sie hatten uns. Nun war alles vorbei. Einige Sekunden, die mir aber wie Stunden vorkamen, vergingen ohne das sich einer von uns bewegt hatte. Der junge Soldat schien mit der Situation genauso überfordert zu sein wie wir und so taten wir erstmal nichts anderes, als einander anzuschauen. Sein Gesicht verriert mir, dass er noch nicht so lange bei der Armee sein konnte, da es einen jugendlichen Ausdruck und eine gewisse Unsicherheit wiederspiegelte. Immer noch standen wir einfach da, bis Carter, der schräg hinter mir stand, plötzlich ruckartig aufschaute. Ich traute mich nicht den Kopf zu wenden, aber aus dem Augenwinkel heraus bemerkte ich seine Bewegung und seinen suchenden Blick. Auch der Deutsche drehte sich blitzartig um. Nichts. Misstrauisch beäugeltete er Carter von der Seite. "Glaubst wohl, du kannst mich verarschen?", grunzte er ihm entgegen. Seine Stimme hatte er absichtlich tiefer gestellt, weil es unwahrscheinlich war, dass so ein schmächtiges, junges Bürschen so eine tiefe Tonart hervor bringen konnte. Doch es bewegte sich wirklich etwas hinter ihm... Ich konnte nicht erkennen, was es war, weil ich dazu meinen Kopf zu Seite hätte legen müssen und das hätte nur weiter die Aufmerksamkeit des Deutschen geweckt. Ich konnte nur hoffen, dass es gut für uns war.
    Dann passierte alles Schlag auf Schlag. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Kinch holte mit aller Kraft aus und traf den Jungen direkt auf den Hinterkopf. Dieser hatte nicht einmal mehr die Zeit zu schreien oder seine Waffe zu betätigen als er bewusstlos zu Boden ging. Ivan stand einfach nur mit einem Gewehr, von dessen Lauf nun Blut tropfte da, und schnaufte schnell. "Da-das war ga-ganz schön kna-knapp", meinte Newkirk. Ich konnte mich vor lauter Überraschung immer noch nicht bewegen, also war es LeBeau, der mich mitschleifte. Nur raus hier. Und keine Zeit dabei verlieren.
    Wir rannten durch die Gänge ohne darauf zu achten, ob uns nun jemand im Weg stand oder nicht. Einige Male krachten wir mit Deutschen zusammen, aber das war uns egal. Wir würden es schaffen. Wir würden wieder ins Stalag 13 kommen. "Interessiert dich gar nicht, was ich gefunden habe?", fragte mich Kinch unterm Laufen. Ich zuckte nur mit den Schultern. "Unsere Akten." Er grinste mir frech entgegen. Und ich tat es ihm gleich. Das waren gute Nachrichten. Nun konnten sich uns gar nichts mehr. Mittlerweile waren die ganzen SS-Soldaten, die hier stationiert waren, hinter uns her.Es herrschte helle Aufregung. Überall wurden deutsche Begriffe durch die Gegend gebrüllt. Doch wir hatten ein gutes Gefühl. Wir konnten die Tür in die Freiheit schon sehen und die frische Luft schon förmlich riechen. Dann würde es ein Ende haben, die ganze Quälerei. Ich war die Erste, die ankam und riss die Tür auf. Es war immer noch dunkel, aber man konnte schon ganz leicht die Morgenröte sehen. Es würde ein wunderschöner Tag werden.
    Ich hatte die das Gebäude schon knapp einen Meter weit hinter mir, da fiel ein Schuss. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Rücken. "NEIN!!!" Ich hörte Newkirk hinter mir schreien. Ein zweiter Schuss wurde abgefeuert. Und wieder der Schmerz. Ich war taub. Ich konnte nichts mehr hören und ich fühlte wie langsam meine Knie nachließen. Ich sah Carter, Kinch, LeBeau und Newkirk, der von Hogan gezerrt wurde an mir vorbei rennen. Ja, lauft in die Freiheit! Ich wünsche euch alles Gute! Ich sah ihre vor Schreck geweiteten Augen als ich auf den Boden aufschlug. Dann wurde alles schwarz.



    Zwei Wochen später....


    Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten die Bretter von Baracke 2. Es war wieder Ruhe im Stalag 13 eingekehrt. Sie SS-Männer wurden schnell abkommandiert und Klink hatte wieder seinen Posten als Lagerkommandant inne. Fünf Männer wurden wenig später von seinen Wachen geschnappt und zurück ins Lager gebracht.
    "Aufstehn! Gehn mer, gehn mer! Morgenappell is und der Oide wartet scho!" Wie zu erwarten, bekam Schultz nichts weiter als ein müdes Murren der Gefangenen zu hören. Langsam bewegten sich sich. Fast schon in Zeitlupe.
    Zehn Minuten später standen sie in zwei Reihen auf dem Appellplatz. Alle sahen sie müde und verschlafen aus, doch einer war kaum wiederzuerkennen. Newkirk. Er hatte seit ihrer Ankunft kaum etwas gegessen und so ziemlich mitgenommen aus. Sonst immer als lebenslustig bekannt, sagte er kaum noch etwas. An lachen war schon gar nicht zu denken. Für seine Freunde war das kaum erträglich ihn so leiden zu sehen. Vor allem für Carter, für den Newkirk einen großen Bruder darstellte. Er hatte noch etwas, was er ihm unbedingt geben musste und von dem er sich sicher war, dass es seine Laune bessern konnte. Doch er wollte ihn allein sehen, damit es nicht alle mitbekamen. Bloß stellte sich das im Moment als sehr schwierig heraus. Ständig stand Peter unter Beobachtung, da jeder hier das Gefühl hatte, er würde irgendwann eine Dummheit begehen. Also schnappte ihn sich Carter als Newkirk nach dem Mittagessen, bei dem er wieder keinen Bissen runter bekommen hatte, zum Fuhrpark schlenderte. "Newkirk, warte doch mal." Doch Peter machte keinen Anstalten stehen zu bleiben oder sich auch nur umzudrehen. Er ignorierte Carter einfach. Aber der ließ nicht so einfach locker wie es sich der Engländer vielleicht gewünscht hätte. "Ich hab was für dich", verkündete er und und lief etwas schneller, damit er seinen Kumpel einholen konnte. Als er neben ihm lief, packte er ihn am Arm und riss ihn herum. Er blickte in ein trauriges Gesicht und Newkirk wirkte auf einmal wirklich alt. Carter holte ein kleines Büchchen aus seiner Hosentasche und drückte es Peter in die Hand. Noch ein auffordernder Blick und dann verschwand er wieder in Richtung Baracke.
    Newkirk blickte auf das Buch in seinen Händen. Zwar wusste er nicht, was es damit auf sich hatte, aber seine Neugierde war geweckt. Er öffnete den Deckel und erkannte sofort die Schrift. Maxim....
    Er begann zu lesen. "Dear diary..."


    So, Ende aus und feddich! :D

  • Hey hey!


    Wirklich klasse! Muss echt den Hut vor dir zieh´n.
    Die Geschichte ist echt klasse. Wow!
    Ich bin total begeistert.
    Habe deine Geschichte mit viel Aufregung gelesen. Finde du solltest öfters dir solche Sachen überlegen :) :).


    Liebe Grüße

    "Ich will, dass sie ihre Arbeit machen."
    "Doch wie schon der Philosoph Mick Jagger sagte 'You can't always get what you want'."

  • Gerne, gerne!!


    Wie man erahnen kann, bin ich ein kleiner Fan von Newkirk, aber das ändert nichts an meiner Meinung.
    Hättest du die Geschichte mit einem anderen Helden geschrieben, wäre ich trozdem von den Socken. =) =)


    Lg Kristana

    "Ich will, dass sie ihre Arbeit machen."
    "Doch wie schon der Philosoph Mick Jagger sagte 'You can't always get what you want'."